Rain, rain, go away, come back another day

Eine Abkühlung ist schon schön, aber ein Halbierung der Temperatur nach unten mit Dauerregen ist schon was anderes. Einen Tag kann man gut mit schlafen, lesen und Tee trinken verbringen. Aber am folgenden Tag wird auch das langweilig, denn London hat ja viel zu bieten, auch for free. Wir fahren quer durch die Stadt, bleiben aber nördlich der Themse und landen in der Tate Britain. Dort gibt es tolle britische Kunst zu sehen.

Wir machen einen kleinen Streifzug durch die britische Kunst von 1940 bis 2000, entdecken Turner in einer Sonderhängung neu, in einem weiteren Raum werden Bilder von Turner und Constable einander gegenüber gestellt.

Dann gibt es auch Sonderschauen ohne Eintritt zu bezahlen. Lisa Brice, eine Malerin aus Südafrika, konzentriert sich auf Frauen, die sie zum Teil aus alten europäischen Kunstwerken „befreit“, wo sich diese häufig als einzige Frau unter Männern befinden (und von Männern für ein überwiegend männliches Publikum gemalt wurden) und setzt diese in eine aus lauter Frauen bestehende Umgebung.

Gertrude Stein, von Picasso gemalt, hinter der Frau im gestreiften Kleid, jetzt im Gespräch

In den neoklassizistischen Duveen Gallerien hat die Künstlerin Anthea Hamilton eine Umgebung rund um die ausgestellten Moore-Skulpturen aus weißen Haushaltsfliesen gebaut. Diese stellt die Bühne für das Projekt „The Squash“ dar. Ein/e Darsteller/in in einem Kostüm, das von Kürbissen aller Art inspiriert wurde, hält sich in dieser weißen Umgebung auf. Mehr als sechs Monate schlüpft eine von 14 Personen in eines von sieben Kostümen und perfomt.

Vom Museum aus gehen wir an der Themse entlang Richtung Westminster. Der leichte Regen kann uns nicht schocken, denn wir haben ja nun unsere Regencapes.

Der gesamte Weg ist für das Prudential Ride London, ein riesiges Radrenn-Event an diesem Wochenende für Autos gesperrt, aber wir kommen durch, denn das Rennen ist fast zuende. Wir sehen nur noch vereinzelte Fahrer.

Ganz nebenbei gibt es auch noch Westminster Palace, Parliament Square, Big Ben, Downing Street, die Horse Guards und Whitehall zu sehen, bis wir dann am Trafalgar Square wieder in die U-Bahn steigen.

Churchill im Regen, im Hintergrund ist Big Ben (nicht) zu sehen, der Turm ist für die nächsten Jahre eingerüstet

Shakespeare’s Hamlet

Who’s there? Die Eingangsworte zu Hamlet, etwas ist faul im Staate Dänemark, das längste Stück, das Shakespeare geschrieben hat. Hamlets Vater, ermordet von seinem Bruder Claudius, der wiederum gleich danach Hamlets Mutter Gertrude geheiratet hat, erscheint seinem Sohn als Geist, um ihm von dem Brudermord zu erzählen und Rache zu verlangen. Hamlet schützt Wahnsinn vor, um am Hofe ermitteln zu können. Das stürzt alles ins Chaos: Ophelia ist bass erstaunt, dass ihr Verlobter sie plötzlich ablehnt, ihr Vater Polonius denkt, dass die Ablehnung seiner Tochter die Ursache für Hamlets Wahnsinn ist, König und Königin setzen Spione auf ihn an. Als dann noch eine Schauspieltruppe am Hofe erscheint, will Hamlet Onkel und Mutter mithilfe des aufzuführenden Stückes überführen.

