Unser letzter Tag auf See! Wir sind schon fast da, am Ende werden etwas mehr als 5000 nautische Meilen „auf dem Tacho“ stehen. An diesem Morgen haben wir das mit der Zeitumstellung gar nicht richtig hinbekommen.
Wir gehen nach dem Ausschlafen zur Abwechslung ins Silk-Restaurant zum Frühstück. Dort ist ein Buffet aufgebaut, aber man hat feste Plätze, an denen auch der Kaffeenachschub gut funktioniert. Wir freuen uns, dass es so leer ist und wundern uns, als sie uns kurz darauf sagen, dass das Buffet bald abgeräumt wird. Die Auflösung: unsere Uhren zeigen die aktuelle Zeit eine Stunde zu spät an! Macht nichts, wir werden trotzdem satt. Den Rest des Vormittags lesen und schlafen wir. Wir müssen den intensiven Ausflug in Halifax verarbeiten.
Der letzte Tag auf See ist auch der fast letzte Tag unserer Reise. Nach dem Lunch im Windjammer steht das große Kofferpacken auf dem Plan. Alles außer dem Handgepäck muss bis zum Abend vor der Kabinentür stehen, damit es von den fleißigen Arbeitsbienen in der Nacht in den unteren Schiffsbauch geschleppt werden kann. Und einiges muss leider hierbleiben.
Am Abend steht noch einmal eine Show im Theater an. Diesmal ist es eine farewell variety show, unter anderem mit dem amerikanischen comedian Jim David. Das ist tatsächlich richtig lustig.
Er macht diesen Job schon sehr lange auch auf Kreuzfahrtschiffen und verfügt so über eine große Sammlung von Originalunterhaltungen zwischen Passagieren und dem Guest Service. Ein Gast hat sich zum Beispiel einmal über die viel zu langen Flure zur Kabine hin beschwert. Die Frau am Guest Service reagierte sehr souverän mit: „I will take to maintenance about it.“ Oder aber der Passagier, der sich über die unzureichende Matratze und die daraus resultierenden schlaflosen Nächte beschwerte und die Matratze umgehend ausgetauscht haben wollte. Allerdings nicht vor zehn Uhr morgens, denn vorher würde er noch schlafen!
Nach dem Theaterbesuch gehen wir noch einmal auf die andere Seite des Schiffes, um unsere ausgelesenen Bücher zurück in die Library zu bringen. Dort im two70 tritt gerade der Chor auf, alle Mitglieder sind Passagiere, die sich im Laufe der Reise immer einmal wieder zur gemeinsamen Probe mit dem Cruise Director Danny getroffen haben.
Wir hören noch ein bisschen zu, bevor wir uns noch mit Bekannten auf ein letztes Bier im Pub treffen und uns dort von Livemusik des Gitarristen Greg Fiedler unterhalten lassen. Dann geht’s aber auch ins Bett, denn am nächsten Morgen müssen wir schon um acht Uhr die Kabine geräumt haben.
Nach Beendigung der ersten Runde der HopOn-HopOff-Tour bleiben wir einfach im Bus sitzen und fahren die ersten vier Stopps noch einmal. Wir steigen an der katholischen St. Mary‘s Basilica aus und werfen einen Blick hinein. Es ist kurz nach zehn, sie hat gerade geöffnet und schon sitzen sechs Personen auf der Bank und warten, dass der Beichtstuhl wieder frei wird.
Bei der gigantischen Explosion 1917 wurden auch die Wandmalereien im Altarraum zerstört und später einfach durch Tapeten ersetzt. Das Provisorium hielt gut einhundert Jahre. Während des Covid-19 Lockdowns wurden sie schließlich wieder als Wandmalereien ausgeführt.
Die modernen Zeiten machen auch vor dem Spendensammeln nicht halt: hier in der Kirche hält man einfach seine Kreditkarte vor das entsprechende Feld, der Betrag ist praktischerweise schon voreingestellt, 5 oder 10 kanadische Dollar, tapto give!
Basilica von außen Basilica von innen
Wir passieren das alte Bücherei-Gebäude mit der Churchill-Skulptur davor. Churchill hat Halifax sehr oft besucht.
Die neue öffentliche Central Library schräg gegenüber ist gigantisch für eine Stadt mit rund 480.000 Einwohnern. Das Grundstück wurde 50 Jahre als Parkplatz benutzt, bevor 2014 das aus einem internationalen Wettbewerb hervorgegangene, inzwischen preisgekrönte Gebäude eröffnet wurde.
Außer den für eine Bücherei üblichen Büchern findet man hier zwei Cafés und kommunal nutzbare Räume, auch Konferenzräume, sowie ein Auditorium mit 300 Sitzplätzen und eine öffentliche Dachterrasse. Es gibt wlan und hundert kostenlos nutzbare Computerterminals. Das Gebäude ähnelt einem Stapel Bücher, leider gehen wir nicht hinein.
Aber wir kommen sicherlich noch einmal wieder hierher, Halifax ist eine sehr zugängliche und fußgängerfreundliche Stadt. Wir gehen die Spring Garden Road entlang bis zu einem Drogeriemarkt.
Hier kaufe ich keinen Kleber für mein gebrochenes Brillengestell, sondern eine Trifokal-Brille: oben für das Kommunizieren mit einem Gegenüber, die Mitte für Bildschirmarbeit und unten zum Lesen und das ganze noch 0,25% stärker als meine alte Brille. So etwas kauft man dort für knapp 40 kanadische Dollar, vor Steuern, aber trotzdem sind es umgerechnet nur gut 30 Euro. Nun müssen sich meine Augen nur noch dran gewöhnen.
Anschließend wollen wir in die Halifax Public Gardens. Das ist jetzt ein Park, es müsste also eigentlich Public Garden heißen. Die heutige Version entstand 1874, als zwei ältere Gärten, der Nova Scotia Horticultural Society Garden und der angrenzende öffentliche Park zusammengelegt wurden.
Am Haupteingang mit seinem großen Schmucktor erwarten uns die Boy Scouts, die auf Hochglanz polierte, tiefrote Äpfel aus einem Bauchladen heraus verkaufen, um Geld für eine gemeinsame Fahrt zu verdienen. Unser Argument, dass wir leider gar keine kanadischen Dollars dabei haben, wird sehr schnell entkräftet.
Die Jungs zeigen uns ihre Sammeldose, in der sich auch schon Euro-Banknoten neben Münzen und Scheinen in anderen Währungen befinden. Der erwachsene Scout hat zudem ein Kartenlesegerät dabei. Er erzählt uns, dass es für viele Menschen inzwischen normaler geworden ist, einfach die Karte auf das Gerät zu halten.
Wir geben dann zwei amerikanische Dollar und Kay nimmt einen Apfel mit. Er sieht wirklich verführerisch gut aus, ich probiere einen kleinen Bissen. Aber leider reagiere ich doch allergisch auf ihn.
Im Park, der von Mai bis November zugänglich ist, darf man weder rauchen, noch joggen, noch Radfahren, keine Enten füttern und auch nicht heiraten. Die Hauptwege sind damals so breit angelegt worden, dass zwei Damen in Reifröcken aneinander vorbei flanieren konnten, ohne sich zu berühren.
