Seit fast 14 Tagen sind wir nun mit unserem kleinen Wohnmobil/Camper Van in den USA unterwegs. Vieles hier wirkt auf den ersten Blick irgendwie vertraut und ist doch völlig anders. Der stärkste Eindruck bisher: Dieses Land ist RIESIG. Alles ist groß. Die Entfernungen sind immer gewaltig. Egal, ob man zum Einkaufen fährt, zum Tanken, zum Sightseeing, zum nächsten Campground. Es dauert hier alles länger als bei uns, sehr viel länger, immer.
Wenn die Kassiererinnen bei ALDI in Deutschland im amerikanischen Durchschnittstempo ihrer Walmart-Kolleginnen arbeiten würden, dann würden sie sehr wahrscheinlich rückwärts arbeiten – und dann noch in Zeitlupe. Dafür wird dann alles von ihnen in Plastiktüten, die an großen drehbaren Gestellen hängen, verpackt; sehr schön ordentlich, damit nix kaputt geht und gleiches zu gleichem, auch wenn das bedeutet, für einen Gegenstand eine neue Tüte zu nehmen. Und vorsichtshalber kommt dann eben die gestopfte Plastiktüte in noch eine weitere. Wir brauchen keine Mülltüten zu kaufen und werden wahrscheinlich trotzdem einen extra Schrankkoffer voller Mülltüten mit nach Europa schleppen. Apropos Müll: für uns ebenfalls gewöhnungsbedürftig auf den Campgrounds ist zum einen das nahezu nicht verbreitete Recycling, höchstens mal Plastik und Dosen, aber nie Papier. Damit kann man ja wunderbar Feuer anzünden. Und zum anderen müssen wir unseren Müllbeutel nur an den Rand unseres pitches legen und dann wird die Tüte abgeholt. Sich möglichst nicht zu viel selbst bewegen, scheint auch hier das Motto zu sein.
Die Menschen hier sind durchweg freundlich, hilfsbereit und immer zu einem kleinen Chat bereit. Auch das verlangsamt das Tempo den Tag über. Irgendwie auch ganz schön, dass man immer Zeit und Gelegenheit für einen Schnack hat: über’s Wetter, über die Benzinpreise, über Deutschland (irgendwie war jede/r schon mal in Deutschland oder hat zumindest Verwandte dort…) und dass dort alles immer so schön ordentlich und sauber ist. Das werden wir ab sofort auch nicht mehr peinlich finden, sondern dem mit einigem Stolz entgegnen können: ‚Yessir! And I just LOVE it!‘ Hier in USA ist es mit der öffentlichen Sauberkeit nicht allzuweit her – gemessen an dem, was wir in Germany gewohnt sind. Die Menschen hier lassen gern einfach ihren Müll irgendwo liegen und niemand räumt ihn weg. An den Highways kann man Streckenabschnitte ‚adoptieren‘ – und muss dann dafür sorgen, dass dort kein Müll liegt. Die öffentlichen Toiletten (und dazu gehören auch die sanitären Einrichtungen auf den Campgrounds) entsprechen bei weitem nicht unseren Standards zuhause. Alles ist irgendwie alt, abgenutzt, ungeliebt, halbherzig gewartet – man gewöhnt sich irgendwie daran – und das ist wahrscheinlich das Problem. Da sich Amerika sowieso für das größte und beste Land der Welt hält, sind natürlich auch die eigenen Standards, die man hier gewohnt sind, das Optimum.
Die meisten Straßen und Gehwege sind lange nicht so gut in Schuss wie in Deutschland. Überhaupt haben wir den Eindruck, dass überall dort, wo ‚öffentliche Interessen‘ berührt sind, wo wir zuhause eine ‚gemeinschaftliche Aufgabe‘ erkennen, eher nichts passiert. Dort, wo es sich wohlhabende neighbourhoods leisten können, ist alles soweit in Ordnung – da darf Privatinitiative auch gern was kosten. In den ärmeren Gegenden ist dann auch sofort zu sehen, dass das Geld so gerade eben für’s Leben reicht, aber nicht mehr für die Pflege der (öffentlichen) Infrastruktur, der Vorgärten, Gebäude etc. In diesem Land, das so sehr auf simple Lösungen steht, ist anscheinend auch dies simpel: Wer Geld hat, dem geht’s gut – der Rest ist egal. Es ist erstaunlich und bemerkenswert, wie eng gesetzt die Grenzen der Solidarität sind. Nach dem stark fokussierten Ego kommt noch die Familie in den Blick – eventuell noch die unmittelbare Nachbarschaft – aber dann ist Ende Gelände. Erst unter der großen amerikanischen Flagge sind sich dann alle wieder einig. Aber die Flagge kann sich ja auch nicht wehren – so ist das mit den Symbolen, die von jedem mit allem aufgeladen werden können: Die Gestalt bleibt gleich, die Etiketten, die dran hängen, auch, aber die konkreten Inhalte sind wieder sehr unterschiedlich.
