Welcome to Graz

Graz, die Landeshauptstadt der Steiermark (Styria auf Englisch), ist mit knapp 290.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt Österreichs. Das bemerkt man auf jeden Fall schnell beim vielfältigen und internationalen gastronomischen Angebot im IV. Bezirk Lend, in dem wir untergekommen sind.

Die Stadt präsentiert sich schon bei einem ersten Rundgang sehr vielfältig. Beiderseits des Flusses Mur gelegen, ist die Altstadt UNESCO Weltkulturerbe. In der Mur liegt die künstliche Murinsel mit Open Air Bühne, Café und Shop.

Der Hauptplatz mit dem Erzherzog-Johann-Brunnen ist gerade Schauplatz eines Lesefestivals. Überall gibt es bequeme Sessel, Sitzsäcke und auch Hängematten. Bücherregale mit Lesefutter stehen bereit. Auf einer kleinen Bühne ist Platz für Lesungen.

Der Hauptplatz ist umrahmt von Bürgerhäusern und Stadtpalais.

Die beiden Luegg-Häuser mit ihrer stuckverzierten Fassade.

Hier steht auch der berühmte Herzogshof, auch das gemalte Haus genannt, weil die gesamte Fassade gemalt ist, und das schon seit 1600. Die heutige Bemalung stammt von 1742 und zeigt griechische und römische Götter.

Die an den Hauptplatz anschließende Herrengasse ist eine Prime-Shopping-Adresse, aber auch Sitz des Steiermärkischen Landtages, der im Landhaus tagt. Das Haus selbst ist der erste Renaissancebau in Graz. Schräg gegenüber steht die Grazer Stadtpfarrkirche mit ihrer Barockfassade.

Die zerstörten Fenster wurden von dem im Dritten Reich als entartet geltenden Künstler Albert Birkle gestaltet. Er zeigt Hitler und Mussolini an der Seite der Peiniger Christi in einem der Fenster, ein Skandal in den 1950er Jahren.

Altar Raum der Stadtpfarrkirche

Und dann gibt es gleich neben unserem Hotel einen Aldi, der in Österreich Hofer heißt, aber das Logo von Aldi Süd trägt. Davor stehen Menschen mit aufgestapelten Bananenkisten, zum Teil schon voll, viele noch leer. Eine junge Frau der örtlichen Pfarrei verteilt Zettel mit Bitten um Lebensmittelspenden für Bedürftige. Wir decken uns mit Wasser, Naschis und Chips ein, kaufen ein Paket Kaffee extra, das tut unserem Portemonnaie nicht weh. Der Kaffee landet im Bananenkarton und wir vor dem Fernseher in unserer Hotelkemenate. Die Ausmaße des Zimmers haben verdächtig Ähnlichkeit mit dem Wohnmobil.

Off we go again!

Diesmal geht es nach Graz in Österreich, wir schieben ein verlängertes Wochenende vor eine Dienstreise und so wie es aussieht, fliegen wir noch einmal in den Sommer.

Aber zunächst geht es mit dem Flieger von Hamburg nach München. Sonnabend morgens, der Zubringerbus fährt schon um 5:15 Uhr ab. Die Discos haben noch geöffnet und es ist unerwartet viel los auf Kiels Straßen. Man kennt so etwas ja gar nicht mehr, wenn man ruhig und still in der nächtlichen Lärmkulisse des Erntemaschineneinsatzes (Maisernte steht aktuell an) auf dem Land wohnt.

Der Abflug aus Hamburg ist sehr schön, Alster und Elbe glitzern im strahlenden Sonnenschein. Die Fontäne in der Binnenalster ist noch ausgeschaltet. Die Elbphilharmonie und die Speicherstadt sehen winzig aus gegenüber dem Airbusgelände in Finkenwerder oder den Anlagen des Containerterminals auf der Südseite der Elbe. Autos strömen kontinuierlich aus dem Elbtunnel hinaus und in ihn hinein.

Wir wollten beim Boarding das Self-Check-In-Gerät nutzen, aber das wollte unsere mobile Bordkarte nicht lesen. Also ans Ende der anderen Schlange (die war natürlich etwas länger) angestellt. Siehe da, wir bekamen einen neuen Sitzplatz zugewiesen und fanden uns in Reihe vier, direkt hinter der Business Class wieder, nur durch einen schön in Falten gelegten Vorhang von ihr abgetrennt. Beim take-off hatte man die Anmutung, unter den blauen Faltenrock der Person vor einem auf der Treppe zu gucken.

Die erste Klasse ist nun also nur fünfzig Zentimeter von uns entfernt und wir können quasi hautnah berichten, wie die Unterschiede sind, trotz zugezogener Vorhänge. Zunächst einmal gibt es viel mehr Beinfreiheit, wobei wir schon das Gefühl von viel Platz in der Economy Class haben. Wir fliegen nämlich nicht mit einem der Billigflieger, sondern mit Lufthansa.

