Happy Birthday to me (und einen schönen 3. Advent an euch Leser-innen dort draußen)! Das Hotel hat arrangiert: Auf dem Frühstückstisch steht eine Flasche sparkling wine im Sektkühler, die Köstlichkeiten des Buffets locken, und natürlich scheint die Sonne wieder vom blauen Himmel. Mein Gott, was ist das Leben schön für uns!
Eine kleine Auswahl süßer Teilchen, im Moment ist grad jeder Tag gefühlt ein Geburtstag. Das kleine dunkelbraune Teilchen im Vordergrund ist ein Bolo-de-Mel, traditionelle Honigküchlein, die mit viel Honig und Zuckerrohrsirup (hier angebaut) am 8. Dezember zubereitet und dann in der Weihnachtszeit gegessen werden. Sie schmecken sehr würzig, mehr karamellig als süß.
Der Sektkühler mit der angebrochenen Flasche und zwei frischen Gläsern wird uns vom Kellner bis ins Zimmer getragen („Enjoy your day!“). Da eine gewisse Bettschwere für ein Mittagsschläfchen nötig ist, beschließen wir, den Rest des Weines in der Sonne auf unserem Balkon zu genießen.
Das ist der wahr gewordene Traum, den ich an all meinen vielen Geburtstagen, die ich im trüben, kalten, regnerischen Norden verbrachte, immer vor Augen hatte.
Nach der Mittagstunde machen wir eine Wanderung zum Cabo Girão, dazu kommt noch ein eigener Beitrag. Dann, als wir nach Sonnenuntergang erschöpft wieder im Hotelzimmer ankommen, gibt es noch eine Geburtstagsüberraschung. Es steht ein neuer Weinkühler bereit, eine weitere Flasche sparkling wine, zwei Gläser und … wow: ein Tablett mit Bolo-de-mel und frischen Erdbeeren (auch von hier).
Aber zuerst gibt es ein entsprechendes Abendessen. „Espetada” ist Rindfleisch, das, in Würfel geschnitten, auf einem Lorbeerspieß gegrillt wird. Dazu handgeschnittene Pommes und ein leckerer Salat mit Feigen und Granatapfelkernen. Der Weißwein dazu kommt auch von hier, aus dem größten Weingut der Insel, Justino’s Madeira Wines, S.A.
Was geht es uns doch gut! Die zweite Flasche sparkling wine muss bis morgen warten, wir sind platt – und glücklich.
Und mein Geburtstagssonnenuntergang – ein „ungeschminktes“ Foto, so geht die Sonne hier anscheinend immer unter!
Sir Winston Churchill machte Câmara de Lobos schlagartig bekannt, als er den Ort in einem seiner Gemälde verewigte. Der damals ehemalige britische Premierminister kam im Januar 1950 das erste Mal nach Madeira und wurde unendlich herzlich und willkommen heißend von den Bewohnern begrüßt. Das können wir nur bestätigen. Die Menschen hier sind nicht nur professionell freundlich zu Touristen, sondern wirklich freundliche Menschen. Churchill verliebte sich auf den ersten Blick in unsere Bucht hier, wir auch. Der Punkt, an dem er den Ort malte, liegt gegenüber von unserem Hotel.
Pressefoto vom Januar 1950: Das weiße Gebäude ganz rechts war damals der Rathaussaal. Vor der Mauer im Hintergrund wurden später die Gebäude der Fischgroßhändler errichtet.
Im Dezember 2021 ist der Blick etwas anders.
Im ehemaligen Rathaussaal sind jetzt Rezeption, Bar und Lobby und im ersten Stock einige Zimmer des Hotels untergebracht.
Unser Zimmer befindet sich in der Mitte des ehemaligen Fischgroßhändlermarktes und ist mit allem ausgestattet, was wir für einen guten Aufenthalt benötigen. Wir sind nur mit Handgepäck angereist, aber es hätten noch mehr Sommerkleider hineingepasst. Den Reisewasserkocher hätten wir zuhause lassen können (ein Lob auf die englische Übernachtungskultur), ebenso wie alles mögliche aus den transparenten Beuteln, die beim Sicherheitscheck immer aus der Tasche heraus müssen.
Vom Balkon winken ging grad nicht, musste ja das Foto machen.Sogar vom Badezimmer können wir den tollen Blick auf die Bucht genießen, da es ein Fenster zum Zimmer hin hat.Churchill ist ein großes Thema hier. Eine Vergrößerung des Bildes von Câmara de Lobos ziert die Wand hinter unserem Bett.Zitate von Churchill sind prominent an allen Wänden vertreten.Und er selbst ist in einer Skulptur vor dem Hotel sitzend und malend verewigt worden, ein beliebtes Fotomotiv, besonders bei Briten, die gern neben ihm Platz nehmen.
