Es bleibt sogar noch Zeit, die Frauenkirche zu besichtigen. Aus den Ruinen mit einem 17 Meter hohen Schuttberg in der Mitte wurde sie nach der Wende wieder aufgebaut. Die dunklen Steine sind noch die Originalsteine, die mithilfe einer 3D-Animation wieder an ihre ursprünglichen Positionen gepuzzelt wurden.
Im Innern erstrahlt sie in neuem Glanz, nunmehr nur noch 600 Sitzplätze im Rund fassend. Auf der ersten Empore hatten die 48 angesagten Dresdner Familien ihre Plätze in Logen, den sogenannten Betkammern. Diese 48 Familien hatten für den Bau der Kirche wesentliche Geldmittel gespendet und bezahlten auch den fortdauernden Unterhalt.
Vor der Bomben- und Hitzezerstörung waren es unten 800 Plätze. Zu den Gottesdiensten war es immer rappelvoll in der Kirche, und das bereits mindestens eine Stunde vor dem Gottesdienst. Man hatte feste Sitzplätze und traf sich hier, es gab damals ja noch kein Telefon, am Sonntag, um alles durchzukakeln, was sich innerhalb einer Woche an Neuigkeiten, Skandalen etc. ereignet hatte. Die 800 Menschen können dabei nicht besonders leise gewesen sein, den hochwohlgeborenen Familien war das auf jeden Fall viel zu laut. Um das sogenannte Volksgemurmel nicht mehr mit anhören zu müssen, beauftragten sie den Baumeister damit, einen „Schallschutz“ einzubauen. Der kam nun auf die Idee mit den verglasten Fenstern. Doch das hätte zur Folge, dass auch die Orgelklänge und die Predigten nicht mehr zu hören gewesen wären. Das konnte und sollte nicht sein. Also konstruierte der Baumeister die Fenster so, dass diese lotrecht in der Wand zu versenken waren. Mit Hilfe eines Lederriemens wurden sie bei Bedarf herabgelassen oder wieder hochgezogen.
Auch nach dem Wiederaufbau funktionieren die Fenster nach demselben Prinzip.
Da schrieb ich doch gestern vom vermutlichen Einfluss Prokofiews auf die vier Cellisten von Apocalyptica, schon sahen und hörten wir heute am Kulturpalast eine Gruppe Cellistinnen, die trotz starken Windes Metallica intonierten.
Heute steht das Triadische Ballett von Oskar Schlemmer auf dem Programm. 1922 in Stuttgart uraufgeführt, erlang es erst in der aufwändigen Rekonstruktion durch Gerhard Bohner zur neu komponierten Musik von Hans-Joachim Hespos 1977 Weltruhm.
Die damaligen Solisten Ivan Liška und Colleen Scott studierten 2014 mit dem Bayerischen Junior Ballett die originale Choreografie von 1977 ein und verwenden auch die damals erstellten Kostüme.
Schon seit Anfang der 1980er, als Martina Entwurfszeichnungen von Oskar Schlemmer und Fotos der 1922er Aufführung im Bauhaus Archiv Museum für Gestaltung in West-Berlin gesehen hatte, wünschte sie sich, das Ballett live gesehen zu haben. Doch von der Rekonstruktion durch Bohner wusste sie nichts. Die tourte zwischen 1977 und 1989 durch die ganze Welt. Umso schöner, dass es nun, 2019, anlässlich des hundertsten Geburtstags des Bauhauses, klappen wird.
Die Aufführung findet im Schauspielhaus statt. Fotos während der Vorstellung gibt es wieder nicht, aber dafür im Begleitheft.
Die Kostüme, die die Bewegungsmöglichkeiten der Tänzer bestimmen, entwickelte Schlemmer aus der Trias heraus: Kreis – Quadrat – Dreieck; Form – Farbe – Figur; Raum – Tanz – Musik. In der Ersten Reihe treten heiter-burlesk zunächst Großer Rock und Taucher auf, gefolgt von Zylindermann und Kugelrock, dann von Kugelhände und Debussy (Marionette). Die Zweite Reihe, festlich-getragen wird eröffnet von der Tänzerin in Weiß/Klapprock, anschließend tanzt sie einen Pas de deux mit Debussy(-Kissen), bevor Tänzer Türkisch, Türkenrock und schließlich Tänzer Türkisch II tanzen.
