Was ist das bloß? Männlins Straußi zog uns magisch an, weil es so lustig klingt. Das Internet erzählte uns, dass es sich bei einer Straußwirtschaft um eine Gaststätte handelt, die nur für vier Monate im Jahr öffnen darf, zwei Monate im Frühling, zwei Monate im Herbst. Die Betreiber vermarkten ihre eigenen Produkte, Familie Männlin Spargel bzw. Wein, und dürfen einfache Gerichte servieren.
Und immer wollten wir dahin, und immer kam irgendetwas dazwischen. Diesmal gingen wir also von Basel kommend direkt dorthin. Wir waren müde und hungrig und niemand hatte Lust zu kochen. Essen gehen in Basel war indiskutabel, die Schweiz ist soooo teuer. Wir hatten Glück, und zwar in mehrfacher Hinsicht. Es war voll und wie sich herausstellte, auch der letzte Abend der Herbstöffnungsperiode. Alle Tische waren besetzt, doch der Wirt gestikulierte vom Tresen hinten im Raum, dass vorne in der Ecke noch Platz wäre, großer Tisch, nur von zwei Leuten belegt. Dieses zufällige Treffen stellte sich als überaus anregend und bereichernd da. Moni und Peter, ein Basler Ehepaar, das nach Weil übersiedelt war, Stammgäste im Männlins Straußi, waren sehr kommunikativ, besonders, als sich herausstellte, dass sie ‚Fischköppe‘ getroffen hatten, Moni ist gebürtig aus Kiel, beide lieben Sylt über alles. Wir verlebten einen sehr vergnüglichen Abend mit Fassweinen in rot und weiß, Bauernwurst mit Kartoffelsalat bzw. Schweinesteak mit Bauernbrot, die Beilagen selbst hergestellt und Pfannkuchen mit Guzi zum Nachtisch (einfach noch, weil der Name so gut klang, Guzi ist Konfitüre). Beschwingt liefen wir über den Weinberg zum Campingplatz zurück, in der Tasche eine Einladung zu einem weiteren Treffen.
Finde den Unterschied zu dem Foto oben!
Auflösung: Der Reisigbesen fehlt beim zweiten Foto. Der signalisiert, dass die Strauß- (sie heißt mancherorts auch Besen-) -wirtschaft geöffnet hat.
Ein Sonntag ist ein guter Tag, um ins Museum zu gehen. Wir fuhren mit dem Zug nach Basel (CH) bis zum Badischen Bahnhof und liefen das kurze Stück zum Museum Tinguely zu Fuß, immer parallel zur vierspurigen Schnellstraße, deren Verkehr irgendwo links, meist oberhalb von uns, entlang donnerte (Wie laut wird es wohl an Wochentagen sein?). Der Fußweg war sehr gut ausgeschildert, nach einer Viertelstunde waren wir an unserem Ziel.
Das Museum feiert in diesem Jahr sein 25jähriges Bestehen mit einer großen Ausstellung, die Jean Tinguelys (1925-1991) Karriere reflektiert und mit vielen Beispielen dokumentiert. Er war mit Niki de Saint Phalle verheiratet, nach seinem Tod schenkte sie dem neu gebauten und vom Pharmariesen Hofmann-LaRoche finanzierten Museum vieler seiner kinetischen Kunstwerke.
Grosse-Meta-Maxi-Maxi-Utopia, 1987
Die Kunstwerke sind mit einem Fußschalter ausgestattet, den die BesucherInnen betätigen können, was zu einer fast ununterbrochen Nutzung führte. Die Abnutzung wurde zu groß, heute sind die Fußschalter mit Zeitschaltuhren gekoppelt. Wenn die Utopia läuft, dann sieht es so aus:
Wir nahmen an einer Führung durch die Ausstellung teil, die das Inklusionsprojekt machTheater! aus Zürich veranstaltete. Die SchauspielerInnen, allesamt mit kognitiven Beeinträchtigungen, hatten zu ausgewählten Exponaten kleine „Miniatures“ entwickelt, die jeweils vor dem Kunstwerk aufgeführt wurden, sehr unterhaltsam!
Die Klangskulptur „Méta-Harmonie II“ (1979) musste aufgrund der starken Abnutzung sogar komplett abgestellt und im Schaulager umfassend und aufwendig repariert werden. Beispielsweise war die Entenfigur hinten auf dem Klavier komplett hinüber. Man besorgte eine zweite Originalfigur aus den 1970ern und präparierte sie gründlich für ihren neuen Einsatz. Anderes Beispiel: die Klebstoffreste auf den alten Textilbändern wurden vorsichtig entfernt, die Bänder geglättet, mit einem modernen Klebstoff beschichtet und wieder eingesetzt. Die Restaurierung dauerte zwei Jahre, und nun läuft die Skulptur nur noch zur vollen Stunde.