Nach und nach wurde der Park durch Statuen, Brunnen, einem bandstand (1887 erbaut, bis Ende September gibt es dort jeden Sonntag ein Konzert) und Wasserläufen verschönert, um dem Ideal eines viktorianischen Gartens gerecht zu werden. Von denen gibt es nicht mehr so viele.
Seit 1984 gehört die Parkanlage historischen Erbe Kanadas und steht unter Schutz. Das Bild zeigt einen der insgesamt drei Brunnen, meist anlässlich eines königlichen Jubiläums beauftragt und aufgestellt.
Die Blumenbeete sehen jetzt Ende Oktober natürlich nicht mehr so dekorativ aus, wie im Sommer, doch Rosen blühen immer noch. Einige Beete sind, sehr ungewöhnlich für uns, erhöht bepflanzt.
Der große See, (jeder viktorianische Garten hat einen pond), trägt den Namen Griffin Pond. Benannt wurde er nach einem jungen irischen Einwanderer mit Namen Lawrence Griffin. Er wurde zu Unrecht wegen Mordes zum Tode verurteilt und 1821 (da war es noch kein Park) an der Ostseite des Sees gehängt. Zur Wiedergutmachung wurde später der See nach ihm benannt.
Der Tourguide im Bus leitete die Geschichte ein mit den Worten: Ich weiß eine todsichere Methode, wie in Kanada ein See nach einem benannt werden kann! Makaber!! Auf dem See schwimmt ein Modell der Titanic, leider haben wir es nicht gesehen, daher gibt es davon auch kein Foto an dieser Stelle.
Überall im Park verteilt wird an militärische Zeitgenossen, aber auch an Vorreiter der Antialkoholiker oder Frauenrechtlerinnen, mit Plaketten und kleinen Statuen erinnert. Dies ist eine Skulptur (von Hamilton MacCarthy, 1903), die an die Teilnahme der Royal Canadian Dragoner in den Burenkriegen in Afrika erinnert.
In der Horticultural Hall (1847 erbaut) gibt es Informationen und Prospekte, aber auch ein Café, das zu einem sehr guten Kaffee noch viel bessere Pekan-Dreiecke verkauft. Außerdem gibt es hier freies wifi, so dass wir das erste Mal nach sieben Tagen wieder ein Lebenszeichen an die Familie absetzen (und jede Menge aufgelaufene E-Mails löschen) können.
Natürlich bekommen wir zu wenig Schlaf! Ich wache davon auf, dass das Schiff so leise ist und schaue aus dem Fenster. Wir drehen uns gerade im Wasser, um rückwärts in Bayonne „einzuparken“. Es ist noch stockfinster und es nieselt, viel ist nicht zu sehen, außer dicken Regenwolken. Ich schlafe noch ein bisschen weiter.
Zum Frühstück, viel zu früh für uns, aber man muss ja etwas essen, gehen wir ins Windjammer. Auf die Idee sind ungefähr tausende Mitreisende auch gekommen. Wir finden nur beim zweiten Mal herumgehen einen Platz an einem Tisch. Dann holen wir unsere restlichen Siebensachen aus der Kabine und gehen ins Theater.
Jersey City, Manhattan und Brooklyn unter Regenwolken
Dort treffen sich um acht Uhr alle, die eine shore excursion gebucht haben. Nach den schlechten Erfahrungen vor acht Jahren hier in Bayonne (das ist eine kleine unbedeutende Stadt von nur rund 72.000 Einwohnern und liegt südlich von Jersey City) haben wir diesmal die ultimative Kombi gebucht: Manhattan‘s Highlights and Transportation to Airport. Unsere schweren Koffer fahren mit uns im Bus und am Ende landen wir automatisch am richtigen Flughafen.
Die Verantwortlichen auf dem Schiff entwerfen immer einen ausgeklügelten Plan, wer wo wartet und wann von Bord geht, damit es keine Staus etc. gibt. Und jedes Mal, wenn wir auf US-amerikanischem Gebiet ankommen, wird der Plan, an den sich alle auf dem Schiff halten, von Custom and Border Protection an Land über den Haufen geworfen.
Also kommen wir nicht um 8 Uhr von Bord, sondern später. Anschließend finden wir unsere Koffer und schlängeln uns aufreizend langsam durch die Halle, in der man natürlich auch nicht fotografieren darf. Ich habe vorher noch Fotos vom Schiff aus gemacht, es hat sich doch deutlich etwas an der Bebauung (vor acht Jahren war hier nichts) getan.
Denen ist es völlig egal, wie lange und wo man vor der Einreise warten muss. Und genügend Personal ist auch nie da, um alle booths zu besetzen. Das geschieht dort unten in der dunkelgrauen Halle.
Diese Skulptur heißt im Volksmund Tear of Grief, offiziell To the Struggle of World Terrorism. Sie ist ein Geschenk der russischen Regierung an die Vereinigten Staaten zum Gedenken an die Opfer des Anschlags vom 11. September 2001. Die zwölf Meter lange Träne aus Stahl, die zwischen den Säulen hängt, ist auf meinem Foto nur schwer zu sehen, falscher Winkel. Unten auf der Bodenplatte sind alle Namen der Opfer eingraviert.
2006 wurde das Denkmal in Gegenwart von Bill Clinton und Wladimir Putin eingeweiht. Im letzten Jahr entfernte die Stadt Bayonne Putins Namen in Folge seines Angriffskrieges gegen die Ukraine.
Als wir dann endlich durch und draußen sind, können wir noch einen letzten Blick auf „unser“Schiff werfen. Schön war die Zeit auf der Anthem of the Seas. Doch das nächste Mal werden wir wieder ein kleineres Schiff buchen.
Wir gehen immer in Richtung wartende Busse, freundliche Menschen weisen uns den Weg. Glücklicherweise warten die gecharterten Busse auf uns, und dann auch noch länger, bis schließlich die letzte gebuchte Person im Bus ist. Los geht’s!
Nach dem ausgiebigen Besuch des Parks suchen wir die naheliegende Haltestelle des HopOn-HopOff-Busses und fahren eine Station weiter bis zur Zitadelle.
Es ist kurz nach 12 Uhr mittags und wir haben das tägliche Abfeuern der Kanone gerade verpasst, sehen aber noch den Rest des Wachwechsels.
Das Wetter ist inzwischen so toll sonnig und warm, dass wir die Zitadelle nicht besichtigen, sondern einmal um sie herumlaufen, um die Ausblicke zu genießen, bevor es zu Fuß wieder zum Hafen gehen wird. Das Bild zeigt die Halifax Town Clock, die schon seit 1803 die Zeit am Fort George anzeigt.
Auf dem Weg zu Wasser kommen wir an der Art Gallery of Nova Scotia vorbei, in der viele Werke von Maud Lewis zu sehen sind. Auch ihr komplettes Haus (es war nicht groß, nur zwei kleine Räume) steht im Museum. Sie ist eine der beliebtesten folk artists Kanadas. Übrigens umfasst der Begriff ‚Volkskunst’ auch Bereiche wie Shantys, Blues und Graffiti. Trotzdem gehen wir nicht ins Museum. Das Wetter ist einfach so unerwartet toll und der Aufenthalt an der Sonne entschädigt uns ein bisschen für die ausgefallenen Badefreuden auf Bermuda.