Für uns gibt es ein Mandel Tartlet (ist ein großer Keks, mit immerhin ganzen 2% Mandelanteil! und 26 weiteren Bestandteilen, es ist schon bedenklich, das zu verzehren) zum Getränk aus Papp- bzw. Plastikbecher. Das ist für uns auch ausreichend, denn wir haben bereits im Flughafen unser mitgebrachtes Frühstück verzehrt. In der ersten Klasse hingegen beginnt das große Klappern. Nicht vor Angst, sondern es gibt Frühstück auf Porzellan mit Metallbesteck, komplett mit Orangensaft, Erfrischungstuch und einem weiteren Becher Kaffee. Letzterer wäre nach dem trockenen „Mandel“keks auch für uns eine feine Idee, aber bei uns wird schon wieder abgeräumt statt nachgefragt. Wir genießen stattdessen schon wieder die sonnige Aussicht auf Deutschland.

In München haben wir drei Stunden Aufenthalt. Die Zeit vertreiben wir uns mit viel Kaffee und dem ausgiebigen Lesen der Süddeutschen Zeitung. Endlich hat man mal Ruhe zum Lesen, kein Einkauf und keine Arbeit im Garten steht dem im Wege. Hier auf dem Airport könnten wir auch ein bisschen Schlaf nachholen. Es gibt am Gate G06 sogenannte napcabs, Kabinen mit einem Bett, Internetzugang, Klimaanlage, sofort beziehbar mit Kreditkarte. Ein anderes Plakat wirbt mit „Zeit zum Ausruhen, Ruhe zum Arbeiten und Gelegenheit für ein bisschen Privatsphäre“. Wofür man letzteres gut nutzen könnte, bleibt der Fantasie der geneigten Leserschaft überlassen. Auf dem Foto ist die rechte Kabine tatsächlich belegt. Zwei Stunden kosten 30€, moderne Form eines Stundenhotels.

Napcabs next to Gate 06 in Munich, 30€ for 2 hours of …

Nach Graz gehts weiter in einem kleinen City Hopper, bei dem die Gepäckfächer zu klein sind für die üblichen Handgepäckskoffer, die kommen auf dem Rollfeld direkt in die Ladeluken. Auf diesem Flug gibt es den Keks bereits an der Tür, diesmal eine Schokoladenwaffel mit Kakao-Erdnuss-Creme. Hier beträgt der Schokoladenanteil immerhin 63%, Erdnussmasse beträgt ganze 0,9%. Dafür besteht die Schokolade aus unglaublichen elf Zutaten, dazu kommen dann noch die anderen 16 Bestandteile, die die Waffel zur Waffel machen. Sieht aber ausgewickelt gut aus und schmeckt.

Tasty, but do not read the list of ingredients!

Dann noch ein kleiner Fußweg zum Bahnsteig (angeblich 350m, aber das war die Entfernung zum nächsten Hinweisschild) auf einem Betongehweg neben der Straße, links und rechts Maisfelder, und nach ca. 10 Minuten sind wir am Hauptbahnhof, weitere 5 Minuten mit dem Bus später im Hotel.

PS: Woran merkt man, dass man doch älter wird? Nicht nur daran, dass die Polizisten immer jünger aussehen, sondern auch daran, dass Copiloten jetzt Janosch heißen 😆

Vejle City Camping

Bevor wir unsere Reise nach GB und in die USA angetreten sind, haben wir die Campingplatztauglichkeit unserer Ausrüstung in Dänemark und Holland ‚getestet‘ und, in Kombination mit den Platz-facilities für gut befunden. Wir hatten alles dabei und es funktionierte.

Unsere praktischen Erinnerungen an Campingplätze und Ausstattung sind aber geprägt von den Erfahrungen, die wir in den beiden englischsprachigen Ländern gemacht haben. Dort fehlte uns doch so manches, was inzwischen vergessen wurde. Seitdem wir hier in Vejle sind, fallen uns wieder die Unterschiede ein und auf.

Vejle City Camping ist echt zu empfehlen. Die Buchung über das Internet ist einfach. Und ab 56 Jahren (!) gibt es ein Seniorenangebot, das den günstigen Preis nochmals reduziert. Wir benötigen keine CampingCard wie sonst üblich. Ein Bäcker ist nebenan, Supermärkte schnell zu Fuß erreichbar. Der Platz ist klein und übersichtlich und von der Autobahn aus schnell zu erreichen.

Die sanitären Anlagen sind spotless clean, nicht einmal Spinnennetze in den Ecken oder Fliegenleichen in den Glasabdeckungen der Deckenlampen sind zu sehen. Im Gegensatz zu den USA wird hier die Reinigung nicht an ‚billig-billig‘ outgescourced, sondern selbst durchgeführt, wie in GB auch.

Die Abwaschküche ist nicht nur zum Abwaschen da, es gibt auch Kochplatten, Backöfen, einen Wasserkocher und man beachte das Waffeleisen auf der Mikrowelle. Undenkbar in den anderen Ländern, wäre schon längst geklaut worden.

Vor dem Küchenhaus finden wir einen kleinen Kräutergarten, wie wir ihn schon einmal in Rosemarkie auf der Black Isle in Schottland genossen haben.

Der Aufenthaltsraum besticht durch Größe und angenehme Einrichtung.

