Calheta: Sonne, Sand und Saccharum (Madeira 22)

Calheta ist als Badeort und für die vielfältigen Wassersportarten bekannt. Bei unserem Besuch im Januar ist davon natürlich nicht viel zu sehen. Die Schiffe in der Marina dümpeln so vor sich hin. Ein einsamer Surfer versucht, den Sturmböen zu trotzen. Wasser und Luft haben beide ähnliche Temperaturen um 20 Grad herum, also baden auch (wenige) Menschen.

Damit hier an der schroffen Küste überhaupt ein Badeort entstehen konnte, musste eine Menge bewegt werden. Für die beiden Badebuchten wurden zunächst zwei Molen gebaut, bevor die Strände angelegt werden konnten. Der Sand dafür kam aus Marokko (Saharasand) und vom portugiesischen Festland. Madeira selbst hat keine natürlichen Sandstrände. Auf der Promenade zwischen beiden Buchten stehen im Sommer die Sonnenliegen, in Coronazeiten sind die Standorte mit blauen Abstandspunkten genau markiert.

Im Hintergrund schließt sich die Marina mit Restaurants und Servicegebäuden an. Den Abschluss bildet ein kleiner Park, unter dem sich eine große Tiefgarage für die sommerlichen Badegäste von weiter her befindet. An der Küste gibt es nur zwei große Hotels und einen unglaublich gut sortierten Supermarkt.

Der alte Ortskern zieht sich entlang der wasserführenden Schlucht Ribeira da Calheta in die Höhe. Die Zeiten des wirtschaftlichen Erfolgs mit Zuckerrohr sind schon sehr lange vorbei. Zuckerrohr wurde im 15. Jahrhundert von Sizilien aus nach Madeira eingeführt, da hier ideale Bedingungen für den Anbau herrschten.

Die gesamte Bevölkerung profitierte schnell vom wirtschaftlichen Erfolg. In den Kirchen kann man den damaligen Reichtum noch erkennen. Heute gibt es nur noch sechs arbeitende Zuckermühlen auf der Insel, eine davon steht in Calheta. Als es mit dem Zuckerrohranbau immer mehr bergab ging, schlossen sich hier mehrere kleine Mühlen (Engenhos) genossenschaftlich zur Sociedade dos Engenhos da Calheta zusammen.

Die Zuckermühle, man kann sie besichtigen, arbeitet immer noch mit den alten Maschinen, die inzwischen aber nicht mehr mit Dampf, sondern mit Strom betrieben werden.

Die Ernte und Verarbeitung findet zwischen Mitte März und Ende April statt. Anschließend wird Zuckerrohrschnaps/Rum und Sirup hergestellt. Der durchsichtige Zuckerrohrschnaps aguardente wird durch Reifung in Holzfässern zu Rum, dem einzigen Rum, der in Europa hergestellt wird.

In der Probierstube kann man gegen ein kleines Entgelt probieren und bei Gefallen auch kaufen. Den Rum kennen wir schon, er ist exzellent, wenn er viele Jahre gereift ist. Der Aguardente, man kann das Wort als Feuerwasser übersetzen, macht seinem Namen alle Ehre. Er riecht nicht gut und schmeckt noch schlimmer. Der Zuckerrohrsirup ist Bestandteil des bolo de mel, die uns so gut schmecken. Wir nehmen beides mit, den Alkohol lassen wir hier.

In einem Schauraum, sie nennen es Museum, werden Geräte ausgestellt, die während der verschiedenen Phasen der Ernte und Verarbeitung genutzt werden. Ein Film erzählt die Geschichte der Mühle.

Heutzutage dominiert nicht mehr der Zuckerrohranbau, sondern Weizen- und Weinanbau. Die kleinen weißen Bauten zwischen den Weinstöcken auf dem zweiten Foto sind ehemalige Zweckbauten und dienen nun als Zimmer des Naturhotels Socalco. Im Bildvordergrund wachsen Mandarinen.

Gleich neben der Zuckermühle steht die Igreja do Espírito Santo aus dem 15. Jahrhundert (um 1430), eine der ersten Kirchen, die auf Madeira gebaut wurden. Wie die Kathedrale in Funchal findet sich hier in der Deckengestaltung der maurische Baustil wieder, der auch auf der iberischen Halbinsel zu finden ist.

Morgen kommt der dritte Teil des Ausflugs.