Die Dritte Reihe unter der Überschrift mystisch-heroisch (phantastisch), für uns die beeindruckendste der Aufführung, tanzt die Spirale zunächst mit den Scheiben, danach tanzt Draht mit den Goldkugeln, bevor der Abstrakte die Reihe und die Aufführung beschließt.
von links: Debussy(-Kissen), Scheibe, Tänzerin in Weiß/ Klapprock, Großer Rock, Tänzer Türkisch II, Türkenrock, Goldkugel, Spirale, Der Abstrakte, Debussy, Kugelrock, Zylindermann
Das ausverkaufte Schauspielhaus ist begeistert. Wie schon gestern besteht das Publikum aus sehr vielen jungen Leuten, das ist zusätzlich beeindruckend, da wir sonst nur sehr weißhaarige Menschen im Theater und in den klassischen Konzerten sehen.
Schon immer (seit 1485) ständige Residenz der sächsischen Herrscher, wurde das Schloss mit jedem neuen Hausherren um einen wesentlichen Gebäudeteil erweitert und nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg nach und nach wieder aufgebaut. Die Führung mit Frau Lange hat den Schwerpunkt „Barocke Pracht“ (August der Starke), aber sie ist so stolz auf ihren wirklich schönen Arbeitsplatz, dass sie uns auch den jüngst fertig gestelltem kleinen Ballsaal und die noch nicht abgeschlossenen Arbeiten im großen Schlosshof zeigt.
Frau Lange, nicht sehr groß, aber eine großartige Erzählerin
Doch zunächst die Führung durch die unterschiedlichen Sammlungen, auf der wir wirklich interessante Infos zu den Gegenständen erhalten.
Wir starten im Neuen Grünen Gewölbe und betrachten einige der über 1000 unschätzbar wertvollen Exponate aus drei Jahrhunderten näher:
Die prachtvolle Hutagraffe mit dem Grünen Diamanten, der seine ungewöhnliche Färbung durch die natürliche radioaktive Strahlung im Erdinnern erhielt. So einen Diamanten, immerhin 41 Karat, konnte man, wenn man denn das Kleingeld hatte, auf der Leipziger Messe kaufen. Friedrich August III ließ die „Hutnadel“ für sich anfertigen, trug sie vorne am Hut und wollte wohl die Ähnlichkeit mit einem Großmogul durchaus provozieren. Abgesehen vom Grünen Diamanten sieht man noch zwei große Brillanten und 411 mittelgroße und kleine.Der Thron des Großmoguls Aureng-Zeb von Indien. Die Szene zeigt die Überreichung von kostbaren Geschenken der Fürsten anlässlich des Geburtstages des legendären Herrschers und besteht aus 184 Figuren, die alle unterschiedlich aussehen. Die bunten Figuren sind emailliert, die Farbe ist auf Gold eingebrannt. Im Hintergrund ist das Geburtstagskind auf seinem Thron zu sehen, vorne ist die Waage zu sehen, wo er später mit Gold aufgewogen wurde. August der Starke erwarb dieses Meisterstück barocker Juwelierskunst zum, selbst für damalige Verhältnisse, enormen Preis von 60.000 Talern.Ein winziger Kirschkern, in den 185 „Angesichter“ geschnitzt sind, durch die stark vergrößernde Lupe kann man einige erkennen.Eine Fregatte vollständig aus Elfenbein gedrechselt, auch die Segel, komplett mit 50 Mann Besatzung.Dies ist eine Uhr aus Elfenbein gedrechselt.In der Kugel befindet sich eine Tischgesellschaft. Oben sind römische Ziffern eingesetzt, der kleine Putto oben zeigt mit einem Zweig die Stunden an.Auch dies ist eine Uhr, eine Kugellaufuhr, diesmal aus Gold.Die kleine Bergkristallkugel oben links im Bild rollt die Spirale herunter. Unten angekommen ist eine Minute vergangen. Gleichzeitig wird eine zweite Kugel im Innern nach oben transportiert, damit die nächste Minute laufen (anrollen) kann.
