Stephen Foster State Park zum dritten, White Springs, FL, day 43 (USA 2022)

Wir fahren ab jetzt so ganz langsam nach Norden zurück. Wir planen diesmal kürzere Fahrtetappen, damit wir nicht nur zum Übernachten auf den Campingplätzen sind, sondern auch noch etwas erleben können. Der erste Tag fängt schon gut an.

Kurz vor dem Tagesziel fahren wir von der Interstate 75 ab und besuchen das Boot Factory Outlet. Bereits auf der Hinfahrt nach Ocala sahen wir die großen Billboards mit dem Werbespruch „Buy one, get two pair free“ (Man zahlt bei drei Paar Stiefeln nur den Preis des teuersten Paars.).

Das wollen wir uns angucken, und vielleicht, ganz vielleicht auch Cowboystiefel kaufen. Allerdings müssten wir dann auch noch einen zusätzlichen Koffer kaufen, da wir ja dann mit drei Paar Stiefeln herauskommen würden.

Das Outlet ist recht klein, dafür gibt es Stiefel in allen Schuhgrößen und auch für Kinder. Viele Stiefel haben ein sehr amerikanisches Design, sehr ganz witzig aus, sind aber wenig tragbar für zuhause, finden wir.

Aber nach einer Weile finden sich doch drei Paare, die mit uns nach Deutschland wollen. Für 288 Dollar haben wir nun dreimal feine Lederstiefel. Nun fehlt uns nur noch der extra Koffer.

In White Springs machen wir einen Spaziergang, diesmal auf der anderen Seite der Hauptstraße. Dort stehen die schöneren historischen Häuser.

Im Beitrag vom 24.03.2022 (Ein Spaziergang durch historic White Springs) hatte ich ja schon über den deutlich zu sehenden Niedergang dieser ehemals prosperierenden Gegend geschrieben. Es ist wirklich alles geschlossen:

Auf einer Infotafel findet sich eine Beschreibung des Zustands: „Heute bietet White Springs ein Fenster in vergangene und zukünftige touristische Ziele in Florida.“ Mit der Zukunft sind Outdoor-Aktivitäten wie Wandern, Fahrrad- und Kayak-/ Kanufahren gemeint. Der Bau der Interstate trug stark zum Rückgang der Stadt bei. Davor führte die meist frequentierte Nord-Südverbindung Floridas mitten durch den Ort.

Auf dem Campingplatz treffen sich an diesem Wochenende etliche (Hobby-) Musikerinnen und Musiker. Sie spielen sich schon warm, als wir von unserem Spaziergang zurückkehren. Gleich darauf ist Kay für die nächsten Stunden verschwunden, endlich mal wieder mit anderen zusammen musizieren, Old Time Mountain Music, kann er einfach so mithalten, ist halt ein Profi!

Warmspielen für die diesjährige Florida State Fiddlers‘ Association Spring Jamboree

Ein Spaziergang durch historic White Springs, FL, day 28 (USA 2022)

Eines der angekündigten Highlights in unserer Parkbroschüre lautet: „Visit the Spring House & take a historic walking tour of White Springs“. Das machen wir, hier im Park ist ja alles geschlossen. Der Ort erhielt seinen Namen von der hiesigen Schwefelquelle, deren Heilkraft schon die Ureinwohner nutzten.

Hier scheint auch fast alles geschlossen zu sein.

Der Suwannee River war die Grenze der Siedlungsgebiete der Apalachee im Westen und der Timucuan im Osten. An der Heilquelle konnten sie sich auch während der Kriege erholen, ohne angegriffen zu werden.

Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die Quelle und das Umland von geschäftstüchtigen weißen Männern erschlossen, die das Land „erwarben“. Man fragt sich, von wem genau. Nun sollte die Quelle alle möglichen Gebrechen wie Nervosität, Nierenleiden und Rheumatismus heilen. Der erste Tourismus setzte ein, wurde aber durch den Bürgerkrieg gestoppt. Auch im Civil War wurde das Gebiet nicht umkämpft und diente als Fluchtort für die Angehörigen der umkämpften Plantagen rundherum.

Ende des 19. Jahrhunderts setzte der zweite Gesundheitstourismus-Boom ein. Es stehen hier noch etliche Häuser, die vom Wohlstand der Gemeinde vor gut 100 Jahren zeugen.

Zu der Zeit prosperierte die Stadt, es gab viele Pensionen, Baumwolle wurde für den Weiterverkauf vorbereitet, aber auch vor Ort zu modischer Kleidung und Hüten verarbeitet und verkauft. Die Menschen spielten Rasentennis, liefen Schlittschuh (in Florida?) und gingen zu Tanzveranstaltungen.

Das ursprünglich hölzerne Spring House wurde durch eine Konstruktion aus Beton und Muschelkalk ersetzt, die verhindern sollte, dass Flusswasser das Quellwasser verunreinigt. Heute sieht es nicht mehr so spektakulär aus, wie noch vor gut 100 Jahren.

Innerhalb der Betonkonstruktion wurde ein vierstöckiges hölzernes Badehaus errichtet, komplett mit Umkleideräumen, ärztlichen Untersuchungs- und Behandlungsräumen, Verkaufsständen und einem Fahrstuhl.

Gut dreißig Jahre später verloren die Urlauber das Interesse an Badekuren, weitere fünfzig Jahre später begann die Schwefelquelle immer schwächer zu werden, bis sie 1990 schließlich ganz versiegte. Der weiße Mann in seiner Geldgier benötigte nur 150 Jahre, um das Quellwasser aufzubrauchen, das viele hundert Jahre für alle ausgereicht hatte. Dieser Zusammenhang wird natürlich nirgendwo auf sign posts oder im Internet thematisiert.

Im zweiten Weltkrieg wurde in White Springs ein Prisoner of War camp für Deutsche eingerichtet. Die Gefangenen arbeiteten in der Holzindustrie, die den Badetourismus abgelöst hatte. Das Auto stammt wohl noch aus der Zeit.

Einmal pro Woche marschierten sie zur Schwefelquelle, um zu baden und um danach zum Gottesdienst in der Methodist Church zu gehen. Etliche der Deutschen blieben nach ihrer Freilassung in der Gegend und heirateten ein.

Heute ist vom Wohlstand nicht mehr viel zu sehen. Die Wohnhäuser variieren von historic houses (s.o.) über modular homes (Fertighäuser) und verrammelten Bungalows hin zu Ruinen.

Auch geschäftlich ist nicht viel los. Das Motel ist geschlossen, etliche kleine Shops ebenfalls. Wir legen noch einen Stopp bei der Post ein, um Briefmarken zu kaufen. Trotzdem sind wir nach nur einer Stunde wieder zurück, obwohl wir zu Fuß unterwegs waren.

ehemals Adams Country Store, est. 1865