Auf der Biscaya, cruise day 19 (Jewel of the Seas, 2022)

Nachdem wir über einen meistens fast spiegelglatten Atlantik gesegelt sind, ist die See in der Biscaya ziemlich rau. In unserer Kabine vorne merkt man es besonders stark.

Deshalb gehe ich nach Achtern in die Schooner Bar, es gibt noch eine jewelry making class. Diesmal haben wir einen anderen Anleiter, der das aber schon oft gemacht haben muss. Nun klappt es auch mit den Werkzeugen, dem Biegen des Silberdrahtes und der Zeit. Am Ende habe ich ein neues Armband.

Zurück in der Kabine sehen wir auf dem Fernsehschirm, dass wir mit dem Bug voran auf die Küste der Bretagne zuhalten, allerdings fast keine Geschwindigkeit mehr machen. Gleichzeitig hören wir ein sehr, sehr lautes Motorengeräusch. Bevor wir es identifizieren können, kommt der Hubschrauber in das Blickfeld der Bugkamera. Auf dem Heliport sind alle Aufbauten entfernt und die Reling heruntergeklappt worden. Ein weiterer medizinischer Notfall muss an Land. Zuerst werden Helfer und Material heruntergelassen. Das Manöver ist aufgrund des starken Windes nicht einfach. So werden wir Passagiere in den Bugkabinen gebeten, unsere Kabinen zu verlassen, aus Sicherheitsgründen.

Wir gehen nach oben ins Windjammer Restaurant, trinken einen Tee und beobachten den Hubschrauber, bis er mit dem Patienten an Bord Richtung Frankreich fliegt. Ganz nebenbei sehen wir auch noch zwei Haie, gar nicht mal so kleine, die uns ein bisschen begleiten. Am Abend vorher sahen wir schon etliche Delfine, die um das Schiff herum sprangen.

Bald darauf nimmt das Schiff wieder Fahrt auf und muss zunächst nach Nordwesten fahren, wieder gegen die Wellen. Das schaukelt so stark, dass ich mich hinlegen muss. Ich verschlafe das schlimmste Geschaukel. Das Schiff fährt ruhiger, nachdem es wieder auf dem ursprünglichen Kurs ist. So ein Seetag ist entspannend und aufregend zugleich.

Vigo, Spanien, cruise day 17-18 (Jewel of the Seas, 2022)

Nachdem wir Madeira verlassen haben, wird am nächsten Tag auf See die Uhr ein letztes Mal umgestellt. Damit alle ein bisschen mehr entspannen können, gibt es im Restaurant kein Frühstück und Lunch wie sonst, sondern einen Brunch. Wir müssen mal nicht den Wecker stellen und sind trotzdem rechtzeitig da. Gleich anschließend gehen wir ins Kino und sehen „The Lost City“ mit Sandra Bullock, sehr gute Unterhaltung, um nicht ins Mittags-Verdauungs-Koma zu fallen.

Draußen ist es derweil ordentlich abgekühlt und der Wind hat aufgefrischt. Daher ist auf Deck 13 niemand außer uns. Wir wollen Minigolf spielen, bei Wind und auf dem Atlantik eine kleine Herausforderung. Der Ball reagiert meistens unberechenbar, es macht trotzdem Spaß. Nach einer Runde müssen wir uns allerdings innen aufwärmen. Das geht besonders gut bei frisch gebackenen Crêpe.

Am nächsten Tag legen wir in Vigo an. Wir freuen uns darauf, vor sechs Jahren hat es uns schon gut gefallen. Nachdem die Teilnehmer der gebuchten Ausflüge von Bord sind, gehen auch wir an Land. Es ist 8:45 Uhr, die Sonne scheint, noch ist es etwas frisch, Strickjackenwetter. Wir sind in Spanien, alle Geschäfte öffnen erst um 10 Uhr, das Kunstmuseum sogar erst um 11 Uhr. Das kann auch eine Chance sein.

Wir wandern zum Fortaleza o Castro de Vigo hinauf, das haben wir beim letzten Besuch nicht geschafft. Von dort oben hat man einen schönen Rundblick auf Vigo und unser Schiff.

Auf dem Berg treffen wir nicht nur auf die Bustouren-Ausflügler, die hier einen der Fotostopps einlegen, sondern auch auf eine Schulklasse quirliger spanischer Kinder, die mit Begeisterung ihre Grundschulkenntnisse des Englischen an uns ausprobieren.

Wir gehen auf der dem Hafen zugewandten Seite wieder hinunter und ganz langsam zum MARCO, dem bedeutendsten Kunstmuseum für zeitgenössische Kunst in Galizien (Nordspanien). Aber es ist immer noch nicht elf Uhr. So trinken wir draußen in der Sonne noch einen Kaffee. Im Museum (der Eintritt ist frei) sehen wir zwei gleichermaßen faszinierende Ausstellungen (keine Retrospektiven, beide leben noch) zeitgenössischer spanischer Künstler.