Das gelingt sogar, Hamlet will seinen Onkel töten, aber Claudius bittet erfolgreich um Verzeihung, Gertrude wird von ihrem Sohn der Untreue beschuldigt und der arme Polonius, der sich in Gertrudes Zimmer hinter einem Vorhang versteckt, um zu lauschen, wird von Hamlet erstochen. Daraufhin wird Hamlet unter Begleitung nach England geschickt (die Begleitung soll ihn eigentlich ermorden, aber er entkommt ihnen), Ophelia kann den Tod ihres Vaters nicht verwinden und ertränkt sich, ihr Bruder Laertes kommt aus Frankreich zurück und schwört Rache. Auf Ophelias Beerdigung kommt es zum Äußersten: ihr Bruder und Hamlet treffen aufeinander und sollen sich auf Befehl des Königs duellieren. Dafür vergiftet Claudius sicherheitshalber das Schwert Laertes und zusätzlich als back-up-Plan auch noch Hamlets Wein. Am Ende sind trotzdem alle tot: Laertes verletzt Hamlet, dann werden die Schwerter getauscht und auch Laertes wird verletzt; Gertrude trinkt den für Hamlet bestimmten Wein; der sterbende Laertes verrät den Tötungsplan, daraufhin ersticht der sterbende Hamlet noch mal schnell seinen Onkel. Nun ist keiner mehr übrig und ein norwegischer Prinz übernimmt das Königreich.

zu Beginn der Vorstellung, die Nachtwache steht bereit
nach der Vorstellung, während der Aufführung ist es ja nicht erlaubt zu fotografieren

Diesmal haben wir die Abendvorstellung gebucht, was zunächst nichts an den Außentemperaturen ändert, wohl aber an der Strahlungsaktivität der Sonne. Allerdings kommt direkt vorher, auf unserem Weg zum Theater ein ordentliches Gewitter mit heftigen Regengüssen auf uns hinunter. Ziemlich nass retten wir uns in die Tate Modern und kaufen zwei Regencapes für die Vorstellung. Die Temperatur kühlt auf freundlich sommerliche 22 Grad ab, die Capes halten warm, es bleibt trocken während der Vorstellung.

Die Aufführung ist super, die langen Textpassagen werden schauspielerisch wunderbar umgesetzt und machen die Verzweiflung, die Wut und die Trauer, die das gesamte Stück durchziehen, visuell mehr als deutlich. Der Rest ist Schweigen!

Exploring Hyde Park

Die Grünflächen der Parks sind hier ebenso verdorrt wie zuhause, nichtsdestotrotz ist hier die Hitze gut zu ertragen. Alle guten Dinge sind drei, nach dem verhüllten Reichstag in Berlin und dem Gasometer in Oberhausen wollen wir das neueste realisierte Projekt von Christo (und Jeanne-Claude) besuchen, The London Mastaba, die auf dem Serpentine Lake schwimmt. Die Skulptur ist 20 Meter hoch und besteht aus 7.506 extra hierfür angefertigten Fässern, die in rot, blau, mauve und weiß lackiert sind.

Gleichzeitig findet in der Serpentine Gallery eine Ausstellung der beiden statt mit Werken, die sechzig Jahre Schaffen mit Fässern aller Art reflektiert, und das in vollklimatisierten Räumen! Welch Erleichterung, es sind wieder einiges über 30 Grad.

Neben der Galerie entsteht jedes Jahr ein Sommerpavillon, designed von namhaften Architekten. Dort lässt es sich auch bei großer Hitze gut aushalten, denn Frida Escobedo, die diesjährige Ausgewählte, ließ sich von mexikanischen Innenhöfen inspirieren und erschuf eine luftige Konstruktion aus Stahl und Dachziegeln mit einer Wasserfläche innen. Alles zusammen sorgt für ein sehr angenehmes Klima für die erste Kaffeepause.

Abkühlung verspricht auch der Diana, Princess of Wales Memorial Fountain, nicht nur für die vielen Kinder, sondern auch für erwachsene Füße. Der Brunnen ist aus 545 unterschiedlich geformten Granitsteinen aus Cornwall gebaut und erhält sein Wasser aus 100 Meter Tiefe. Kneippkuren kann wunderbar sein.

Dann geht’s, wenn wir schon hier sind, einmal über die Straße in die Serpentine Sackler Gallery. Dort gibt es eine Einzelausstellung mit Bildern von Tomma Abts, die im Herbst weiter in das Art Institute of Chicago reisen wird. Noch nie gehört von der Künstlerin, um dann mit einigem Erstaunen festzustellen, dass sie 1967 in Kiel geboren wurde. Sie ist mit dem Gewinn eines Stipendiums in London in den 1990ern einfach hier hängen geblieben, hat aber eine Professur an der Düsseldorfer Kunstakademie inne.