An amerikanischer Alltagskultur haben wir bisher vor allem die ‚Welt des Einkaufen‘ erlebt. Die Einkaufszentren sind gigantisch. Sie liegen immer am Rande der Stadt, oftmals mehrere nebeneinander und sind nur per Auto zu erreichen. Dort findet man alles, was man baucht – und auch alles andere. Walmart, Big Lots, Shop Rite, Walgreen, Kmart, Rite Aid, Best Buy – das sind nur ein paar Supermarkt- und Drogeriemarktnamen. Ach ja, ALDI gibt’s auch, noch nicht so weit verbreitet und mit einem viel größeren und vergleichsweise gleich günstigem Warenangebot wie in Deutschland – ein Stück zuhause. Während wir also in Europa ‚in die Stadt’ fahren, um uns mit dem Lebensnotwendigen zu versorgen, fährt man hier eben an den Stadtrand. Man hat (bis auf wenige Ausnahmen bisher) auch kaum eine Chance in eine Stadt zu kommen. Die Straßen führen einen immer hinaus oder drum herum… Und dann ist man plötzlich und unerwartet wieder auf dem Parkplatz von Walmart gelandet. Und diese superstores sind auch super-groß. Wir brauchen immer mindestens 1,5 Stunden für einen kurzen Walmart-Besuch. Auch das ist gewöhnungsbedürftig. Zeit – bei uns zuhause ja eher ein knappes Gut (Carpe diem!) wird in den USA massiv verbraucht – einfach konsumiert, als wäre immer genug vorhanden. Das allerdings hat auch durchaus eine positive und entschleunigende Wirkung. Nur: wir müssen uns echt daran gewöhnen.
Man braucht hier wirklich für alles sehr viel Zeit. Auf den Interstates darf man z.T. inzwischen schon 70 mph fahren – also ungefähr 110 km/h. Da man hier sowohl links als auch rechts überholen darf (und die riesigen Trucks nutzen das gern!) und unser Gefährt schon ganz schön Seitenwind empfindlich ist, bleiben wir meistens bei 55-60 mph. Da kann sich eine Strecke von bummeligen 400 Meilen schon mal auf 8 Stunden ausdehnen. Also, mal eben von Eckernförde nach Essen durchrutschen geht hier nicht. Überhaupt nicht. Hinzukommt der unverschämte Benzinverbrauch von ca. 20 Litern pro 100 km – bei unserem Dodge 3500. Aber – egal. Hier kostet das Benzin zwischen 45 und 50 Eurocent – da fällt der Verbrauch nicht ins Gewicht. Uns stehen die Schweißperlen der Verantwortungslosigkeit auf der Stirn, wenn wir das Gaspedal durchtreten und der amerikanische Kollege in seinem GMC-RAM-TOYOTA-NISSAN-FORD-PickUp-Truck winkt freundlich grinsend, wenn er uns mit 8-Zylindertuckern am Berg überholt. Der fährt dann 60 Meilen schnell und wir schnaufen mit knapp 50 die nächste 8 Meilen lange Steigung hinauf. Jaja, auch die Straßen bergauf sind hier lang. Platz ist außerhalb der Großstädte wie New York wirklich kein Problem. Auch davon gibt es reichlich.
Musikalisches in Form von Konzerten, Sessions o.ä. haben wir hier noch nichts mitbekommen. Es ist wirklich low season, nicht viel los, und in die jetzt startenden Weihnachtsshows wollen wir einfach nicht hineingehen. Das Mainstream-Entertainment-Angebot, das über die riesigen bulletin-boards auf uns einströmt, wollen wir auch nicht nutzen, ist nicht unsers. Allerdings vermissen wir es erstaunlich wenig. In GB haben wir ein einziges Mal kurz eine CD beim Autofahren abgespielt – hat genervt. Hier in USA haben wir noch nicht einmal das Radio eingeschaltet gehabt. Dafür musizieren, schreiben und gestalten wir lieber selbst.
Die folgenden Bilder stammen alle aus amerikanischen Kleinstädten!
Das letzte Bild in der Reihe zeigt übrigens vier drive thru Schalter einer Bank, das Gebäude selbst ist auch ziemlich groß für eine Filiale.