Bananen, Bananen, Bananen (Madeira 22)

Eigentlich mag ich gar nicht so gerne Bananen essen. Es gab wohl vor Jahren zuviele davon in einem viel zu reifen Zustand. Aber wie schon öfter erwähnt, sind die Bananen von Madeira etwas ganz anderes. Dabei wachsen sie hier auch erst seit 100 Jahren. Man suchte einen alternativen Wirtschaftszweig, nachdem Zucker und Schnaps aus Zuckerohr billiger aus der Karibik importiert werden konnte und Schädlinge die Weinstöcke zerstört hatten.

Auf Madeira wachsen die Bananen ausschließlich an der Südküste (da, wo wir sind) bis zu einer Höhe von maximal 300 Metern. Ab einer Höhe von ungefähr 200 Metern wird der Ertrag zunehmend geringer. Madeira exportiert seine Bananen ausschließlich auf das portugiesische Festland, wo sie sehr teuer sind. Das liegt an den arbeitsintensiven Handarbeit und den kleinen Anbauflächen. Hier sind sie sehr günstig zu haben, wir essen sie gern als kleinen Mittagsimbiss oder einfach nur so.

Auf einer unserer Touren sind die Bilder entstanden, die folgendes verdeutlichen:

Auch kleinste Flächen zwischen der dichten Bebauung werden für den Bananenanbau genutzt.
Kleine Treppchen führen von den schmalen Fußpfaden auf die Terrassenfelder.
Die Bewässerung wird durch ein ausgeklügeltes, Jahrhunderte altes System aus Bewässerungsrinnen gewährleistet.
Die Reife wird durch Plastiktüten beschleunigt, die über die Staude gezogen wird.
Die Blütenblätter enthüllen neue kommende Bananenfrüchte.

Kalk und Salz, Câmara de Lobos‘ vergangene Industrie (Madeira 22)

Câmara de Lobos wird in den Reiseführern immer als pittoresker Fischerort beschrieben, was auch zutrifft. Es gibt jedoch auch Spuren aus längs vergangenen Industriezweigen, z.B die Herstellung von gebranntem Kalk für die Bauindustrie.

Forno da Cal, von hinten

Beim Verbrennen des Kalksteins entsteht gebrannter Kalk, der mit Wasser weiter verarbeitet wird zu Kalkfarbe und Kalkmörtel. Der 1874 von Roque Teixeira de Agrela, einem Sohn der Stadt, erbaute Brennofen erhielt 1914 seine heutige Form. 1960 wurde er grundlegend renoviert.

Noch voll funktionsfähig wurde die Kalkbrennerei aber in den 1970ern aufgegeben. Die Anwohner störten sich massiv am Geruch und dem ständigen Qualm aus dem Ofen, der für Smog sorgte. Und gebrannter Kalk konnte inzwischen per Schiff eingeführt werden. Heute ist der Ofen als lokales Kulturerbe anerkannt. Das hilft ihm aber auch nicht wirklich weiter. Es schützt ihn nur vor dem Abriss. Ansonsten gibt es nicht einmal ein Hinweisschild, um was es sich hier handelt.

Unterhalb des Brennofen befindet sich die Salinas Badeanstalt. Sie erhielt ihren Namen nach den alten Salzpfannen, in denen Meersalz gewonnen wurde und nach den Trockenplätzen für Fisch, speziell Katzenhai.

Hier kann man sich die Salzpfannen noch gut vorstellen.

Geplant vom Architekten Paolo David wurde sie 2004 fertiggestellt. Unterhalb der Befestigungsmauer entstanden die Schwimmbecken für Erwachsene und Kinder und die Bar. Die notwendige Infrastruktur wie Umkleideräume und Duschen sind hinter der Mauer verborgen.

Mit einem Fahrstuhl kommt man auf das Straßenniveau und von dort aus in den Park und in das Restaurant. Paolo David hat dafür einige Preise gewonnen.

Aber von der einstigen Schönheit ist kaum noch etwas zu erkennen. Seit Ausbruch von Covid-19 ist das Schwimmbad geschlossen, was dem Gelände nicht unbedingt zuträglich ist. Auch das Restaurant oberhalb ist geschlossen, es ging im Laufe der Epidemie bankrott. Davor gehörte es zu den besten Restaurants am Ort. Eine ausgiebige Recherche im Internet ergab, dass wohl geplant ist, in dem Komplex ein neues Hotel zu eröffnen. Davon ist noch nichts zu sehen. Es war auch kein konkretes Datum angegeben. Wir bleiben gespannt.