Der kleine Ballsaal, gerade erst nach der Renovierung wieder eröffnet, das Parkett duftet noch, erstellt im klassizistischen Stil, 120 Quadratmeter groß, für die kleinen Kammerbälle. Dann muss man auch nicht immer gleich die großen Säle heizen. Der Saal ist originalgetreu wieder hergestellt, allein zwei Kilo Gold steckt in den zwei Kronleuchtern, noch einmal zwei Kilo befinden sich in Form von Blattgold an den Wänden.
Nach einer wohlverdienten Kaffeepause geht es durch den Großen Hof, dessen Renovierung noch nicht abgeschlossen ist, in den Hausmannturm, 222 Stufen hinauf bis zur Aussichtsplattform mit einen schönen Blick über Dresden.
Der Große Hof wird in die Ausgestaltung im 16. Jahrhundert durch den Kurfürsten Moritz zurückversetzt. Sämtliche Mauern in Sgraffitotechnik reflektieren in ihrer Gestaltung die Geisteshaltung der deutschen Renaissance in Sachsen. Sie veranschaulichen das religiöse und moralische Selbstverständnis des Kurfürsten und seinen politischen Anspruch.
Ein kurzer Spaziergang durch den Zwinger schließt die Besichtigung ab.
Schon seit acht Monaten kein Eintrag, das heißt auch schon seit acht Monaten keine Reise mehr. Das hat nun ein Ende, wir fahren nach Dresden.
Die Dresdner Musikfestspiele stehen in diesem Jahr anlässlich der Gründung des Bauhauses vor 100 Jahren unter dem Motto „Visionen“.
Die „Vision Tanz“, bei der das Triadische Ballett des Bauhaus-Künstlers Oskar Schlemmer aufgeführt wird, hat uns ursprünglich hierher gezogen. Dafür gab es aber schon bald keine Eintrittskarten mehr zu kaufen. So haben wir ein Kulturwochenende in Dresden gebucht, das dieses Ballett beinhaltete. Die Aufführung sehen wir morgen. Heute steht zuerst die „Vision Musik“ an: im Kulturpalast sehen und hören wir Yo-Yo Ma am Violincello mit seiner langjährigen Partnerin am Klavier, Kathryn Stott, die ein russisches Programm aufführen.
Erwartungsfrohes Publikum vor dem Konzert
und während der Pause.
Doch zuerst kommen vier junge Frauen mit einer kurzen Performance mit Tanz und Sprache zur Musik von Clara Schumann auf die Bühne, in grün, blau, gelb und rot gekleidet. Grün spielt Klavier, Gelb hält einen Kassettenrekorder vor das Mikrofon, abwechselnd, aber auch gemeinsam spricht gelb oder die aufgezeichnete Stimme, während Blau und Rot tanzen, letztere wickelt dabei nach und nach ein langes rotes Band ab. Beeindruckend.
Dann kommen Yo-Yo Ma und Kathryn Stott auf die Bühne und beginnen mit der „Suite italienne“ aus der „Pulcinella“-Ballettmusik von Igor Strawinsky, gefolgt von Sergej Prokofjews Sonate C-Dur op. 119. Letztere ist absolut großartig gelungen, Yo-Yo Ma rockt den Saal. Die Jungs von Apocalyptica sind ja alle klassisch ausgebildete Cellisten. Gut möglich, dass Prokofjew sie inspiriert hat, etwas anderes mit Cello und Bögen zu machen als nur klassisch zu streichen.
Der Konzertsaal hat eine großartige Akustik, man kann in der 8. Reihe des Parketts das Haar hören, wenn Yo-Yo Ma die Reste des zerrissenen Haars abzieht. Fotos während des Konzerts sind natürlich nicht erlaubt.