Die Sonderausstellung „BIO – Burned Instruments Orchestra“ fügt sich gut ein. Die beiden brasilianischen Komponisten, Musiker und Klangkünstler Livio Tragtenberg und Marco Scarassatti thematisieren die Zerstörung des Amazonas-Regenwalds, indem sie abgebrannte Holzstücke sammeln und daraus Instrumente bauen, die wieder Ausgangspunkt für neue musikalische Kreationen sind. Diese Musik lief im Hintergrund. Aufgebaut waren Musikinstrumente aus Holzstücken, die sie in den Engadiner Bergwäldern gesammelt haben. Man durfte und sollte sie in der Ausstellung bespielen.
Eine Kaffeepause zwischendurch in dem schönen Café mit Zwetschgen- bzw. Aprikosenwaie durfte nicht fehlen, bevor es am Rheinufer bei schönstem Sonnenschein wieder auf den Rückweg zum Bahnhof ging.
Sobald die Sonne untergegangen ist, wird es inzwischen empfindlich kalt. Gut, dass wir warme Decken, einen Heizlüfter und unsere Federbetten an Bord haben. Aber zuverlässig scheint die Sonne jeden Tag wieder ohne dass Wolken sie verdecken. Und so können wir immer wieder auf den Café-Terrassen der Umgebung sitzen und es uns gut gehen lassen. Gestern einmal mehr im Café des VitraHauses (Herzog &de Meuron, 2010). Doch vorher ging es in die Ausstellungen. Diese Idee hatten wir nicht allein. Eine Exkursion angehender französischer ArchitektInnen bevölkerten Skizzen anfertigend die engen Ausstellungsräume im Design Museum. Eine große Gruppe RadfahrerInnen aus Basel war kurz vor uns im Restaurant des Schaudepots gewesen (die Studierenden waren noch da, als wir kamen) und hatte so ziemlich alles, was wir uns von der Karte aussuchten, weggegessen. Dafür fanden wir später die beste und am längsten sonnenbeschienene Ecke auf der Café-Terrasse für uns, plus leckerer Schwarzwälder Kirschtorte und heißer Schokolade (hier heißt sie Schocki, ist kein Schreibfehler) mit Sahne.
Das war aber bereits am Ende unseres Besuches auf dem Vitra-Campus. Wir begannen mit der aktuellen Auswahl an Stühlen aus der Sammlung im Schaudepot (Herzog&de Meuron, 2016), mehr als 400 von ca. 7000 werden ausgestellt, um einen umfassenden Überblick über die Geschichte des Sitzmöbels von 1800 an bis heute.
Im Vordergrund Beispiele vom Anfang des 20. JahrhundertsBeispiele vom Ende des 20. Jahrhundert
Und mittendrin der Tisch Mesa Golden Lime, entworfen von Zaha Hadid und Patrick Schumacher, das teuerste Objekt aus der Vitra Edition 2007. Gefertigt als Faserverbundwerkstoffen, mit einer Silbernitratbeschichtung verspiegelt und dann farbig lackiert. Damit die Beschichtung fugenlos blieb, wurde der Tisch in einer eigens gebauten Vorrichtung am Stück beschichtet.
Im Vitra Design Museum (Frank Gehry, 1989) besuchten wir die Ausstellung „Here we are! Frauen im Design 1900 – heute“. Wie in allen Bereichen wurden und werden die Frauen und ihre Werke vernachlässigt, negiert oder schlicht nicht erwähnt.
Wir sahen einiges bekanntes und viel Neues:
Glasgeschirr Bölgeblick von Aino Marsio-Aalto, 1932 entworfen, wird noch heute produziert und lieferte sicherlich die Vorlage für eine ganz ähnliche Glasreihe bei IKEA.Stuhl von Grete Jalk aus den frühen 1960ern, Untergestell und Sitzschale aus Schichtholz, nur zwei Teile! Wird seit einigen Jahren wieder hergestellt, kostet ca. 2500€.Designs von Marimekko, das Hemd in der Mitte wurde 1956 entworfen und ist immer noch beliebt bei Männern und Frauen gleichermaßen.Dinge aus Flachs, auch der Stuhl, von Christien Meindertsma. Der Stuhl besteht aus mehreren Lagen Flachs, die mit einem milchsäurebasierten Bio-Kunststoff zusammengehalten werden.Sessel von Inga Sempé, 2010 von Ligne Roset produziert. Das wäre der perfekte Sessel für mich zum Lesen, leider etwas über meinem Budget, gute 5000€.