Der Aufenthalt im geliehenen Wohnmobil gefällt uns auch sehr. Wie schade, dass wir nicht einfach mit neuem Ziel zum nächsten Campingplatz fahren können.

Vejle City-Impressionen

Vom Campingplatz aus ist man in zwei Minuten mit dem Rad in der Innenstadt, zurück dauert die Strecke dann 15 Minuten (schieben!!). Nachdem unsere Hinterteile immer noch ein bisschen schmerzen, lassen wir die Räder auf dem Platz und gehen zu Fuß, dauert auch nur 15 Minuten. In Vejle findet man übrigens die Hälfte aller 20 steilsten Anstiege in ganz Dänemark. Im Wald am Campingplatz gibt es einen fünf Kilometer langen Trail für Mountainbike-Fahrer, der hügeligste in ganz Dänemark! Da erzähl mir doch noch mal jemand, dass Dänemark so flach ist.

Wir starten in der Fußgängerzone, fast einen Kilometer lang, mit einem schönen glatten Granitbelag (auch wenn das Foto etwas anderes suggeriert) und von zwei Flüssen begrenzt, im Norden von der Mühlenau, im Süden von der Vejle-Au.

Was die Runen wohl bedeuten? Das Zeichen für Bluetooth besteht übrigens aus den Runen für H und B, Harald Blauzahn.

Wir lassen uns ein bisschen treiben und stoßen auf interessante Dinge:

bunte Regenschirme in Midtpunkt
Recycling einmal anders: aus altem Holz wird ein neuer Baum
So gewöhnt man kleine Jungs am besten an den Friseurbesuch.

Gleich um die Ecke an einem Brunnen ein großer Sandkasten für Kinder, komplett mit Spielzeug. Am Abend liegt es immer noch dort. Eine freundliche Stadt, hier kommt wohl nichts weg.

Und dann finden wir auch modere Kunst und Architektur, sie liegen sozusagen auf der Straße. Vejle verwandelt die überflüssig gewordenen Hafenareale konsequent in Neues. Über die neue Hafenfront war hier im Blog schon was zu lesen. Auf dem Foto sind die Fünf Schwestern zu sehen, moderne Wohnungen in Innenstadtnähe. Die Balkonverkleidungen sind aus sandgestrahltem Glas.

Die Skulptur Stjernen (der Stern) vom dänischen Künstler Kristian von Hornsleth ist ein Deep Storage Project. Zu diesem Kunstwerk gibt es ein Zwillingsstück, das 4.000 DNA-Proben von Menschen aus aller Welt enthält. Es wurde am tiefsten Punkt der Erde versenkt, im Mariannengraben in 11.000m Tiefe.

Das 400 Meter lange Scrabble (noch im Bau) aus mehr als 11.000 Buchstaben befindet sich in der Flegmade, entworfen von Anders Bonnesen. Die Wörter sind literarischen Zitaten entnommen, man kann sich aber gut neue Zusammenhänge puzzeln und erlesen.

Zurück wollen wir eigentlich mit dem Bus fahren (um den steilen Hügel nicht schon wieder erklimmen zu müssen), dessen Haltestelle fast direkt am Campingplatz liegt. Aber den verpassen wir um zwei Minuten, und bevor der nächste in einer knappen halben Stunde kommt, sind wir doch schon den Berg hoch.

Abends werden wir von den Klängen des Open Air Konzertes von Rasmus Seebach beschallt, wenn der Wind aus Richtung Innenstadt weht.

Kongernes Jelling – das Zuhause der Wikingerkönige

Die Radtour nach Jelling (s. letzter Eintrag) machten wir nicht um der Tour selbst willen, wir wollten das UNESCO Welterbe der Grabhügel, der Runensteine und der Kirche besichtigen. Alles ist frei zugänglich, dazu gibt es ein sehr sehenswertes, multimedial runderneuertes Erlebniscenter, auch mit freiem Eintritt.

Das Wetter bleibt trotz des dramatisch aussehenden Himmels stabil trocken. Daher gucken wir uns zuerst die Außenanlagen an.

Diese bestehen aus zwei Grabhügeln, zwischen denen die Kirche liegt. Neben ihrem Eingang stehen die zwei berühmten Runensteine. Das neue Königsgeschlecht aus Jelling musste ein deutliches Zeichen ihrer Macht setzen. Das taten sie auf der höchsten Stelle in der Mitte Jütlands, in der Mitte zwischen den damals bedeutendsten Städten Århus und Ribe. Und es scheint ihnen gelungen zu sein, denn schon die nächste Generation stellte auch die Könige in England.

Der kleinere Stein wurde von Gorm dem Alten, Dänemarks erstem König um 950 zu Ehren seiner Frau Thyra errichtet. Die Runen bedeuten: „König Gorm errichtete dieses Denkmal für Thyra, seine Gattin, eine Zierde Dänemarks.“ An dieser Stelle wird Dänemark das erste Mal schriftlich erwähnt.