Anschließend kommt eine ausgiebige Kaffeepause mit Schokoladenkuchen im Café nebenan gerade recht. Das wunderbare Gebäude von Zaha Hadid ist neu möbliert, hat jetzt eine angenehme Akustik und einen aufmerksamen Service. Da alle Ausstellungen bisher kostenlos waren, kann man hier auch etwas mehr Geld ausgeben.

Und dann wollen wir irgendwann doch wieder in die Hitze hinaus und stoppen überrascht am Ausgang: es regnet!! 60% Regenwahrscheinlichkeit kommen tatsächlich dort herunter, wo wir uns aufhalten. Da verweilen wir doch lieber noch ein bisschen an diesem schönen Ort.

Shakespeare‘s As you like it

Ab ins Theater: das Globe Theatre ist erwachsen geworden, es geht in das 21. Jahr des Bestehens. Unter anderen werden deshalb in dieser Saison „As you like it“ und „Hamlet“ aufgeführt, beide entstanden um 1599 herum, dem Jahr, in dem das original Globe gebaut wurde. Wir starten in unsere persönliche Sommersaison mit As you like it, einer der Komödien, mit einem Plot, der nur etwas verwirrend ist ob Klamotten- und damit zeitweisem Geschlechtertausch. Um es zu versuchen: Vater Herzog wird vom Bruder vom Thron gejagt und flieht in den Ardenner Wald. Der älteste Son eines Edelmannes namens Oliver, unterdrückt seinen jüngeren Bruder Orlando und will ihn mit Hilfe eines tödlich ausgehenden Boxkampfes loswerden. Natürlich kommt es anders als gedacht. Orlando besiegt unerwartet den Boxer. Vater Herzogs Tochter Rosalind verliebt sich spontan in Orlando. Aber Bruder Herzog hat Angst, dass seine Nichte ihn hinterlegen will und verbannt sie, worauf hin sie mit ihrer Cousine Celia (Bruder Herzogs Tochter) zu Vater Herzog in den Wald flieht. Daraufhin schickt Bruder Herzog den Oliver aus, um die Mädels zu suchen. Orlando findet heraus, dass sein Bruder ihn eigentlich töten lassen wollte und flieht ebenfalls in den Wald und findet völlig verhungert Unterschlupf bei Vater Herzog.

Nun schlägt die Liebe zu, ist ja schließlich eine Komödie: Orlando läuft durch den Wald und hängt überall Gedichte an Rosalind in die Bäume, da er sich unsterblich in sie verliebt hat. Celia verrät Rosalind den Namen des Autors, woraufhin sich Rosalind als Ganymede verkleidet, um Orlando von Mann zu Mann über die Stärke und Echtheit seiner Verliebtheit zu interviewen. Ganz nebenbei verliebt sich auch noch eine Schäferin in Ganymede, obwohl sie ihrerseits von einem Schäfer umworben wird.

In das ganze Hin und Her, ich kürze hier mal Verwirrungen, zurückgewiesene Liebesbriefe etc. ab, platzt der böse Oliver blutüberströmt hinein, vor einer Löwin gerettet durch seinen tapferen kleinen Bruder Orlando. Nun nicht mehr böse, vertragen sich die Brüder wieder und Oliver verliebt sich in Celia, will sie gleich am nächsten Tag heiraten und seinen Besitz dem Bruder übergeben. Rosalind ist ja leider immer noch der Jüngling Ganymede und verspricht als solcher dem unglücklichen Orlando, seine geliebte Rosalind über Nacht herbeizaubern zu können, damit auch die beiden heiraten können. Gleichzeitig sollen auch Schäfer und Schäferin glücklich werden. Am nächsten Tag kommt dann rein zufällig Hymen, der Gott der Heirat vorbei und verheiratet insgesamt vier Paare, denn auch der Clown bekommt seine Ziegenhirtin. Noch glücklicher sind dann alle, als die Nachricht, dass der böse Bruder Herzog ein Eremit geworden ist, sie erreicht. Nun kann Vater Herzog wieder nach Hause und im Wald kehrt endlich wieder Ruhe ein.

