Zum Ölwechsel mit einem Motorhome, day 23 (USA 2022)

Durch die unfreiwillige Fahrt von Georgia nach New York und wieder zurück haben wir viel mehr Meilen auf dem Tacho als gewünscht. Daher müssen wir jetzt schon zum Ölwechsel.

Mit unserem Motorhome geht es nicht in den schnellen Ölwechselstätten, deshalb machen wir einen Termin bei Camping World. Das befindet sich genau nebenan, Kay und John gehen gemeinsam zu Fuß dort hin. Trotzdem ist der nächste freie Termin erst in fünf Tagen.

Der Termin ist um neun Uhr, daher stehen wir früh auf. Wir müssen nach dem Frühstück ja noch alles sicher verpacken, auch wenn es nur um die Ecke geht. Um drei Minuten vor neun stehen wir vor der noch geschlossenen Tür, pünktliche Deutsche, aber wir sind nicht die ersten!

Innen geht es zur Service-Abteilung, dort wieder unterteilt in Service und Teile. Wir müssen ein Formblatt mit all unseren Daten ausfüllen, obwohl Kay das schon vor fünf Tagen gemacht hat. Die wurden auch aufgenommen, sind aber zwischenzeitlich im Daten-Nirvana des Computersystems verschwunden.

Wir haben unsere Adresse in Deutschland aufgeschrieben. Darren hat noch nie deutsche Angaben gehabt und versucht, unseren Straßennamen auszusprechen. Noch haben wir Spaß und alles geht gut, bis das Land eingegeben werden muss. Das System nimmt ‚Germany‘ nicht, sondern macht immer wieder ‚Virginia‘ draus. Ich schlage vor, die Adresse des Motorhome-Verleihers zu nehmen. Darren gibt mir Papier, um sie aufzuschreiben und geht zum Manager, um zu fragen, wie er Germany in die Datenbank eingeben kann. Ich bin schneller als er und wedele mit meinem Papier, doch das bringt ihn nicht dazu, zu mir zurückzukehren.

Der Manager scheint auch ratlos zu sein, denn als Darren zurück kommt, tippt er die New Yorker Adresse ein und ist froh, dass das klappt. Nachdem der Auftrag von mir unterschrieben wurde, werden Aufkleber für Windschutzscheibe und Autoschlüssel vorbereitet und noch einmal mit einem dicken Eddig per Hand mit unserem Namen beschriftet. Darren schreibt mit dem blauen Edding „waiter“ auf den Auftrag, damit die Menschen in der Werkstatt wissen, dass wir auf den Wagen warten (und sich hoffentlich beeilen). Doch die prognostizierte Wartezeit ist „a couple of hours“. Für einen Ölwechsel!

Sodann gehen wir gemeinsam zum Motorhome. Darren bringt die Aufkleber an, damit der Auftrag auch nicht verwechselt werden kann. Dann geht er einmal um den Wagen herum, um schon vorhandene Schäden zu protokollieren.

Wir werden die anschließende Wartezeit am Pool im RV-Resort verbringen und nehmen uns dafür noch frisches Popcorn von Camping World mit. Das Ganze hat inzwischen fast eine Stunde gedauert und erst nun kann der Wagen auf die Liste der zu erledigenden Aufgaben. Wir sind reichlich genervt von der Ineffizienz, mit der hier Arbeitsabläufe gestaltet werden.

Glücklicherweise ist gerade frischer Kaffee im Clubhaus fertig. Wir setzen uns in den Schatten. Laurie und John kommen mit Muffins vorbei und erzählen uns kleine Horrorgeschichten vom Umgang mit den Kundenfahrzeugen in Werkstätten. Um kurz nach elf Uhr klingelt das Telefon, überraschend schnell. Sie sind fertig mit dem Ölwechsel!

Wow! Wir machen uns wieder zu Fuß auf den Weg, raus aus dem einen umzäunten Gelände, auf dem Rasenstreifen am Zaun entlang, hinein in das andere umzäunte Gelände.

Hinten in der Mitte der Eingang zu unserem Resort, links und rechts davon unterschiedliche Wohnmobilhändler.