Nach der Pause, die wir aufgrund der sommerlich warmen Abendtemperaturen draußen am Springbrunnen verbringen (die laue Brise ist ganz schön), spielen sie noch Rachmaninows Sonate in g-Moll, bevor brausender Applaus für die Interpretation dieser emotional aufwühlende Musik aufbrandet. Es gibt zu Recht standing ovations. Die beiden Künstler bedanken sich mit sage und schreibe drei Zugaben.
Für uns gibt es auf dem Rückweg zum Hotel noch ein Eis.
Seit 1999 ist die Grazer Altstadt mit ihrer Dachlandschaft UNESCO-Weltkulturerbe. Hier ist eigentlich immer viel los, auch abends. Dann brummen die Lokale vor Leben. Das liegt auch an den Runde 60.000 Studierenden, die häufig in der Altstadt wohnen.
Hier sind wir im Hof des Deutschen Ritterordens. Der gotische Arkadenhof ist mit „Murnockerln“ gepflastert, Kiesel, die vom Wasser der Mur glattgeschliffen wurden.
Die Stiegenkirche ist die älteste Pfarrkirche von Graz und liegt versteckt hinter den mächtigen Mauern eines ehemaligen Augustinerklosters. Man steigt zwei hohe Treppen hinauf, die schon Teil der Kirche sind, und tritt dann durch eine dicke Tür aus dem Jahr 1631 hinein in eine schlicht und modern gehaltene Kirche, vor allem von Studierenden genutzt.
Turm der Stiegenkirche; vorne in der Fassade ist die erste Treppe zu sehen.Diese wuchtige Tür führt hinein in den eigentlichen Kirchenraum.Diese moderne Ausstattung erwartet man nicht unbedingt.
Nicht verwechseln, es gibt neben dem Schloßberg mit der nicht mehr vorhandenen Burg in der Altstadt noch eine Burg, die wird Burg genannt und ist heute der Sitz der Steirischen Landesregierung. Außerdem beherbergt sie eine Doppelwendeltreppe, korrekt: Zwillingswendeltreppe, ein Meisterwerk spätmittelalterlicher Steinmetzkunst, die bedeutendste Treppe ihrer Form in ganz Mitteleuropa. Viele Steinmetzen waren am Bau beteiligt, der dauerte nur ein Jahr, von 1499 bis 1500 und gelang sehr detailreich.
Das neoklassizistische Rathaus am Hauptplatz ist dort im Ensemble das jüngste Gebäude, nur gut 120 Jahre alt. Während der Vorgängerbau noch mit Geldern, die aus einer extra dafür eingeführten Weinsteuer eingenommen wurden, erbaut wurde, ging den Stadtvätern beim Neubau nach der Hälfte der Bauzeit das Geld aus. Sie mussten sich bei der Sparkasse Geld leihen, die dafür im Ostflügel einziehen dürfte, mit der prestigeträchtigen Adresse Hauptplatz 1. Das Darlehen wird immer noch zurückgezahlt.
Das Landhaus beeindruckt durch die von Arkaden gesäumten Innenhöfe. Im großen Hof wird in der Adventszeit seit 1999 eine Eiskrippe, die nachts beleuchtet ist, ausgestellt. Die Eisskulptur sorgt jedes Jahr für großes Interesse bei Einheimischen und Touristen, aber auch bei den Medien. Das Schnitzen dauert ca. eine Woche, die fertige Skulptur wiegt dann ca. 45 Tonnen. In Gefrierschränken werden zudem Ersatzfiguren aufbewahrt, falls es mal zu warm werden sollte. 2003, als Graz europäische Kulturhauptstadt war, stand neben Ochs und Esel auch noch ein Bär in der Krippe. Alle rätselten, ob nun wohl die Bären zurück in Österreich seien, aber ein Biologe gab Entwarnung: das wäre kein mitteleuropäischer Bär, sondern ein Grizzlybär. Zu Ehren des berühmtesten Grazers, Arnold Schwarzenegger, der im selben Jahr kalifornischer Gouverneur wurde, wurde das Wappentier Kaliforniens in die Krippe eingefügt. Die Legende sagt, dass der Eisschnitzer zuerst Joseph die Gestalt Arnies geben wollte, davon aber abgesehen hatte, weil es wohl nicht ganz so schicklich gewesen wäre.
