Elf Tage gehen hier dann doch schneller zuende als zunächst vorstellbar. Der Erholungsfaktor stellt sich für uns als sehr hoch dar. Wir müssen unbedingt noch mal wiederkommen. Äußerst angenehm war für uns diesmal die für Karlsbad traurige Tatsache, dass ihnen seit Februar diesen Jahres rund 60 Prozent ihrer touristischen Einnahmen weggebrochen sind. Die Innenstadt ist sonst fest in neureicher, russischer Hand. Leider benehmen sich die kleinen, älteren, dicken Männer in Trainingsanzügen mit den großbusigen, jüngeren und aufgespritzten Frauen in Raubtierdesign an ihrer Seite auch entsprechend. Bei unserem letzten Besuch 2016 haben sie uns extrem genervt. Nun dürfen sie alle nicht mehr einreisen, auch ihr Kapital nicht. Uns gefällt‘s.
In der Touristinformation lag dieser Flyer herum: Was tun in Karlsbad. Unsere Ausbeute scheint gering, wenn man annimmt, dass dieser Flayer für Tagestouristen gedacht ist. Hier kommt nun unsere persönliche Wohlfühl-Entspannungs-Liste, einige Punkte werden anschließend bebildert:
Morgens und abends aus dem Brunnen trinken,
Die ausgezeichnete böhmische Küche genießen,
Das hervorragende böhmische Bier trinken,
Jeden Tag spazieren gehen, obwohl hier anscheinend immer nur die Väter mit den Töchtern unterwegs sind,
Im Sprudelbad liegen und sich danach massieren lassen,
In die Dampfsauna gehen,
Fast jeden Tag im warmen Thermalwasser abhängen und zur Abkühlung ein paar Runden schwimmen,
Die Kuroblaten nicht nur kosten, sondern etliche Packungen davon verzehren,
Die Architektur bewundern,
Konzerte besuchen,
Viel Zeit zum Lesen zu haben.
Unser Hotel ist genau die richtige Wahl für uns. Uns geht es richtig gut, wir sind sehr entspannt. Hier noch die kleine Bildauswahl:
Im Sommer gibt es jeden Dienstag in der Sankt Maria Magdalena Kirche in Karlsbad ein Orgelkonzert, immer mit Ave Maria, also einer Sopranistin und immer mit einem wechselnden weiteren Instrument. Die Interpreten wechseln ebenfalls von Woche zu Woche, das Programm jedoch ähnelt sich.
Wir holen uns die Eintrittskarten vorher in der Tourist Information und verbinden das mit einem Spaziergang durch eines der Villenviertel, immer schön im Schatten gehend. Es ist heiß hier.
Am Abend erleben wir eine junge Organistin, Jiřina Marešová, die uns mit der Bachschen Toccata und Fuge in D-Moll in einer sehr interessanten Registrierung in den Abend einstimmt.
Die Menschen drängen sich vor Konzertbeginn ungeduldig in die Kirche, um dann zügig die vorderen Bankplätze einzunehmen. Wir sind geduldiger und setzen uns in die Mitte des Kirchenraums. Wir wissen, was uns erwartet, da es hier nicht unser erstes Konzert ist. Nach der Toccata sind dann viele Besucher sehr überrascht, als das Gloria von Vivaldi, ebenso wie das weitere Programm von der Orgelempore erklingt.
Erst zu den letzten beiden Stücken des heutigen Programms kommt zunächst die heutige Sopranistin, Eva Müllerova nach vorne und dann auch der Oboist Jiří Sejkora. Davor lauschen wir der Musik und haben genügend Zeit, unsere Blicke durch die Kirche schweifen zu lassen. Die Barockkirche ist seit 2010 ein nationales Kulturdenkmal der Tschechischen Republik. Der Hauptaltar wird von vier lebensgroßen Skulpturen eingerahmt. Unten stehen die Kirchenväter Augustinus und Hieronymus. Darüber sind Petrus und Paulus dargestellt.
