Auf nach Berlin – eine unerwartete Landpartie durch Brandenburg (Sommer 2022)

Das aktuelle Sabbatjahr liegt in den letzten Zügen, wir wollen es noch in vollen Zügen genießen, letzteres aber nur im übertragenen Sinne. Darum machen wir uns mit dem Auto auf den Weg nach Karlsbad in Tschechien, ein bisschen Kur-Urlaub kann ja nicht schaden. Damit wir nicht wieder so exzessiv on the road sind wie bei unserem letzten USA-Aufenthalt, wollen wir auf dem Hinweg einen Übernachtungsstopp in Berlin einlegen. Der Reisetag (Sonnabend) ist unglücklich gewählt, denn just an diesem Wochenende wird der Elbtunnel in Hamburg komplett gesperrt. Da wollen wir zwar gar nicht durch, doch die vielen Menschen, die das müssen, teilen die Straßen Richtung Süden mit uns. Das werden heute ganz viele sein, denn sechzehn Bundesländer haben Ferien, und Schleswig-Holstein ist eine beliebte Feriendestination. Außerdem ist es Transitland Richtung Skandinavien, und sonnabends ist in Dänemark Bettenwechsel.

Wir fahren so früh los, dass wir vor der Bettenwechslerlawine im Süden von Schleswig-Holstein sein werden. Doch schon hinter Kiel stoppt und go‘t es sich auf 14 Kilometer Richtung A21. Hinter Bad Segeberg wird die Fahrbahndecke der A21 erneuert. Wir umfahren den zähfließenden dichten Verkehr aufgrund von Ortskenntnissen. Am Ende der A21 ist die direkte Weiterfahrt zur Anschlussstelle auf die A24 gesperrt. Wir müssen erst einmal wieder gen Hamburg fahren: A1 (hier noch nicht verstopft), ein Stückchen übers Land, dann endlich auf die A24; Berlin, wir kommen. Die Fahrt durch Mecklenburg-Vorpommern läuft, der Himmel wird blauer, die Lufttemperaturen steigen.

Wir überqueren bald die Landesgrenze zu Brandenburg und landen unversehens auf dem temporären Großraumparkplatz ‚Autobahndreieck Wittstock/ Dosse‘. Nach einer Stunde Halbmeter um Halbmeter nach vorne rutschend haben wir die Nase voll und verlassen die Autobahn (das Navi bekommt Autobahn-Planungsverbot). Die letzten 100 Kilometer nach Berlin geht es über Land. Glücklicherweise werden hier immer noch EU-Mittel verbaut und die meisten Straßen sind richtig gut. Die Getreideernte ist in Gang, wir fahren durch Alleen und durch viele Ortschaften, die auf -ow enden. Werden die nun ‚off‘ oder ‚oh‘ ausgesprochen, wir wissen es nicht. Es wird immer wärmer, in der Mark Brandenburg steht die Hitze.

Das Navi plant die Strecke gut, doch es kennt natürlich nicht alle Straßensperrungen. Sommerzeit – Straßenbauzeit! Wir folgen zusätzlich den örtlichen Umleitungsschildern und überqueren schließlich mit anderthalb Stunden Verspätung die Berliner Stadtgrenze. Der Berliner Bär empfängt uns ganz lässig in der Sonne sitzend. In Heiligensee erwarten uns die Freunde mit Kaffee und Kuchen im Garten. Welch eine Freude!

Zum Ausgleich machen wir anschließend einen langen Spaziergang. Der führt uns zuerst zur ehemaligen „Grenzübergangsstelle Stolpe“, an der die Transitautobahn von Hamburg kommend auf West-Berlin stieß. Die Autobahn wurde damals von der DDR gebaut, aber komplett von der Bundesrepublik Deutschland bezahlt. Wenn schon Westdeutschland unbedingt West-Berlin besuchen muss, dann bezahlt da bitte schön auch für. So war es damals.

Dann geht es auf dem ‚Berliner Mauerweg‘ weiter. Auf dem heute asphaltierten Weg patrouillieren früher die DDR-Grenzer auf einem Betonplattenweg. Der ehemalige Todesstreifen hat sich in den letzten 33 Jahren trotz massivem Pestizideinsatz zu DDR-Zeiten in einen Wald verwandelt.

Dort finden wir in regelmäßigen Abständen Betonüberreste, an denen früher die Schilder „Achtung! Sie verlassen den französischen Sektor“ hingen. Heutzutage geht höchstens von den Wildschweinen eine Gefahr aus, aber die haben wir nicht gesichtet.

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