Von der Plateau Region in die Ridge Region, Blue Ridge Parkway, VA, day 51 (USA 2022)

Morgens sehen wir das Schild an der Serpentinenstraße, das uns eindrücklich davor warnt, sie zu benutzen. RVs, Trucks mit Anhänger und LKW sollen sie nicht benutzen, da die Kurven zu eng und zu steil sind. Ich überlege nicht lange, wir sind da hinuntergefahren, dann werden wir auch wieder hinauffahren, wenn auch sehr langsam und nur in den ersten Gängen. Acht Zylinder und 5300 ccm Hubraum müssen doch zu etwas gut sein. Aber zum Fotografieren ist keine Gelegenheit. Dann beginnt die letzte Etappe des Blue Ridge Parkways, noch 91 Meilen nach Norden.

Doch wir halten quasi gleich wieder an, bei milepost 83 befinden sich die Fallingwater Cascades. Wir wandern zum Bach, überqueren ihn auf einer Brücke und folgen den Verlauf in die Schlucht hinunter. An den Resten einer Brücke geht es über Felsbrocken wieder auf die andere Seite und durch den Wald hoch. Insgesamt sind es nur gute zwei Kilometer, aber dafür mit einem anständigen Höhenunterschied.

Kurz bevor wir unser Auto wieder erreichen, treffen wir auf ein Ehepaar aus Alabama, die den Rundweg in der entgegengesetzten Richtung wandern. Wir halten noch einen kleinen Schnack, bevor wir die Autofahrt fortsetzen.

Wir passieren den höchsten Punkt des Weges in Virginia (1204 Meter, bestückt mit Antennen und einer Radarkuppel) und nur 21 Kilometer später den niedrigsten Punkt (198 Meter). Mathematisch begabte können ja mal das durchschnittliche Gefälle ausrechnen.

Auch auf den letzten fünfzig Meilen bleiben die Ausblicke spektakulär und abwechslungsreich:

Kurz vor dem Ziel bei Rockfish Gap (milepost 0) ist der Shanandoah River zu sehen. Wir fahren im Tal noch bis Luray, wo wir ein paar Tage auf dem Campingplatz bleiben werden.

In der Plateau Region, Blue Ridge Parkway, VA, day 50 (USA 2022)

Innerhalb weniger Minuten sind wir heute wieder auf dem Blue Ridge Parkway (milepost 200) und es geht weiter nach Norden. Als die Straße Mitte der 1930er geplant wurde, stießen die Planer noch auf etliche einsame, aber noch bewirtschaftete Gehöfte in den abgelegenen Höhen der Appalachen. Einige wurden als Beispiele für die Besiedelung erhalten.

Wir schauen uns Mabry Mill an, eine Wassermühle und Schmiede, die um 1910 von Ed und Lizzy Mabry errichtet und 26 Jahre betrieben wurde (milepost 176).

Im linken (vorne) Teil befand sich die Sägemühle, in der Ed Holz für seine Nachbarn sägte. Im hinteren Teil befand sich eine Holzwerkstatt für Wagenräder. In der Mitte wurde Mais (kein anderes Getreide) gemahlen. Kunden bezahlten entweder mit Geld oder mit einem Achtel ihres Mehles. Wenn in regnerischen Zeiten mehr Wasser zur Verfügung stand, wurde die Sägemühle betrieben.

Um an dieser Stelle auf 1000 Meter Höhe eine Wassermühle zu betreiben, stand eigentlich zu wenig Wasser zur Verfügung. Ed leitete das Wasser zweier kleiner Flüsse um. Dafür baute er ein ausgeklügeltes System aus Holz.

Solche kleinen Sägemühlen gab es überall in den Appalachen. Daher wurden auch die typischen Häuser aus Holz gebaut. Zu Beginn hatten sie immer nur einen Raum, oder, wie bei dem abgebildeten, noch einen weiteren im Obergeschoss. Wenn später etwas mehr Geld und Material zur Verfügung stand, entstanden Anbauten.

Überall in den Appalachen wurde auch Whiskey gebrannt, oft nachts, da es schon immer illegal war. So entstand der Begriff moonshine für das Getränk. Whiskey war einfacher als Mais zu lagern und zu transportieren und brachte zusätzliches Einkommen.

Maismehl wurde mit Malz, Zucker und Wasser gemischt und im Fass fermentiert, anschließend im Kupferkessel erhitzt. Das Destillat wurde abgefüllt oder für einen höheren Alkoholgehalt ein zweites Mal gebrannt.

Während der Saison, die irgendwann im Frühling startet (genaue Daten sind nicht zu erfahren, noch ist alles geschlossen), werden die alten Handwerkstechniken gezeigt und erklärt. Wir genießen stattdessen die Ruhe beim Rundgang.

Der heutige Abschnitt des Blue Ridge Parkways liegt im Schnitt 900 Meter hoch. Die Ausblicke sind ganz andere. Manchmal fahren wir direkt auf dem Berggrad entlang und können gleichzeitig links und rechts in die weiten Täler schauen. Bei Roanoke ist die Straße wieder für einige Meilen gesperrt. Wir staunen uns hinunter in die Stadt und durch den Stadtrand hindurch, bis wir wieder auf der Bergstraße sind. Bildergalerie

Der Blick am Great Valley Overlook (760 Meter Höhe) hinunter ins Tal ist grandios. Das „Große Tal“ erstreckt sich von New York bis hin nach Alabama, durch die Appalachen hindurch. Die Berge im Hintergrund sind die Alleghenies. Hier verlief der „Große Kriegspfad“ der Irokesen und der Cherokee. Der wurde von den schottisch-irischen und den deutschen Pionieren benutzt, als sie von Pennsylvania kommend in dieser Gegend siedelten (1730-50).