Das Pestana Churchill Bay ist das erste Hotel, dem es erlaubt wurde, in der historischen Altstadt ein Hotel zu errichten. Inzwischen haben sie hier noch ein zweites.
Auf dem Dach befindet sich ein Restaurant, dass laut Eigenwerbung von Forbes zu den weltbesten rooftop restaurants zählt. Service und Qualität des Essens (und auch die Preise) sprechen eindeutig für diese Einstufung. Auch das Frühstück wird hier serviert, und wir genießen es jeden Morgen, im Sonnenschein auf der Dachterrasse zu frühstücken (Wie hieß die momentane Jahreszeit noch mal??).
Jede geht mit der eigenen Zange ans Buffet, ist schon hygienischer.Und wieder ein Tag mit Sonne von morgens bis abends!
Hinter dem Restaurant (und leider oberhalb unseres Zimmers) liegt der Pool. Ich war noch nicht drin, habe es mir aber fest vorgenommen. Zwischen 17 und 18 Uhr wird der Bereich gesperrt, und das permanente Gegurgel in unserem Zimmer hört dann auf. Davor lassen wir einfach die Balkontür auf, das Rauschen des Atlantiks in der Bucht direkt unterhalb vom Balkon übertönt alle anderen Geräusche zuverlässig.
In diesem Ort lässt es sich ganz wunderbar aushalten. Mehr haben wir auch noch nicht von Madeira gesehen. Es ist einfach so angenehm hier. Und wir haben ja Urlaub (geht das eigentlich im Sabbatjahr?).
Es ist ein wahr gewordener Traum, wir sitzen im Dezember bei strahlendem Sonnenschein und angenehmen Temperaturen auf unserem Balkon, gucken auf die Bucht von Câmara de Lobos und hören dem Atlantik beim Rauschen zu. Die für Funchal vorhergesagte Bewölkung (dort regnete es tatsächlich, erzählte uns die Rezeption) löst sich kurz vor unserem hohen Felsen, der die Bucht umgibt, auf und lässt uns unter einem dauerblauen Himmel sitzen.
Es ist so unglaublich schön hier! Wir erkunden den Ortskern bei einem Rundgang, zunächst den westlichen Teil der Bucht.
Câmara de Lobos erhielt seinen Namen durch eine große Kolonie von Mönchsrobben, die bei der Entdeckung der Bucht gesichtet wurde. Heute erinnert ein Relief aus Schrott an die Namensgeber (eingeweiht im Juni 2019).
Die Steilklippe heißt Cabo Girão (Kap der Umkehr) und ist die zweithöchste Steilklippe der Welt (die höchste in der EU) mit mehr als 500 Metern Höhe, die Angaben schwanken zwischen 560 und 589 m. Unten, fast am Fuß, ist viel Grün zu erkennen. Das sind Terrassenfelder, die seit 2003 mit einer Seilbahn zu erreichen sind. Davor ging die Bewirtschaftung nur per Boot.
Der weitere Rundgang besteht aus Bildern, zum Vergrößern einfach anklicken!
Steinmetzarbeiten am StrandAuch die Straßenhunde müssen mal Siesta machen.Das Druckereimuseum (links) und das Weingut Henriques&Henriques (rechts); und auch im Winter blüht es hier farbenfroh.Christmas is coming, auf dem Platz vor dem Rathaus, sehr aufwändige Sache hier.Christmas is here, abends sind sie fast fertig mit dem Aufbau.Igreja Matriz de São Sebastião, mittags.Igreja Matriz de São Sebastião, abends.Igreja Matriz de São Sebastião, innen, sehr opulent.Unten bunte Kunst aus geglätteten Getränkedosen, oben ein bunter Kinderspielplatz.Câmara de Lobos gilt als DER malerische Fischerort Madeiras.Selbst die Autos parken direkt oberhalb des Hafens in farbenfroher Umgebung.
Und nun geht es auf der östlichen Seite um die Bucht herum.
Wir kommen an dem öffentlichen Schwimmbad (wegen Corona nicht in Betrieb) vorbei.Grandiose Felsformationen ziehen sich am Panoramaweg entlang.Ein Blick zurück und kein Tropfen Regen aus all den Wolken.Das Trockendock einer kleinen Schiffswerft.Heute (Freitag) scheint überall Waschtag zu sein.
Jetzt sind wir zurück im Ortskern oberhalb des Hafens.