Erbaut und seit Jahrhunderten verwaltet wurde die Kirche (und wird sie seit 1990 wieder) vom Ritterorden der Kreuzherren mit dem roten Stern. Dieser männliche, in Tschechien und Österreich tätige Kirchenorden wurde im 13. Jahrhundert interessanterweise von einer Frau gegründet, Agnes von Böhmen.
Im Anschluss gibt hier der Sommerabend-Himmel noch einmal alles!
Heute nehmen wir unsere Wanderstöcke in die Hand und gehen auf den Berg, immerhin 556 Meter hoch, der Aussichtsturm ‚Diana‘ ist unser Ziel.
Dafür laufen wir zuerst die sieben Stockwerke im Hotel abwärts, überqueren die Teplá und steigen auf einer gefühlt ewig langen Treppe wieder bis auf die Höhe des 11. Stocks des Hotels hinauf. An der St. Lukas-Kirche auf dem Schlossberg (1877 als anglikanische Kirche erbaut, von englischen Kurgästen finanziert, gehört sie heute der evangelisch-methodistischen Kirche und beherbergt ein Wachsfigurenmuseum, sehr schräg) geht es weiter hinauf in die Buchenwälder.
Wir schlagen den ersten schmalen Pfad neben dem kopfsteingepflasterten Zufahrtsweg zum Turm ein. Viele Wege führen hoch zur ‚Diana‘, wir finden uns diesmal auf einem Weg, den wir schon mal als Abstieg gewählt hatten, es geht reichlich steil bergan. Dabei muss man gar nicht zu Fuß zur ‚Diana‘ hochgehen. Es fährt auch eine Drahtseilbahn, die die meisten Besucher bevorzugen. Sie fährt von der Haltestelle Stará louka (Alte Wiese) beim Grandhotel Pupp über die Haltestelle Jelení skok (Hirschsprung) hoch zum Aussichtsturm. Bei unserem Aufstieg überqueren wir sie zunächst etwas oberhalb der Hirschsprung-Station, um gleich darauf unter den Schienen weiterzugehen.
Die eine fährt hinunter.Dobry den!Die andere fährt hinauf.
Zwischendurch sind schöne Ausblicke in das Teplá-Tal mit den vielen alten Gebäuden und in Richtung Norden möglich.
Hinter den Bergen liegt schon Sachsen.
Auch diesmal steigen wir nicht auf den Aussichtsturm, sondern erholen uns von der Anstrengung gleich in der Restauration. Denn wir nehmen den Weg eigentlich immer nur auf uns, um hier oben die Gulaschsuppe im Brot zu essen. Es schmeckt einfach zu gut.
Beim Essen schaut uns ‚Frosty‘ zu. Er sitzt gern auf dem Vordach, um sich in Ruhe zu putzen. Interessanterweise handelt es sich nicht um einen Albino-Pfau. Frosty‘s Färbung ist eine seltenere der gleichen Pfauenart, zu der auch sein Kumpel ‚Romulus’ gehört, ein blauer Pfau.
Zum kleinen Mini-Zoo hinter der Gaststätte gehören neben Shetlandponys und Zwergziegen auch zwei Göttinger Miniferkel. Dies hier ist ‚Lily‘, höchstens 30 cm lang. Diese Schweinchen sind sehr gelehrige und saubere Tiere. Sie haben hier gelernt, ihr Geschäft nur in einer Ecke ihres Freigeländes zu verrichten.
Für den Rückweg entscheiden wir uns für die nicht so steile Abstiegsvariante. Wie gedacht, haben wir den Wald so ziemlich für uns allein. Unten am Rande des Kurgebiets angekommen, warten Karel Marx und eine Parkbank schon auf uns, bevor es an der Rückseite der russisch-orthodoxen St. Peter- und Paul-Kirche wieder hinunter ins Tal geht.
