Highgate Cemetery

Bei 28 Grad ist es eine gute Idee, Schatten zu suchen. Diesmal finden wir ihn nicht in einer Kunstgalerie, sondern auf einem Friedhof. Wir fahren mit dem Bus nach Highgate und lernen nebenbei noch, was „Hail & Ride“ auf der Ansage im Bus bedeutet. In den Straßen hält man einfach die Hand heraus und der Bus stoppt. Inzwischen funktioniert das Busfahren nur noch bargeldlos. Entweder hat man eine Oyster Card oder man bezahlt contactless mit der Kreditkarte. Sonst muss man leider laufen.

Steven erklärt die Bedeutung der unterschiedlichen Symbole.

Der Friedhof, einer der ersten privaten Garten-Friedhöfen in England, eröffnet 1839, besteht aus zwei Bereichen, in den älteren Teil West Cemetery kommt man nur mit einer geführten Tour hinein. Im letzten Jahrhundert wurde im Laufe von Vampir-Filmaufnahmen und Besuchern, die daraufhin kamen, sehr viel zerstört, daher der limitierte Zugang. Unser Guide Steven ist sehr unterhaltsam mit den unterschiedlichen Geschichten, die er zu erzählen hat.

Die Totenglocke befindet sich in dem Erker über der Toreinfahrt.

Das Eingangsgebäude enthielt außer den Büroräumen für den Direktor des Friedhofs im Obergeschoss zwei Kapellen im Erdgeschoss. In der Mitte befindet sich der Glockenturm. For whom the bell tolls – zur Beerdigung erklangen drei Glockenschläge für einen Mann, zwei für eine Frau und dann noch für jedes Lebensjahr ein Glockenschlag. Man stelle sich vor, man stirbt mit 102 Jahren! Aber in viktorianischen Zeiten wurde man nicht so alt, dass die Glocke minutenlang schlug. Die erste Frau, die hier 1839 begraben wurde, war 36 Jahre alt, immerhin schon zwei Jahre über dem Durchschnitt der Mittelklasse. Adlige wurden durchaus viel älter.

Das Grabmal der Familie Mears sieht aus wie ein Glockenturm, kein Wunder, denn der Familie gehörte die größte Glockengießerei im Lande in Whitechapel (heute heißt sie Whitechapel Bell Foundry). Sie besaßen nahezu das Monopol für Kirchenglocken. Es gibt fast keine Kirche in England, in der nicht mindestens eine Glocke aus ihrer Gießerei stammt. Die berühmtesten sind sicherlich die große Glocke im Elizabeth Tower des Parlaments, landläufig auch als Big Ben bekannt und die Liberty Bell in Philadelphia, USA.

Links im Bild der Eingang zur Egyptian Avenue.

Die Egyptian Avenue, deren Eingang von Obelisken flankiert wird, war einer der prestigeträchtigsten Werbemaßnahmen auf jedem Verkaufsprospekt, denn das Interesse an den ägyptischen Altertümern war hoch zur Gründungszeit des Friedhofs. Zudem entsprach der Erhalt des Körpers nach dem Tod den Vorstellungen der Zeit.

Der obere Teil der Zeder, am unteren Bildrand kann man gerade noch die Grabkammern erkennen.
Die Zeder von unten mit den ägyptisch inspirierten Grabkammern rund um Ihren Stamm.
Die klassisch inspirierten Grabkammern auf dem Außenkreis der Avenue.

Diese Avenue führt zum Circle of Lebanon, in dessen Mitte eine gigantische, sehr alte Zeder, schon aus Vorfriedhofszeiten, steht. Der Baum war Teil des Grundstücks eines Herrenhauses, das 1830 verkauft und abgerissen wurde, um Platz für die jetzige Kirche zu schaffen. Die Friedhofsdesigner bauten die Zeder als zentralen Punkt ein, und heute wirkt sie wie ein gigantischer Bonsai, da die Basis des Baumes von den kreisförmig angelegten Graberkammern umrahmt wird. Diese sind auf der Innenseite auch im ägyptischen Stil erbaut, der Außenring ist später dazu gekommen und im klassischen Stil erbaut.

Hier liegt die erste erfolgreiche lesbische Schriftstellerin Englands, Radclyffe Hall (1880-1943), begraben am Eingang der Grabkammer ihrer ersten Geliebten, mit der sie nach dem Tod deren Ehemanns, der dort auch begraben ist, offen zusammenlebte.

Das Grabmal von George Wombwell, einem sehr erfolgreichen Menageristen. Er war der erste, der wilde Tiere von Schiffen kaufte, die aus fernen Ländern in London ankamen und sie gegen Geld ausstellte. Zu Bestzeiten bestand die Menagerie aus fünfzehn vergitterten Wagen, in denen die Tiere zu bestaunen waren. Wenn das Unternehmen in eine neue Stadt zum Jahrmarkt einzog, gingen die Elefanten vorweg, gefolgt von einer Blaskapelle und den von Pferden gezogenen Wagen.