Am Wasser verläuft der Boardwalk, insgesamt auf einer Länge von fast drei Kilometern. Einen kleinen Teil davon spazieren wir in Richtung Schiff. Dabei sehen wir viele interessante Bau- und Kunstwerke:
Naval Dockyard ClockVerbreiterung des Boardwalks ins Wasser hineinAm Ende steht dieses sich im Wind bewegende KunstwerkUnd so sieht es in direktem Sonnenlicht ausEin bisschen waterfront AnsichtEine Skulptur aus Draht, das Segelschiff kann man erahnen
Doch als wir wieder am HopOn-HopOff-Bus ankommen, beschließen wir, noch ein drittes Mal loszufahren. Wir steigen wieder an der St. Mary‘s Basilica aus und gehen diesmal in die andere Richtung.
Es ist nur noch wenige Tage bis Halloween und viele Vorgärten sind aufwändig geschmückt. Auf dem alten Friedhof, 1749 eingerichtet, wurden bis 1844 mehr als 10.000 Personen aus allen Kreisen der Bevölkerung bestattet.
Hier liegen erste europäische Siedler und Ureinwohner (Mi’kmaq), Loyalisten und Einwohner afrikanischer Eltern friedlich nebeneinander. Das strahlende Sonnenwetter und der morbide Charme des Platzes lädt zum Foto-Shooting ein.
Wir kommen am Government House vorbei, der Residenz des Lieutenant Govenor of Nova Scotia. King Charles übernachtet hier natürlich auch, wenn er zu Besuch ist. Er ist ja nun auch Oberhaupt des Commonwealth of Nations.
Der Guide im Bus sprach [lef‘tenent] so nuschelig aus, dass ich zunächst immer nur left-handed verstand, und mir überlegte, warum sie nur Linkshänder als Gouverneur eingesetzt haben.
Die Architektur in downtown ist sehr vielfältig. Es gibt noch einige Häuser, die ihre viktorianische Fassade behalten haben.
Die Initiative Gritty to Pretty sorgt dafür, dass häßliche Häuserwände durch Fassadenmalereien verschönert werden. Dafür gibt es sogar eine extra Tour, die wir bestimmt beim nächsten Besuch in Halifax machen werden.
Es ist Sonntag, das Wetter ist super und am Boardwalk am Hafen tummeln sich inzwischen viele Kinder in mehr oder weniger gruseliger Verkleidung.
Unser Schiff liegt gegenüber der kleinen Georges Island, die während der Grand Dérangement/ Great Upheaval als Gefängnis für mehr als 10.000 Menschen genutzt wurde.
Die Insel Nova Scotia hieß vor 1713 L‘Acadie und gehörte zu Frankreich. Die meisten Acadianer verließen ihre Heimat, als die Insel an England ging und zogen auf französisches Gebiet, z.B. in das heutige Louisiana. Die verbliebenen mehr als 10tausend Menschen wurden als Gefahr für die englische Bevölkerung gesehen und ab 1755 gewaltsam deportiert. Die Hälfte starb dabei auf See oder später an Hunger und Krankheiten.
Am Ende (oder auch am Anfang, je nachdem) des Boardwalk kommen wir an der Skulptur „The Emigrant“ vorbei, die gegenüber des Canadian Museum of Immigration at Pier 21 steht. Hier in Halifax kamen in den 1930ern bis 1950ern sehr viele Immigranten aus Europa an, um in Kanada ein neues, besseres und hoffentlich erfolgreicheres Leben zu beginnen.
Doch wir sind inzwischen hungrig und erschöpft. Im Terminalgebäude stromern wir noch ein bisschen durch das Shoppingangebot. Bei 23 Grad Außentemperatur Weihnachtsdekoration anzusehen, hat auch was. Wir gehen dann zügig wieder aufs Schiff und essen kurz etwas, bevor wir uns dann bis zum Abendessen ausruhen.
Nach der abendlichen Show sind wir mit dem Schiff inzwischen so weit gefahren, dass wir uns dem US-amerikanischen Staatsgebiet nähern. Die Einfahrt wird lautstark mit thematisch passenden Hits, kostenlosem Sekt und dem Drop-down von hunderten blauen, roten und weißen Ballons gefeiert. In der Nacht wird die Uhr noch einmal zurückgestellt, eine Stunde mehr zum Partymachen.
Statt auf Bermuda sind wir nun in Halifax, der Hauptstadt der Provinz (und Halbinsel) Nova Scotia angekommen. Morgens ist es noch kühl und der Wecker klingelt bereits um sieben Uhr. Nach einem schnellen Frühstück im Windjammer, wo es bereits ziemlich voll ist, flitzen wir auf die Kabine, machen uns abmarschbereit und verlassen das Schiff. Yeah, es fühlt sich gut an, nach den sechs Tagen auf See.
Im Terminalgebäude (im Hintergrund des Fotos ist unser Schiff zu sehen) gibt es free wifi, aber wir müssen hinaus, um unsere Tickets der shore excursion für die HopOn-HopOff Tour in einen Sticker und den Fahrplan für die Busstrecke umzutauschen.
Es ist 8:30 Uhr, mit Leggings und Strickjacke lässt es sich auch im Sommerkleidchen aushalten. Immerhin ist es Ende Oktober und wir sind in Kanada. Der Bus ist voll, wir sitzen in dem alten Londoner Doppeldecker oben und fahren erst einmal die ganze Strecke ab.
Das dauert 90 Minuten und man erhält einen guten Überblick, was man gern genauer ansehen möchte. Der Guide erzählt eine Unmenge Infos, Fakten und Geschichten, die man sich gar nicht alle merken kann. Am eindrucksvollsten sind zunächst die Geschichten zur Titanic und zur Halifax Explosion.
Zuerst kommen wir auf der Tour durch den Historic Hydrostone District. Das sieht heute ganz hübsch aus, die Häuser auf dem fast 9,5 ha großen Areal sind maximal zweistöckig, die Straßen von Bäumen gesäumt. Doch die Entstehung des Stadtteiles hat einen höchst dramatischen Hintergrund:
Anfang Dezember 1917 ereignete sich die für die Bevölkerung Halifax’ traumatische Explosion, eine der größten nichtnatürlichen und nichtnuklearen Explosionen der Welt. Es herrscht Krieg in Europa, Halifax ist ein bedeutender Nachschubhafen der Alliierten. Der Hafen ist nachts durch Netze vor Angriffen der deutschen Ubootflotte gesichert. Ein vom Belgischen Hilfswerk gecharterter Frachter mit dem Ziel New York liegt zum Kohlebunkern im Hafen. Das Bunkern verzögerte sich am Vorabend, so kann der Frachter nicht mehr vor der nächtlichen Sperre auslaufen. Ein französischer Frachter, aus New York kommend, läuft Halifax an, um sich dort einem Konvoi nach Europa anzuschließen. Er hat eine brisante Fracht geladen: 200 t TNT, 63 t Schießbaumwolle, 2.300 t einer explosiven Säure und dann noch 35 t leicht entflammbares Benzol, das in Fässern auf dem Oberdeck verstaut war. Leider ist diese Ladung am Schiff nicht entsprechend gekennzeichnet worden. Der Frachter kam am Vorabend zu spät an, um sich vor der nächtlichen Sperre durch die Netze noch dem Konvoi anschließen zu können.