Außerhalb der Kuranwendungen gibt es hier für jeden etwas, besonders im Sommer, wenn zusätzlich zu den Kurgästen auch noch die Tagestouristen in die Stadt kommen. Am späten Nachmittag spazieren wir zur Mühlbrunnkolonnade zum Kurkonzert. Wir bekommen immerhin noch einen Sitzplatz auf einer dieser weißen Bänke auf dem Foto, das unter der Woche gemacht wurde.
Das Konzert ist umsonst und draußen, daher sind die wenigen Sitzplätze in der Kolonnade schnell weg. Wer weiß, wann die Zuschauer und Zuschauerinnen dort Platz genommen haben? Vielleicht haben sie beim Aufbau schon geholfen, „ihren“ Stuhl an die richtige Stelle zu stellen.
Das Karlsbader Symphonische Orchester spielt beliebte Stücke aus Oper und Operette. Ein Sopran, ein Mezzosopran und ein Tenor singen Arien, unter anderem aus Carmen, Tosca, La Traviata, Der Zigeunerbaron, Die Csárdásfürstin. Die Intensität des Applauses hängt nicht von der Leistung der Musikerinnen und Sänger ab, sondern vom Wiedererkennungswert der Melodien, schon seltsam.
Nach einer Stunde ist der Spaß (glücklicherweise?) vorbei und die Massen machen sich auf zum Abendessen in ihre jeweiligen Hotels. Auch wir gehen nach dem abendlichen Trinken des salzigen Mineralwassers zurück zum Thermal. Vor dem Hotel hat an diesem Wochenende das durch ganz Tschechien tourende „Burger Street Festival“ Halt gemacht. Das Angebot ist groß und wird gut angenommen.
Kurz nach der Eröffnung ist noch nicht so viel los.Publikumsbespaßung: Burger-Wettessen. Bier-Wetttrinken kommt anschließend.Die Auswahl fällt schwer: Von diesem Stand kommen unsere Burger.
Wir entscheiden uns schließlich für einen Plum Burger (vorne, die Zwetschgen sind Bestandteil der Ketchupsoße) und einen Fire Cracker Burger (hinten, etwas schärfer und mit Tacos oben auf dem Patty), beide sehr lecker. Dazu gibt es noch oroginální hranolky in einer schlau gestalteten Pommestüte.
Nebenan stehen die Jugendlichen und jungen Erwachsenen schon an. Rechts der Terrasse (auf der man als zusätzlich zahlender VIP-Gast auch hätte zuhören und -schauen können) des Thermals ist während des Kultursommers die Becherovka Stage aufgebaut. Heute treten tschechische Superstars der Millenials auf. Sehr laut, sehr lange. Den ersten Teil des Abends bestreitet Paulie Garand, wir nehmen das als Hintergrundmusik für unseren Aufenthalt im warmen Thermalbecken. Das lässt sich gut aushalten. Ab 22 Uhr (zu dem Zeitpunkt wird ansonsten draußen die Musik eingestellt) tritt Calin Panfili auf, noch lauter und sehr gut zu hören in unserem Zimmer. Das faszinierende jedoch sind die Zuschauerinnen und Zuschauer. Sie singen jedes, wirklich jedes Lied textsicher mit und johlen nach jedem Lied, was das Zeug hält. Was für eine Energie! Um 23 Uhr ist es plötzlich sehr leise und wir können einschlafen. Ist in Teilen auch doof, älter zu werden.
Jedes anständige Kurhotel hier in Karlsbad hat, meistens im Kellergeschoss, ein Wellness-Angebot, bestehend aus einem kleinen Schwimmbecken und mindestens einer Sauna. Unser Thermal-Hotel natürlich auch, als Hotelgäste dürfen wir es so oft benutzen, wie wir wollen. Wir haben den Pool mit den Unterwassermassagedüsen, den Whirlpool, das Dampfbad (our favourite), die Infrarotkabine und die Kneippbecken ausprobiert. Letzteres (man schreitet über mittelgroße Kieselsteine abwechselnd durch kaltes und warmes Wasser und versucht, dabei nicht wie ein Storch zu staken) empfinde ich als eher unangenehm, aber ich mache es trotzdem, wir sind hier schließlich nicht nur zum Vergnügen hier.