Hinter diesem unscheinbaren Eingang verbirgt sich der Supermarkt Pingo doce.Weihnachtssterne in der MarkthalleMarkthalleUnd zum Abend der unglaublichste Sonnenuntergang im Atlantik (Tipp aus dem Hotelrestaurant).Boas Festas e feliz Ano novo über der Bucht.Heute wurde die öffentliche Weihnachtsbeleuchtung angeschaltet. Cidade Natal – Heimatstadt/ Weihnachtsstadt.
Das Wetter im Norden ist seit langer Zeit eher zum Abgewöhnen. Es wird Zeit, die Sonne mal wieder für länger als 2 Minuten pro Woche zu sehen. Wir fliegen nach Madeira, die Vorhersage spricht von 21 Grad. Das passt gut, denn wir starten bei leichtem Schneeregen und 2 Grad (immerhin im Plusbereich).
Hamburg Airport, morgens halb neun
Madeira liegt ziemlich weit im Atlantik, mit dem Schiff würde es zu lange dauern, um dorthin zu kommen. Also fliegen wir, das erste Mal seit langem. Es ist gewöhnungsbedürftig und auch umständlich geworden. Vor dem Abflug online einchecken, dabei die Impfnachweis hochladen (klappt erst beim soundsovielten Mal), trotzdem gibt uns das System keine elektronische Bordkarte. Also anstellen am Drop-off-Schalter, obwohl wir nur Handgepäck haben. Das tun alle anderen auch, da scheint der Fehler im System zu liegen. Eine lange Schlange im Flughafen ist die Folge, wobei die einen herumstressen, weil es ihnen nicht schnell genug geht, anderen ist der Abstand in der Schlange zu knapp (alle tragen Masken).
Die Sicherheitskontrolle ist dagegen inzwischen gut eingeübt bei allen Beteiligten. Es geht schnell. Die nächsten Schlangen bilden sich am Café bei den Gates. Da es auf dem Flug weder Getränke noch Essen inklusive gibt (alle Einzelleistungen, die in die Nähe von etwas Komfort rücken, müssen im Vorwege dazu gebucht werden), wollen sich viele noch mit dem Gewünschten eindecken (ja, man darf das alles mit an Bord nehmen).
Und überall muss natürlich eine Maske getragen werden (ist sowieso eine gute Idee, da fast alle irgendwie husten, schniefen oder röcheln, ist halt auch noch Grippezeit). Da wir schon mit dem Flughafenbus (Maskenpflicht) von Kiel aus angereist sind, atmen wir bereits 3,5 Stunden da durch, bevor wir überhaupt in den Flieger einsteigen. Der ist gut gebucht, aber nicht alle Plätze sind belegt. Nette Idee, um etwas mehr Geld zu generieren: Man kann auch einen freien Sitz neben sich buchen, wird als mehr Komfort verkauft. Wir sitzen also in einer Dreierreihe und haben völlig vergessen, wie eng die Sitzreihen inzwischen gesteckt sind. Kräftiger gebaute Menschen sollten sich schon aus diesen Gründen für die Business Class entscheiden. Dort ist auch der Alkohol und das warme Essen inklusive. Und es gibt ein kleines Kissen mit Weihnachtsmotiv für das Nickerchen. Das ist auch nötig. Unser Wecker z.B. klingelte heute bereits um 3:30 Uhr (man ist erstaunt, wer außer den Zeitungsausträgern so früh schon unterwegs ist). Ganz ohne Aufpreis gibt es für alle eine weihnachtlich bedruckte Spucktüte.
Madeira Airport, kurz nach zwölf Uhr, local time
Weitere vier Stunden mit Maske, dafür aber in voller Sonne (über die Außentemperaturen wollen wir lieber nicht spekulieren, die Scheiben sind vereist), weil über den Wolken, landen wir in Funchal. Der Aeroporto da Madeira, Christian Ronaldo empfängt uns mit warmem Sprühregen und einer Vielzahl von freundlichen, willkommen heißenden und hilfsbereiten jungen Menschen. Zuerst wird kontrolliert, ob wir für den grünen COVID-Status schon einen Code auf‘s Mobiltelefon bekommen haben (nein, noch kein Service, macht aber nichts, nach Nennung der Telefonnummer können wir ein Foto vom QR-Code machen). Dann werden uns lokale Bananen („Nehmen Sie ruhig noch ein paar mehr, es sind die besten der Welt.“ – Das stimmt tatsächlich, so leckere Bananen haben wir noch nie gegessen.) angeboten.