Früh am nächsten Morgen haben es nun alle eilig, der Frachter des Belgischen Hilfswerks besonders, er fährt sehr schnell. Trotz Lotsen an Bord fahren beide Schiffe nicht auf den korrekten Routen, da sie wiederum anderen kleineren Schiffen ausweichen müssen. Beide Frachter realisieren zu spät, dass sie sich auf Kollisionskurs befinden. Sie schalten ihre Motoren zwar „in den Rückwärtsgang“, können den Zusammenstoß aber nicht mehr verhindern. Der ist zwar nicht stark, aber der aufeinandertreffende Stahl schlägt Funken. Durch den Zusammenstoß kippen die mit Benzol gefüllten Fässer auf dem Oberdeck um, laufen aus, und die Flüssigkeit beginnt durch den Funkenflug zu brennen. Die Mannschaft rettet sich durch den Sprung ins Wasser. Einige warnen die Menschen an Land vor der kommenden Katastrophe, leider sprechen sie nur Französisch und die Kanadier nur Englisch. So beobachten viele Schaulustige, wie das brennende Schiff langsam auf die Pier zutreibt. Nach zwanzig Minuten hat das Feuer den Frachtraum erreicht, und das Schiff explodiert in einem gigantischen Feuerball. Durch die Druckwelle wird der andere Frachter auf die gegenüber liegende Seite des Beckens an Land gesetzt. Der Ankerschaft des französischen Frachters wird fast vier Kilometer weit weg geschleudert. Im Umkreis von 70 Kilometern gehen die Fensterscheiben zu Bruch. Die Druckwelle vertreibt das Wasser aus dem Hafenbecken, der Meeresboden ist tatsächlich kurz zu sehen, bevor eine riesige Flutwelle tsunamiartig zurückströmt.
Blitzartig wird ein kompletter Stadtteil dem Erdboden gleichgemacht. Mehr als 1600 Menschen verlieren ihr Leben, sofort, darunter die gesamte Bevölkerung der Mi‘kmaq, die noch in Halifax siedelten. 9000 Menschen werden verletzt, davon erliegen 300 später ihren Verletzungen. Durch die herumfliegenden Glasscherben gibt es fast 5.000 Augenverletzungen, etliche Personen erblinden ganz. In der Folge entwickelt sich Halifax zu einem Zentrum der Augenheilkunde. 6.000 Menschen sind wohnungslos, weitere 25.000 Menschen müssen in Unterkünften ausharren. Am Tag nach dem Unglück fegt ein Blizzard über Halifax hinweg. Trotz der schnellen Hilfe, die vor allem aus Boston, USA kommt, sind einen Monat später noch 5000 Menschen ohne Wohnungen. Ein neuer Stadtteil wird geplant und gebaut, die Häuser aus einem neu entwickelten, nicht brennbaren Baustoff, Hydrostone, der dem Stadtteil heute seinen Namen gibt.
Blick von der Zitadelle: alles, was man hier sehen kann, ist nach der Explosion neu bebaut worden. Der französische Frachter explodierte ungefähr dort, wo der rot-weiße Schornstein zu sehen ist. Der andere Frachter wurde am gegenüberliegenden Ufer von der Druckwelle an Land gesetzt.
Das andere traumatische Ereignis ist zum Zeitpunkt der Explosion gerade erst fünf Jahre her. Im April 1912 sank die Titanic, von Halifax aus werden Schiffe zur Bergung der Leichen zur Unglücksstelle geschickt. Gesundheitsbestimmungen erfordern es, dass die Leichen vor Einfuhr nach Halifax einbalsamiert werden müssen. Die Menge an Toten überfordert die Kapazitäten an Bord, sodass viele Leichen an Ort und Stelle seebestattet werden. Von den 333 einbalsamierten Körpern wird fast die Hälfte in Halifax bestattet, die meisten davon auf dem Fairview Lawn Cemetry, den wir als als dem nächsten Stopp der Sightseeingtour anfahren. Die meisten der 121 Grabsteine tragen nur eine Nummer und das Todesdatum, da die Leichen nicht identifiziert werden können.
Einer der Grabsteine ist 2007 erneuert worden. Fortschritte in der DNA-Forschung führen dazu, dass das „unbekannte Kind“ identifiziert werden kann. Die Schiffsbesatzung, die das Kleinkind tot aus dem Wasser bargen, bezahlten damals gemeinschaftlich für den ersten Grabstein, den Sarg und die Beerdigung.
Am Boardwalk steht ein Denkmal für Samuel Cunard, in Halifax geborener erfolgreicher Geschäftsmann. Er gründete u.a. die Halifax Steamboat Company und später in Großbritannien, nachdem er dort erfolgreich Investoren gefunden hatte, die nach ihm benannte Cunard Steamships limited. Samuel Cunard war der erste, der seine Schiffe im Transatlantischen Verkehr einsetzte.
Er lebte abwechselnd in Halifax und England, wo er auch starb. Es war das Cunard-Schiff RMS Carpathia, das als einziges Schiff in der Nähe auf die Hilferufe der Titanic reagierte, die Überlebenden an Bord nahm und nach New York, dem Zielhafen der Titanic, brachte.
Nach drei Tagen haben wir uns genügend ausgeruht. Nun können die sportlichen Aktivitäten ausprobiert werden.
Wir gehen (mit den neuen spanischen Sportschuhen) ins Sea Plex (eine zweistöckige indoor-Halle für unterschiedliche Angebote) zum Bogenschießen. Vier Versuche, dann muss man sich wieder in die Schlange der Wartenden einreihen. Aber man rückt zügig wieder vor. Es gibt vier Plätze und der Andrang ist nicht so groß.
Wir versuchen es insgesamt vier oder fünf Mal mit wechselndem Erfolg und großem Spaß. Kay isst am Dog House noch einen Hot Dog, bevor es wieder zu Tee und Beschäftigung auf die Kabine geht. Es ist einfach so schön ruhig dort und wir haben einen Wasserkocher, was will man mehr.
Abends gehen wir rechtzeitig ins Theater, nachdem wir am Nachmittag schon keinen Platz bekamen. Die Mitreisenden scheinen langsam einen Lagerkoller zu bekommen, ihnen fehlt die Abwechslung in der Bespaßung. Wir wollen uns das Musical „We will rock you“ ansehen und vertreiben uns die Dreiviertelstunde des Wartens mit lesen. Die Buchauswahl in der library ist wirklich gut, vor allem, weil alle Reisenden ihre ausgelesenen Taschenbücher ebenfalls dort ablegen. Die Vorstellung von We will rock you ist fantastisch, die Musik sowieso, die Story ist gut ausgedacht und die Kostüme sind sehr schön. Die Sängerinnen und Sänger sowie die Musiker sind supergut. Was für eine gute Unterhaltung!