Hier steht in der Adventszeit die Krippe aus Eis.
Die Franziskanerkirche und das angeschlossene Kloster geben dem dicht bebauten Viertel seinen Namen. Selbst die Verkaufsstände reichen bis an die Kirchenmauer heran. Im Innenhof des Kreuzgangs ist dagegen vom Lärm rundherum nichts zu hören. Der mächtige Wehrturm passt so gar nicht zu einer Kirche eines Bettelordens. Der Turm wurde von der Stadt gebaut und bezahlt, da er einen guten Weitblick über die Mur und das gesamte Tal bietet.
Automaten, die uns das Leben erleichtern, kennen wir alle. Hier im Hotel kommt der Kaffee daraus, Geld können wir bei der Bank ziehen. Zigarettenautomaten haben wir in Graz noch nicht gesehen. Dafür geht man zum Trafikanten, das ist die Person, die einen Trafik betreibt. Das ist ein Geschäft für Fahrkarten und eben auch für Zigaretten und ähnliche Dinge des Alltags.
Automaten gibt es dennoch im Stadtbild, und was für welche!
Hier kann man sich, wenn man über 16 Jahre alt ist (nachzuweisen mit der Bankcard), ganz legal Cannabis kaufen, entweder kleine Mengen oder auch fertige Produkte. Bevor jetzt hier der Massentourismus einsetzt: das Zeug ist THC-frei! Aber trotzdem, ab 16, ganz legal.Das Wetter scheint hier sehr oft und sehr lang (es ist übrigens grad 28 Grad) sonnig zu sein. Warum also nicht einmal etwas Spaß mit einer neuen Sonnenbrille haben? Mit 4€ ist man dabei, einfach das passende Modell ziehen.Wie zu sehen, ist dieser Automat außer Betrieb. Ansonsten kann man sich hier saubere Spritzen kaufen.Bei diesem Automaten investieren wir tatsächlich die 20 Cent.
Und heraus kommt, nach etwas Ruckeln und Zuckeln am Automaten, ein Auge, riecht aromatisch, aber bisher haben wir uns noch nicht getraut, hinein zu beißen. Das Auge wird wohl nach Deutschland ausgeführt werden.
Das Touristbüro gibt eine Broschüre mit drei Stadtspaziergängen heraus, wir wählen die Bergroute. Graz liegt sehr flach im Grazer Becken und ist von drei Seiten von Bergen umgeben (nur im Süden nicht, da wo der Flughafen ist). Mitten im Stadtgebiet ragt allerdings 123 Meter über dem Hauptplatz der Schlossberg auf, eine markante Landmarke, insgesamt 473 Meter über Normalnull. Unterschiedliche Wege führen hinauf, mit der Bergbahn, dem Lift oder zu Fuß.
Eingang zum Lift, Tickets gibt es aus dem Automaten
Letzteres sparen wir uns für den Rückweg auf, hinauf geht es für uns mit dem Gläsernen Lift, der auf der Fahrt einen Blick auf das Dolomitfelsgestein zulässt. Viel ist nicht zu sehen, schon ist man oben. Wir treten am Wahrzeichen der Stadt, am Uhrturm wieder ins Freie und gehen weiter bergan zum Schloss hoch.