Mit einem Mund-Nasenschutz in Landesfarben geht es zur Kontrolle des QR-Codes (Check, sie haben nur Schwierigkeiten mit Kays Vornamen, im Englischen ist er weiblichen Personen vorbehalten), bevor uns dann viele Mietwagenfahrer erwarten.
Während wir noch warten, dass unser Fahrer ankommt, hatte die Passagierin eines Wagens, dessen Fahrer zu unserer gebuchten Firma gehört, ihn versetzt. Kurzerhand fährt er uns nach telefonischer Rücksprache zum Hotel. Im rasantem Tempo geht es abwechselnd über Brücken auf Stelzen über wirklich tiefe Schluchten oder mitten durch den Berg durch Tunnel.
In Câmara de Lobos schlängeln wir uns bis auf Meereshöhe hinab und sitzen kurz darauf in strahlendem Sonnenschein vor unserem Hotel direkt am Hafen. Viele Stunden Stress tauschen wir im Handumdrehen ein in ein perfektes Urlaubsgefühl!
Nun steht unser Wohnwagen schon seit einigen Tagen wieder auf seinem Stammstellplatz, und wir sind ins Haus gezogen. Der Novemberregen weht in dichten Schwaden über die Wiesen, wir sehen uns das vom Sofa aus an und freuen uns schon auf die nächste Reise in ein paar Wochen in die Sonne.
Überraschenderweise scheint diese trotz momentaner Weltuntergangsstimmung vor dem Fenster doch auch noch über Schleswig-Holstein, man muss sie nur finden. Wir fahren nach Husum.
Theodor Storm, hier als blauer Scherenschnitt vor dem Stormhaus, setzte Husum mit seinem berühmten Gedicht „Die Stadt“ von 1851 ein literarisches Denkmal:
Am grauen Strand, am grauen Meer und seitab liegt die Stadt; Der Nebel drückt die Dächer schwer, und durch die Stille braust das Meer eintönig um die Stadt. (1. Strophe)
Und genau hier ist es, im Gegensatz zu weiten Teilen des Landes, gar nicht grau und neblig. Das Auto stellen wir zentral hinter dem Hafen ab, der Weg in die Innenstadt führt über eine Holzbrücke über das Hafenbecken.
Es ist sogar viel Wasser im Hafenbecken. Normalerweise erwischen wir bei unseren seltenen Besuchen die Ebbe, die wenigen Schiffe liegen dann ein paar Meter unterhalb der Kaimauer auf dem Schlick.
Das Rathaus auf dem ehemaligen Gelände der Husumer Schiffswerft im Binnenhafen leuchtet in der Sonne. Das macht doch gleich Appetit auf ein leckeres Fischbrötchen mit Matjes.
Auf dem Marktplatz wird bereits der Weihnachtsmarkt aufgebaut. Das Wahrzeichen Husums, die „Tine“, erschaffen vom Husumer Bildhauer Adolf Brütt, steht schon unter einem Zelt aus Lichterketten. Im Dunkeln sieht das bestimmt sehr stimmungsvoll aus, wir sollten dann noch einmal wiederkommen. Die Stadtkirche St. Marien im Hintergrund gilt als eines der bedeutendsten Werke des Klassizismus in Schleswig-Holstein.
Man kann einen langen Stadtrundgang auf Storms Spuren machen, dafür ist es uns allerdings trotz Sonnenscheins zu kalt. Wir begnügen uns mit einem Blick auf sein letztes Wohnhaus in Husum in der Wasserreihe mit dem kleinen, auch im November hübschen Garten. Hier ist das Museum untergebracht, nebenan findet man das Storm-Archiv.
Im Innenhof des Archivs finde ich dann noch alte Bekannte:
Hänsel und Gretel mit der Hexe stehen hier als kleine Holzfiguren. Vor ein paar Wochen trafen wir in Höxter auf sie, dort in Bronze gegossen (s. Eintrag vom 11.10.2021).
Trotz Sonnenschein wird es uns nun endgültig zu kalt, wir machen uns wieder auf den Weg ins Warme, zu Kaffee und Kuchen.
Die Fahrräder hingen die ganze Zeit brav am Wohnwagen, im Schwarzwald war es uns einfach zu anstrengend, sie zu nutzen. Dort waren zwar viele Menschen mit Rädern unterwegs. Wenn man genauer hinsah, handelte es sich fast ohne Ausnahme um e-bikes. Unsere Räder müssen noch mit eigener Kraft getreten werden.
Aber nun, quasi am letzten Tag dieser Tour, kommen die Fahrräder doch noch zum Einsatz. Am Ende wissen Popo und Oberschenkel dann auch, was sie gemacht haben, 25 km mal eben so ist eben doch nicht so easy. Erst im Nachhinein merken wir, dass wir im Teilgebiet Hohe Heide durch die Ausläufer der Endmoränen gefahren sind. Es gibt auch viel flachere Gebiete in der Lüneburger Heide.