Der große Stein wurde von Gorms Sohn Harald Blauzahn als Statement seiner Macht und Ansprüche aufgestellt und von drei Seiten beschriftet. Die Inschrift lautet: „König Harald ließ dieses Denkmal zu Ehren seines Vaters Gorm und seiner Mutter Thyra. Der Harald, der ganz Dänemark und Norwegen gewann und die Dänen zu Christen machte.“ Harald übernahm das Christentum für sein Reich, und somit gilt der Stein quasi als Taufschein des Landes.

Die Kirche steht wahrscheinlich an der Stelle, an der einst das Langhaus Haralds gestanden haben mag. Aber schon in den späten 1000ern stand hier die erste Steinkirche.

Unter dem Kirchenboden liegen Gebeine, deren Untersuchungen ergeben haben, dass sie altersmäßig durchaus von König Gorm sein könnten. Die Stelle, an der sie immer noch liegen, ist im Boden mit einem Silberband gekennzeichnet.

Von den beiden Grabhügeln, die die Kirche nördlich und südlich flankieren, ist der Südhügel der größte je erbaute während der dänischen Wikingerzeit (10m hoch, 70m im Durchmesser). Er wurde nie für Beerdigungszwecke genutzt. Im Nordhügel war die Grabkammer fast leer, als man sie 1820 ausgrub. Man vermutet, dass die Überreste nach der Christianisierung in der Kirche beigesetzt wurden, der Knochenfund dort legt dies nahe.

Nordhügel mit Kirche

Beide Hügel werden eingerahmt durch eine riesige Grabmarkierung, einem Steinschiff, dem größten auf der Welt, 350 m lang. Laut der nordischen Mythologie konnten die Toten mit dem Schiff zu den Göttern in Valhalla Segeln. Weiße Betonsteine markieren heute die Position. Das Foto ist vom Nordhügel aus aufgenommen. Unter den Steinen dort wurden Steine des Original-Schiffes gefunden.

die Schiffsmarkierungen sind die spitz aufeinander zu laufenden Streifen, dahinter ist die stilisierte Palisade zu sehen

Die gesamte Anlage war eingefasst von einer Palisade, erbaut durch Harald Blauzahn in den späten 960ern, vier Meter hoch, insgesamt 1,4 km Gesamtlänge. Im Erlebniscenter haben wir Überreste der verwendeten Eichen gesehen, die Archäologen 2013 unterhalb des Teiches ausgegraben haben.

Palisadenreihe im Hintergrund

Der interaktive Rundgang im Erlebniscenter verdeutlicht eindrucksvoll die Welt der Wikinger. Zuerst sitzen wir im Langhaus um das Lagerfeuer herum und lauschen alten Geschichten. Kay nimmt natürlich Haralds Platz auf dem Thron ein.

Fundstücke aus der Grabkammer werden ‚lebendig‘, es wird gezeigt, wozu sie im damaligen Leben dienten. Am meisten hat uns die Reise unserer Körper nach dem Tod auf dem Schlachtfeld nach Walhalla beeindruckt. Über die Regenbogentreppe geht es dann hinauf in den ersten Stock, wo u.a. die lückenlose Abstammungslinie von Gorm dem Älteren bis hin zu Königin Margarete über 1000 Jahre hinweg gezeigt wird.

Ganz oben auf der Dachterrasse kann man nicht nur die Aussicht genießen, sondern mit Hilfe von digitalen Ferngläsern zurück in die Zeit bis in das 8. Jahrhundert reisen. Spannend!

die neue Fahrradtour-Variante: schieben oder bremsen, nichts anderes

Das Wetter ist doch besser als prognostiziert, wir haben Räder dabei, es gibt einen ganz neuen Wander- und Fahrradpfad durch das Grejs Å Tal, das Ziel ist so weit nicht weg (9 km mit dem Auto). Dann lassen wir das Wohnmobil doch wo es ist und fahren mit dem Fahrrad nach Jelling. Gute Idee!

Die Schwierigkeiten wären zwar sichtbar gewesen, aber irgendwie erreichten die Informationen nicht die richtigen Hirnareale im Vorwege. Die Räder sind klein, sind ja Klappräder, weit weg von Mountainbikes.

Die Tourbroschüre enthält zwar ein Höhenprofil, aber das Wissen um die Auswirkungen in der Praxis hielt sich bedeckt. Wir folgen ja dem Flusslauf, kann so steil nicht sein.

Die dänische Broschüre ist gut zu lesen, das entscheidende Wort ‚hügelig’ haben wir nicht rechtzeitig entziffert. Und auch die landeskundliche Information, dass der Fluss auf seiner Länge von 22 km ein Gefälle von 50 Metern hat, sagt uns nicht das richtige. Aber noch schlimmer: wir sind total untrainiert und die Medikamente bei Asthma sind zuhause.

Den Einstiegspunkt in die Tour finden wir mit maps.me hinter dem Krankenhaus und es geht direkt in den Wald hinein. Dort finden sich Wochenendhäuser zuhauf, wie man schon zu Beginn an den Briefkästen sehen kann.

Der Weg wird durch orangene (Wanderer) und grüne (Radfahrer) Pfeile angezeigt und führt auf Schotterwegen, Waldwegen und auf Asphalt im Grunde immer in Schienen- und Flussnähe durch ein eiszeitlich geformtes Gletschertal. Manchmal laufen Wanderweg und Radweg getrennte Wege.