Am Service-Tresen ist schon alles bereit, ich muss nur die Kreditkarte durchziehen und den erledigten Auftrag unterschreiben. Dazu kommt noch eine kleine Evaluation, wie denn der Service so war. Ich schreibe auf, dass die Effizienz der Arbeitsabläufe durchaus verbesserungsfähig wäre. Doch Darren macht mich darauf aufmerksam, dass die Evaluation nur seine persönliche Interaktion mit dem Kunden betrifft.

Okay, neues Blatt, sehr gute Rückmeldung, da Darren wirklich alles tat, was er konnte und auch sehr freundlich war. Auf diese Weise erhält man als Firma natürlich immer nur positives Feedback und kann gar nicht auf die Idee kommen, etwas zu verbessern.

Nun ist alles erledigt, denke ich, doch nein! Darren wird vom Manager aufgehalten, sie haben das Öl vergessen. Nach einer kurzen Verwirrung auf allen Seiten wird deutlich, dass der Ölwechsel geschehen ist, doch das Öl taucht auf der Rechnung nicht auf. Dort haben sie es vergessen. Ich benötige eine neue Rechnung und die Werkstatt noch einmal meine Kreditkarte für die Differenz.

Nach einer weiteren Weile kommt die neue Rechnung, doch ich muss nichts extra bezahlen. Die Summe bleibt die gleiche. All dies geschieht nur, damit man die Werkstatt anschließend nicht verklagen kann, keinen Ölwechsel durchgeführt zu haben. Ich denke: „Nur raus hier!“, doch ich muss noch das Protokoll unterschreiben, dass während des Werkstattaufenthaltes keine weiteren Schäden am Fahrzeug aufgetreten sind. Ich könnte es blind unterschreiben oder noch einmal mit Darren hinaus in die Hitze (30 Grad) gehen. Ich verzichte in der Hoffnung, dass alles in Ordnung sein wird (richtig gehofft). Nach einer weiteren knappen Stunde sind wir endlich durch mit dem Ölwechsel.

Pot Luck Dinner, FL, day 22 (USA 2022)

Wir sind in diesem 55+ RV-Resort gelandet, weil Freunde von uns hier seit zwei Jahren dauerhaft wohnen, um in der Nähe ihrer Eltern zu sein. Zwischen ihrem Haus (park model) und dem nächsten sind zwei Rasenplätze frei, auf einem davon stehen wir. Nach der langen Fahrt zur Werkstatt und zurück (fünf Tage on the road) genießen wir das sorgenfreie Leben hier. Wir können Laurie und John bei allen Dingen fragen.

Sie helfen bei Problemen aus, zum Beispiel mit super glue, wenn der Rahmen der Plastiklesehilfe bricht.

Wir müssen unser Motorhome nicht bewegen, um einkaufen zu fahren, weil wir uns zu viert in deren Truck quetschen. Gut, dass die Damen „petite“ sind, so passen sie auf die hintere Bank.

Und wir nehmen an deren soziale Aktivitäten teil, die Einladung von Freunden zum cook out wird auf uns ausgedehnt. Zu diesem pot luck dinner bringt jedes Paar etwas zu essen mit. Wir tragen mit Hilfe von Lauries Backofen und Auflaufform mit einem Kartoffel-Bohnen-Tomaten-Auflauf dazu bei. Das Essen kommt auf die front porch. Die Getränke und Stühle bringt jeder selbst mit, Pappteller und Plastikbesteck wird von den Gastgebern gestellt.

Dann sitzt man in einem großen Kreis in der Sonne, trinkt alkoholfreie Getränke und viel lieber noch Bier oder Rotwein und erzählt sich die wildesten Dinge. Wir sind natürlich interessant, weil wir aus Deutschland kommen.

Etliche der Männer waren schon mal da, und wir werden gefragt, ob es noch dieses oder jenes gibt. Ob zum Beispiel immer noch Bratwurst mit einem Klecks Senf an den Bahnhöfen verkauft wird. Wir, und nur wir, bekommen ein originales Hofbräuhaus-Bier angeboten.

Und ganz plötzlich kommt ein golfcart angebraust und ein riesiges Huhn steigt aus, bewaffnet mit einem kleinen Abspielgerät, aus dem der Ententanz erklingt. Das Huhn tanzt, versucht einige der Anwesenden zum Mittanzen zu animieren und erfreut die ganze Gemeinschaft.

Nach ein paar Minuten ist der Spuk (für uns) bzw. die gelungene Unterhaltung (für die anderen) vorbei, alle applaudieren und das Huhn verabschiedet sich wieder.