Impressionen aus We will rock you
Am nächsten Tag verbringen wir die meiste Zeit lesend draußen am Heck. Das Wetter ist immer noch schön (18 Grad), es schaukelt etwas stärker als sonst (wir fahren nun ja nach Nordwesten), ich habe wieder meine Armbänder um. Es ist bewölkt, aber ab und zu kommt die Sonne durch. Wir genießen diese großartige Verlängerung des Sommers.
Als ich das ausgelesene Buch zurück in die Bücherei und ein neues mit genommen habe, stelle ich fest, dass meine Lesebrille am Rahmen gebrochen ist. Das ist doof, da ich sie zum Lesen brauche. Ich habe zwar noch eine zweite Brille mit, aber ich möchte die andere trotz repariert haben. Also auf zum Guest Service, aber die geben mir nur die Auskunft, dass Maintenance die Brille aus Sicherheitsgründen nicht kleben darf, da diese Kontakt mit dem Auge hat. Ja, die Brille sitzt bei mir auf der Nase, der Rahmen sitzt nicht im/am/ höchsten in der Nähe des Auges. Was soll’s, sind halt amerikanische Verhältnisse.
In den Shops an Bord gibt es weder Superglue noch Lesebrillen zu kaufen, aber die nette Dame dort versucht immerhin, den Rahmen mit Tesafilm zu kleben. Geht natürlich nicht, aber ich lasse sie trotzdem machen. Meine letzte Hoffnung ist Beni, unser Stateroom Attendent. Er kann tolle Tiere aus Handtüchern falten. Vielleicht kann er mir auch den Kleber besorgen. Dann mache ich es selbst.
Beim Abendessen machen die waiter in ihren flowery shirts wieder eine gute Figur und eine Parade und führen anschließend den Macarena-Tanz für uns auf. Wir tanzen nicht mit, sondern genießen lieber unser zartes Steakfleisch.
Danach geht es wieder ins Royal Theater. Eigentlich steht das Musical wieder auf dem Programm, aber aufgrund technischer Probleme wird es zu einem späteren Zeitpunkt nachgeholt.
Stattdessen gibt es eine variety show unter dem Titel Anthem‘s got talent. Crew members zeigen ihr Können: viel Gesang, aber auch Jonglage von zwei Barkeepern und eine fantastische Tanzeinlage von einem Menschen, der sonst an den Bügelautomaten arbeitet. Das ist alles sehr unterhaltsam.
Das Frühstück heute, zur Abwechslung mal wieder im Restaurant, gerät fast zur Nebensache, denn wir unterhalten uns sehr angeregt mit der Amerikanerin vom Nebentisch, die auf meinen Akzent reagiert. Sie ist auf dem Weg nach Hause von einem Besuch in Deutschland. Ihre Tochter ist mit einem Deutschen verheiratet, den sie vor zehn Jahren auf einer Cruise mit ihrer Mutter kennengelernt hat. Vor lauter Reden fällt es uns schwer, unsere Teller zu leeren. Wir hätten uns bestimmt noch stundenlang weiter unterhalten können, aber wir müssen das Restaurant dann doch mal verlassen, damit dort sauber gemacht werden kann. In der Kabine finden wir eine Nachricht von Beni, dass er zwar Superglue in seiner Kabine hat, aber dass es leider am Eintrocknen ist. Wie schade, aber immerhin hat er es versucht. Mal sehen, ob wir morgen in Halifax etwas finden, Klebe oder eine neue Lesebrille.
Heute betätige nur ich mich sportlich, Kay will lieber lesen. Zuerst will ich mit dem North Star in die Luft steigen. Die Kapsel fährt langsam hoch, bis wir insgesamt 300 Fuß oberhalb der Meeresoberfläche sind. Noch sind wir zu weit vom Land entfernt, so dass wir auf unserem 360 Grad Rundumblick nur Wasser sehen (und auch keine Wale, falsche Saison). Aber die Blicke hinunter auf das Schiff lassen erahnen, wie hoch wir sind. Ich stelle mich gleich noch ein zweites Mal an. Diesmal fährt eine andere „Bedienerin“ mit, die uns zeigt, dass im Boden sowohl Rettungswesten verstaut sind als auch eine Zipline. Die wird außen an der Aufhängung befestigt, damit man sich im Notfall abseilen kann. Das Personal übt dies regelmäßig, auch wenn die Kapsel ganz nach außen schwenkt. Das tut sie bei den kostenlosen Fahrten nicht. Der North Star steht im Guinnessbuch der Rekorde als „höchstes Aussichtsdeck auf einem Kreuzfahrtschiff“ drin. Und es ist faszinierend, auch wenn man nur Wasser sehen kann!
Da unten liegen Menschen.Unter dem Glas liegt das Solarium.Safety zu unseren FüßenDa oben war ich!
Anschließend habe ich einen „Flug“ bei Ripcord by iFly gebucht. Nach einem Film mit Sicherheitseinweisungen werden die Bewegungen geübt, bevor man in Overall, goggles und Helm schlüpft. Der Overall hat hinten auf Höhe der Schulterblätter zwei Griffschlaufen, an denen der Instrukteur einen festhalten und stabilisieren kann.
Man simuliert den Absprung aus einem Flugzeug in 1200 Fuß Höhe. Der Wind bläst einen, je nachdem wie schwer man ist, mit 165 bis über 200 km/h in die Höhe. Das Gerät (hinten im Bild) ist das gleiche, in dem professionelle sky diver üben. Ich bin gleich als zweite dran und die eine Minute Flugzeit ist viel zu schnell vorbei. Anschließend melde ich mich sofort noch einmal an. Jeder Gast darf nur einmal fliegen, aber ich buche mich als Kay ein. Der Instrukteur am Tresen hat auch kein Problem damit.
Diesmal habe ich eine andere Anleiterin, die es etwas anders macht und uns auch etwas länger fliegen lässt als nur die eine Minute. Ich bin irgendwo in der Mitte dran und es ist ein wunderbares Gefühl. Ich könnte es den ganzen Tag machen.
Wenn alle aus der Gruppe durch sind, fliegen die Anleiter selbst noch einmal und zeigen, was möglich ist. Faszinierend! Voller Adrenalin und positiver Energie komme ich zurück.
Nach dem Abendessen gehen wir ins Two70 zum Virtual Symphony Concert.
Wir sitzen in der ersten Reihe, trinken Gin Tonic und sehen auf der großen Projektionsfläche (105 Fuß großes Vistarama) The American Philharmonic, das Stücke amerikanischer Komponisten spielt, gut verdaulich und solide gespielt vom 76-köpfigen Orchester.
Auf dem Weg zurück sehen wir die Seekarte, auf der unser geänderter Kurs, das Hurrikan-Gebiet um Bermuda, die Stelle, an der die Titanic gesunken ist und unser morgiger Zielhafen eingezeichnet sind (das Foto zeigt einen Ausschnitt.).