Das Thermal-Hotel hat allerdings auch noch ein riesiges Bad- und Saunaangebot hinter dem Hotelgebäude, das sich auch bei Nicht-Gästen großer Beliebtheit erfreut. Hotelgäste dürfen jeden Tag für drei Stunden kostenlos hinein. Das große Außenschwimmbecken ist in den Felshang hineingebaut, um eine Aussicht auf die Stadt zu bieten. Der Ausblick wird noch ein bisschen toller, wenn man hoch auf die Terrasse des dazugehörigen Restaurant geht.
Das Wasser im Pool kommt von der Sprudelquelle (die als Geysir hochsteigt). Im Schwimmbecken ist das Wasser behandelt (u.a. gechlort), im hinteren, abgetrennten Bereich ist es das 100%ige Mineralwasser der Sprudelquelle, hier nur noch angenehme 39 Grad warm. Dort kann man es sitzend oder liegend sehr lange aushalten, sehr angenehm, wenn die Außentemperaturen gegen Abend doch so langsam absinken. Zu Beginn unseres Aufenthaltes war es abends um 21 Uhr allerdings immer noch 34 Grad warm! Da nutzten wir lieber das Schwimmbecken mit seinen 28 Grad, um uns ein bisschen abzukühlen. Die acht Saunen hier haben wir noch nicht ausprobiert.
Dafür haben wir uns im nahen Elisabeth-Bad zusätzliche Kuranwendungen gebucht. Das ginge zwar auch hier im Hotel, aber das pseudobarocke Ambiente in dem alten Kurhauskomplex ist einfach mal etwas anderes. Das schlossähnliche Gebäude wurde 1905-06 erbaut und erhielt seinen Namen im Andenken an Kaiserin Elisabeth (Sissi), die acht Jahre zuvor ermordet worden war. Der Name wird heute wieder für das Kurhaus verwendet, auf dem Foto sieht man noch den Namen während der tschechoslowakischen Republik, Bad V.
Das Haus wurde innen sicherlich immer mal wieder renoviert und verändert. Das Treppenhaus strahlt aber immer noch den alten k. u. k. Charme aus. In den Anwendungsräumen allerdings sieht es noch so aus, wie nach der großen umfassenden Modernisierung aus den Jahren 1969-73. Wir bekommen jeder ein Perlbad, bei dem Kohlensäure in die Wanne geleitet wird. Das ergibt eine ganz sanfte Massage.
Hinter jeder Tür steht eine Badewanne.Die Räume sind riesig groß.Das Bad wird eingelassen.Zehn Minuten Ruhe, man könnte gut länger verweilen.
Man bleibt zwanzig Minuten im warmen Wasser. Wenn man den Hinterkopf auf die Kopfstütze und die Zehen auf die Ablage drückt, schwebt man im Wasser, so groß ist die Wanne. Tief ein- und ausatmen, und schon erfährt man Physik ganz körperlich. Der Körper hebt und senkt sich ganz schwerelos durch den riesigen Luftballon, der unsere Lunge ist. Danach steigt man unter Aufsicht der Kurschwester in ein riesiges Laken und wird sodann fest in Wolldecken verpackt. So ruht man noch einmal zehn Minuten. Die anschließende Fußreflexzonenmassage im Kellergeschoss durch eine fast zwei Meter große, spindeldürre ältere Masseurin lässt einen danach wie auf Wolken zurück zum Hotel gehen.
Eigentlich wollten wir nur mal eben kurz hinüber zum Elisabethbad gehen, um ein paar Kuranwendungen zu buchen. Geht man etwas weiter Richtung Eger-Fluss zum Busbahnhof, steht dahinter die Städtische Markthalle. Zu Beginn des letzten Jahrhunderts erbaut (1912-13), diente sie dem hygienischen Verlauf von Fleisch und Lebensmitteln, überwiegend für die vielen Kurhotels vor Ort.