Ich treffe die Frau später noch einmal. Sie fand, wir hätten, so wie wir da zusammen saßen, ein bisschen entertainment verdient. Andere sagen später, sie hätte schon zwei shots gehabt. Wie auch immer.

Nach drei Stunden ist allgemeiner Aufbruch angesagt, die Reste des opulenten Buffets werden verteilt. So haben wir noch den ganzen nächsten Tag zu essen, ohne großartig kochen zu müssen. Endlich hat auch unsere eingebaute Mikrowelle einen Nutzen für uns.

At the Farmers and Flea Market, FL, day 21 (USA 2022)

Freitags bis Sonntags ist hier „nebenan“ (man muss mit dem Auto hinfahren) ein kombinierter Farmers und Flea Market. Das Gelände ist riesig, wie eigentlich alles hier, bestimmt ein Block groß. Dahinter befindet sich ein Parkplatz von gleicher Größe.

Wir beginnen in dem Teil, der unseren Wochenmärkten zuhause gleicht, allerdings ist hier alles überdacht. Wir wollen frisches Gemüse einkaufen. Es gibt aber auch Abteilungen mit Pflanzen und Büschen für den Garten.

Die tropische Jackfrucht (jack fruit) wird auch hier im subtropischen Klima angebaut und wird überwiegend für südostasiatische Gerichte, für Currys oder zum Einlegen genutzt. Sie sieht ein bisschen merkwürdig aus. Ich habe lieber Ananas und Melone probiert.

Diese Salate werden ohne Erde gezogen, sondern auf einem Substrat in einer Art Aquakultur. Auf diese Weise kann man enorme Mengen an Wasser einsparen. Arugula ist Rucula.

Honeybells sind Saftorangen aus Florida, die genau jetzt reif und zu kaufen sind.

Das Obst und Gemüse wird entweder per Stück bezahlt, oder per box/ basket. Nirgendwo sind hier Waagen wie bei uns zu sehen. Es gibt aber auch Märkte, auf denen abgewogen wird.

Frische Meeresfrüchte werden beim Obst und Gemüse verkauft, sie liegen in geschlossenen weißen Styroporkästen. Es gibt sicherlich auch noch andere typische Wochenmarktprodukte hier, das Gelände ist einfach zu unübersichtlich, und unser Kühlschrank ist bereits voll. Wir gehen in den Teil, der uns an die großen „Polenmärkte“ links und rechts der deutsch-polnischen Grenze erinnert.

Hier gibt es eigentlich alles, sogar Ausstellungen für Badezimmer, Küchen und Laminatfußböden. Das meiste sind eher billig hergestellte Artikel aus China. Man könnte sogar Schwerter kaufen. Und, aber da gehen wir bestimmt nicht hin, nicht nur, weil es dort sehr voll ist, es gibt Stände, an denen es jede Menge Trump-Devotionalien zu kaufen gibt.

Zwischendurch gibt es Stände, an denen Gewürze, eingelegte Früchte oder auch selbst hergestelltes „Kunst“handwerk verkauft wird.

Von den gebrauchten Büchern und Filmen aus kommen wir in den richtigen Flohmarkt-Teil. Hier finden sich all die Dinge, die niemand mehr kaufen möchte, auch nicht hier. Dieser Teil ist sehr deprimierend. Man mag nicht einmal genauer hinsehen, geschweige denn fotografieren.

Wir haben einen Eindruck gewonnen, obwohl wir nur einen Bruchteil abgelaufen sind und möchten gehen. Dieses Schild weckt unser Interesse, da es innen angebracht ist.

Man darf kein geöffnetes Bier oder Ähnliches mit hinaus nehmen (Es gibt innen Stände, an denen Alkohol verkauft wird.). Die Gesetzgebung geht davon aus, dass man mit dem Bier direkt zum Auto geht, losfährt und während der Fahrt trinkt. Das gilt auch für Mitfahrende, auch die dürfen keinen Alkohol im Auto trinken. Und deshalb darf man es auch nicht im Freien trinken. Ist doch logisch. Der normale Amerikaner ist im Freien nicht ohne sein Auto denkbar!

