Ein Besuch in Berlin ohne einen Besuch im Hamburger Bahnhof, das geht nicht so richtig. In der ehemaligen Empfangshalle des Bahnhofs gibt es eigentlich zu jeder Zeit sehenswerte Ausstellungen zu sehen.

Diesmal beginnt unser Besuch von Anfang an erfreulich, denn wir müssen gar keinen Eintritt zahlen. Am ersten Sonntag jeden Monats ist der Eintritt in die staatlichen Museen frei! Bis zu dem Zeitpunkt war uns gar nicht klar, dass wir an einem Sonntag unterwegs sind.
Die Empfangshalle wird zurzeit von den biomorphen Skulpturen der Spanierin Eva Fabèrgas „bevölkert“. Sie winden sich nicht nur wie Reisende in einer Bahnhofshalle über den Boden, sondern erobern auch die gusseisernen Träger des Gebäudes. Auf den ersten Blick scheinen die „Devouring Lovers“ nur stoffliche Objekte zu sein, doch bei genauerem Beobachten beginnen die „verschlingenden Liebenden“ sich leicht zu bewegen, zu vibrieren, um dann unvermittelt wieder still zu sein. Die insgesamt siebzig Skulpturen wurden speziell für diese Halle angefertigt. In der Ausstellung haben die Kinder großen Spaß am Nachbauen der Skulpturen aus Luftballons und Nylonstrumpfhosen.



Eine für uns weitaus beeindruckendere Ausstellung ist jedoch die Einzelausstellung „Seeing without Light“ der Berlinerin Nadia Kaabi-Linke. Sie erforscht mit künstlerischen Mitteln die verborgenen Spuren von Gewalt, die unbemerkt unsere Geschichte und unsere Gegenwart prägen. Und das gelingt der Künstlerin mit ukrainisch-tunesischen Wurzeln beeindruckend gut!

In den Arbeiten zu „Blindstrom for Kazimir“ sehen wir immer Paare gleich großer weißer und schwarzer Rechtecke, die an Gemälde von Kasimir Malewitsch erinnern. Alle, die sich mit Kunst und Kunstgeschichte halbwegs gut auskennen, haben sicherlich (so wie wir auch) in Schule oder Studium gelernt, dass Malewitsch ein russischer Maler war.
War er nicht! Er stammte aus der Ukraine. In den 1920er und 1930er Jahren zensierten die Sowjets viele ukrainische Kunstschaffende, indem sie ihre Werke zerkratzten oder übermalten.

Die Abriebspuren dieser Gemälde hat Nadia Kaabi-Linke auf die schwarzen Tasttafeln übertragen. Man darf und soll sie berühren. Die weißen Rechtecke symbolisieren die abwesenden eigentlichen Gemälde.

Für „Fatima“ gestaltete sie fünf ähnlich große Hände aus Stahl (Nadeln und Nadelstiche), Blut, Horn (Fingernägel) und Haar, rahmte sie in fünf identische Kästen und beleuchtet sie mit Lampen, die Überwachungskameras ähneln.

Die Hand steht für die Weiblichkeit in der arabischen Welt. Die Installation setzt sich mit der Rolle der Frauen auseinander, von denen erwartet wurde (und wird), dass sie sich in (von Männern bestimmte) starre gesellschaftliche Zwänge einfügen.

Eine andere Arbeit thematisiert die Fähigkeit der Menschen zur Zerstörung beim gleichzeitigen Fortschritt der Wissenschaft. Das Triptychon ist ein Transferdruck von Einschusslöchern aus dem Zweiten Weltkrieg in einer Mauer am Hegelplatz (so auch der Titel) in Berlin. Hegel war ein bedeutender deutscher Philosoph und Rektor der Humboldt-Universität, gegenüber der sich die Wand befindet.
Im anderen Flügel des Gebäudes ist die Sammlung für das 21. Jahrhundert zu sehen. Unsere Aufnahmekapazität erschöpft sich zusehends, obwohl auch dort wunderbare Arbeiten hängen.




Wir schauen uns nicht mehr ganz so intensiv um, bevor es dann auf der Terrasse am Wasser Eiskaffee bzw. Eisschokolade bei schönstem Sommerwetter (wir haben Herbst) gibt.