Manchmal liegen Bäume quer, die dünneren räumt der alte Pfadi in Kay noch aus dem Weg, sonst tragen wir. Es geht an Bauernhöfen, an Feldrändern vorbei und durch Weidetore hindurch.

Wir fahren aber auch an Sommerhäusern und deren modernen Weiterentwicklungen vorbei und quer durch das Gelände eines Fliesenhändlers und eines Gartencenters hindurch.

Das Flusstal ist vor ca. 18.000 Jahren durch Erosion entstanden, als das Inlandseis wegschmolz.

Wir fahren (überwiegend mehr stark bremsen bzw. schieben als wirklich fahren) ca.18 km, das letzte Stück auf dem alten Heerweg.

schieben
bremsen

Als wir nach etwas mehr los zwei Stunden in Jelling ankommen, ist alles vergessen. Das Sejd-Café lockt mit lokalem Bier, leckerem Essen (darauf bekommen Studierende auch noch 10% Rabatt ) und bequemen Sitzen.

Open Sandwich
Viking tapas

Der Bahnhof für die Rückfahrt ist nur ein paar Schritte entfernt, die Fahrt dauert 15 Minuten und wir sehen den Pfad noch einmal rückwärts im Schnelldurchlauf. Die Zugtickets kosten 70 DKR für beide, die Fahrräder klappen wir zusammen, die fahren dann ohne Ticket (das hätten wir vorbestellen müssen, wussten wir nicht, hätten uns doof gestellt).

Am Krankenhaus steigen wir aus, klappen die Räder auf Normalgrösse aus und fahren/schieben zurück zum Campingplatz.

Ein anstrengender, aber sehr schöner Ausflug.

Floating Art 2018, Vejle

Der Campingplatz liegt nur ein paar Minuten (mit dem Rad) entfernt vom Fjord und dort, zwischen der Autobahnbrücke, die ihn überspannt, und dem neu entstehenden Stadtteil am Wasser, hat das Vejle Kunstmuseum in dieser Saison sozusagen eine Dependance. Bei der Floating Art 2018 zeigen elf junge Künstler und Architekten sehr unterschiedliche Werke zum Thema Wasser. Einige schauen wir uns von der Küste aus an (bevor der immer undurchsichtiger werdende Sprühregen uns stoppt:

Flooded Modernity – die im Verhältnis 1:2 nachgebaute Villa Savoye von Le Corbusier, versenkt im Fjord.
Vejle Svømmehal 1:2 – eine Kopie der Schwimmhalle, bei Hochwasser ist Zweidrittel des Objekts unter Wasser und verwischt bei Sonnenschein mit den Spiegelungen die Realitäten (ist beides bei unserem Besuch grad nicht available).
Mycelium Moon – zwei Ökosysteme, die sich treffen: ein lebender Pilzorganismus trifft auf die Wasserwerk des Fjords mit einem unbestimmten, nicht vorhersagbaren Ergebnis.
Papkasserne – drei schwimmende geschlossene Pappkartons, was mag sich da wohl drin befinden? Handgefertigt nach den Regeln des goldenen Rechtecks, überzogen mit Wachs und Latex und einem geheimen Inhalt.
Objekt Uidentificeret – ein außerirdisches Objekt, das die komplexe Sprache der Seezeichen in sich vereint.
Data Traveler – drei ‚Steine‘ (zumindest die äußere Schicht), eigentlich Abstraktionen von Stein, in sich gedreht/ gewendet/umgestülpt.

Man könnte auch auf einer speziellen Kunst-und Architektur-Hafenrundfahrt zusammen mit einer Kunsthistorikerin und einer Architektin alles Objekte anfahren. Aber darum haben wir uns leider zu spät gekümmert – alles ausgebucht! Schade!!

Dafür sind andere, die neue Silhouette Vejles bestimmende, Gebäude schon (fast) fertig:

Bølgen (die Welle), neunstöckige Wohngebäude, die ersten drei Wellenkämme sind schon bewohnt, mit großartigem Ausblick auf den Fjord, entworfen von Henning Larsen Architects, rechts im Bild. Ganz links Havneøen, neun weitere, zum Teil noch im Bau befindliche Wohntürme im Hafenbecken mit Luxuswohnungen, einer umlaufenden Promenade und eigenem Hafenplatz. Und in der Bildmitte die neue Marina mit mehr als 600 Liegeplätzen, einem schwimmenden Kayak-Klubhaus (das dunkle Gebäude hinter den Yachten) und einer gezimmerten Insel davor.

Fjordenhus – der niegelnagelneue Hauptsitz von Kirk Kapital, entworfen von Olafur Eliason und für die Öffentlichkeit offen (zumindest im Erdgeschoss).

On the road again

Grad noch in London, schwupps sind wir in Dänemark!

Dieses Reisejahr entpuppt sich als sehr vielseitig, Europa steht im Vordergrund. Kurz vor Ende der Sommerferien machen wir noch einen Kurzurlaub in Vejle.

