Ein weiterer Stadtbummel durch Graz (Graz, Juli 2023)

Ich besuche für eine Woche die Summer Academy des Europäischen Zentrums für Moderne Sprachen (ECML) des Europarates, die mit echten Menschen in Präsenz stattfindet. Zwischendurch muss ich am ersten Tag die Konferenz kurz verlassen, denn mein Koffer ist auf dem Weg zu mir!

Telefonisch und per SMS kommen zwischendurch mehrere Statusmeldungen, und dann steht der Koffer endlich wieder vor mir. In der Mittagspause rolle ich ihn flugs zu meinem Appartement, denn am frühen Abend steht ein geführter Spaziergang durch die Altstadt auf dem Konferenz-Programm.

Unser Tourguide ist, wie schon vor fünf Jahren, wieder Sigi. Sie macht es einfach super, spricht ein wunderbares Englisch und schafft es, auch neue Infos einfließen zu lassen. Einiges war schon im Blogbeitrag vom 18.09.2018 zu lesen.

Wir beginnen direkt am Tagungsort am Nikolaiplatz. Den dazugehörigen Nikolaus finden wir nach wenigen Schritten. Die Statue wurde 1995 von Bernt Preisegger gefertigt. Sie erinnert an die armen Schiffer, die auf der stark fließenden Mur fuhren.

Man nahm dazu gern Menschen, die nicht schwimmen konnten, denn diese krallten sich während der wilden Fahrt an der Ladung fest und hielten diese gleichzeitig an Bord. Ich denke mal, nicht wenige gingen trotzdem über Bord. Damals soll es am Standort des Denkmals einen kleinen Hafen gegeben haben.

Weiter geht es in die ‚Innere Stadt‘ auf der anderen Seite der Mur. Dabei werfen wir einen Blick zurück auf das „friendly alien“ genannte Kunsthaus Graz.

Auch diesmal bleibt keine Zeit für einen Besuch einer Ausstellung im Inneren dieses futuristischen Museumsbaus. Der wurde 2003 gebaut, als Graz europäische Kulturhauptstadt war. Inzwischen ist es das neue Wahrzeichen der Stadt. Wir müssen noch einmal wiederkommen!

Vor fünf Jahren gab es auch schon Bilder des Landhauses, dem Sitz des Landtages, zu sehen. Hier kommen noch ein paar neue Blickwinkel aus dem großen Innenhof dazu:

Dieser ist von Arkadengängen über drei Etagen geprägt, einem der Stilmittel der Renaissance, was das Landhaus zum bedeutendsten Bau der Frührenaissance in der Steiermark macht.

Der Brunnen trägt eine figurale Brunnenlaube, die mit 1590 datiert und signiert ist. Das markiert den Übergang der Renaissance zum Barock.

Der „Faun mit Weitblick“ auf der anderen Seite der Tordurchfahrt ist eindeutig nicht mehr Renaissance oder Barock, sondern neueste Neuzeit. Er wurde 2012 von Martin Karlik erschaffen. Der knapp einen Meter hohe Gesell erinnert, so die Stadtführerin, an die Theateraufführungen, die in der Sommersaison hier im Innenhof mit seiner guten Akustik stattfinden.

Auf dem Weg zur Burg mit ihrer Doppelwendeltreppe (näheres dazu hier) kommen wir an einer weiteren amüsanten Episode der Grazer-Wienerischen Eifersüchteleien vorbei, dem Mausoleum von Kaiser Ferdinand II. Er hatte sich in den Kopf gesetzt, neben dem Grazer Dom auf dem Gelände des ehemaligen Friedhofs ein würdiges Denkmal für sich zu errichten. Das Mausoleum, zu dem eine imposante Freitreppe hinauf führt, wurde 1614 in Auftrag gegeben und nach 22 Jahren vollendet, zumindest von außen.

Links im Bild ist der Dom zu sehen, daneben der „Neubau“: der Eingang in der Mitte führt zunächst in eine Kirche für die hl. Katharina von Alexandrien. Von dort aus geht es rechts hinein in die eigentliche Grabkapelle (die Kuppel rechts im Bild) mit der darunter liegenden kaiserlichen Gruft.

Der Durchgang zwischen Dom und Mausoleum ist sehr schmal, ein Auto mit heutigen Ausmaßen würde wohl steckenbleiben. Damals passte bestimmt eine Pferdekutsche hindurch.