Der Geschlechtertausch wurde sehr interessant gelöst: ein Mann spielte die Rosalind, die sich dann als Junge ausgibt, ganz wie zu Shakespeares Zeiten üblich. Aber damit nicht genug, Orlando wurde von einer Frau verkörpert, ebenso wie die Herzöge und Hymen, dafür war die Ziegenhirtin ein Mann, Celia taubstumm und das ganze Ensemble stellte zeitweise die blökende Schafherde dar. Ansonsten würde auf Kulissen und Requisiten fast vollständig verzichtet. Lustig war’s obendrein, wie immer war es super gespielt vom Ensemble, sodass das meiste gut zu verstehen war. Anstrengend war es trotzdem: wir standen in der Nachmittagsvorstellung trotz des Wetters an unserem favourite spot, genau gegenüber der Bühne zum Anlehnen. Das zog neben allerbester Sicht allerdings drei Stunden Stehen in der sengenden Sonne nach sich. 34 Grad war es im Schatten, ich wage nicht einmal zu spekulieren, wie warm es auf meinen Kopf schien!! In der Pause wurde massenweise kaltes Wasser verteilt, das haben wir noch nie erlebt. Auch alle Kappen und Fächer, die sonst bei Hitze ausgegeben wurden, sind in dieser Saison schon lange weg.

Danach gab es einen Kaffee zur Stärkung, eine Rückfahrt in vollbesetzten Zügen und im Quartier der Zusammenbruch auf dem Bett, glücklich, aber total erledigt!

Wo sind wir denn diesmal gelandet?

Heute wollen wir es ruhig angehen und die nähere Umgebung zu Fuß und ganz geruhsam bei der Hitze erkunden.

Crouch End steht zuerst auf dem Plan. Uns erwartet eine hübsche englische Kleinstadt mitten in London mit einem Clock Tower im Mittelpunkt der Straßen, die zu unserem Vergnügen etliche Secondhand-Läden beherbergen. Hier ist in den letzten Jahren die Aufhübschung ordentlich in Gang gekommen, viele Läden, die ökologische Waren aller Art verkaufen.

In Gail‘s Bakery legen wir bei Kaffee, cinnamon bun und chocolate and pecan brownie eine Pause ein. Auch die Brote in der Auslage sehen allesamt sehr appetitlich aus. Hier wohnt der wohlhabende Mittelstand, wie es die Makleranzeigen für die Häuser anzeigen (ab 600.000 Euro, aber das ist das absolut untere Ende der Preisspanne, könnte man dabei sein) und die jungen Mütter mit ihren stylischen Kinderwagen. Diejenigen, die sich hier ein renovierungsbedürftiges Haus vor Jahren gekauft haben, so wie unsere Gastgeber, freuen sich ob der Preissteigerung sicherlich ein Loch ins Knie.

Zu der Zeit sind unsere shopping bags schon gut gefüllt mit Klamotten, Büchern, einer kleinen Vase und einer Ukulele in Ananasform!! „I can’t believe that it is your first day!“, sagte die Verkäuferin, als wir ihr von unserer Vorliebe für charity shopping erzählten und sie die gut gefüllten Taschen sah. Aber wir haben auch nicht immer so ein Glück. Ganz nebenbei gab es noch weitere Ausflugstipps für diese Gegend drauf zu. Wir spazieren dann noch zum anderen Ende der ‚Innenstadt’ bis zur Christchurch, die auf einer weiteren Anhöhe liegt. Aber das wird dann doch zu anstrengend bei 29 Grad und wir gehen erst einmal zurück ins Quartier, um bei den folgenden 32 Grad bis zum frühen Abend Siesta zu machen.

Abends geht es in die andere Richtung nach Harringay zum Essen. Auf der Grand Parade dominieren türkische Geschäfte und Restaurants. Wir folgen dem Hinweis unserer Gastgeber und kehren im Antepliler ein, eine sehr gute Entscheidung. Wir sitzen draußen, essen und trinken vorzüglich, beobachten die Passanten und genießen die 27 Grad abends um 21 Uhr. Uns kommt es so vor, als wären wir schon etliche Tage wieder in London.

Adana, in Joghurt mariniertes Lammfleisch

Ja, wir sind in London – rote Doppeldeckerbusse und Linksverkehr.