In der Vitra Design Museum Gallery (Frank Gehry, 2003), dort waren wir ganz allein, lief „Memphis, 40 Jahre Kitsch und Eleganz“. Memphis war eine Gruppe italienischer Designer, die in den 1980ern bestand und das Banale und Alltägliche feierte, dabei die Tabus des guten Geschmacks brechend. Nette Pointe: Karl Lagerfeld richtete seine Wohnung in Monte Carlo 1982 mit Memphis-Möbeln ein, u.a. mit denen, die auf den Foto zu sehen sind. Über Geschmack lässt sich bekanntlich vortrefflich streiten.
Da kam die Kaffeepause (s.o.) gerade recht. Im Garten waren die Eames-Elefanten schon in ihrem Gehege und durften nicht gefüttert werden. So einen hätte ich auch gern, kosten 90€ das Stück. Ich habe mir stattdessen einen Bastelbogen für 3€ mitgenommen und baue mir meinen Mini-Elefanten für den Schreibtisch selbst.
Und noch einmal der Slide Tower im Gegenlicht, weil es so schön ist.
In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag brauste das Sturmtief Ignatz über‘s Land. Für das Südbadische waren schwere Sturmböen für Lagen ab 1000 Meter angesagt. So machten wir uns keine Gedanken, wir stehen auf 285 Meter Höhe. Abends war es auf dem Campingplatz fast windstill und sehr warm, wie an einem sommerlichen Abend bei uns zuhause im Norden. Doch die Nacht wurde extrem unruhig. An Schlaf war wenig zu denken, das Isabella-Vorzelt wackelte und flatterte im Wind. Die Geräusche rundum wurden durch die Dunkelheit noch lauter und unheimlicher als bei Tageslicht.
Am nächsten Morgen stand bei uns noch alles, im Gegensatz zu einigen Nachbarcampern, die noch in der Nacht ihre Vorzelte oder Planen abbergen mussten (und bis jetzt auch nicht wieder aufgebaut haben, vielleicht vom Sturm zerrissen). Der Wind hatte trotzdem einen Weg ins Zelt gefunden:
Später befestigten wir auch die Sturmleinen am Zelt mit den extra langen roten Zeltnägeln (war alles im Gesamtpaket dabei). Ob es nötig war? Nach diesem Sturmeinbruch haben wir hier wieder allerschönstes Spätsommerwetter, dank der Vogesen, die eventuell schlechtes Wetter vom Atlantik kommend von uns abhalten.
Endlich in den Schwarzwald hinein, mit der Bahn von Freiburg aus an Kirchzarten und Hinterzarten (dazwischen liegt noch Himmelreich) vorbei bis nach Titisee. Dort stiegen die meisten mit Wanderstöcken und Rucksäcken ausgestatteten anderen Touristen aus und der Zug wurde geteilt, diesmal saßen wir schon im richtigen Teil, denn wir wollten an den Schluchsee.
Titisee
Dann am Titisee und am Feldberg vorbei, immer weiter bergauf, immer etwas langsamer, bis wir im Ort Schluchsee ausstiegen, um bis zum vorherigen Bahnhof in Aha zurückzuwandern. Immerhin erreichten wir hier 932 Meter über Normalnull, der Zug musste von Freiburg aus 650 Höhenmeter überwinden.
Solange wir im Zug saßen, strahlte die Sonne auf uns nieder und es wehte ein leichter Wind. Als wir die Wanderung starteten, bezog es sich ordentlich, der Wind briste auf, und es wurde merklich kühler. Wir waren kleidungstechnisch gewappnet, da sie uns schon an der Campingplatz-Rezeption erzählt hatten, dass es hier oben immer 10 Grad kälter sei, als unten am Rhein.
Der Schluchsee (ausgesprochen mit langem u) war bis zu den 1920 ein ein echter See und ist von 1929 bis 1932 zu einem Stausee umgebaut worden. Er ist nicht nur der größte Stausee im Schwarzwald und der am höchsten gelegene in Deutschland, sondern auch der größte Stromspeicher Deutschlands (das sagt zumindest die Infotafel). Der See sammelt das Wasser aus seinen natürlichen Zuflüssen und das Regen- und Schmelzwasser aus dem Feldberggebiet. Drei Pumpspeicherkraftwerke unterhalb des Schluchsees erzeugen rund 460 Millionen kWh Strom im Jahr.