Von hinten ist die Kuppel der Grabkapelle gerade noch zu sehen, nicht zu erkennen ist, dass sie oval ist, als erster Kirchenbau außerhalb Italiens. Unter dem schlanken Turm, der Campanile, liegt die Mesnerwohnung. Die vordere Kuppel ist die der Katharinenkirche, ganz rechts ein Stück des Grazer Doms.

Nach dem Tode von Ferdinand im Jahr 1637 war der Bau von außen fertig, aber eben noch ein Rohbau. Ferdinand II residierte als Kaiser des Heiligen Römischen Reiches zwar in Wien, hatte testamentarisch allerdings verfügt, dass er nicht dort in der Kaisergruft, sondern in Graz bestattet werden wollte. Die Dinge verzögerten sich, immerhin wurde der Gruftaltar oberhalb seiner Ruhestätte drei Jahre nach seinem Tod geweiht. Ferdinands Enkel, Kaiser Leopold I, forderte dann die Vollendung der Arbeiten. Opa und Oma sollten schließlich in Ruhe und Würde ruhen. Genau einhundert Jahre nach Baubeginn war dann das gesamte Ensemble vollendet! Die Wiener erzählen nun gern bei ihren Stadtführungen, dass alle Habsburger und ihre Angehörigen in „ihrer“ Kaisergruft in Wien bestattet sind, insgesamt stehen dort 138 Sarkophage. Und die Grazer freuen sich, dass es eben nicht alle sind, sondern einer der Gründer der Habsburger Linie bei ihnen in der Stadt liegt.

Hannover – Herrenhäuser Gärten, Teil 2 (Sommer 2022)

Bevor wir in den Berggarten hinübergehen, werfen wir noch einen Blick auf die älteste Kübelpflanze der Welt. Dieser Granatapfelbaum kam 1653 von Venedig hierher nach Herrenhausen. Mit fast 370 Jahren kann man auch mal etwas zauselig aussehen.

Der Berggarten wurde 1666 als Küchengarten für das Schloss angelegt. Bald darauf versuchte man auch, exotische Pflanzen zu ziehen, mal mit mehr, meistens mit weniger Erfolg. Knapp hundert Jahre später wurde der Garten nur noch als botanischer Garten genutzt. Der Gärtner musste dann standesgemäß wohnen. Heute dient das ehemalige Gartenmeister-Wohnhaus als Bibliothekspavillon.

Zwischen diesem Gebäude und den Schaugewächshäusern befindet sich der Schmuckhof. Die Beete sind sehr abwechslungsreich bepflanzt.

Rundherum stehen Duftpelargonien für eine Duftrallye bereit: Ein grünes Blatt zwischen den Fingern reiben, daran riechen und anschließend mit dem verdeckten Schild an der Pflanze vergleichen. Nicht immer kommen wir zu dem gleichen Ergebnis. Uns gefallen die zitronig duftenden Pelargonien am besten.

Wir gehen durch den Steppengarten und den Präriegarten und bewundern die schönen Stauden.

Im hinteren Teil des Gartens kommen wir zum Mausoleum der Welfen, denen es auch immer noch gehört. Zahlreiche Familienangehörige sind dort bestattet. Nur der letzte König von Hannover, der Brite George V (der sich von Preussen annektieren ließ), ruht natürlich in Windsor und nicht hier in Hannover! Der letzte das Welfenhaus regierende Prinz wurde 1953 vor dem Mausoleum bestattet, unter der Platte rechts liegt seine Frau, die erst 1980 verstarb.

Zum Mausoleum führt einmal längs durch den Garten eine Lindenallee, auch sie in Privatbesitz, aber öffentlich zugänglich. Spannender als dadurch zurückzugehen ist es, die verschlungenen Wege des Staudengrunds zu erforschen. Ein kleiner Bachlauf plätschert munter vor sich hin, kühlt die Luft angenehm herunter und mündet schließlich in einem Teich.

Wir laufen unter einer Süntelbuche hindurch. Dieser Baum wurde ca. 1880 gepflanzt, seine Krone überdeckt die fast unglaubliche Fläche von ca 750 qm! Diese Bäume stammten aus dem Süntel, einem Gebirgsstock südwestlich von Hannover. Dort wurde der letzte Buchenwald mit diesen Bäumen im letzten Jahrhundert als wertloses „Teufelsholz“ einfach abgeholzt und verbrannt.

Kurz darauf ist unser Rundgang beendet, und wir machen uns auf den Rückweg zum Hotel. Am nächsten Tag geht es endgültig nach Hause, das Sabbatjahr mit seinen vielen Reisemöglichkeiten ist jetzt wirklich zuende.