Anschließend treffen wir uns mit Bekannten in der Schooner Bar, um dem Gitarristen Phil James, der Lead Guitarist von We will rock you ist, zuzuhören und dabei noch etwas zu trinken. Dafür gibt man dem Kellner die Plastikkarte mit, die auch Türöffner und „Ausweis“ ist, um den Verzehr dazu zu buchen.
Danach gehen wir Richtung Kabine. Kurz bevor ich die Tür erreiche, hole ich schon mal die Karte heraus. Beim flüchtigen Draufsehen wundere ich mich kurz, dass ich (ohne Brille!) einen Doppelnamen sehe. Mit Brille bemerke ich dann, dass der Kellner in der Bar mir die falsche Karte zurückgegeben hat. Jedesmal habe ich die Karte kontrolliert, nur diesmal nicht. Und schon passiert das Unwahrscheinliche!
Ich gehe zurück zur Schooner Bar und informiere den Barkeeper, nachdem ich an unserem Tisch nachgefragt habe, ob die alle ihre passenden Karten haben – haben sie. Der Kellner versucht, die richtige Dame zur Karte zu finden (Lindsey Doppelname), allerdings ohne Erfolg. Er lässt sich meinen Vornamen und die Kabinennummer nennen, um beim Guest Service eine neue Karte für mich drucken zu lassen. Bald kommt er zurück und sagt: „Das ist nicht Ihre Kabinennummer!“ Ich schaue auf die Serviette, auf die er 8546 notiert hat und antworte: „Stimmt, das ist nicht meine Kabinennummer. Die lautet 8506.“ Auf Englisch ist der lautliche Unterschied zwischen „oh“ und „four“ in einer lauten Kneipe auch nicht so groß. Der Kellner marschiert wieder los und bald darauf habe ich eine neue SeaPass-Karte. Mit dem Gefühl der Erleichterung verabschiede ich mich wieder von den anderen und gehe zurück zur Kabine. Nun lässt sich die Tür auch wieder entsperren.
Morgen früh müssen wir entsetzlich früh, wie es uns vorkommt, aufstehen. Dann dürfen wir in Halifax an Land und treffen uns um 8:30 Uhr vor dem Hafengebäude zur gebuchten Tour.
Zwei Tage zuvor haben wir bereits eine Einreise- und Zollerklärung für Kanada ausgefüllt. Glücklicherweise (für viele amerikanische Mitreisenden) gibt es auch eine Ausfüllanleitung dazu: Am besten überall ‚nein‘ ankreuzen!
Seetage – das richtige, wenn man entspannen möchte. Noch mehr Extrastunden gibt es, da nach und nach auch noch die Uhr zurückgestellt wird. Wir verbringen den ersten Tag eher schlafend und lesend, die Landgänge waren anscheinend doch anstrengend. Breakfast, lunch and dinner dürfen natürlich nicht fehlen.
Anschließend ist showtime angesagt: der Violinist Christopher Watkins tritt mit dem Schiffsorchester auf. Die Show ist ganz gut, aber er hat ein bisschen Timingprobleme. Ein bisschen mehr üben wäre vielleicht keine schlechte Idee!
Auch am nächsten Tag schlafen und lesen wir viel. Wir sind gern in unserer Kabine. Sie ist wirklich schön und vor allem ruhig.
Falls man tatsächlich mal irgendwo ein freies Plätzchen finden, um zu lesen, dann läuft da garantiert auch immer Musik im Hintergrund, meistens auch relativ laut. Draußen rund um die Pools ist es noch lauter. Also halten wir uns lieber in der Kabine auf. Das Foto zeigt den Blick aus unserer Kabine.
Am frühen Nachmittag (vorher holen wir uns noch ein Eis und sitzen kurz auf dem Pooldeck) spielt der Geiger Chris Watkins eine Matinee unter dem Titel Brahms 2 Broadway. Er ist wirklich ein guter Unterhalter, aber das Musizieren auf seinem Instrument entspricht nicht unseren Ansprüchen. Beim ungarischen Tanz, den er von Brahms spielt, setzt er willkürlich Pausen und lässt die schnellen Läufe einfach weg. Broadway- und Filmmelodien fallen ihm leichter, aber die Auswahl drückt bewusst auf die Tränendrüse. Für uns nicht zu ertragen, fast alle anderen im vollen Theater umjubeln ihn. Naja.
Dann ist es schon wieder Zeit, sich für das Abendessen umzuziehen.
Es ist italienische Nacht, das Personal macht wieder eine Polonaise durch das Restaurant und singt anschließend O Sole mio. Der Speisesaal ist nur wenig gefüllt, viele essen in einem der kostenpflichtigen Spezialitätenrestaurants. Es ist ja so langweilig auf See!
Wir genießen unseren persönlichen Service und das fantastische Essen im Chic. Nach einer Ausruhphase auf der Kabine gehen wir in die Spätvorstellung des iMagician Jamie Allan, der Videoprojektionen und iPhones in seine Tricks einbaut. Das ist absolut faszinierend! Er gibt am nächsten Tag auch eine Matinee, zu der wir auf jeden Fall hingehen werden.
Am dritten aufeinanderfolgenden Seetag werden wir von der Durchsage „Alpha, Alpha, Alpha“ (schwerer medizinischer Notfall) geweckt, schlafen aber wieder ein. Als wir dann richtig wach, geduscht und munter sind, ist es schon zu spät zum Frühstück. Wir warten den Beginn der lunchtime um 11:30 Uhr im Windjammer ab.
So richtig schließen sie aber nicht zwischen Frühstück und Lunch, also essen wir doch schon etwas früher als geplant, so eine Mischung aus den leckeren Frühstückssachen und dann viel unterschiedliches seafood, sehr köstlich. Die Meeresfrüchte liegen in Schalen aus gefrorenem Wasser, das mit Fruchtscheiben verziert ist.
Dort erreicht uns dann auch die Mittagsdurchsage des Kapitäns, die diesmal ernster ausfällt. Der Hurrikan Tammy ist ebenfalls Richtung Bermudas unterwegs und wird, von Westen kommend, voraussichtlich zeitgleich mit uns dort auf den Inseln ankommen. Das kann man natürlich nicht riskieren. Also werden die zwei Landtage dort ausfallen und leider auch unser gebuchter Ausflug dort zu den Stränden und das Baden im warmen Wasser. Aber verständlicherweise geht die Sicherheit vor. Es ist trotzdem sehr schade!
Nun haben wir stattdessen einen Seetag mehr, fahren jetzt nach Kanada und legen in Halifax an. Okay, da waren wir auch noch nie. Der Kurs auf der Karte weist schon nach Nordwest. St. George‘s auf Bermuda ist noch als Port of call eingezeichnet.
Nach einem kurzen Aufenthalt am Pooldeck bei 25 Grad und Sonnenschein besuchen wir die Matinee-Vorstellung des Magician Jamie im Theater. Er nutzt die Gelegenheit, um einige seiner neuesten Tricks für seine bevorstehende Amerikatour zu testen. Es ist einfach toll, bezaubernd und berührend. Beim Dinner erzählen uns unsere Tischnachbarn, dass es in Halifax und New York schneien soll! Na, das kann ja ein Spaß werden.