The Villages, FL, day 20 (USA 2022)

Wir machen einen Ausflug in einen Ort nebenan, der The Villages heißt. Genau genommen sind es Siedlungen, die keinem Ort angehören, aber bei staatlichen Zählungen als Zähleinheit gelten. Unsere Freunde beschreiben sie als Disney World für Erwachsene, noch wissen wir nicht genau, was das bedeuten soll. Wir fahren zuerst durch die Wohnbebauungen. Es ist alles sehr, sehr ordentlich, gestutzte Hecken, gestaltete Rabatten. Die Häuser sind meistenteils groß und umgeben von Golfplätzen. Wahrscheinlich ist es eher anders herum, die Golfplätze sind von den Häusern umgeben. Hier wohnen ca. 130.000 Menschen und es gibt 55 Golfplätze.

Um hier wohnen zu dürfen, muss man 55 Jahre oder älter sein und noch agil. Denn sie werben damit, dass man sein Leben lang for free Golfen kann. Yeah! The Villages wurde angelegt als eine riesige Rentnerwohnanlage. Und riesig meint riesig, die Landmasse, die hier bebaut wurde, ist größer als die von Manhattan! Alles ist hier angelegt für die Bedürfnisse alter Menschen. Die 17 neighbourhoods sind umgeben von Einkaufszentren, Ärzten und Pflegestationen. Letztere sehen aus wie Hotels, die Geschäfte werden hinter Fassaden versteckt, die sich der übrigen Bebauung anpassen.

Neben den Straßen für Autos gibt es (inklusive Überführungen und Tunnels) extra Fahrspuren für die allgegenwärtigen golfcarts. Sie haben sogar eigene Brücken, um die US Highways zu überqueren.

Und dann sind da insgesamt drei town center, Bereiche, die wie eine Innenstadt einer amerikanischen Kleinstadt aufgemacht sind.

Wir fahren nach Lake Sumter Landing. Hier erinnert die Bebauung an die Südstaaten. Alles ist sauber, ordentlich und irgendwie unwirklich. Die Gebäude sind neu, aber auf alt gemacht.

Der zentrale Platz ist umgeben von Häusern, an denen Plaketten die Geschichte des Gebäudes erzählen. Diese Geschichten sind alle fake, historische Fakten aus der näheren oder weiteren Umgebung verwoben mit ausgedachten Menschen und deren Leben. Inhaltlich ist alles so gestaltet, dass ökonomischer Erfolg immer dominiert, und es handelt sich dabei immer um weiße Menschen. „White washing“ von Geschichte, keine Konflikte, keine Sklaverei, keine Ureinwohner, keine …; nichts davon wird thematisiert. Und das spannende daran ist: Es kümmert niemanden. Wir haben es ausprobiert: Entweder halten die Menschen die Plaketten für die Wahrheit, immerhin steht ja als Autor Lake Sumter Landing Historical Preservation League drunter. Oder sie wissen, dass alles Fake ist und sagen, so what, let‘s have fun.

Selbst der namensgebende See ist gar kein See, sondern eine Art Überlaufbecken für starke Regenfälle bei Tornados oder Hurrikans. Die Boote darauf liegen dort nur zur Deko.

Alles ist dafür angelegt, dass die RenterInnen fun haben, sei es sportlich, sozial oder durch sonstiges entertainment. Nichts soll ihren wohlverdienten (und teuer erkauften) Ruhestand stören. Daher auch die Altersbeschränkung auf 55+.

In wenigen speziellen Familienbereichen dürfen auch Kinder wohnen, das sind dann die Kinder von Angestellten. Menschen unter 19 Jahren dürfen sich nirgendwo aufhalten, es sein denn, es sind die Enkel von Bewohnern. Aber auch die dürfen ihre Großeltern maximal 30 Tage im Jahr besuchen.

Jetzt können wir uns so ungefähr vorstellen, was mit Disney World für Erwachsene gemeint sein könnte. Es kommt uns faszinierend und abstoßend zugleich vor.

Im Toojay‘s Deli haben wir dann auch noch fun bei Kaffee und Kuchen. Letztere heißen Rugalach, man ordert immer drei in verschiedenen Geschmacksrichtungen.

Die Kellnerin „Hi, my name‘s Sonya, I‘m so glad that I can serve you!“ verwechselt dann auch noch die Teller und braucht lange, um den Kaffee nachzufüllen. But yeah, we‘re having fun!