Dafür haben wir uns ein Wohnmobil gemietet. Und was soll man sagen: wir stehen auf dem Campingplatz und schon nach kürzester Zeit stellt sich das langvermisste, aber so sehr vertraute Gefühl ein, das unsere lange Weltreise während des Sabattjahres bestimmt hat. Wer erst später in den Blog eingestiegen ist, könnte einen Blick in die Reisen von 2015-16 werfen, um zu verstehen, was gemeint ist.

Und das Gefühl ist toll!! Wir brauchen unbedingt ein Wohnmobil, damit wir auch mal zwischendurch an Wochenenden wegfahren könnten. Bis das allerdings finanziell zu realisieren ist, mieten wir halt eines, die Website PaulCamper ist dafür eine gute Anlaufstelle. Die Übernahme in Kiel verläuft einwandfrei, die Besitzer haben das Gefährt super ausgestattet. Wir müssen nur noch unseren privaten Kram verstauen und dann kann es auch schon losgehen.

Die größeren Ausmaße sind gewöhnungsbedürftig. Was den vorhandenen Stauraum angeht, nicht so, wir bekommen gar nicht alle Schränke voll. Aber ein festes Bett (sehr angenehm, wir schlafen nicht mehr auf der Wohnzimmergarnitur) und eine große Nasszelle fordern ihren Tribut (yipee, nicht mehr nachts im Regen quer über den Platz zur Toilette), und so ist das Gefährt immerhin gute sechs Meter lang und über zwei Meter breit. An das Fahren gewöhnt man sich am besten auf der Autobahn, praktischerweise liegt unser Ziel auch fast direkt an derselben.

Der Ford Transit dieselt laut, aber zuverlässig herum und der Motor ist stark genug, um die 3,5 Tonnen auch mit Hundert km/h über die dänischen Hügel zu bringen. Nach wenigen Stunden sind wir angekommen, Strom ist angeschlossen, alle relevanten Schalter gekippt bzw. gedrückt und es gibt Tee und Gebäck. Die Campingroutinen sind wieder reaktiviert und irgendwann, bevor die Autobatterie zuviel Saft verliert, fällt uns auch wieder ein, dass die Sicherung am Stromkasten des Campingplatzes angeschaltet werden muss.

Es geht uns gut!

Nachlese mit bits and bobs – eine kleine Bildergalerie

Was haben wir sonst noch so gesehen und gehört in London, was bisher in keinen Blogbeitrag passte:

Ein kleines pinkes, auf den ersten Blick sehr flauschig anmutendes Auto in Crouch End, das uns freundlich anblinzelt.
Der Lieferwagen einer Firma für special effects bei Film und Fernsehen, bei dem das Zublinzeln etwas anders ausfiel.
Ein Telefon in der City, mit dem aufmerksame Bürger direkt und kostenlos mit der Polizei verbunden wurden. Inzwischen ist es außer Betrieb und man wird gebeten, das nächstgelegene Münztelefon zu benutzen.
Einen kommunalen Garten als Sommerprojekt der Tate Britain in Westminster, bestückt mit Pflanzen, die die kulturelle Vielfalt der Londoner Bevölkerung spiegeln und deren Brunnen erst zu sprudeln beginnen, wenn sich die Besucher miteinander unterhalten.

Etliche Konditoreien in Haringey, die auf Torten spezialisiert sind:

Ausschnittsvergrößerung
Wassersäcke in der City, die die jungen Bäume in der Hitze nachhaltig wässern.
Ein fliegendes Trapez in Knightsbridge, an dem man das Fliegen üben kann; aufgebaut auf dem Rasen neben dem Albert-Memorial. Das hätte Queen Victoria aber nicht erlaubt!!

Eine kurze Geschichte des Fußballs von 1314 bis 1584 in London in der Guildhall: wegen des Aufruhrs immer wieder verboten worden, das Fußballspielen blieb trotzdem ein populäres Freizeitvergnügen.

Einen Laden für Perücken in Finsbury Park.
Eine ehemalige Kirche in Muswell Hill, in der jetzt ein Steakhouse residiert.

Ein Dekostück aus vergangenen Zeiten in unserem Quartier, das dann doch noch seinem ursprünglichen Zweck gerecht wird und nicht nur Deko ist:

Und dann noch viele nette Menschen, mit denen wir ins Gespräch kamen:

Eine freiwillige Verkäuferin in einem Charity Shop, die, obwohl Kind von Nazi-Deutschland vertriebener Eltern, vor kurzem die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt hat und uns mit „Tschüss“ verabschiedet.

Einen indischer Restaurantbesitzer in Finsbury Park, der seinen 350 CDI Mercedes Benz mit der Drei-Liter-Maschine gern mal auf einem Roadtrip auf Nordeuropas Autobahnen ausfahren möchte.

Ein indischer Filmemacher und Autor, der mit uns im Haus zu Gast war und mit dem wir uns über die unterschiedlichen (Adels-) Titel in ihrer männlichen und weiblichen Form im Deutschen und Englischen unterhalten haben und der uns auch mit „Tschüss“ verabschiedete.