London again

Da sind wir doch schon wieder in London, jedes Jahr um diese Zeit, diesmal aber mit extrem leichtem Gepäck: von 30 Grad um die Mittagszeit in Schleswig-Holstein hinein in immer noch sehr warme 26 Grad am Abend in London. Diesmal steht die Anreise unter dem Motto: nutze so viele unterschiedliche Verkehrsmittel wie möglich.

Wir fahren mit dem Auto zum Bahnhof, nehmen dort den Zug nach Kiel, um dann mit dem Kiliusbus zum Flughafen Hamburg zu fahren. Dort kommt nach dem Check-in der Rollbahn-Bus, um uns zum Flieger zu bringen. Mit RyanAir geht es in winzige Sitze gestopft, natürlich auch zwischen fremde Menschen platziert, weil wir nicht jedes Preisspielchen des Billigfliegers mitmachen wollten, Richtung England. Voller Flieger, ein Mix aus Touristen, die London erkunden wollen und Menschen, vorzugsweise Frauen mit kleinen Kindern, die nach Hause wollen.

In Stansted wird wieder in den Terravision-Bus gewechselt, der netterweise 10 Minuten später als angegeben abfährt, so können wir ihn auch Dank nicht existierender Warteschlangen vor der Passkontrolle noch erreichen. Wie schön, dass wir uns eine Wartezeit von einer Stunde ersparen können. In London kommen wir am Bahnhof Liverpool Street an. Von dort geht es eigentlich weiter mit der U-Bahn, aber wir entscheiden uns, die eine Station zu Fuß zu laufen. Nach dem stundenlangen Sitzen ist das ganz angenehm. Dann mit National Rail Richtung Norden bis zur Harringay Station, das liegt noch im Oystercard-Einzugsgebiet. Alles bei der Hitze kein Problem, überall außer draußen ist es ja angenehm klimatisiert. Obwohl, es kommt uns so vor, als ob RyanAir, um Treibstoff zu sparen, nach der Landung die Klimaanlage ausgeschaltet hat. Die letzten 10/15 Minuten verbringen wir dort in der Sauna. Dafür ist es dann im Zubringerbus mit der Zeit so kalt, dass wir anfangen zu frieren. So einem Menschen ist es ja auch nie wirklich recht zu machen.

Noch ein kleiner Fußmarsch bergauf und dann sind wir in unserem Quartier. Wir haben uns diesmal über AirBnB ein Zimmer in einem typischen Stadthaus gebucht. Schmaler Zuschnitt, eine wendelige Treppe führt nach oben. Von jeder Zwischenetage gehen Türen ab, unser Zimmer geht nach hinten zum Garten raus und ist schön groß.

Urlaub in Frankfurt – unexpected good vibrations

Wie schon geschrieben, sind wir nur nach Frankfurt gefahren, um die beiden Ausstellungen anzusehen. Von der Stadt selbst haben wir nicht so viel erwartet, außer vielleicht hessischer Dialekt, Würstchen, Grüne Soß‘ und Ebbelwei. Man kann auch ohne das alles gut leben.

Vor dem Hauptbahnhof fährt der Ebbelwei-Express ab, eine Straßenbahn-Sonderlinie, die an den Wochenenden und Feiertagen die Touristen mit auf Stadtrundfahrt nimmt. Als Kinder wurden wir aber zu häufig fernseh-zwangsbeschallt durch die Volksmusiksendung „Der Blaue Bock“, die in Frankfurt konzipiert und vom Hessischen Rundfunk aufgezeichnet wurde. Allein das Wort Ebbelwei löst daher starke körperliche Abwehrreaktionen aus.

Wir wurden angenehm überrascht und ertappten uns öfter bei dem Gedanken: „Warum immer nach Berlin, London, New York fahren?“ Es gibt hier tatsächlich alles, was wir für einen erfolgreichen Städteurlaub benötigen.

Wir fangen mal mit dem Kulturangebot an, das so umfassend wie in den genannten Großstädten ist. In der Stadt war und ist so viel Geld unterwegs, dass allein das Museumsangebot 34 spannende Inhalte umfasst, dazu kommen noch 35 weitere Ausstellungsorte, und das sind nur die, die in einer Broschüre zusammengefasst sind. Alles musikalische kommt noch dazu.

