Architektur für Kunst und Kultur, für Polis und Politik (Berlin, Oktober 2023)

Wir sind in Städten sehr oft und sehr gern zu Fuß unterwegs. Man entdeckt viel ungeplantes auf den Wegen von A nach B. Auf unserem Weg zum Hamburger Bahnhof kommen wir an interessanten Plätzen und Gebäuden vorbei.

Da wir am Tiergarten wohnen, müssen wir uns natürlich die Siegessäule von nahem ansehen. Dieses bedeutende Nationaldenkmal Deutschlands erinnert an die Einigungskriege von 1864 bis 1870, in Folge derer schließlich der erste deutsche Gesamtstaat gegründet wurde. Die „Goldelse“, wie die Viktoria-Figur von den Berlinern genannt wird, ist am Sonntag einmal nicht vom Verkehr auf sechs Fahrspuren umbraust.

Nicht weit entfernt steht das Schloss Bellevue, der Amtssitz des Bundespräsidenten. Die klassizistische dreiflügelige Anlage wurde 1785/86 als Sommerresidenz für den preußischen Prinzen August Ferdinand, dem jüngsten Bruder von König Friedrich dem Großen, gebaut. Da die Standarte auf dem Dach gehisst ist, weilt Frank-Walter Steinmeier grad in Berlin.

Unser Weg zurück vom Museum führt uns durch den Berliner Hauptbahnhof hindurch zum Washingtonplatz, wo gegenüber des Bahnhofs das Cube Berlin steht, ein zehnstöckiges Bürogebäude. In der mehrfach nach innen gefalteten Fassade spiegelt sich die Umgebung wie in einem Kaleidoskop.

Wir überqueren die Spree, die hier einen Bogen macht, über die Moltkebrücke, von der aus wir das Bundeskanzleramt sehen können. Etwas später ist dieses auch von vorne zu sehen. Über die dafür gewählte Architektur kann man immer noch vortrefflich streiten.

Es ist das größte Regierungshauptquartier der Welt, achtmal so groß wie das Weiße Haus in Washington. Und es ist bereits ein Erweiterungsbau geplant, Baubeginn ursprünglich in diesem Jahr, jedoch wegen der Kosten und der diskutierten Notwendigkeit erst einmal gestoppt.

Vor den Eingang steht die Skulptur Berlin des Spanisch-baskischen Bildhauers Eduardo Chillida. Fünfeinhalb Meter hoch, 87,5 Tonnen schwer werden durch die sich beinahe berührenden Stahlarme Teilung, Annäherung, Vereinigung symbolisiert.

Etwas weiter die Straße entlang sehen wir links das Reichstagsgebäude, der Sitz des Bundestages. Heute ziert eine begehbare Glaskuppel des Architekten Norman Foster das Gebäude.

Das Parlamentsgebäude hatte schon vorher eine Kuppel, sehr zum Ärgernis Kaiser Wilhelm II., da er berufsbedingt nicht nur eine Abneigung gegenüber einem gewählten Parlament hatte. Nein, die Kuppel war auch noch höher als die seines Stadtschlosses. Unverschämtheit!

Bald darauf kommen wir an den Gebäuden des Kulturforums an. In der Philharmonie versuchen wir, noch kurzfristig Karten für ein Konzert zu bekommen, kein Glück. Auch in die Neue Nationalgalerie kommen wir nicht mehr hinein, keine Tickets mehr. Dann besuchen wir eben die St. Matthäus-Kirche gleich nebenan.

Diese wurde nach Plänen von Friedrich August Stüler (nun wissen wir, warum die Straße so heißt, an der unser Hotel liegt) inmitten eines gutbürgerlichen Wohngebiets erbaut und 1848 eingeweiht. Dietrich Bonhoeffer wurde hier 1931 zum Pastor ordiniert. Bald darauf stand das ganze Gebiet den Nazis für den Bau ihrer „Welthauptstadt Germania“ im Wege, und sie begannen, viele Wohnhäuser abzureißen. Die Bombenangriffe der Alliierten legten die Reste des Wohngebiets in Schutt und Asche. Die Kirche wurde stark beschädigt und nach dem Krieg nur von außen rekonstruiert.

Das Innere ist sehr schlicht und hell gestaltet und bietet Raum nicht nur für Gottesdienste, sondern auch für Konzerte und Kunstausstellungen.

Hier hängen gerade Bilder von Jakob Mattner unter dem Titel Deep Time – Der ferne Klang, in denen er sich mit der Entstehung der Erde auseinandersetzt.

Die Künstler werden stets eingeladen, auch ein Altarbild für die Zeit der Ausstellung anzufertigen. Das Bild von Mattner suggeriert einen Blick in das Universum. Er verwendete unter anderem sedimentierten Kupferstaub für das Bild.

Wir steigen dann noch die 100 Stufen in den Turm hinauf. Von dort aus hat man einen schönen Rundumblick, bevor es wieder ins Hotel geht.