Wir wanderten auf dem Seeuferweg um eine Landzunge herum, um dann den Seerundweg zu erreichen. Eine Umrundung wäre, wenn die Anfahrt nicht so lange gedauert hätte (1,5 Stunden ab Freiburg, und dorthin mit Warten auf den Anschlusszug nochmal 1,25 Stunden) gut möglich gewesen, es sind nur knappe 18 km. So begnügen wir uns mit dem Probestück von ca. 5 km.
In Aha, genauer im Teil Unteraha in der Straße Vorderaha, gleich hinter dem Gelände des Segelvereins Schluchsee steht der Kiosk-Imbiss. Außer dem normalen Imbiss-Angebot gab es aber auch Kaffee und Kuchen. Die Wahl fiel auf Apfelkuchen und Donauwelle (es gab noch zwei weitere Sorten). Die nette Verkäuferin legte das größere von den letzten zwei Kuchenstücken auf einen Teller und fragte: „Kann ich Ihnen das kleine Stück noch mit auf den Teller tun? Müssen Sie auch nicht bezahlen, nur essen!“
Das war nicht schwierig, alles aufzuessen. Gut gestärkt gingen wir zum Bahnhof und schuckelten anschließend mit quietschender Hydraulik und piepsenden Türen wieder bergab, zurück in die wärmere Ebene. Noch schnell ein paar Einkäufe in Freiburg erledigt, in der Zeit, bis der Anschlusszug Richtung Basel losfuhr. Das war ein schöner Ausflug, trotz der langen und akustisch anstrengenden Fahrten.
Wir fuhren nach Weil am Rhein und stiegen um in die Bahn nach Lörrach. Beide Städte liegen sehr nah beieinander, getrennt durch den Tüllinger Berg (daher die Fahrt durch den Tunnel) und dem Fluss Wiese. Oberhalb von Lörrach liegt die Burg Rötteln, dahin sollte unser Ausflug gehen. Vom Bahnhof aus konnten wir die Fußgängerzone schon sehen, irgendwo dort würde es wohl auch die Touristinformation geben. Sie war sogar gut ausgeschildert, doch die Nebensaison machte auch vor ihr nicht Halt: Mittagspause von 13-14 Uhr! Das ist uns bisher auf keiner Reise passiert. Egal, gute Gelegenheit, selbst eine Mittagspause einzulegen. Wir fanden einen guten italienischen Imbiss am Marktplatz mit leckerer Tagespasta.
Frisch gestärkt erhielten wir die Information im Touristbüro, besser mit dem Bus der Linie 16 nach Röttelnweiler zu fahren, der Weg wäre sehr lang und nicht wirklich spannend. Um zur nächsten Bushaltestelle zu kommen, sollten wir zweimal links abbiegen und dann rechts. Leider waren wir zu früh dran mit zweimal links. Da war dann rechts keine Haltestelle. Im Stadtplan waren sie auch nicht eingezeichnet. So liefen wir dann mit Plan etwas planlos in der Gegend herum, bis wir mehr zufällig eine Haltestelle der Linie 16 fanden. Der Bus war laut Aushang vor einer Minute abgefahren. Tja, dann eben bis zur nächsten, dann zur übernächsten Haltestelle zu Fuß, um die Zeit bis zum nächsten Bus zu überbrücken. Wir mussten jedoch nicht lange warten, der aktuelle Bus hatte Verspätung und sammelte uns an der nächsten Haltestelle ein.
In Röttelnweiler stiegen wir unterhalb der Autobahn A98 aus und hatten „nur“ einen Fußweg von 600 Metern vor uns, allerdings waren ca. 100 Höhenmeter zu bewältigen. Anstrengend! Es war ziemlich warm an dem Tag.
Mit dem Auto wäre es leichter gewesen.
Schließlich erreichten wir die Außenwerke der Burg.
Es handelt sich um eine ausgedehnte Abschnittsburg (neues Wort gelernt), 300 Meter lang, mit Unter- und Oberburg aus dem 13. Jahrhundert und schon seit fast 450 Jahren eine Ruine, aber ein wichtiges Zeugnis markgräflicher Vergangenheit. Wir befinden uns ja schließlich im Markgräflerland.
Der freie Platz vor dem Eingang zum Untertor wurde Kapf genannt.
Hier tagte das Landgericht, das Berufungsgericht der Dorfgerichte unter dem Vorsitz des Landvogts. Kam es zum Todesurteil, wurde es umgehend auf dem Kapf vollstreckt.
Die Unterburg bestand und besteht überwiegend aus Wirtschaftsgebäuden. Leider hat das Café „Fräulein Burg“ montags Ruhetag. Wir gingen daher recht zügig zur Oberburg, die früher durch mehrere Zugbrücken gesichert war. Heute führt eine Holzbrücke über den Graben.