Wombwell gelang es, den ersten in Gefangenschaft geborenen Löwen aufzuziehen. Er nannte ihn Wallace, nach dem Schotten William Wallace. Auf dem Grabmal ist aber Nero zu sehen, ein sehr friedlicher Löwe, der eigentlich immer nur schlief. Ganz im Gegenteil zu Wallace, der alles zerfleischte. Zu seiner Zeit war Wombwell so berühmt, dass Prinz Albert, der Ehemann von Königin Victoria, ihn um Rat für seine Hunde fragte. Als Bezahlung wünschte sich Wombwell Holz von einem gerade geborgenen königlichen Schiff. Aus der Eiche ließ er einen Sarg für sich anfertigen, den er gegen einen Extra-Eintritt ebenfalls erfolgreich ausstellte. 1850 wurde er darin auch begraben.

Blick in einige der Gräber in den Katakomben

Die Tour führt weiter in die Katakomben, in denen wir mit einer interessanten Beerdigungsvariante bekannt gemacht werden. Hinter den Platten liegen die Särge mit den Füßen voran, damit man bei einem Besuch mit dem Kopf des Verstorbenen sprechen konnte. Die Menschen zur der Zeit wollten die toten Körper möglichst lange konservieren. Daher wurden sie zuerst fest in Seide eingewickelt, um dann in einen Zinksarg gelegt zu werden, der mit Ulmenholz ausgekleidet war. Dann wurde das Zink auf Hochglanz poliert, um anschließend in einen weiteren Sarg, diesmal aus Eiche zu verschwinden, der dann in die Grabkammer geschoben wurde.

Die Gräber waren, je nach Lage, zum Teil sehr teuer. Das musste man sich erst einmal leisten können. Gleichzeitig sollte, nicht nur den Hinterbliebenden, sondern vielmehr der Gesellschaft und den Touristen, von denen es damals auf Friedhöfen schon sehr viele gab, gezeigt werden, zu was man es zu Lebzeiten gebracht hatte. Ein schönes Beispiel stellt die Familie Dalziel dar. Sie waren erfolgreiche Wollhändler und kauften sich eine Grabkammer in der renommierten Egyptian Avenue, die natürlich angemessen, mit all den anderen Kammern links und rechts bewundert wurde. Doch die Geschäfte liefen noch besser und das Bedürfnis wuchs, an prominenterer Stelle dafür bewundert zu werden. Also ließ man gleich am Eingang des 1860 eröffneten East Cemetery ein Mausoleum in ziemlich auffälligem rosafarbenen Stein erbauen.

Soweit die Geschichte, die uns Steven erzählte; aber es ist nur eine gut erzählte Geschichte, wie sich bei Recherchen herausstellte.

Grabkammer der berühmten Gebrüder Dalziel (auch die Schwester arbeitete im Familienunternehmen mit), sieben von acht Brüdern gründeten eine sehr erfolgreiche Holzschnitz- und Gravierfirma in London, die mit namhaften Künstlern zusammenarbeiteten. Sie stammen aus der nordenglischen Stadt Wooler.
Mausoleum der Familie Dalziel aus London, der erste Baron erhielt den Titel Baron of Wooler (mit Ländereien in Nordengland) für seine Verdienste als sehr erfolgreicher und einflussreicher Zeitungsverleger und konservativer Politiker.

Damit sind wir auf Highgate Cemetery East angekommen, die notwendige Erweiterung nach nur 30 Jahren und nicht so sehr auf Imponiergehabe angelegt, sondern eher auf maximale Ausnutzung des zur Verfügung stehenden Platzes.

Der berühmteste Tote hier ist wohl Karl Marx, der, als er starb, in einem sehr bescheidenen Grab mit nur elf Trauernden beigesetzt wurde. 1953 wurde er und seine Familienangehörigen umgebettet. Das Grab krönt eine riesige Bronzebüste auf einem Marmorsockel, und alles wurde von der Kommunistischen Partei Großbritanniens bezahlt.

Aber auch andere Prominente aus allen Bereichen des Lebens sind hier begraben, die meisten sind wohl eher nur den Briten bekannt. Aber wir haben noch einige Gräber von Menschen gesehen, die wir von Namen oder Werk her kennen:

das Grab von Patrick Caulfield, einem britischen Maler und Grafiker
das Grab von Malcolm McLaren, u.a.dem Manager der Sex Pistols und Designer
das Grab von Claudia Jones, der in Trinidad geborenen Journalistin und Aktivistin, die den berühmten Notting Hill Carnival gegründet hat
das Grab von Douglas Adams, dem Autor von „Per Anhalter durch die Galaxis“
das Grab der österreichischen Bildhauerin Anna Mahler, Tochter von Gustav Mahler

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