Heute steht der damals hochmoderne Stahlbetonbau unter Denkmalschutz und beherbergt den Supermarkt ‚Albert‘. Innen kann man die Deckenkonstruktion immer noch sehr schön sehen. Wenn wir schon hier sind, können wir auch gleich für unser Abendessen einkaufen: leckeres Brot, Salami, Gouda, Oliven und Schafskäse, dazu Hummus und natürlich ein Bier, diesmal Kozel in hell, auch sehr gut.
Anstatt unsere Schätze direkt zurück in den Kühlschrank unseres Zimmers zu bringen, wählen wir einen etwas anderen Weg zurück. Wir stehen auf der Warschauer Straße (Varšavská, links im Bild) und wollen zu dem Gebäude, auf das die Kugelschreibermine zeigt. Da gibt es ein Secondhand-Geschäft, mal sehen, wie hier so das Angebot ist.
Wir überqueren die Tépla und schlängeln uns die Bezručova den Berg hinauf. Es ist sehr warm, aber nach der ersten Kehre werden wir ja da sein. Dort ist allerdings nur die Synagoge zu finden. Das Gebäude nebenan gehört schon zum Umfeld des Krankenhauses. Dann haben wir uns wohl beim Kartenlesen vertan. Wir beschließen, noch eine Kehre weiterzugehen und passieren das Krankenhaus. Nun wissen wir auch, warum wir im Hotel ständig das Martinshorn hören. Es hört sich an wie die Polizei in New York, aber es sind die Krankenwagen, die schnell in die Klinik fahren. Wir kommen in ein Villenviertel mit sehr imposanten Gebäuden. Hier wird das Secondhand-Geschäft auch nicht sein. Ein kurzer Blick auf Google Maps zeigt uns, dass wir schon zu weit gegangen sind. Wir finden einen Fußweg, der uns direkt auf die vorletzte Kehre zurück bringt.
Wir kommen wieder an der Synagoge heraus. Hier soll sich das Geschäft befinden. Hmmmm! Wir gehen noch einmal langsamer am Gebäude entlang, nichts zu sehen. Dann gehen wir hoch zum Eingang und lesen die Schilder. Etliche Einrichtungen, die mit der Synagoge in Zusammenhang stehen, etliche Ärzte, aber kein Bekleidungsgeschäft. Wir wollen schon frustriert abziehen, da fällt der Blick durch die Glasscheiben der Tür auf eine ältere Anschlagstafel innen im Flur. Und dort ist tatsächlich das Geschäft „Biko“ aufgelistet.
Na dann, hinein in die Synagoge. Nicht wirklich, denn die befindet sich im Hochparterre im rechten Flügel des Gebäudes. Wir sollen in den ersten Stock. Das Gitter steht offen, also weiter.
Der Flur sieht aus wie ein Behördenflur, doch gleich die ersten Türen rechts gehören zum gesuchten Geschäft. Wir haben Glück und können noch stöbern, ab dem 01. August machen sie Sommerferien.
Als wir wieder draußen sind und noch einmal an der Fassade hinaufschauen, können wir auch die bunte Aufschrift auf den Fenstern im ersten Stock rechts erkennen. Wir waren beim Vorbeigehen auf Schaufenster fixiert, die es hier nicht gibt. Es ist wohl eher ein Geschäft für Einheimische, die wissen, wo es sich befindet.
Unser heutiger Spaziergang führt uns durch das Kurgebiet, immer flußaufwärts an der Teplá entlang. Dabei passieren wir weitere Drehorte des Films „Casino Royale“, das Grandhotel Pupp und das Kaiserbad. Letzteres wird jetzt anscheinend umfassend renoviert und ist von fast allen Seiten komplett eingerüstet. Gedreht wurde übrigens nur in den Innenräumen.