Der schmale rechteckige Durchlass rechts neben dem Tor ist das „Mannloch“, das Einzelpersonen einließ, damals auch gesichert durch eine weitere Zugbrücke. Die Menschen müssen früher sehr dünn gewesen sein.
Schöne Ausblicke ins Land (Schwarzwald), es sollte noch besser kommen.
Wir bestiegen den Torturm, den sogenannten Giller. Außer zur Bewachung der Oberburg wurde er auch zeitweise als Gefängnis genutzt. Von dort aus war der Blick noch besser.
Blick Richtung SüdenReste der Außenmauer der Oberburg mit dem Giller
Danach erklommen wir den Bergfried, der sich an der höchstgelegenen Stelle der Anlage erhebt. Er diente ebenfalls als Wachturm und Gefängnis, außerdem als Rückzugsort im Verteidigungsfall. Und von dort schauten wir bis ins Schweizer Juragebirge!!
Im Hintergrund zu sehen: Eiger 3975m, Joch 4104m und Jungfrau 4167m (Richtung Funkmast)
Da hat sich der Aufstieg doch gelohnt. Bergab ging es sehr schnell, in 10 Minuten waren wir an der Bushaltestelle. Da die Linie 16 bis nach Weil fuhr, blieben wir einfach sitzen und kamen so noch zu einem Mini-Ausflug in die Schweiz, denn die Streckenführung geht über Schweizer Staatsgebiet. Ganz ohne Kontrollen, es gab auch reguläre Haltestellen. Von Weil aus ging es dann ziemlich müde zurück zum Campingplatz.
Das sonnenverwöhnte Klima, 2000 Sonnenstunden im Jahr, bringt die schönsten Leckereien auf den Tisch. Rund um unseren Campingplatz stehen vor den Häusern kleine Verkaufsstände mit frischen Äpfeln, Weintrauben, Birnen, Tomaten etc. Walnüssen sammeln wir immer mal wieder vom Weg auf, wenn wir welche sehen und trocknen sie in der Sonne.
Bei einem Spaziergang kamen wir an einem kleinen Weinbaubetrieb vorbei, Kallmann, an dessen Rebhängen wir schon auf dem Weg von oder nach Bad Bellingen vorbeigekommen sind. Sie kamen grad von der Lese und reinigten die Geräte, da fragt man doch gleich mal nach dem, was man da so sieht als Tourist.
Inzwischen kommen auch hier in Baden, dem drittgrößten Weinbaugebiet Deutschlands, immer häufiger sogenannte Vollernter zum Einsatz:
Die fahren an den Rebstöcken entlang, nehmen immer eine Reihe in die Mitte und ernten die Trauben mittels Druckluft. Kallmann betreibt noch ausschließlich Handlese, Trauben mit der Hand abschneiden, jede einzelne Beere per Hand abpulen und dann pressen. Sie verzichten auf Herbizide, arbeiten ressourcenschonend und machen sich insgesamt viele Gedanken. Das schmeckt man!
Spätburgunder Rotwein, mit Wachs versiegelter Korken und rechts ein Blanc de Noir, ein Weißwein aus roten Trauben, vor der Gärung werden die Schalen entfernt.
Obwohl wir nicht angemeldet, sondern nur neugierig waren, die Öffnungszeiten waren auch schon längs vorbei, bekamen wir ein paar Proben zu trinken und zogen dann glücklich mit den zwei Flaschen wieder zum Campingplatz. Da wir mit dem Weißwein starten wollten, bekamen wir die Flasche direkt aus der Kühlung mit. Gute Idee.
Leckeres Bier brauen sie hier auch. Die Rothaus-Brauerei liegt in der Nähe des Schluchsees, aber da kommt man mit dem ÖPNV nur sehr langwierig hin. Deshalb probieren wir hier das naturtrübe Bier aus der Freiburger Brauerei Ganter.
In Freiburg aßen wir auch sehr lecker, in der Sichelschmiede.
Oben Badisches Schäufele mit Brägele und Salat; unten Schwäbische Maultaschen mit Speck-Zwiebelschmelze und Salat.
Im letzten Sabbatjahr sahen wir den damals neuesten James-Bond-Film „Spectre“ kurz nach der Premiere in Southampton im Original. Durch Corona wurde die Premiere des neuesten Films „No time to die“ ja auf diesen Herbst verschoben. Nun sind wir wieder im Sabbatjahr, was liegt näher, als auch diesmal den Film im Original anzusehen. Wir sind ja grad in einer sehr international geprägten Ecke Deutschlands, in Weils Kinocenter läuft der Film jeden Tag auf Englisch. Die Überlänge des Films und die Lage des Kinos machten es notwendig, mit dem Auto dorthin zu fahren. Und das war unerwartet spannend.