Es geht los mit einer Kursänderung. Der Weg entlang der Landes- und Bundesstraßen erscheint uns zu langweilig, obwohl die Fahrradwege in den letzten Jahren mit EU-Mitteln gut ausgebaut worden sind. Wir entscheiden uns für die eher landwirtschaftlich genutzten Wege. Natürlich kommt der Wind, wie in Norddeutschland üblich, genau von vorne, aber wir haben einen trockenen Tag erwischt. Etliche Traktoren und ein LKW, der Gülle transportiert, kommen uns entgegen. Während bei uns zuhause am Feldrand zur Zeit die Zuckerrüben unter Planen liegend auf ihren Abtransport warten, sind es hier die Heide-Kartoffeln.
Dann führt unser Weg durch den Wald. Die breiten Wirtschaftswege sind bestimmt gut zu befahren, wenn es nicht (wir haben Mitte November) vorher ausgiebig geregnet hätte. So sind die Pfützen zum Teil riesig und tief, die Ränder entsprechend schlammig. Der Rest des Bodens ist, bis auf die verdichtete Fahrspur, von Wildschweinen zerwühlt worden. Sicherheitshalber sind wir sehr laut, wir wollen nicht, dass die wilden Schweine noch unseren Weg kreuzen.
Der Weg zum Tütsberg (108,5m) ist geteert, in keinem guten Zustand und führt gefühlt ewig geradeaus. Später wissen wir, dass eigentlich alle Wege und Straßen in der Gegend am liebsten lange geradeaus führen (und einige Autofahrer zu waghalsigen Überholmanövern verleiten). Der Gutshof auf dem Tütsberg wird vom Verein Naturschutzpark in ökologischer Landwirtschaft betrieben. Das Hotel mit seinem Restaurant ist sehr empfehlenswert (wir waren vor sechs Jahren schon einmal dort).
Und dann geht es endlich in die Heide.
Auch ohne die lila Blüten ist es sehenswert hier. Und ruhig, und leer, und manchmal schafft es die Sonne auch, uns ein paar Strahlen zu schicken. Der Tütsberg ist eine Wasserscheide. Im Norden entspringt die Wümme und fließt in die Weser; im Osten entspringt die Brunau und fließt in Luhe und Elbe; im Westen entspringt die Böhme und fließt in die Aller.
Wir folgen der Beschilderung für die ‚Heideschleife‘, bis wir nach Overhaverbeck kommen.
Dort freuen wir uns schon auf Kaffee und Kuchen. Aber nein, nicht einmal am Wochenende hat hier etwas geöffnet, wir kommen wirklich in der off-off-season.
Dann eben weiter, diesmal frisch geteerter Fahrradweg, wir überqueren die Brunau. Ah, wir fahren also Richtung Osten. Es geht bergab bis nach Behringen. Dort gibt es eine Metzgerei, die für ihre Schnucken- und Wildprodukte berühmt ist. Wir haben Glück, die Mittagsruhe ist gerade vorbei. Wir haben Pech, der Laden ist wirklich beliebt. Wir stellen uns ganz hinten an die Warteschlange draußen an. Die anschließende Ausbeute ist gut.
Das Café Seeterrasse am Brunausee hätte nun geöffnet, doch die Wartezeit an der Schlachterei und die Winterzeit hat unseren Zeitplan etwas in Bedrängnis gebracht. Wir düsen die restlichen acht Kilometer an den Landes- und Bundesstraßen entlang zurück, ganz langweilig immer geradeaus. Das einzig aufregende sind die Kreisel, die zum Vorfahrtbeachten und Richtungswechsel zwingen.
Warum haben wir es auf einmal so eilig? Nach einer kurzen Erholungsphase mit Tee und Keksen im Wohnwagen fahren wir wieder zum Tütsberg zurück, diesmal allerdings mit dem Auto. Wir wollen Schnucken essen gehen. Das klappt, wir haben im Vorwege reserviert.
Es gibt Schnuckenbratwurst mit einem Detmolder Thusnelda-Bier:
der Heideteller
Das Bier schmeckt trotz seines fragwürdigen Etiketts und Namens gut.