Vor mehr als 1000 Jahren stand hier schon eine kleine Burg, gradec im Slawischen, die der Stadt ihrem Namen gegeben hat. Im 16. Jahrhundert baute man sie zu einer mächtigen Renaissancefestung aus. Es wurde die stärkste Festung aller Zeiten inklusive Eintrag ins Guinnessbuch der Rekorde, denn sie wurde niemals erobert. Auch nicht von Napoleon, der musste 1809 zu anderen Mitteln greifen, nachdem seine Mannen die Burg monatelang belagert und insgesamt acht erfolglose Sturmangriffe mit mehr als 3000 Mann durchgeführt hatten. Napoleon besetzte die Hauptstadt Wien und drohte damit, sie komplett zu zerstören. Daraufhin musste sich Graz ergeben, die Wiener sicherten das vertraglich zu (wahrscheinlich ohne die Grazer vorher zu fragen). Die Bürger kauften allerdings den Glockenturm und den Uhrturm für 2978 Gulden und 41 Kreuzer frei, der Rest der Anlage musste von ihnen selbst komplett geschliffen werden (Napoleons Rache).
Glockenturm, 1588 erbaut, mit der berühmtesten Grazer Glocke, der „Liesl“, 1587 aus 101 türkischen Kanonenkugeln gegossen, wiegt knapp 5 Tonnen. Die Glocke schlägt dreimal täglich jeweils 101 Schläge!Ein Major Hackher verteidigte die Burg mit 17 Offizieren und 896 Soldaten gegen Napoleon. Ihm zu Ehren wurde der Hackher-Löwe aufgestellt.Blick auf die Stallbastei; sie wurde früher als Gefängnis, Kanonenplattform und Vorratslager genutzt. Die Mauern sind 6 Meter dick und 20 Meter hoch.
Auf der Burg gab es immer genügend Wasser, wahrscheinlich der wichtigste Grund, warum auch lange Belagerungen nicht von Erfolg gekrönt waren. Oberhalb des Glockenturms befindet sich eine große Zisterne (1544-47 gebaut), in der das Regenwasser der umliegenden Gebäude (die es jetzt nicht mehr gibt) gesammelt wurde. In einem 16 Meter tiefen Kessel befinden sich kreisförmig angeordnet fünf Brunnenschächte mit jeweils 3,6 m Durchmesser. Unterhalb der Stallbastei wurde etwas später (1554-58) noch ein 94 Meter tiefer Brunnen gegraben, der die Burganlage mit Grundwasser des Flusses Mur versorgte.
Pavillon oberhalb des Glockenturms auf der großen Zisterneder Tiefe Brunnen unterhalb der StallbastionDer Ausblick auf die Stadt mit ihren roten Dächern ist sehr schön.
Schließlich kommen wir zum Uhrturm, einem der ältesten Gebäude Graz, an der höchsten Stelle der Stadtmauer gelegen. Der ursprünglich mittelalterliche Wehrturm erhielt seine heutige Gestalt um 1560, der hölzerne Umgang diente der Feuerwache. Es gibt auch eine Feuerglocke (im Bild rechts). Die beiden anderen Glocken sind die große Stundenglocke und die ganz kleine Armesünderglocke.
Blick von der Bürgerbastei hoch zum Uhrturm.
Hinunter geht es dann über die Schlossbergstiege mit ihren rund 260 Stufen. Der Weg führt am Herbersteingarten vorbei, einer Terrassenanlage mit mediterraner Bepflanzung (Feigen-, Zitronen-, Granatapfel- und Gingkobäumen).
Dann gibt es eine wohlverdiente Pause mit Orange-Ingwer-Limonade und schnellem Internet im Café Leopold unterhalb des Schlossberges.
Das Klima in Graz ist vom Mittelmeer her bestimmt, wir haben daher noch eine Verlängerung unseres persönlichen Super-Sommers um eine knappe Woche erhalten. Was passt da besser, als zwischendurch immer mal wieder ein Eis zu essen. Auf der Herrengasse kommen wir an einem Eisladen vorbei, da wissen wir noch nicht, dass wir an DEM Eisladen sind.
Aber die Aufschrift „Das berühmte, originale Temmel-Eis“ reizt dann zum Ausprobieren. Mal sehen, ob es den Vergleich zum eigenen, besten selbstgemachten Eis in der nördlichen Hemisphäre standhalten kann.