Nach weiteren zehn Meilen fahren wir bei milepost 91 ab. Der heutige Campingplatz liegt im Jefferson National Forest, direkt an einem Bach, dem Middle Creek. Wir fahren über Serpentinen hinunter ins Tal des James River, überqueren ihn bei Buchanan, um dann an einem anderen Flusslauf wieder in die Berge hineinzufahren.

Hier ist es noch viel ruhiger, nicht einmal die Eisenbahn, die nachts gern tutet, ist mehr zu hören. Das einzige, was murmelt, ist der Bachlauf. Auch das Telefon kann nicht klingeln, kein Empfang. Wir lesen und gehen früh zu Bett.

Von der Highland Region in die Plateau Region, Blue Ridge Parkway, NC/ VA, day 49 (USA 2022)

Oben auf einem Berg in ca. 1000 Meter Höhe mit nichts als Natur um sich herum schläft man außerordentlich gut. Auf dieser Bergkuppe hat man schon Tabak angebaut und Heu gemacht. Als hier vor etwas mehr als zehn Jahren ein trailer park entstehen sollte, kaufte der Nachbar, der seine Ruhe erhalten wollte, kurzerhand die Bergkuppe mit allem Gelände drumherum, knapp 67 Hektar.

Er richtete den kleinen Campingplatz extra anders ein als alle anderen rundherum, mit viel Platz, einfachem Angebot und sehr vielen hiking trails, die in die Wälder rundherum führen. Wir fahren die Schotterpiste wieder herunter und realisieren dann erst, wie hoch wir auf den Berg „gekrabbelt“ sind.

Bald darauf geht es wieder auf den Blue Ridge Parkway (milepost 276). Wir können etwas zügiger fahren als auf den anderen Abschnitten. Es ist nicht mehr so kurvig. Stattdessen sehen wir landwirtschaftlich genutzte Flächen und auch Bebauung (in tausend Meter Höhe).

Der Parkway ist gesäumt von hohen Rhododendrenbüschen, man könnte sogar von Bäumen sprechen. Im Mai/ Juni muss es hier wundervoll aussehen, wenn alles blüht.

Beim milepost 238 halten wir an Brinegar Cabin an. Es ist das einzige Häuschen, das 1916 nach sturzflutartigen Regenfällen und anschließenden Schlammlawinen vom Dorf Basin Cove (zwanzig Familien, Laden, Kirche, Schule) übrig blieb. Auf der Karte kann man das Unglück ermessen.

Martin Brinegar kaufte das Land 1876 mit 19 Jahren und baute eine Ein-Raum-Hütte darauf. Zwei Jahre später zog er frisch verheiratet mit seiner 16jährigen Ehefrau Caroline ein.

Als die Familie mit zwei Erwachsenen und drei Kindern zu groß wurde, begann Martin 1886 dieses Haus zu bauen, ein Raum und ein Schlafboden. Da er alles selbst aus Materialien seines Landes machte (Steine, Holz, Lehm), dauerte der Bau drei Jahre. Später kam noch der kleine Anbau dazu (Schlafzimmer und Küche, daher der zweite Schornstein).

Das Gebäude hinten links war für die Vorräte. Es gab keinen Kühlschrank. Auf dem Boden unter dem Dach lagerte das Getreide, Kräuter wurden getrocknet. Darunter wurde das gepökelte Fleisch nach dem Schlachten der Schweine aufbewahrt. Ganz unten im gemauerten Teil lagerten Früchte, Gemüse und Eingemachtes.

Die Familie lebte als Selbstversorger. Ein wenig zusätzliches Einkommen kam noch dazu. Martin machte Schuhe, nicht nur für die Familie, sondern auch für die Nachbarn. Caroline sammelte und trocknete Heilkräuter, die sie verkaufte.

Neben der Farmarbeit nähte Caroline auch die Kleidung für die Familie. Diese wurde aus einem Leinen-Wollgemisch hergestellt. Für den Leinenfaden bauten sie Flachs an, für den Wollfaden hielten sie Schafe. Beides wurde auf dem Webstuhl zu Tuch gewebt. Der Webstuhl nimmt einen großen Teil der Hausfläche ein.

Während das restliche Amerika in die Neuzeit des 20. Jahrhunderts rutschte, blieben etliche Bewohner in den Appalachen noch bis in die erste Hälfte des Jahrhunderts hinein ohne moderne Annehmlichkeiten wie fließendes Wasser (in der Nähe gibt es eine Quelle) oder Elektrizität. 1925 starb Martin an Lungenentzündung. Zehn Jahre später kaufte der Staat die Farm, damit sie Teil des Blue Ridge Parkways wurde. Caroline erhielt ein lebenslanges Wohnrecht. Durch den Autoverkehr wurde es ihr jedoch zu laut, sie zog zu ihrer Tochter und starb dort 1945. Bewundernswert, dass sie trotz dieses harten Lebens in den Bergen 82 Jahre alt wurde.

Wir überqueren die stateline zwischen North Carolina und Virginias (milepost 216) und wollen kurz darauf das Blue Ridge Music Center besuchen. Die Enttäuschung ist groß, auch hier ist alles geschlossen. Das ist schon frustrierend.

Wir beschließen, den heutigen Campingplatz schon wesentlich früher anzufahren und uns auszuruhen. Praktischerweise befindet sich der KOA-Platz Fancy Gap direkt am Parkway. Die Zufahrt befindet sich noch auf der Abfahrt vom Parkway. Wir verbringen den Rest des Tages auf unserem „Balkon“, genießen die Ruhe und das zügige Internet (das langsamer wird, je mehr Gäste anreisen).