Grandhotel PuppKaiserbad
Das Kaiserbad heißt eigentlich Bad l, alle sechs öffentlichen Bäder in Karlsbad sind mit römischen Zahlen durchnummeriert, die meisten haben zusätzlich einen Namen. Das Kaiserbad bekam seinen, da sich innen ein Luxusappartement befindet, das damals ausschließlich Kaiser Franz Joseph, Kaiser von Österreich-Ungarn und König von Böhmen, benutzen durfte.
Wir gehen auf dem Goethe-Weg weiter am Fluss entlang, die Bäume spenden angenehmen Schatten. Den Vormittag über regnete es Bindfäden bei nur 16 Grad, doch am Nachmittag ist es wieder sehr schön sonnig und warm. Der Schatten ist willkommen. Der Weg ist gesäumt von Gedenktafeln, auf denen frühere Kurgäste ihren Dank für die gute Gesundheit nach den Kuraufenthalten zum Ausdruck bringen. Auch der Geheime Rat Goethe ist mehrmals in Karlsbad (und auch in Marienbad und Franzensbad, er reiste sowieso gern durch Böhmen) zur Kur gewesen.
Ihm zu Ehren wurde 1883 ein Denkmal (eine Büste auf einem mit einem Relief und seinen Namen verzierten Sockel) in einer Parkanlage vor dem Grandhotel Pupp aufgestellt, bezahlt von der Stadt Karlsbad. 1946 wurde das Denkmal im Rahmen der „nationalen Säuberung“ (Alle ‚Deutschen’ wurden ausgewiesen, alle deutschen Spuren mussten weg.) entfernt. Die Büste kam immerhin noch ins Museum, der Mamorsockel wurde in einer Baugrube entsorgt und war damit verschwunden.
Nur sechs Jahre später wurde die Büste wieder aufgestellt, diesmal auf einem neuen, niedrigeren und etwas schlichter gestalteten Sockel und dorthin, wo Tagesgäste selten bis gar nicht hinkommen. Damals hieß der Weg auch noch Puschkin-Weg.
Tagesgäste sind auch heute nicht in Sicht, wir können in sehr viel Ruhe spazieren gehen. Den ursprünglichen Sockel aus Mamor baggerte man 2014 bei Bauarbeiten zufällig wieder aus. Diesmal wurde er nicht ein zweites Mal entsorgt, sondern unrestauriert in der Nähe der Büste wieder aufgestellt.
Unser Spaziergang geht weiter zum Jugendstil-Denkmal für Schiller, der Karlsbad nur einmal besuchte. Wir sind immerhin schon das vierte Mal hier. Schiller liebte lange Eselsritte durch die Kurwälder. Heutzutage lassen sich die Touristen gern mit der Pferdekutsche durch das Kurgebiet fahren. Wir gehen lieber zu Fuß.
Das eigentliche Ziel unseres Spaziergangs ist aber Beethoven. Kay als großer Fan besucht Beethoven-Denkmäler wo immer sie stehen. Der Meister besuchte Karlsbad während seiner Reise durch Böhmen 1812. Das Denkmal wurde 1929 enthüllt. Rechts und links sind allegorische Reliefs angebracht. Die gesamte Anlage wurde vom Karlsbader Bildhauer Hugo Uher angefertigt.
Uher wurde 1882 geboren, Böhmen gehörte zu der Zeit zum österreich-ungarischen Kaiserreich. Gestorben ist er 1945, zu der Zeit gehörte Böhmen zum Dritten Reich. Im Zuge der „nationalen Säuberung“ 1946 galt Uher daher als Deutscher, die beiden Reliefs wurden abmontiert und entsorgt. An Beethoven selbst traute man sich wohl nicht heran. Anlässlich des 200. Jubiläums des Beethoven-Aufenthaltes in Karlsbad wurden 2012 Repliken enthüllt, die nach alten Fotos aus Kunststoff hergestellt worden. Die Farbigkeit imitiert die ursprüngliche Ausführung aus gegossenem Metall.