Auf der dreispurigen Autobahn sollten wir uns ganz links einordnen, obwohl das Navi die Ausfahrt in weniger als 1000 Meter ankündigte. Auf den anderen beiden Spuren wurde vor LKW-Stau gewarnt. Kein Stau in Sicht, für die rechte Spur entschieden, bis wir hinter drei LKW, die an einer roten Ampel warteten (auf der Autobahn!?), anhalten mussten. Okay, neue Erfahrung für uns, die warteten auf die Zollabfertigung; stimmt ja, die Schweiz gehört nicht zur EU.
Dann eben auf die mittlere Spur und nach der Ampel gleich wieder rechts einscheren und abfahren. Im Dunkeln war das noch etwas befremdlicher als sowieso schon.
Das Navi fand dann das Kinocenter sehr schnell, das Parken war netterweise für drei Stunden gratis. Das Kino befindet sich ganz oben im Shoppingcenter, dessen Geschäfte natürlich schon längs geschlossen und die Rollgitter heruntergelassen hatten. Es war menschenleer, die Rolltreppe bereits abgeschaltet, und wir waren nur zu sechs im Kinosaal. Das Popcorn war frisch und lecker, der Film klasse.
Auf dem Rückweg zum Auto war es noch leerer, auf dem Hinweg waren zumindest noch Stimmen von oben zu hören gewesen. Die Ausfahrt war zwar nah, aber nicht so einfach zu erreichen. Wir mussten ein bisschen entgegen der Fahrtrichtung rangieren und uns wurde klar, warum alle anderen Fahrzeuge rückwärts eingeparkt waren. Vor der Ausfahrt mussten wir uns für die Fahrtrichtungen D/F oder CH entscheiden. Wir nahmen natürlich D/F und fanden uns vor einem heruntergelassenen Rolltor wieder. Hmm, dann eben Richtung Schweiz, die einzige Möglichkeit, das Parkhaus zu verlassen. Gleich darauf über eine durchgezogene weiße Linie wieder zurück auf die richtige Fahrspur (alle Autos hinter uns machten es genauso) und ab auf die Autobahn.
Was war nun spannender, der Film oder die Realität?
Nach Freiburg wollte ich immer schon mal, aber ein Besuch reicht mir jetzt. Ist nicht meine Stadt, obwohl sie über eine ausnehmend schöne Altstadt verfügt, siehe weiter unten. Die engen Gassen mit dem auch sehr schönen Steinpflaster aus hochkant verlegten Kieseln in Verbindung mit vielen Menschen macht es aber auch sehr laut. Die Rollkoffern der Touristen klappern; die wenigen Autos drumherum hupen oder piepsen, je nachdem, welcher Gang eingelegt ist; gefühlt alle kleinen Kinder bewegen sich nur rufend oder schreiend fort. Letztere können nicht anders, bei den Eltern: Yulis, young urban liberals with infants, die ihrer Eltern- und Erziehungsrolle ohne einen blassen Schimmer von Piaget zu haben wenig gerecht wurden. Im Restaurant einen Zweijährigen auf dem Tisch krabbeln zu lassen und ihn lautstark zu bejubeln, wenn er genauso lautstark die Tischnummer aus Metall in den Aschenbecher wirft, da gehört schon eine Menge falsch verstandenes Laisser-faire dazu!
Noch anstrengender allerdings waren die Radfahrer und Radfahrerinnen. Die haben viele Fahrradstraßen, auf denen Autos toleriert werden oder auch extra ausgewiesene Fahrradspuren. Sie dürfen auch entgegen den Einbahnstraßen und in den Fußgängerzonen fahren. Alles prima Regelungen, doch sie fahren überall, wirklich überall, auch auf dem Fußweg und in den engsten, mit Fußgängern vollgestopften Gassen. Sie fahren, sie schieben nie. Und Fußgänger weichen besser aus, denn angehalten wird nie, auch nicht an Zebrastreifen. Das empfand ich als sehr stressig.
Aber die Altstadt bleibt schön und voller toller Fotomotive. Hier kommt eine völlig subjektive Auswahl.
Gleich am Hauptbahnhof, wir reisten mit der Konus-Gästekarte an, steht der Solartower, 240 Solarmodule über 19 Stockwerke verteilt, das höchste Solarkraftwerk in Süddeutschland. Abends war er in den oberen Stockwerken zusätzlich bunt beleuchtet.
