Michael Jackson in Bonn

Angesichts des sich nicht sehr sommerlich gerierenden Sommers in Schleswig-Holstein fahren wir dahin, wo Bekannte wohnen und arbeiten und über die nächtliche Hitze in den Dachwohnungen stöhnen – nach Bonn. Die Stadt machte einen ordentlichen Eindruck auf Kay, als er dort während seiner Konzerttour in den Osterferien einen Stopp einlegte, und dass, obwohl das Beethovenhaus wegen Renovierung geschlossen hatte. Letzteres war immer noch geschlossen, aber auch sonst hat Bonn für uns eine Menge zu bieten. Die Temperaturen sind nur unwesentlich höher als bei uns, es fühlt sich aber aufgrund der Abwesenheit von Wind wärmer an.

Unser B&B-Hotel liegt in fußläufiger Nähe zur Altstadt und praktischerweise dicht an einer U-Bahn-Station, deren Linie 16 uns in kurzer Zeit direkt an die Museumsmeile bringt. Dort sind Mitte der 1990er innerhalb weniger Jahre mehrere Museumsneubauten entstanden, einige praktischerweise mit einem eigenen U-Bahnhalt, oder aber nicht weit davon entfernt. Die Meile beginnt im Norden mit dem zoologischen Museum Koenig, gefolgt vom Haus der Geschichte. Noch ein Stückchen weiter gehen und man erreicht quasi ein Doppelpack, das Kunstmuseum Bonn und die Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, auch kurz Bundeskunsthalle genannt. Einige davon wollen wir uns in den nächsten Tagen anschauen.

Wir starten mit letzterer, denn dort geht gerade eine Michael-Jackson-Ausstellung zuende, die wir uns doch gern noch ansehen wollen. Die Ausstellung wurde von der National Portrait Gallery in London konzipiert und heißt Michael Jackson: On the Wall. Sie hat nicht den Künstler, die meist dargestellte Figur der Medienwelt, selbst im Blickpunkt, sondern untersucht den Einfluss Jacksons auf einige der führenden Persönlichkeiten der zeitgenössischen bildenden Kunst.

Die Ausstellung wurde vor der Veröffentlichung des Films „Leaving Neverland“ konzipiert und sollte (zu Recht, wie wir finden, da Kunstwerke gezeigt werden, die sich mit Leben und Werk Michael Jacksons auseinander setzen) trotzdem in geplanter Form in Bonn stattfinden. Hier sind täglich Kunstvermittler anwesend, die sich mit den Besuchern über Werke und auftretende Fragen sprechen. Wir trafen gleich zu Beginn kurz und dann am Ende unseres Rundgangs etwas länger auf ihn und nutzten die Gelegenheit, uns über verschiedene Kunstwerke, vor allem aber auch über die Musik auszutauschen.

Die Ausstellung beginnt mit einer Skulptur, die auf die berühmte Tanzbewegung, den Freeze, anspielt, bei dem Jackson auf den Schuhspitzen balanciert. Der Künstler war beeindruckt von den Tanzbewegungen, die zu Ikonen in Bezug auf Gestik und Kostüm erhoben wurden. Alle kennen diese Bewegungen und denken sofort an Michael Jackson. Der Titel der Skulptur stammt vom gleichnamigen Song auf dem Album „Thriller“.

Appau Junior Boakye-Yiadom (*1984, GB), P.Y.T. (2009)

Das nächste Bild ist das letzte Porträt von Michael Jackson, einige Monate vor seinem Tod begonnen und erst danach fertiggestellt. Es stellt ihn als König Philipp II. dar. Der Künstler ist bekannt dafür, zeitgenössische schwarze Persönlichkeiten im Rückgriff auf das visuelle Vokabular der europäischen Kunstgeschichte darzustellen, um damit die Stereotypen von Identität und Repräsentation zu hinterfragen. Der Musiker beeindruckte ihn in den gemeinsamen Gesprächen während der Sitzungen mit seinen tiefen Kenntnissen in Kunst und Kunstgeschichte.

Kehinde Wiley (*1977, USA), Reiterporträt König Philipps II. (Michael Jackson) (2010)

Die folgenden Fotografien bzw. Collagen stammen von Todd Gray. Er nimmt hier bekannte Fotografien von Michael Jackson, dessen Gesicht er durch ein weiteres gerahmtes Foto verdeckt. Trotzdem ist der Musiker immer zu erkennen. In einem Gespräch mit Gray äußerte Michael Jackson, dass Farbige und Frauen immer doppelt so hart arbeiten mussten, um halb so weit zu kommen. Daher zwang er sich, zehnmal so hart zu arbeiten, um so berühmt und so beliebt wie z.B. Mickey Maus zu werden.

Todd Gray (*1954, USA)

Die nächste abgebildete Arbeit, Teil einer Werkserie, wurde speziell für die Ausstellung geschaffen und erkundet Facetten des Fankults, aber auch die Vergötterung des Idols. Jedes Schallplattencover ist mit einem handgeschriebenen Text bedeckt, alle Texte des Jackson-Songbooks sind enthalten.

Graham Dolphin (*1972, GB), Thriller (X20) (2017)

Die Ausstellung umfasste Werke von mehr als zehnmal so vielen Künstlern wie hier exemplarisch gezeigt und war wirklich sehr sehenswert. Wer die Bilder noch einmal im Original sehen will, muss allerdings nach Finnland reisen. Im dortigen Espoo (nicht so weit weg von Helsinki, auch eine Reise wert) wird sie ab August gezeigt.

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