Im Städel, der ältesten Museumsstiftung Deutschlands, ist der Erweiterungsbau für Gegenwartskunst so gestaltet, wie wir es aus Großbritannien und den USA kennen: Die Einzelräume tragen die Namen ihrer Geldgeber, z.B. Deutsche Bank Galerie. Das multimediale Angebot steht den internationalen Museen ebenfalls in nichts nach. Allerdings ist der Skulpturengarten im schleswig-holsteinischen Landesmuseum besser aufgestellt.

Wir haben im Städel noch die Chance genutzt, großartige Radierungen der Künstlerfreunde Lucian Freud und Frank Auerbach unter dem Titel „Gesichter“ zu sehen und einen Überblick über Gegenwartskunst seit 1945 mit anderen Exponaten, als die, die wir schon oft gesehen haben, zu erhalten. Der gute alte Goethe, der in Frankfurt geboren wurde, darf natürlich auch nicht fehlen.

Den hessischen Dialekt hören wir eher selten. Hier sind so viele unterschiedliche Menschen aus unterschiedlichen Gründen unterwegs, dass wir manches Mal überlegen, ob wir wirklich in Deutschland sind. Es gibt Inländer, die Hessisch babbele; Menschen, die wie Ausländer aussehen, aber Inländer mit akzentfreiem Hochdeutsch sind; Inländer wie wir, die hier zu Besuch sind; Ausländer, die hier zu Besuch sind; Ausländer, die länger hier sein werden; viele Sprachen, sehr kosmopolitisches Hin und Her. Mit Englisch und Deutsch kommt man hier gut klar!

Auffallend sind die vielen jungen und mittelalten Menschen aus den USA (auditiv gut zu erkennen) und die sehr vielen Asiaten jeglichen Alters (auditiv und visuell gut zu erkennen). Im Altstadtbereich haben viele Geschäfte entsprechende Schriftzeichen angebracht, damit es mit dem Shopping besser klappt. In unserem Hotel gibt es am Frühstücksbüffet ebenfalls ein speziell zugeschnittenes Angebot, das gern angenommen wird.

Auch das Angebot an Restaurants ist sehr vielfältig. Es gibt leckere Burger im Restaurant „Die Kuh, die lacht“ mit frittierter Yuca als Vorspeise. Letzteres ist Maniok in der Sprache der Kariben und hat glücklicherweise nichts mit der Yucca zu tun, die nicht so bekömmlich für Menschen ist.

Es gibt für uns Jalferezi mit Lamm bzw. Huhn, Papadams, Lassi und Masala Chai im „Indian Chilli“.

Und „Im Herzen Afrikas“ auf niedrigen Sitzmöbeln und Sand auf dem Boden essen wir mit den Fingern: Bamja (Okra mit Rindfleisch auf sudanesische Art) und eine vegetarische Platte mit Ful (geschmorte Bohnen mit Feta und Zwiebeln), Alicha (gekochte Kartoffeln, Möhren, Zwiebeln und Paprika) und Schiro (gemahlene Kichererbsen in pikanter Tomatensoße), alles außerordentlich gewürzt und sehr lecker! Die Brotfladen helfen beim Essen.

Sightseeing auf Chinesisch geht übrigens am Beispiel der Paulskirche so: Der Reisebus hält direkt am gewünschten Ort (Es ist die Rückseite der Kirche.), alle Reiseteilnehmerinnen und -Teilnehmer steigen aus. Da die Kirche schon geschlossen hat, bleibt man dicht am Bus stehen. Die Reiseleiterin hält mit der einen Hand das große bebilderte Informationsschild fest, mit der anderen Hand die Lautsprecherbox. Aus der schallen wahrscheinlich Informationen zum Objekt, vielleicht auch zur ganzen Stadt, das können wir ja nicht verstehen. Verstehen können wir auch nicht, warum sich niemand der Reisenden umschaut und die Paulskirche in der Realität anguckt. Aber wir können erahnen, wie sie es schaffen, ganz Europa in acht Tagen zu besuchen.

Eine andere Gruppe (wahrscheinlich Koreanerinnen) gibt uns unerwartet noch einen Einblick in ihre Kultur:

Frankfurt hat es geschafft, wir werden wiederkommen. Und das nächste Mal fahren wir auch mit dem Ebbelwei-Express!