Die gesamte Altstadt wird von kleinen Bachläufen durchzogen, den Freiburger Bächle. In Zeiten der Stadtgründung dienten sie als Quelle für Trink-, Brauch- und Löschwasser. Heute ziehen die Kinder („Mama, ich will ein Boot!“) ihre Bächle-Boote in den Rinnen hinter sich her, während die Eltern einen Schaufensterbummel machen.
Wenn Erwachsene zufällig in ein Bächle treten („dappen“), müssen sie eine/n Freiburger/in heiraten. Also Augen auf beim Suchen des perfekten Fotografierwinkels. Das Wasser in den Bächle kommt aus dem Fluss Dreisam, der durch Freiburg fließt.
Das Münster ist das Wahrzeichen Freiburgs und so hoch, dass es nur aus reichlicher Entfernung auf ein Foto passt. Im Zweiten Weltkrieg ist es von Bomben verschont geblieben, nun schon mehr als 800 Jahre alt und immer ist irgendetwas eingerüstet, um es instand zu setzen. Der Turm gilt als der schönste Turm auf Erden, seine Spitze ist die erste in der Geschichte der Gotik, die vollständig durchbrochen gebaut und damit zum Vorbild vieler anderer europäischer Kirchen wurde.
In das Münster hinein durften wir nur für fünf Minuten, da anschließend eine Anbetungsfeier in absoluter Stille stattfinden sollte. Die Zeit reichte, um von den Glasfenstern sehr beeindruckt zu sein.
Vor dem Münster herrschte spätsommerliches Treiben, es wurde Frisbee gespielt und Eis gegessen. Die Attraktion für die Kinder war jedoch der Seifenblasenmann.
In der Alten Münsterbauhütte hinter dem Münsterchor arbeiteten die Baumeister und Steinmetze, damals hochangesehene Berufe, insgesamt 300 Jahre an der Fertigstellung der Kathedrale. Erstaunlich, dass sie hierbei nie den Überblick verloren. Es ist das einzige erhaltene Stilfachwerkhaus des späten Mittelalters.
Steinmetzarbeiten an der Kirche
Gegenüber der Bauhütte steht das Erzbischöfliche Ordinariat, ein weiterer Prachtbau, 80 Meter lang (auf dem Foto ist die Schmalseite zu sehen) und aus buntem Sandstein. 1906 nach dreijähriger Bauzeit fertiggestellt, wurde gestalterisch alles gegeben, was der Historismus so hergab.
Im Mittelalter waren die Stadttore die einzige Möglichkeit, um in die Stadt zu kommen. Sie waren Teile der Wehranlage zum Schutz der Stadtbewohner, z.B. vor den Schwaben, wie eine Legende erzählt, nach der das Schwabentor wie folgt zu seinem Namen kam.
Ein Salzkaufmann aus Schwaben verliebte sich auf seinen Geschäftsreisen so sehr in die Stadt Freiburg, dass er sie mit mehreren Fässern Geld käuflich erwerben wollte. Seine Frau war nicht begeistert von seiner Idee und hatte im Vorwege das Geld in den Fässern gegen Sand und Steine ausgetauscht. So sorgte nicht nur das Ansinnen für Spott und Gelächter unter den Freiburger Bürgern, sondern auch der Kaufmann, als er voller Überschwang seine Fässer mit „Geld“ öffnete. Im 17. Jahrhundert wurde dieser mit seinem Fuhrwerk auf der Innenseite des Tores verewigt (Malerei unter dem grünen Vordach).
Die geschäftstüchtigeren Kaufleute mussten ab dem 14. Jahrhundert, als der Handel in Freiburg stark zunahm, sehr sehr lange an den Toren warten, um ihre Waren kontrollieren und verzollen zu lassen. Das ursprüngliche Haus der städtischen Marktverwaltung wurde schnell zu klein. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts wurde das „Historische Kaufhaus“ erbaut, mit der Lage am Münsterplatz und der Fassade zeigte die Kaufmannschaft deutlich, wer sie war (erbaut wurde das Haus von dem damaligen Münster-Baumeister Lienhardt). Im mehr als 300 Quadratmeter großen Innenhof wurden die Waren gelagert.
Zum Schluss diesen kleinen bebilderten Rundgangs kommen wir zum Europaplatz mit dem Siegerdenkmal. Völlig berauscht vom Sieg über die Franzosen und dem Gewinn des Elsass 1871 sammelten die Badener von Karlsruhe bis Lörrach Geld ein, um sich, den Heeren und überhaupt ein Denkmal zu setzen. Immerhin weigerten sich die Freiburger später, dieses Denkmal Adolf Hitler zum Geburtstag zu schenken.