Und die eine Rückfahrt mit der Bahn abends, hungrig und erschöpft, bei der wir den Ansagen am Bahnhof Finsbury Park nicht zuhörten (betrifft uns ja nicht), um dann kurz darauf unseren Aussteigebahnhof an uns vorbei fliegen zu sehen! Beim nächsten Stopp steigen wir aus, rennen zum gegenüberliegenden Gleis, entern den Zug zurück und es passiert tatsächlich das gleiche noch mal! Wir landen wieder in Finsbury Park, wieder an unserem Ausstieg vorbei. Aus lauter Frust sind wir dann zu Fuß nach Hause gelaufen.

Highgate Cemetery

Bei 28 Grad ist es eine gute Idee, Schatten zu suchen. Diesmal finden wir ihn nicht in einer Kunstgalerie, sondern auf einem Friedhof. Wir fahren mit dem Bus nach Highgate und lernen nebenbei noch, was „Hail & Ride“ auf der Ansage im Bus bedeutet. In den Straßen hält man einfach die Hand heraus und der Bus stoppt. Inzwischen funktioniert das Busfahren nur noch bargeldlos. Entweder hat man eine Oyster Card oder man bezahlt contactless mit der Kreditkarte. Sonst muss man leider laufen.

Steven erklärt die Bedeutung der unterschiedlichen Symbole.

Der Friedhof, einer der ersten privaten Garten-Friedhöfen in England, eröffnet 1839, besteht aus zwei Bereichen, in den älteren Teil West Cemetery kommt man nur mit einer geführten Tour hinein. Im letzten Jahrhundert wurde im Laufe von Vampir-Filmaufnahmen und Besuchern, die daraufhin kamen, sehr viel zerstört, daher der limitierte Zugang. Unser Guide Steven ist sehr unterhaltsam mit den unterschiedlichen Geschichten, die er zu erzählen hat.

Die Totenglocke befindet sich in dem Erker über der Toreinfahrt.

Das Eingangsgebäude enthielt außer den Büroräumen für den Direktor des Friedhofs im Obergeschoss zwei Kapellen im Erdgeschoss. In der Mitte befindet sich der Glockenturm. For whom the bell tolls – zur Beerdigung erklangen drei Glockenschläge für einen Mann, zwei für eine Frau und dann noch für jedes Lebensjahr ein Glockenschlag. Man stelle sich vor, man stirbt mit 102 Jahren! Aber in viktorianischen Zeiten wurde man nicht so alt, dass die Glocke minutenlang schlug. Die erste Frau, die hier 1839 begraben wurde, war 36 Jahre alt, immerhin schon zwei Jahre über dem Durchschnitt der Mittelklasse. Adlige wurden durchaus viel älter.

Das Grabmal der Familie Mears sieht aus wie ein Glockenturm, kein Wunder, denn der Familie gehörte die größte Glockengießerei im Lande in Whitechapel (heute heißt sie Whitechapel Bell Foundry). Sie besaßen nahezu das Monopol für Kirchenglocken. Es gibt fast keine Kirche in England, in der nicht mindestens eine Glocke aus ihrer Gießerei stammt. Die berühmtesten sind sicherlich die große Glocke im Elizabeth Tower des Parlaments, landläufig auch als Big Ben bekannt und die Liberty Bell in Philadelphia, USA.

Links im Bild der Eingang zur Egyptian Avenue.

Die Egyptian Avenue, deren Eingang von Obelisken flankiert wird, war einer der prestigeträchtigsten Werbemaßnahmen auf jedem Verkaufsprospekt, denn das Interesse an den ägyptischen Altertümern war hoch zur Gründungszeit des Friedhofs. Zudem entsprach der Erhalt des Körpers nach dem Tod den Vorstellungen der Zeit.

Der obere Teil der Zeder, am unteren Bildrand kann man gerade noch die Grabkammern erkennen.
Die Zeder von unten mit den ägyptisch inspirierten Grabkammern rund um Ihren Stamm.
Die klassisch inspirierten Grabkammern auf dem Außenkreis der Avenue.

Diese Avenue führt zum Circle of Lebanon, in dessen Mitte eine gigantische, sehr alte Zeder, schon aus Vorfriedhofszeiten, steht. Der Baum war Teil des Grundstücks eines Herrenhauses, das 1830 verkauft und abgerissen wurde, um Platz für die jetzige Kirche zu schaffen. Die Friedhofsdesigner bauten die Zeder als zentralen Punkt ein, und heute wirkt sie wie ein gigantischer Bonsai, da die Basis des Baumes von den kreisförmig angelegten Graberkammern umrahmt wird. Diese sind auf der Innenseite auch im ägyptischen Stil erbaut, der Außenring ist später dazu gekommen und im klassischen Stil erbaut.

Hier liegt die erste erfolgreiche lesbische Schriftstellerin Englands, Radclyffe Hall (1880-1943), begraben am Eingang der Grabkammer ihrer ersten Geliebten, mit der sie nach dem Tod deren Ehemanns, der dort auch begraben ist, offen zusammenlebte.