Dann genießen wir doch lieber noch das gute Wetter, solange es anhält. Wir gehen ins openair Kino. Auf dem Pooldeck wird der Film Ant-Man and the Wasp: Quantumania gezeigt. Wir holen uns noch Handtücher gegen den Wind und Guiness gegen den Durst und dann kann es losgehen. Pünktlich zum Filmbeginn beginnt es zu nieseln, das halten wir noch aus. Aber dann schüttet es sehr und die Windböen peitschen den Regen über das Deck. Wir verziehen uns unter ein Dach und schieben zwei Liegen direkt vor die Treppenstufen zum Pool.
Uneingeschränkter Blick und trocken von oben. Gut, dass der Film mit Untertiteln ist, bei der Entfernung und dem schlechten Ton hätten wir sonst wenig vom Film verstanden. Aber so ist es eine gute Unterhaltung, und auch ganz kuschelig mit Felljacke und unter dem Handtuch.
Mal eben kurz schlafen und schon sind wir eine Insel weitergehüpft. Wir besuchen heute die Hauptstadt von Teneriffa. Diesmal gehen wir mit Sonnencreme eingecremt und einem Sonnenhut auf dem Kopf von Bord.
Es werden im Laufe des Tages 26 Grad und es ist schon vormittags sehr warm. Wir folgen der blauen Linie auf dem Boden, die uns raus aus dem Hafengebiet inklusive Marina und hin zur Brücke über die Stadtautobahn führt.
Schon sind wir quasi mitten drin in der Innenstadt, auf der Plaza de España. Wir wollen aber nicht shoppen, sondern wenden uns lieber wieder dem Wasser zu. Dort ist eine neue Esplanade für Fußgänger und Radfahrer angelegt worden, mit Sportmöglichkeiten und noch kleinen Bäumen, die nicht so viel Schatten geben.
Ich bin sehr froh über meinen Sonnenhut. Die Tourisinformation an der Plaza de España hat geschlossen, wir gehen ohne Stadtplan und sonstige Orientierung einfach immer geradeaus und wollen uns überraschen lassen. (Überraschend ist dann eher später, was wir alles nicht gesehen haben, wenn man sich bei Wikipedia umschaut!)
Wir sehen die Hauptkirche von Santa Cruz, die Nuestra Señora de la Concepción, immerhin von hinten.
An den Überresten eines alten Forts, das als solches nicht mehr zu erkennen ist (Gut, dass es entsprechende Hinweisschilder gibt.), zieht uns ein imposantes weißes Gebäude wie magisch an.
Es ist ein Kongress- und Konzerthaus, das Auditorio de Tenerife Adán Martín (2003) des Architekten Santiago Calatrava. Wir finden das Bauwerk wunderschön, es glitzert in der Sonne wie ein Juwel. Dieser Effekt wird durch die Millionen Bruchstücke von weißen Kacheln erzeugt. Wir fotografieren es aus allen Blickrichtungen und schlendern über den großen, das Gebäude umgebenden Platz.
Das Grundstück reicht mit der einen Ecke bis in den Atlantik hinein, so wirkt es. Wenn man bis dorthin geht, sieht man die Steine der Befestigung, die mit Bildern bekannter Musiker und Komponisten aus allen Epochen bemalt sind.
Die mit Holzlamellen verzierten Fensterelemente lassen sich komplett aufklappen, um leichte Brisen durchzulassen. Das Café im Foyer erhält auf diese Weise ganz einfach eine Außenterrasse, auf der wir bei einem Espresso Pause machen, bevor es weiter geht.
Kunst auf dem Vorplatz zum Konzerthaus. Im Hintergrund sind die beiden 120 Meter hohen Zwillingstürme Torres de Santa Cruz (2006) zu sehen. Entworfen von Julián Valladares Hernández sind in den 35 oberirdischen Stockwerken zumeist Wohnungen, in den unteren Stockwerken auch Büroräume zu finden.
Wir gehen wir am neuen Schwimmbadareal mit Meerwasser vorbei (Parque Marítimo Cesar Manrique), bis wir am Palmetum ankommen, ein Botanischer Garten, der sich auf Palmengewächse spezialisiert hat.
In der Bildmitte das Centro Internacional de Ferias y Congresos (Internationales Messe- und Kongresszentrum), eröffnet im Jahr 1996, ebenfalls entworfen von Santiago Calatrava.
Der Botanische Garten wurde 1995 auf einer ehemaligen Müllhalde angelegt.
Wir gehen die Wendeltreppe hoch und schlendern die Wege im Uhrzeigersinn entlang. An den Miradouros gibt es tolle Ausblicke auf das Meer, es riecht überall gut und die Pflanzen sind sehr sehenswert.
In der Mitte gibt es das Octogon, ein Regenwald-Areal ohne Dach obendrüber. Es gibt zwar eine entsprechende Konstruktion, die ist aber nur mit Netzen bespannt.
Wir füllen die Wasserflaschen auf, bevor es wieder auf den Rückweg geht. Diesmal wollen wir durch die Häuserschluchten hindurch. Wir überqueren einen Teil der Stadtautobahn, kommen am riesigen Busbahnhof vorbei; eine Brücke führt uns über den Barranco de Santos …
… und schließlich landen wir in einer schmalen Einkaufsstraße, die uns zurück in die Fußgängerzone führt. Dort sind wir schon bald wieder an der Plaza de la Candelaria, ruhen uns noch einmal aus und nutzen die schnelle Telefonverbindung.
Die blaue Linie führt uns wieder zum Anleger zurück, wir müssen uns nach dem langen Aufenthalt in der Sonne dringend ausruhen.
Wir laufen vor dem Abendessen aus und können die Stadt noch einmal im Überblick sehen.
Nach den Landgängen freuen wir uns nun auf ein paar zusammenhängende Seetage.
Wir sind in der Hauptstadt der Insel Lanzarote angekommen: Arrecife. Wikivoyage schreibt: „…allzu viele Sehenswürdigkeiten hat die Stadt auch nicht zu bieten“. Wir sind gespannt. Aber zuerst müssen wir den vorletzten Stopp vor der Atlantiküberquerung nutzen, um Schuhe zu kaufen. Kays Abendschuhe geben demnächst den Geist auf und wir wissen nicht, ob sie noch die nächsten zehn Tage durchhalten werden. Es gibt eine Filiale von Deichmann in Arrecife.
Die Anthem of the Seas hat am Puerto de Naos angelegt, der Fußweg in die Innenstadt ist ab der Mole mit einer blauen Linie auf dem Boden gekennzeichnet. Mit uns zusammen laufen sehr viele Touristen am Seglerhafen vorbei in die Stadt.
Insgesamt docken hier gerade drei Kreuzfahrtschiffe gleichzeitig an (unser Schiff ist das linke.) Am ersten Kreisel geht die Masse nach links Richtung Innenstadt, wir halten uns rechts.
Wir kommen am Krankenhaus, an einer Schule und an Autoreparaturbetrieben vorbei, bis wir schließlich an der Shopping Mall ankommen, einem nach allen Seiten offenen Gebäude.