Und zum Abschluss ein Glas Gin, Wortspiel inklusive:
Kay entscheidet sich nach seinem Wildsauerfleisch mit Bratkartoffeln lieber für den Buchweizenpfannkuchen:
Die Lüneburger Heide ist in dieser Jahreszeit einfach nur hochnebelig, menschenleer und herbstfarben. Wir machen eine kleine Wanderung durch die Felder. Eigentlich wollten wir nur den Trampelpfad finden, von dem die Bäckereiverkäuferin uns erzählte („ein Stückchen die Straße entlang, dann kommt der Trampelpfad zum Campingplatz“). Auf dem Rückweg vom Bäcker fanden wir zwar schon einen Grasstreifen, der als Trampelpfad herhalten konnte. Er führte auch zum Campingplatz, endete allerdings an den Hecken. Das war wohl nicht der richtige.
Da hinten, vor den Bäumen, steht unser Wohnwagen.
Nun starten wir auf dem Platz, finden den Pfad, sehr matschig, denn er führt zwischen zwei Pferdekoppeln hin zum Reiterhof. Den Weg zum Bäcker kennen wir jetzt schon, also gehen wir kurzentschlossen in die andere Richtung. Kay hat maps.me auf dem Mobiltelefon dabei, damit finden wir immer einen Weg (zurück).
Die Wirtschaftswege führen uns vorbei an abgeernteten Feldern, schon wieder bestellten Feldern, Feldern mit Gründünger drauf und Weihnachtsbaumplantagen.
Entlang letzterer stehen eine Menge unterschiedlicher Apfelbäume, und nicht alle Äpfel sind abgeerntet. Eine gute Gelegenheit, sie zu probieren, Kay hat sein Taschenmesser griffbereit. Fallobst wollen wir nicht essen, wir pflücken die Reste von den Bäumen. An einigen Stellen wissen wir dann, warum unsere Vorgänger sie haben hängen lassen – Brennnesseln und Brombeerranken. Die Äpfel changieren in Abstufungen zwischen sehr sauer (gut für Apfelkuchen) und sehr lecker.
Nach einer Weile kommen wir am Hof Lehmberg vorbei. Wenig Menschen um sich herum zu haben, ist zwar ganz schön, besonders in Covid-Zeiten, aber so einsam möchten wir auch nicht leben.
Wir kommen wieder auf die Teerstraße, aber ewig geradeaus zu gehen ist langweilig. So biegen wir bald wieder am Waldrand ab, immer parallel zur Haesbeck, bis wir wieder am Campingplatz ankommen. Ein netter Nachmittagsspaziergang von vier Kilometern.
Wir sind weitergefahren. Der Stellplatz direkt am Rhein war auf den ersten Blick wirklich klasse, egal, wie piefig der Platz sich sonst darstellte. Aber er ist nichts für uns, denn der Rhein war nicht romantisch, sondern viel zu laut.
Direkt hinter unter uns fließt der Rhein, hier fast ohne Schiffe.
Man muss sich das im Querschnitt so vorstellen, denn es ist nicht auf ein Foto zu bannen: Berge/Hügel – B9 (zweispurig) – Bahnschienen (zweigleisig) – städtische Bebauung – Campingplatz – Rhein mit starkem Schiffsverkehr in beide Richtungen – Bahnschienen (zweigleisig) – B42 – Siebengebirge.
Die Güterzüge sind sehr lang und fahren Tag und Nacht und quietschen gern. Die Großen Rheinschiffe, so die Typenbezeichnung, fahren Tag und Nacht mit tuckernden Dieselmotoren. Der Berufsverkehr auf den Bundesstraßen beginnt morgens gegen fünf Uhr. Die Hügel und Berge rundum reflektieren den Lärm.
Kurz gesagt: sieht hübsch aus, schläft sich aber nicht gut.
Wir sind durch das Bergische Land gefahren, die immer wieder angekündigten Staus waren sich kilometerlang stauende LKWs auf der rechten Spur. Unser Gespann fuhr mit seiner kleinen Anhängerlast und der großen Motorleistung auf der mittleren Spur links an ihnen vorbei. Es gab nur wenige Baustellen, und wir nutzten die Zeit zwischen Berufs- und Feierabendverkehr. Nun sind wir in der Lüneburger Heide angekommen, mittendrin. Der Campingplatz ist in der Nachsaison ziemlich leer, auch hier haben wir einen Platz mittendrin in der Leere bekommen.
Stellplatz direkt neben dem Barockgärtchen
Die erste Nacht war himmlisch ruhig, kein Tuckern, kein Rauschen, kein Quietschen. Nichts! Am nächsten Vormittag bleibt die Ruhe, wir erkunden den Platz, auf dem nach-nach-saisonale Zustände und Umbaumaßnahmen, die wir sehen aber nicht hören können, herrschen. Nur die Mini-Schweine sind aktiv, machen aber auch nur Mini-Grunzer.