Friedrich Smetana dagegen, der große tschechische Komponist, ist nie in Karlsbad gewesen. Sein Denkmal steht nicht weit entfernt von Beethoven und wurde 1949 aufgestellt. Smetanas tschechisches Nationalgefühl entwickelte sich erst im Erwachsenenalter. Er erlernte Tschechisch und änderte seinen Vornamen in die tschechische Schreibweise Bedřich. Sein berühmtes Werk „Die Moldau“ wird in den tschechischen Flugzeugen beim Rollen zum Terminal des Prager Flughafens gespielt.
Aufgestellt wurde das Denkmal für ihn, um „die Verbundenheit der Kurstadt mit der tschechischen Musiktradition [zu] erinnern“, so unser kleiner Stadtführer von 2003. Jede Zeit bildet seine Nationalheiligen aus; nicht jede Aktion, die daraus resultiert, ist in der Nachschau verständlich.
Seit Juli letzten Jahres können sich elf große europäische Kurbäder freuen, sie erhielten den UNESCO-Titel „Die bedeutenden Kurstädte Europas“. In allen Städten zeugen geschlossene architektonische Ensembles bis heute von der Bäderkultur. Und wir erholen uns gerade in einem davon, Karlsbad gehört neben Marienbad und Franzensbad in Tschechien dazu. Auch Deutschland steuert drei Städte bei: Baden-Baden, Bad Kissingen und Bad Ems. Dazu kommen dann noch Bath (GB), Spa (B), Vichy (F), Baden bei Wien (A) und Montecatini (I).
Wir haben keine klassische Kur gebucht, sondern genießen die gebotenen Annehmlichkeiten des Hotels und der Stadt nach Lust und Laune. Morgens und abends spazieren wir vor den Mahlzeiten zu einer der zwölf öffentlich zugänglichen Heilquellen. In Karlsbad gibt es mehr als 70 heiße Mineralquellen. Die Heilbrunnen (prámen) haben alle Namen, z.B. Freiheitsquelle, Marktbrunnquelle, Schlossbrunnquelle, Karl IV-Quelle. Das Wasser sprudelt aus den Brunnen und wird in speziellen Tassen, die Sprudelbecher genannt werden, aufgefangen.
Der Griff der Tassen ist hohl und dient mit einer kleinen Verlängerung als Trinkhalm. Es gibt die Becher überall zu kaufen, in den verschiedensten Varianten, ganz nach persönlichem Geschmack. Wir haben unsere bereits bei unserem allerersten Aufenthalt hier 2008 gekauft. Damals sagten wir uns, dass wir sie zuhause ja notfalls als Blumenvasen weiterverwenden könnten. Nun sind sie bereits das dritte Mal wieder mit uns nach Karlsbad gekommen und verrichten treu ihren Dienst.
unsere ‚alten‘ Becherdie 2022er-Kollektion für alle etwas dabei
Wir trinken das Wasser aus der Mühlbrunnquelle, 56 Grad warm, eine Art Allroundquelle, deren Wasser schon seit mehr als 100 Jahren den meisten Kurgästen verordnet wird. Es schmeckt salzig und ein bisschen nach Eisen. Man gewöhnt sich recht schnell an den Geschmack, dient ja einem therapeutischen Zweck. Die Mühlbrunnkolonnade ist die größte Kolonnade in Karlsbad. Es gibt im Gebäude noch drei weitere Quellen (Felsen-, Nymphen- und Libusaquelle), alle unterschiedlich heiß. Der James-Bond-Film „Casino Royale“ ist in Teilen in Karlsbad gedreht worden. Die Mühlbrunnkolonnade stellt den Bahnhof dar, an dem James Bond ankommt, bevor es ins Spielkasino geht.