Dort erkunden wir das gesamte Erdgeschoss, aber Deichmann ist nicht zu sehen. Es dauert eine Weile, bis wir realisieren, dass es im Untergeschoss nicht nur das Parkhaus gibt, sondern auch noch Geschäfte. Mit neuen Schuhen im Rucksack geht es Richtung Innenstadt.
Dort gehen wir an der El Charco de San Gines entlang, einer Salzwasserlagune mitten in der Innenstadt. In den Häusern rundherum wohnen (oder wohnten) die Fischer mit ihren Familien. Kann auch sein, dass die Häuser nun an Touristen vermietet werden. Schon seit dem 15. Jahrhundert siedeln hier Fischer.
In der Lagune steht ein Skelett eines jungen weiblichen Finnwals (11 Meter lang, 8 Tonnen schwer), der 1995 auf Teneriffa gestrandet ist. Das Esqueleto de Ballena ist ein beliebtes Fotomotiv.
An der Lagune steht auch die Skulptur Los Buches, die zwei Figuren während des Karnevals zeigt. Sie stellen Fischer dar, die nach langer Zeit auf See wieder an Land spazieren gehen. Sie tragen das traditionelle Kostüm, verziert mit Bändern und eine netzartige Maske. In den Händen halten sie Fischblasen, die mit Luft gefüllt sind. Damit schlagen sie sich gegenseitig und spielen einen Kampf.
Kurz darauf sind wir an der Plaza de Las Palmas. Hier steht die Parroquia de San Ginés, die Hauptkirche von Arrecife, dem Heiligen Genesius geweiht. Schon seit 1574 gab es hier eine Kapelle, die allerdings nach einer Überflutung im Jahr 1665 wieder aufgebaut wurde.
Im 18. und 19. Jahrhundert wurde die Kirche immer einmal wieder erweitert, bis sie so aussieht wie auf dem Foto oben. Als letztes hat sie ihren Barockturm erhalten. Wir schauen uns kurz im Innern um, bevor es weitergeht.
Dann sind wir auch schon an der Calle Real, der Haupteinkaufsstraße, die eigentlich Calle Leon y Castillo heißt. Die entlang zu bummeln haben wir aber keine Lust. Wir gehen in die Casa Amarilla, dem ehemaligen ersten Regierungssitz der Insel.
Hier stellt der auf Lanzarote geborene Fotograf Juan Méndez Fotografien unter dem Titel Caminante Nocturno aus, Bilder vom Himmel über den Kanarischen Inseln und Patagonien. Wunderschöne Aufnahmen! Der Fotograf, eigentlich ein Hobbyfotograf, hat es mit Aufnahmen von Lanzarote in die Zeitschrift National Geographic geschafft.
In der Unterhaltung mit der freundlichen Frau am Empfang ergibt sich ein Kontakt mit dem Fotografen, der zufällig draußen am Fenster steht. Juan Méndez spricht nur Spanisch, sie übersetzt hin und her auf Englisch, wir erzählen ihm von Pellworm, das mit seinen dunklen Nächten ohne künstliche Lichter wirbt. Diese Begegnungen sind es, die wir an unseren Reisen lieben!
Wir gehen dann Richtung Wasser, das genauso glitzert und gleißt wie auf Madeira. Im Wasser liegt das Castillo de San Gabriel, ein ehemaliges Fort, das 1573 zum Schutz vor den Piraten auf einem Riff erbaut wurde. Hat nicht lange gehalten, schon 13 Jahre später wurde es von den Piraten zerstört. Die heute noch zu sehende Ausfertigung gelang dann anscheinend etwas stabiler und beherbergt nun ein historisches Museum. Wir haben keine Lust, uns in die Schlange der Wartenden einzureihen, sondern beschränken uns auf Fotos von außen. Hier am kleinen Strand hätten wir auch baden können, doch wir haben keine Badesachen eingepackt. Wir haben schlicht nicht mit so warmem Wetter gerechnet.
Castillo de San Gabriel
Über die alte Zugbrückemit den großen Steinkugeln Puente de las bolas geht es wieder an Land. An der Promenade stehen weitere Skulpturen: Pancho Lasso (2011) und La Mirada de César zu Ehren von César Manrique. Was die beiden sich wohl zu erzählen haben?
Wir wollen auf dem Rückweg noch in das Museum für zeitgenössische Kunst, das in der Nähe der Mole liegen soll.
Wir passieren wieder den Kreisel vom Vormittag mit der Skulptur Pescador con Marlin (2022), einer Hommage an den hier gebürtigen Gregorio Fuentes Betancort, der als Kind nach Kuba kam, dort Fischer wurde und schließlich Ernest Hemingway im Sturm vor dem Schiffbruch rettete.
Daraus erwuchs eine lebenslange Freundschaft, und Hemingway wurde von Gregorio zu seinem Erfolg „Der alte Mann und das Meer“ inspiriert.
Das Kunstmuseum besuchen wir diesmal nicht, der Fußweg ist einfach zu lang. Wir laufen noch bis zu einem kleinen Leuchtturm, der keiner ist, sondern ein Ehrenmal von 2013 für alle auf See gebliebenen Seeleute/ Fischer. Es heißt „Das Licht, das uns führt“. Es ersetzt ein einfaches Kreuz, das an ein Massaker vor der Küste Westsaharas stattfand.
Im November 1978 wurde das lanzarotische Fischerboot Cruz del Mar abends von 24 Terroristen in einem Zodiac-Schlauchboot überfallen. Diese ermordeten sieben der Besatzungsmitglieder (drei weitere konnten sich unbemerkt durch einen Sprung von Bord retten), darunter einen 14-jährigen Jungen. Die drei Überlebenden gingen wieder an Bord, nachdem das Schlauchboot der Terroristen weg war. Sie entdeckten, dass diese das Boot mit Sprengstoffen versehen hatten. Sie konnten sich in letzter Minute mit dem Rettungsboot des Schiffes in Sicherheit bringen, bevor das Schiff in die Luft flog. Die drei wurden später von einem anderen Fischerboot gerettet.
Dann kehren wir um. Die Straßenkreisel hier werden gern mit Arbeiten lokaler Künstler geschmückt. Dieses hier heißt Levando redes – Homenaje al Pescador, eine Hommage an die Fischer, die ihre Netze einholen.
Auf dem Rückweg entdecken wir auf einer Infotafel, warum wir nicht auf unserem Weg in die Innenstadt am kleinen Strand der Einheimischen und am Kunstmuseum vorbeigekommen sind, wie eigentlich geplant. Diese Infos von der Webseite what’s in port sind leider nicht mehr aktuell. Unser Schiff liegt an der neuen Kreuzfahrtmole. An der „alten“, auf die sich die Angaben bezogen, liegen die beiden anderen: Mein Schiff 4 und ein Schiff von MSC.
Wieder zurück auf unserem Schiff sehen wir dann auch, wo Strand und Museum sind: quasi genau gegenüber vom Schiffsheck, Luftlinie wenige zehn Meter, aber eben ohne direkte Verbindung. Gut, dass wir nicht mehr ganz hingegangen sind. Aber auch ohne den Museumsbesuch kann doch keiner davon sprechen, dass Arrecife nicht viel zu bieten hat!