Schokolade und Amarenakirsch
Ja, kann es! Das Amarenaeis ist genauso gut wie mein eigenes. Nur das es hier aus unerfindlichen Gründen Kirschjoghurt heißt und deren Kirschjoghurteis in Wirklichkeit Amarenaeis ist, und das auch bei wiederholtem Besuch, liegt also nicht an den Angestellten, sondern scheint eine sprachliche Unschärfe zu sein (ich sag nur Karfiol und Sackerl, respektive Blumenkohl und Einkaufstüte).
Kirschjoghurt – mit echten Amarenakirschen; oder war es Zitrone-Holunder? Egal, ist beides sehr lecker.
Ein Eis ist nach der österreichischen Schlagerkönigin (so steht es in den heimischen Medien) Monika Martin benannt (Monika-Martin-Limited-Edition). Sie liebt das Temmelsche Heidelbeereis und wünschte sich für ihre Fans ein paar Schokoherzchen darunter gemischt (was für eine kitschige Story). Es wurde dann aber doch Schokoeis und 2017 wurde dann die neue Sorte im Operncafé gemeinsam vorgestellt, wahrscheinlich auch mit Gesangsproben (das möchte ich mir nun gar nicht vorstellen). Aber das Eis schmeckt gut, ist Blaubeer-Schoko-Eis (für nicht Schlagerfans).
Der Eigentümer Charly Temmel macht seit 1986 sehr erfolgreich Eiscreme und ist nun ein echter Steirer, so wie sein Kumpel Arnold, der in seinem Metier ja auch sehr erfolgreich ist. Und so wie sein Kumpel Arnold vor ihm wandert auch Charly in die USA nach Los Angeles aus, 1995 war das, ihm gefiel das Land einfach so großartig und er suchte die Herausforderung. Als erstes ließ er sich den Slogan „The Best Ice-Cream in The World“ patentieren, da die Amis auf so etwas stehen, sagt er. Danach machte er sich an die Realisierung des Slogans. Sein Ziel ist es immer noch, jeden Supermarkt in Amerika mit seinem Eis zu beliefern. Good Luck with that! Noch ist er nicht soweit. Aber in den drei größten Tankstellenketten kann man sein Eis überall kaufen. Die eigene Eisfabrik steht in Phoenix/ Arizona.
Hilfreich ist in der Zeit natürlich sein Kumpel Arnold, der in der Zwischenzeit mit Freunden das Restaurant Schatzi on Main in L.A. aufgemacht hat, die celebrities strömen nur so hinein. Das Temmel-Eis wird dort auch serviert. 1998 verkaufte Arnold seine Geschäftsanteile am Restaurant an Charly, der es immer noch führt und in dem Arnold mit seinen Freunden auch immer noch zu Gast ist und zum Eis eine gute Zigarre genießt.
In Österreich läuft das Geschäft auch sehr gut, jetzt im Sommer ist der Charly auch hier in Graz in seinem Büro im ersten Stock in der Herrengasse. Aber acht Monate lebt er in L.A., da ist der Lifestyle einfach toll. Das ist mit genügend Geld in der Tasche auch sehr gut vorstellbar.
Diese Karte haben wir in einem Restaurant gefunden.
Da wollen wir hin, liegt zwar außerhalb von Graz, ca. sieben Kilometer südlich, aber es gibt ja Öffis. Sonntag fährt anlässlich des Festes ein Shuttlebus vom Kunsthaus aus, aber der Anmeldeschluss war ein Tag bevor wir in Graz ankamen. Das erschüttert uns nicht, vielleicht sind kurzfristig zwei Plätze freigeworden. Wir fragen im Kunsthaus nach: leider ausgebucht! Aber die Damen gucken im Internet nach und verraten uns, von wo aus welcher öffentliche Bus wann dorthin fährt. Das kann ja nicht so schwierig zu finden sein, wir haben ein Smartphone und auch einen papiernen Stadtplan. Ist aber doch schwierig. Der Jakominiplatz, ein zentraler Straßenbahn- und Busknotenpunkt wird umgebaut, Haltestellen sind verlegt worden. Der Info-Mensch kennt sich nur mit den Straßenbahnen aus, nicht mit den Bussen. Eine gerade Pause machende Busfahrerin weist uns den Weg. Als wir schließlich die Haltestelle in einer vom Platz abgehenden Straße finden, fährt zur angegebenen Zeit der Flughafenshuttle ab. Aber dessen freundlicher Fahrer zeigt uns, wie hier die Fahrpläne zu lesen sind. So haben wir noch eine Stunde Zeit, die wir bei einer kühlen selbstgemachten Limonade und sehr schnellem WLAN im Café Sorger im Schatten verbringen.
