Grazer G’schichten (5): Was macht Oeversee in Graz? (Graz, Juli 2023)

Beim Stromern durch die Altstadt bieten die aufgestellten Info-Tafeln mit Stadtplan-Ausschnitten einen guten Orientierungsrahmen. Unter O finde ich Oeverseepark, etwas entfernt von der Innenstadt und diesmal aufgrund der Zeit nicht besuchbar (darum gibt es auch keine Fotos). Aber ich frage mich schon, warum ein Park im Süden Österreichs nach einem Ort benannt ist, durch den wir immer auf dem Weg nach Flensburg bzw. Dänemark kommen. Oder ist es nur ein Zufall?

Aber nein, ein bisschen online-Recherche am Abend, bevor ich schlafen gehe, bringt Aufklärung. Sowohl die Oeverseegasse (wo sich auch das Bundesgymnasium und Bundesrealgymnasium Oeversee befindet) als auch der Oeverseepark hier in Graz würdigen mit der Namensgebung die historische Schlacht von Oeversee im Norden Schleswig-Holsteins. An diesem Ort etwas südlich von Flensburg fand eine entscheidende Schlacht im Deutsch-Dänischen Krieg 1864 statt. Diesen gerade mal achtmonatigen Krieg führten der dänische Gesamtstaat und die Preußen gegeneinander, es ging um unseren kleinen Landstreifen zwischen den Meeren, den wir heute als unsere Heimat bezeichnen.

Zwischen Oeversee in Schleswig-Holstein und Graz in Österreich liegen knappe 1300 Kilometer. Wie passt das? Die Preußen hatten sich zu Kriegszwecken mit den Österreichern verbündet und gemeinsam widerrechtlich die Grenze zum dänischen Staat überschritten. Das in der Schlacht eingesetzte Bataillon sowie ein Infanterie-Regiment der Österreicher hatten ihre Heimatgarnison in Graz.

Heutzutage beträgt die reine Flugzeit nur anderthalb Stunden, mit öffentlichen Verkehrsmitteln braucht man schon 16 Stunden. Google sagt, dass Radfahrer die Strecke in drei Tagen (ohne Pausen) schaffen können. Doof nur, dass all diese Möglichkeiten damals nicht zur Verfügung standen. Die armen Österreicher mussten sich also mit Ausrüstung und Gepäck zu Fuß auf den Weg machen, um von Südösterreich nach Norddeutschland zu marschieren (ohne Pausen mindestens 10 Tage, sagt Google).

Zeitgenössische Darstellung der Schlacht, Holzschnitt von 1864.

Von Niels Simonsen – http://www.b.dk/kultur/her-er-malerierne-der-skildrer-1864#slide-4, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=36807807

Sowohl die Österreicher als auch die Dänen verloren in Oeversee in kurzer Zeit sehr viele Soldaten. Die Verwundeten beider Seiten wurden in den Historischen Krug, den es damals schon gab und auch heute noch, gebracht und versorgt. Das Rote Kreuz war ein Jahr zuvor gerade in der Schweiz gegründet worden und unterhielt in Oeversee im Krug das weltweit erste Feldlazarett. Letztendlich verlor der dänische Gesamtstaat allerdings seine Herzogtümer an Preußen und Österreich. Nur zwei Jahre später bekamen sich die beiden Siegermächte über die Zukunft der Herzogtümer in die Haare, bekriegten sich nun gegenseitig, Preußen siegte und gewann die Provinz Schleswig-Holstein dazu.

Heute trägt der Historische Krug die Adresse Grazer Platz und zwei Denkmäler in Oeversee (am Sankelmarker See) erinnern an die Schlacht:

Das Österreicher-Denkmal

Von Herbert Kessler – self made, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=8629914

Das dänische Denkmal gegenüber dem Österreicher-Denkmal

Von KasperMer – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=58166495