Die berühmteste Heilquelle Karlsbads ist der „Sprudel“, der in einem Raum neben der Sprudelkolonnade als Geysir bis zu zwölf Meter hoch in die Luft steigt. Der Stahlbetonbau, 1975 fertiggestellt, wird seit Jahren renoviert. Jetzt ist der Geysir wieder zu besuchen und erfreut sich andauernder Beliebtheit. Das Wasser kommt aus ca. 2 Kilometer Tiefe hervor und schießt mit 72 Grad in die Höhe. Entsprechend warm ist es in dem Raum. Etwas abgekühlter kann man das Wasser nebenan in der Kolonnade in den Becher füllen und trinken.
der „Sprudel“, die unteren der 12 Meter der „Sprudel“, die oberen der 12 MeterSprudelkolonnade von innenSprudelkolonnade von außen, hinten der Glasturm für den Geysir
Und dann könnte man die Trinkkur natürlich am Abend mit dem leckeren tschechischen Bier fortsetzen. Neben dem Pilsner Urquell ist auch das dunkle Kozel (Ziegenbock) sehr zu empfehlen. Oder man mixt sich auf dem Zimmer einen „Beton“, das ist der hiesige Becherovka (ein Kräuterlikör) gemixt mit Tonic Water. Eine 100 ml-Flasche stand zur Begrüßung und zum Ausprobieren in unserem Hotelzimmer bereit.
Wir haben uns für unseren Aufenthalt in Karlsbad im Hotel Thermal einquartiert, wir waren hier in den 2010ern schon zweimal. Laut Eigenbeschreibung auf der Webseite stellt das Hotel eine „Perle des Brutalismus“ dar. Wir teilen diese Auffassung. Anfang der 1960er wurde ein Filmpalast für das immer größer werdende Internationale Filmfestival, verbunden mit einem internationalen Hotel und einem mit Thermalwasser gefüllten Außenschwimmbecken geplant.
Das politische Klima in der Tschechoslowakei war damals sehr liberal. So gewann der Entwurf, der im Gebäudeensemble Elemente des damals ganz neuen Brutalismus mit denen des internationalen Stils verband. Das Architektenehepaar Manochin fasste den Auftrag als Gesamtkunstwerk auf. Auch das Interieur, bis hin zu Möbeln, Tischdecken und Besteck wurde von ihnen entworfen.
Die Bauzeit dauerte lange, von 1968 bis 1977. Die politische Situation änderte sich nach dem Prager Frühling 1968 entscheidend. Doch die Pläne der zwischenzeitlich in Ungnade gefallenen Architekten (sie lobten den sowjetischen Einmarsch nicht) wurden wie geplant realisiert. Nach 31 Jahren änderte sich 1989 die politische Weltlage wieder, es wurde versucht, den Gebäudekomplex zu privatisieren.
Dabei wurden, wie auch damals im Osten Deutschlands eine Menge Fehler gemacht. Jahrzehntelange Rechtsstreitigkeiten, die sich erst vor fünf Jahren auflösten, verursachten mit der Zeit einen Modernisierungsstau. Den haben wir bei den ersten Aufenthalten noch mitbekommen. Seit drei Jahren wird nun in allen Bereichen kräftig modernisiert, wobei das Ambiente immer noch stimmig bleibt.
In der Draufsicht sieht das Gebäude wie eine Filmkamera aus. Das Festivalgebäude übernimmt die Rolle der beiden Filmspulen. Der Große Saal (hinten im Bild) bietet Platz für 1200 Zuschauer. Er ist architektonisch anspruchsvoll auf einer langen Konsole aufgehängt und erzeugt in der Seitenansicht den Eindruck, er würde im Raum schweben. Leider ist das nur sehr schwer mit den touristischen Fotografiermöglichkeiten einzufangen.
Zusätzlich gibt es fünf Konferenzsäle, in denen während des Filmfestivals im Juli auch Filme gezeigt werden. Das Internationale Filmfestival fand in diesem Jahr schon zum 56. Mal statt. Wir sind kurz danach angekommen, einige Schilder hängen noch. Das Foto zeigt einen Wandausschnitt in der Hotelbar.