Dann geht es zum richtigen Bus – und auf ins Abenteuer! Es fahren nicht viele Personen mit, glücklicherweise erwähnt eines der Kinder lauthals, dass es zum Skulpturenpark fährt. Also beschließen wir, erst dann auszusteigen, wenn auch das Kind mitsamt Eltern aussteigt. Guter Entschluss, denn wir gondeln eine Dreiviertelstunde durch Vororte, am Flughafen vorbei (so wissen wir auch jetzt, wo dort die Bushaltestelle ist), durch weitere Orte, an vielen Maisfeldern entlang, durch Industriegebiete und kommen schließlich gefühlt im Nirgendwo an. Dort gehen wir der Familie hinterher und kommen tatsächlich dort an, wo wir hinwollten.
Das Spätsommerfest findet anlässlich der Präsentation eines neu geschenkten Werkes von Günter Damisch statt:
DichteDichter II, 1991/2013
Der Skulpturenpark selbst umfasst ca. sieben Hektar Fläche und zeigt mehr als 70 Werke österreichischer und internationaler Künstlerinnen und Künstler, hier z.B. ein Werk von Yoko Ono:
Painting to Hammer a Nail in/Cross Version, 2005
Das Gelände ist auf einem Teil der Internationalen Gartenschau 2000 entstanden und wurde 2003 eröffnet, als Graz Kulturhauptstadt Europas war.
Vor dem Berggartencafé liegt ein schöner Teich mit Lotusblüten. Wenn man auf einer bestimmten Bank Platz nimmt (dort stehen etliche Bänke), entwickelt sich aus dem Gewicht des Körpers heraus eine Wasserfontäne, je schwerer der Körper, desto höher die Fontäne:
Did I miss something, 2002 des Dänen Jeppe Hein
Hinter dem Café findet das Kinderprogramm statt, wo sie selbst Skulpturen bauen können:
Die gelbe Skulptur links ist die von dem Kind, das uns hierher „geführt“ hat. Es lehnt mit anderen Werken an der „Mauer“ von Lois Weinberger (1992).
Die Kinder nutzen etliche Kunstwerke auch einfach zum Spielen, wie hier den überdimensionalen Koffergriff der Skulptur „Die Erdkugel als Koffer“ von Peter Weibel (2004):
Links davor ist „Sole d‘acciaio“, 1989 von Ilija Šoškić zu sehen.Asoziale Tochter, 2004 von Tobias RehbergerAirplane Parts and Hills, 2003 von Nancy RubinsDie älteste Skulptur im Park: Atlantis 1940-1944 von Herbert Boeckl
Um 18:00 Uhr sind wir müde und Kunst gesättigt und nehmen den Bus zurück. Diesmal nimmt er eine andere Route (vielleicht sitzen wir auch in einer anderen Linie), fährt dafür einen Weg doppelt, um eine alte Dame nach Hause zu fahren (der Busfahrer erhält dafür einen Muesliriegel von ihr, „Vergelt’s Gott!“), es geht durch noch mehr Maisfelder zum Flugplatz, wo wir gefühlt alle Passagiere des gerade angekommenen Fliegers einsammeln, um dann durch Dörfer, Vororte und Industriegebiete nach einer Stunde wieder in Graz ankommen.
Wie sagte eine Mutter zu ihren Kindern, als sie am Skulpturenpark auf die Räder stiegen: „Das war ein ganz toller Tag heute, gell!“ – Stimmt!
Bushaltestelle, optisch ein bisschen aus der Welt gefallen.