Das Grabmal von George Wombwell, einem sehr erfolgreichen Menageristen. Er war der erste, der wilde Tiere von Schiffen kaufte, die aus fernen Ländern in London ankamen und sie gegen Geld ausstellte. Zu Bestzeiten bestand die Menagerie aus fünfzehn vergitterten Wagen, in denen die Tiere zu bestaunen waren. Wenn das Unternehmen in eine neue Stadt zum Jahrmarkt einzog, gingen die Elefanten vorweg, gefolgt von einer Blaskapelle und den von Pferden gezogenen Wagen.

Wombwell gelang es, den ersten in Gefangenschaft geborenen Löwen aufzuziehen. Er nannte ihn Wallace, nach dem Schotten William Wallace. Auf dem Grabmal ist aber Nero zu sehen, ein sehr friedlicher Löwe, der eigentlich immer nur schlief. Ganz im Gegenteil zu Wallace, der alles zerfleischte. Zu seiner Zeit war Wombwell so berühmt, dass Prinz Albert, der Ehemann von Königin Victoria, ihn um Rat für seine Hunde fragte. Als Bezahlung wünschte sich Wombwell Holz von einem gerade geborgenen königlichen Schiff. Aus der Eiche ließ er einen Sarg für sich anfertigen, den er gegen einen Extra-Eintritt ebenfalls erfolgreich ausstellte. 1850 wurde er darin auch begraben.

Blick in einige der Gräber in den Katakomben

Die Tour führt weiter in die Katakomben, in denen wir mit einer interessanten Beerdigungsvariante bekannt gemacht werden. Hinter den Platten liegen die Särge mit den Füßen voran, damit man bei einem Besuch mit dem Kopf des Verstorbenen sprechen konnte. Die Menschen zur der Zeit wollten die toten Körper möglichst lange konservieren. Daher wurden sie zuerst fest in Seide eingewickelt, um dann in einen Zinksarg gelegt zu werden, der mit Ulmenholz ausgekleidet war. Dann wurde das Zink auf Hochglanz poliert, um anschließend in einen weiteren Sarg, diesmal aus Eiche zu verschwinden, der dann in die Grabkammer geschoben wurde.

Die Gräber waren, je nach Lage, zum Teil sehr teuer. Das musste man sich erst einmal leisten können. Gleichzeitig sollte, nicht nur den Hinterbliebenden, sondern vielmehr der Gesellschaft und den Touristen, von denen es damals auf Friedhöfen schon sehr viele gab, gezeigt werden, zu was man es zu Lebzeiten gebracht hatte. Ein schönes Beispiel stellt die Familie Dalziel dar. Sie waren erfolgreiche Wollhändler und kauften sich eine Grabkammer in der renommierten Egyptian Avenue, die natürlich angemessen, mit all den anderen Kammern links und rechts bewundert wurde. Doch die Geschäfte liefen noch besser und das Bedürfnis wuchs, an prominenterer Stelle dafür bewundert zu werden. Also ließ man gleich am Eingang des 1860 eröffneten East Cemetery ein Mausoleum in ziemlich auffälligem rosafarbenen Stein erbauen.

Soweit die Geschichte, die uns Steven erzählte; aber es ist nur eine gut erzählte Geschichte, wie sich bei Recherchen herausstellte.

Grabkammer der berühmten Gebrüder Dalziel (auch die Schwester arbeitete im Familienunternehmen mit), sieben von acht Brüdern gründeten eine sehr erfolgreiche Holzschnitz- und Gravierfirma in London, die mit namhaften Künstlern zusammenarbeiteten. Sie stammen aus der nordenglischen Stadt Wooler.
Mausoleum der Familie Dalziel aus London, der erste Baron erhielt den Titel Baron of Wooler (mit Ländereien in Nordengland) für seine Verdienste als sehr erfolgreicher und einflussreicher Zeitungsverleger und konservativer Politiker.

Damit sind wir auf Highgate Cemetery East angekommen, die notwendige Erweiterung nach nur 30 Jahren und nicht so sehr auf Imponiergehabe angelegt, sondern eher auf maximale Ausnutzung des zur Verfügung stehenden Platzes.

Der berühmteste Tote hier ist wohl Karl Marx, der, als er starb, in einem sehr bescheidenen Grab mit nur elf Trauernden beigesetzt wurde. 1953 wurde er und seine Familienangehörigen umgebettet. Das Grab krönt eine riesige Bronzebüste auf einem Marmorsockel, und alles wurde von der Kommunistischen Partei Großbritanniens bezahlt.

Aber auch andere Prominente aus allen Bereichen des Lebens sind hier begraben, die meisten sind wohl eher nur den Briten bekannt. Aber wir haben noch einige Gräber von Menschen gesehen, die wir von Namen oder Werk her kennen:

das Grab von Patrick Caulfield, einem britischen Maler und Grafiker
das Grab von Malcolm McLaren, u.a.dem Manager der Sex Pistols und Designer
das Grab von Claudia Jones, der in Trinidad geborenen Journalistin und Aktivistin, die den berühmten Notting Hill Carnival gegründet hat
das Grab von Douglas Adams, dem Autor von „Per Anhalter durch die Galaxis“
das Grab der österreichischen Bildhauerin Anna Mahler, Tochter von Gustav Mahler