Die Menschenleere ist von Vorteil, denn auf dem Weg zum Bäcker rutschen mir die gefalteten Geldscheine aus der Hosentasche. Der Natur-Bäcker hat auch gar nicht geöffnet (nur FR, SA, SO), aber die Backvorbereitungen laufen, und die nette geschäftstüchtige Frau verkauft uns leckere gefüllte Kekse. Nur, wir können sie nicht bezahlen!
Also schnell auf den Rückweg gemacht und 300 Meter später findet sich das kleine Geldbündel auf dem nassen kombinierten Fuß-/ Fahrradweg wieder an. Glück gehabt, die Kekse sind unsere. Und sie schmecken sehr, sehr lecker!
Das Bächlein ist übrigens die Haesbeck, sie fließt mitten durch das Campingplatzgelände.
Remagen besteht aus dem Stadtkerngebiet (s. vorheriger Beitrag) und sieben eingemeindeten Ortsteilen. In einem davon, Rolandseck, steht das wohl einzige Kunstmuseum mit Gleisanschluss, das Arp-Museum.
Das 1856 fertiggestellte spätklassizistische Bahnhofsgebäude verfiel Mitte des 20. Jahrhunderts und wurde 1964, kurz vor dem geplanten Abriss, von einem Bonner Galeristen „gerettet“ und steht seit 1981 unter Denkmalschutz. Seit 2000 ist dort im Untergeschoß der großzügige Eingangsbereich des Museum untergebracht (und es donnert ordentlich, wenn die Züge am Bahnhof ein-, durch- und abfahren), darüber befinden sich die Bildhauerwerkstatt, das Bistro und Festräume.
Hans Arp, Ptolomäus III, 1961Auguste Rodin, Der Denker, 1903
Schon hier sind Skulpturen ausgestellt, die Teil der aktuellen Ausstellung ‚Rodin / Arp‘ sind. Sie stehen sich gegenüber und verdeutlichen den Wandel von der Figuration hin zur Abstraktion der Skulptur. Weiter geht es durch einen langen Tunnel, quasi in den Berg hinein, um dann noch mehrere Treppen nach oben zu steigen.
unter den Gleisen durch
Hier gibt es Skulpturen und Plastiken vom Mittelalter bis 1900 zu sehen. Der Querschnitt durch die klassische Bildhauerei bereitet einen quasi auf die Rodin-Arp-Austellung vor, die beide die Bildhauerei innovativ veränderten.
Paolo Troubetzkoy, Elin Troubetzkoy im japanischen Kostüm, ca. 1906
Weiter geht es durch einen verglasten Gang, der Blicke in den Garten (eher Hänge) gewährt und durch den nächsten Tunnel in den Berg hinein. Dieser Tunnel erinnert an einen Bahntunnel und wird beleuchtet durch eine Licht-Skulptur.
Barbara Trautmann, Kaa, 2007
Der Tunnel verbindet den Bahnhof Rolandseck mit dem neuen Gebäudekomplex, entworfen vom amerikanischen Architekten Richard Meier. 2007 war das Gebäude fertig und wurde von der Bundeskanzlerin und dem damaligen Ministerpräsidenten eröffnet. Einen guten Eindruck von der Architektur bekommt man auf der Webseite des Museums: https://arpmuseum.org/museum/unser-haus/architektur.html
Hinauf fährt ein verglaster Fahrstuhl in einem wirklich sehenswerten Schacht, den man allerdings auch mittels 230 Stufen erklimmen kann. Wir fahren hinauf und nehmen die Treppe nachher hinunter.
Das obere Ende vom Fahrstuhlschacht von einem Balkon aus fotografiert.
Man weiß nicht, ob Rodin und Arp sich zu Lebzeiten begegnet sind. In der Ausstellung sind Skulpturen der beiden gegenüber gestellt worden, damit die Besucher selbst Ähnlichkeiten und Weiterentwicklungen feststellen können.
Im Obergeschoss werden aktuelle Arbeiten der deutschen Bildhauerin Stella Hamberg ausgestellt. Sie arbeitet sehr monumental an „der zeitgenössischen Darstellbarkeit der menschlichen Figur und ihren formalen wie existentiellen Fragestellungen“.
Nach einem ausgiebigen Rundgang durch alle Etagen und auf jeden zugänglichen Balkon geht es wieder abwärts, diesmal, wie schon erwähnt, nehmen wir die Treppe.
noch am Anfang der Treppe beim Lichtschachtschon relativ weit unten
Zwischen den beiden Fotos habe ich mich lieber damit beschäftigt, das Treppengeländer festzuhalten.