Die Paulskirche – Wie geht eigentlich Demokratie?

Das wollten unsere Vorväter Mitte des 19. Jahrhunderts gern herausfinden, als 1848 die Wahlen zum ersten gesamtdeutschen Parlament stattfanden. Alle Einzelstaaten wurden aufgerufen, Abgeordnete zu einer konstituierenden Nationalversammlung wählen zu lassen.

Die Paulskirche bot sich als Tagungsort an, da sie den größten und modernsten Saal in Frankfurt besaß. Die Kirche war erst 15 Jahre zuvor als evangelisch-lutherische Hauptkirche der freien Stadt geweiht worden. Die Nationalversammlung, bestehend aus knapp 600 Abgeordneten, die große Mehrzahl akademisch gebildet und im Staatsdienst, erließ in ihrem kurzen Bestehen von gut einem Jahr die erste demokratische Verfassung für Deutschland und auch Reichsgesetze. Jeder deutsche Bürger durfte Anträge und Petitionen direkt einreichen, die nach und nach von der Versammlung abgearbeitet wurden, ca. 8000 schafften sie in dem Jahr. Die Verfassung wurde allerdings nicht von den großen Einzelstaaten Bayern, Hannover und Österreich anerkannt und schon gar nicht vom preußischen König. Damit war die Macht der Bürger sehr schnell wieder vorbei.

1948 wurde die im Krieg komplett zerstörte Paulskirche nach dem Neuaufbau anlässlich der Hundertjahrfeier der Nationalversammlung wieder eingeweiht. Dabei waren Staffelläufer aus Turn- und Sportvereinen aus den Westzonen und dem westlichen Sektor Berlins, die sternförmig nach Frankfurt gelaufen worden waren, um ihrer Hoffnung auf demokratische Freiheit und nationale Eintracht Ausdruck zu verleihen. Die demokratische Vereinsbewegung der Turner war bereits Hundert Jahre zuvor Teil der Revolution gewesen. Seit 1948 dient die Kirche ausschließlich als Ort der Erinnerung an den Beginn der deutschen Demokratie.

Seit 1950 hängt über dem Haupteingang zur Wandelhalle ein Tympanon, dargestellt wird der Erzengel Michael, der Schutzpatron der Deutschen. Das ist er bereits seit dem Jahre 955, seit der Schlacht auf dem Lechfeld, die als Geburtstunde der deutschen Nation gilt. Nichts von wegen ‚deutscher Michel‘. Wer mehr wissen möchte, guckt einfach bei allen Stichwörtern bei Wikipedia nach.

Der Versammlungssaal im Obergeschoss ist geschmückt mit gewebten Bannern der Bundesländer. Hier finden die Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels statt, Max Tau war 1950 der erste Preisträger, Margaret Atwood 2017 die bisher letzte.

Im Zuge der letzten großen Renovierung von 1988 bis 1991 wurde ein Wettbewerb zur Ausschmückung des Untergeschosses ausgeschrieben, den Johannes Grützke gewann. Er schuf ein kolossales Wandgemälde (32×3 Meter) mit dem Titel „Der Zug der Volksvertreter zur Paulskirche“. Unter anderem nimmt er auch Bezug darauf, dass so viele Beamte Teil der Nationalversammlung waren. Die unteren Schichten waren unterrepräsentiert, es gab vier Handwerker, drei Bauern, aber keine Arbeiter unter den Volksvertretern. Diese fallen durch ihre farbige Gestaltung auf in dem langen Zug der schwarz gekleideten Herren, die sie entweder nicht beachten oder sich gestört fühlen. Der Schmied verkörpert das Handwerk innerhalb des Themas Volk. Die Mutter und das Kind stehen als Sinnbild der Familie, die im Parlament gar nicht vertreten ist.

An der Außenfassade der Paulskirche sind viele Gedenktafeln angebracht, u.a. zwei zum 50. Jahrestag der Nationalversammlung. Um die Erinnerung daran noch stärker wachzuhalten, sollte zusätzlich ein Einheitsdenkmal errichtet werden.