Was wir dann am Abend noch in der Stadt erlebten, steht im vorherigen Blogeintrag.
Bei der Recherche nach Kunstausstellungen in Freiburg stieß ich auf eine Abendveranstaltung im Kunstverein Freiburg, perfekt geeignet für Kay: ein Bob-Dylan-Abend mit Klaus Theweleit (Wow!!). Nachmittags spazierten wir also zunächst zum Fluss Dreisam, um Tickets für den Abend zu besorgen.
Doch der Kunstverein stellte nur die Räumlichkeiten zur Verfügung. Das Carl-Schurz-Haus, das Deutsch-Amerikanische Institut in Freiburg, war Veranstalter, und man musste sich im Vorwege online anmelden, die Corona-Inzidenz ist hier immer noch hoch. Das kennen wir von zuhause ja gar nicht mehr. Also vor dem Kunstverein beide den QR-Code gescannt, uns mit allen Daten angemeldet, gefreut, als die Mail kam und dann wieder ab in die Stadt. Hätten wir die automatisch generierte Mail man wirklich gründlich und bis zum Ende durchgelesen!
Abends waren wir die ersten vor Ort mit freier Platzauswahl; doch, allein, wir standen nicht auf der ausgedruckten Gästeliste. Ein kurzes, aber informatives Gespräch an der Kasse machte deutlich, dass erstens die Veranstaltung ausgebucht war (stand schon in der Mail), zweitens die Warteliste mit 40 Personen so lang war wie das gesamte Platzangebot (stand so nicht in der Mail, aber der Hinweis, dass wir, wenn wir auf die Warteliste gekommen wären, eine persönliche Mail erhalten hätten, hatten wir nicht) und drittens, dass wir es kurz vor Veranstaltungsbeginn noch einmal an der Tür versuchen sollten, mit etwas Glück würden ja nicht alle kommen.
Ja, nun. Meistens haben wir ja Glück. Warten wollten wir dort nicht, zu laut, zu dunkel, zu kühl, also gingen wir noch einmal in die Altstadt Richtung Münster, das hübsch an- und ausgeleuchtet sein sollte. Da war aber alles dunkel und abgesperrt, dafür standen dort hunderte von Menschen in mehreren Schlangen an (von Abstand keine Spur).
Das Münster ist links, im Dunkeln, hinter dem Bauzaun.
Die wollten auch das Lichterspektakel am Münster sehen und hatten sich alle vorher online registriert. Hunderte! Etwas frustriert liefen wir an den Absperrungen entlang und um die Massen herum, bis wir an der Absperrung mit dem Fluchtweg strandeten. Glücklicherweise ließen sie uns dort raus.
Dann hatten wir doch noch Glück. Wir wurden im Kunstverein eingelassen; da mussten eine Menge Menschen nicht gekommen sein. Egal, wir freuten uns auf einen schönen Abend. Es sollte ein Gespräch zwischen dem Musikjournalisten Gerrit Terstiege und Klaus Theweleit „über Dylans wandelnde künstlerische Positionen und Imagestrategien“ werden, so die Ankündigung. Das hörte sich spannend an, besonders weil Theweleit und Dylan gleich alt sind und interessante Bezüge zwischen USA und Westdeutschland zu erwarten waren.
Theweleit liest aus seinem Dylan-Buch.
Well, ich sach‘ ma‘ so: der Journalist kam seiner Moderationsaufgabe nur teilweise nach, etliche lange Song-Beispiele wurden komplett ausgespielt, bei zwei Zeitstunden ein fragliches Unterfangen, und die Nachfragen blieben mehr als an der Oberfläche. Das, was die beiden sich vorgenommen hatten, schafften sie zeitlich nicht. Der Abend endete mit dem lapidaren Verweis, dass man wohl irgendwann noch mal den Rest in einer Folgeveranstaltung abarbeiten könnte, die Zuschauer waren schnell verschwunden. Die Tonqualität war miserabel (der Ort ist ein ehemaliges Schwimmbad) und der Moderator nicht medienkompetent („Jemand müsste mal den Beamer ausschalten.“).
Alles in allem entsprach es nicht unseren Erwartungen. Dass der Zug danach Verspätung hatte und wir beim vorletzten Halt den Waggon wechseln mussten (und dem Schaffner zurufen, dass wir bitte noch wieder mitwollten), das führe ich hier jetzt mal nicht weiter aus.
Dafür haben wir den großen Klaus Theweleit noch einmal live erlebt. Das war schon was!