Dieses Museum werden wir bestimmt noch einmal besuchen. Es hat uns sehr gut gefallen. Und die Ausblicke ins Siebengebirge sind von jeder Höhe aus sehenswert, auch im Herbst.
Tief unten im Archiv des Geschichtsunterrichts von vor gefühlt einhundert Jahren klingelt es bei dem Wort Remagen. Der Ort liegt so gerade noch in Rheinland-Pfalz und grenzt mit seinen Ortsteilen an die outskirts von Bonn, das schon in Nordrhein-Westfalen liegt. Das löste den Klingelton nicht aus. Remagen liegt im Kreis Ahrweiler, die Ahr fließt hier in den Rhein, so nah wollten wir den Folgen der Flutkatastrophe gar nicht kommen. Das war’s aber auch nicht.
Der Prospekt mit einem Stadtrundgang bringt die Erklärung: Die Brücke von Remagen war‘s. Über die marschierten die Alliierten 1945 unerwartet einfach und damit schneller als gedacht in Deutschland ein.
Von unserem Stellplatz aus können wir die Türme sehen (als wir wissen, was wir da sehen). Mit unserer Camping-Schranken-Karte kommen wir auch durch die Tore, die einen direkten Zugang zum Rheinufer gewähren. Die Sonne scheint, wir machen eine Sightseeing-Wandertour entlang des Rheins.
Kurze Zeit später stehen wir vor den linksrheinischen Brückentürmen, in denen heute das Friedensmuseum beheimatet ist. Die Brücke wurde 1916-1918 gebaut, um Militärtransporte in Richtung Westen zu vereinfachen. Nach dem Ersten Weltkrieg blieb sie eher von geringer Bedeutung. Hitler befahl Ende Februar 1945 die Sprengung, damit die Alliierten nicht den Rhein überqueren konnten. Allerdings sollte die Sprengung erst durchgeführt werden, wenn der Feind quasi vor der Tür stand. Alles war bereit, doch es war zu wenig Sprengstoff angebracht worden. Die Brücke hob sich etwas an, um dann wieder auf ihre Stützpfeiler zu fallen.
So konnten am 07. März insgesamt 8000 Soldaten innerhalb von 24 Stunden trockenen Fußes den Rhein überqueren. General Eisenhower war begeistert, Hitler weniger. Der entsandte ein „Fliegendes Standgericht“, dass die fünf verantwortlichen Offiziere zum Tode verurteilte. Vier Todesurteile wurden sofort vollstreckt, der fünfte Offizier war zu seinem Glück bereits in amerikanischer Kriegsgefangenschaft und überlebte.
Am 17. März hielt die Brücke den Belastungen durch Sprengversuch und Truppenbewegungen nicht mehr stand. Sie stürzte plötzlich ein, 30 amerikanische Soldaten überlebten das nicht.
Die Sonne scheint so schön, daher verzichten wir auf einen Besuch des Museums und gehen weiter Richtung Remagens Rheinpromenade. Die Bebauung stellt sich als eine Kompilation des fragwürdigen Baugeschmacks dar.
Der Caracciola-Platz, benannt nach dem erfolgreichsten deutschen Rennfahrer mit 143 Siegen, wer hätte das gedacht; Rudolf C., geboren in Remagen. Das Hinweisschild hat nur einen kleinen Fehler, Rudolf C. war zwar der erfolgreichste Fahrer Europas, allerdings nur vor dem Zweiten Weltkrieg. Und das mit der NS-Mitgliedschaft findet auch so gar keine Erwähnung.
Wir biegen dann Richtung Innenstadt bzw. Altstadt ab. Hier befand sich ein römisches Kastell, Teile wurden ausgegraben, die meisten römischen Überreste sind überbaut worden. Trotzdem bewirbt sich Remagen als Teil des Niedergermanischen Limes um Aufnahme als UNESCO-Welterbestätte. Kann man machen.
Das Rathaus (rechts) ist grad wegen Umbau geschlossen. Das Wasser des Martinsbrunnens fällt einfallslos in Gitterplatten hinein.Aber übermorgen geht hier um 10:11 Uhr die große Sause los.
Der Elan für noch mehr Fotos reicht für die Fußgängerzone einfach nicht mehr aus. Aber beim Bäcker und Konditor Müller kaufe ich einen „Ehemann“. Das Gebäck hieß schon so, als die nicht mehr junge Verkäuferin ihre Ausbildung machte, wie sie erzählte, auch das Rezept sei noch dasselbe. Was soll ich sagen, schräger Name für ein sehr wohlschmeckendes Gebäck.