Auf der Spitze des Obelisken steht Clio, die Muse der Geschichte, die die Worte „Seid einig“ in ihrem Schild trägt. Eines der drei Reliefs, die die Säulenbasis zieren, heißt „Bereit zum Kampfe“, darunter stehen die ersten Zeilen des Schleswig-Holstein-Liedes. Wir wundern uns ein bisschen. Jenes Lied wurde nach dem Schleswiger Sängerfest 1844 sehr schnell populär und auch zum Kampflied für Freiheit und Unabhängigkeit. 1898 gab es die Provinz Schleswig-Holstein erst 32 Jahre innerhalb des Staates Preußen. Das Denkmal soll auch die Erinnerung an die Vorkämpfer der deutschen Freiheit und Einheit wachhalten. Ach, so war das gemeint; nun wundern wir uns nicht mehr.

Basquiat und Rubens – copy&paste als durchgängiges Prinzip in der Kunst

Die ursprüngliche Intention, nach Frankfurt zu fahren, bestand im Besuch der beiden großen Sonderausstellungen in der Schirn (Basqiat – Boom for Real) und im Städel (Rubens – Kraft der Verwandlung).

Auf dem ersten Blick scheint die beiden Künstler nichts zu verbinden, sondern mehr zu trennen, als nur 400 Jahre. Die Rubens-Schau zeigte jedoch nicht die rubensche Fleischfülle in seinen Frauendarstellungen, sondern fokussiert auf die „Kraft der Verwandlung“.

Sie zeigt auf beeindruckende Weise, welche Einflüsse anderer Künstler, seien es Skulpturen, Zeichnungen oder Gemälde, die Rubens auf seinen Reisen gesehen hat, in seinen Werken wieder auftauchen. Er kopiert sie aber nicht einfach, sondern verwandelt sie und baut so etwas völlig neues, immer mit dem erklärten Ziel, die verehrten Altmeister zu übertreffen.

Dafür fertigte er auf seinen Reisen unzählige Zeichnungen von Skulpturen und Gemälden an und erwarb zusätzlich auch noch Zeichnungen anderer Künstler. Aus diesem Schatz schuf er dann zurück in Antwerpen diese unübertroffenen Meisterwerke und erwarb schon zu Lebzeiten ungeheuren Ruhm.

Basquiats Herangehensweise ist gar nicht so unterschiedlich. Er schaut schon als Kind bei vielen Besuchen im Metropolitan Museum of Art in New York genau hin. Später findet er sich mit einem Freund eher in Museen in anregender Diskussion vor Bildern wieder als in der Schule im langweiligen Unterricht vor der Tafel. Sein Ziel war es, als erster farbiger Künstler in die Museen zu kommen, und das geht er planmäßig an. Schon früh nutzt er außer Büchern, Musik und Filme als Inspiration auch die gerade neu aufkommende Technik der Farbkopien, um seine Werke anzufertigen. Mit denen landet er tatsächlich in die großen Museen der Welt, als erster afroamerikanischer Künstler überhaupt und bis jetzt als einer von extrem wenigen. Anderes als Rubens blieben ihm aber nur acht Jahre Schaffenszeit. Viel Ruhm und noch mehr Kokain und Champagner bleiben nicht ohne Konsequenzen, er stirbt 1988 mit 28 Jahren.

Frankfurt, Stadt des Geldes

Die Skyline Frankfurts sieht ein bisschen aus wie wir es aus Amerika kennen. Kein Wunder, dass man auch von Mainhattan spricht. Es lässt sich auch gar nicht vermeiden, dass die Skyscraper sich auf jedes Foto mit einschleichen.

Sehr prominent mitten in der Stadt thront der Tower der Europäischen Zentralbank, sofort erkennbar durch die Skulptur.

An Arbeitstagen sind die Zuwege sehr gut bewacht. Mit dem Auto kommt man nicht so ohne weiteres hinein und hinaus. Die herausfahrbaren Rampen, die man an Wochenenden leicht übersieht, sind ständig hochgeklappt und von Wachpersonal gesichert. Auf dem Foto sind sie an der gelb-schwarzen Markierung zu erkennen.

Ob wohl in den Kellern der Bank echtes Geld aufbewahrt wird? Zumindest liegt es auch hier auf der Straße, wenn auch nur in Form eines 2-Cent-Stückes.