Im Erdgeschoss werden Werke von Francisco Leiro aus den Jahren 1986-2022 gezeigt. Die Ausstellung heißt „Lo antropomófico“, Skulpturen ganz unterschiedlicher Größen, alle ähneln irgendwie Menschen. Vor jeder Ausstellung geht der Künstler durch die leeren Ausstellungsräume und entscheidet dann, welche Arbeiten wo und mit welchen zusammen aufgestellt werden.

Diese ganz neue Skulptur aus dem Jahr 2021 heißt Simeón Ceboliño und ist vier Meter hoch.

Der Schwimmer stammt aus dem Jahr 1996 und hängt ganz hoch oben an der Wand, gleich unterhalb der Decke. Die Skulptur wird dadurch klein, ist aber zwei Meter lang.

Diese kleine Skulptur ist eine von mehreren tanzenden Figuren und heißt Danzante Negra (2020). Sie ist nur 67 cm hoch und beeindruckt durch ihren „Gesichts“-Ausdruck.

Im Obergeschoss sind Werke von Alfredo Alcain (Madrid 1936) aus den Jahren 1965-2021 zu sehen. Sein Œuvre ist sehr vielfältig. Immer enthalten sind sich wiederholende Muster, die aber nur auf den ersten Blick gleich aussehen. Einiges erinnert im ersten Moment an Schülerarbeiten, ist aber immer mit einem besonderen Ausdruck, Witz und größter Sorgfalt in Öl gemalt. Man kann sehr lange vor einem einzelnen Bild stehen bleiben und wird immer etwas neues entdecken.

Zu Beginn der 1970er malte Alcain zum Beispiel Stickbilder 1:1 nach. Einige (Vorlage und Ausführung) sind ausgestellt, bei diesem Dauerthema ein bisschen, um zu sehen, dass eben nicht alle exakte ‚Kopien‘ sind.

Bevor es wieder zum Schiff zurück geht, besuchen wir noch einmal die Kirche Concatedral de Santa María mit ihren Mosaiken im Altarraum und das Viertel Casco Vello engen Altstadtgassen am Hafen. Vigo lohnt sich immer wieder für einen Ausflug.

Madeira, Portugal, cruise day 16 (Jewel of the Seas, 2022)

Hurra, wir sind wieder auf dieser tollen Insel! Während sehr viele Mitreisende mit Reisebussen Teile der Insel erkunden, fahren wir mit dem Linienbus nach Câmara de Lobos. Wir müssen einfach wieder dahin, der Ort ist zu schön. Wir machen einen Spaziergang durch die bekannten Gassen, trinken hier und da einen Kaffee (wir wissen ja noch, wo es freies wifi gibt) und kaufen beim Pingo die leckeren lokal angebauten Bananen. Es sind immer noch die wohlschmeckendsten der Welt.

Es ist Mai, der beliebteste Reisemonat für Madeira. Alles blüht, es ist sehr warm. Im Mai findet das berühmte Blumenfestival statt, und heute Nachmittag zieht der Blumencorso mit geschmückten Wagen und Fußgruppen durch Funchal. Die Absperrungen und Tribünen säumen schon die Straßen. Der Wagenumzug findet allerdings erst statt, nachdem wir schon wieder auf dem Schiff sein müssen.

Doch wir haben in Câmara de Lobos Glück, dort steht nicht nur der örtliche Umzugswagen bereit, sondern wir können in der Bootshalle nebenan auch einen Blick auf die Reifröcke aus Blüten erhaschen, von denen es später Hunderte zu sehen geben wird. Alle Blüten sind echt, sie werden regelmäßig mit einer Sprühflasche gewässert.

In Funchal selbst steht ein Pavillon am Wasser, in dem die preisgekrönten Blumen, Gestecke und Arrangements ausgestellt werden. Es ist bereits das 67. Blumenfest, das immer in den ersten drei Maiwochen stattfindet.

Obwohl es Sonntag ist, ist auch die Innenstadt voller Menschen. Wir sehen fantastisch gestaltete Blumenteppiche. Die Verkaufsbuden, die wir schon in der Vorweihnachtszeit gesehen haben, sind auch wieder aufgebaut worden, diesmal erstrahlen sie in frischem Frühlingsdekor. Poncha kann man wohl immer trinken.

Wir flanieren noch ein wenig durch die wunderschönen Parks, bevor es zurück zum Schiff geht. Wir müssen unbedingt bald wieder für eine längere Zeit hierher zurückkehren, Madeira bleibt ein Lieblingsort.

Atlantiküberquerung – heading east, cruise day 11-15 (Jewel of the Seas, 2022)

Bis wir auf Madeira ankommen, müssen wir insgesamt fünf mal die Uhr um eine Stunde vorstellen. Im Gegensatz zur Atlantiküberquerung mit der Navigator of the Seas, wo die Uhr immer mittags von 12 auf 13 Uhr vorgestellt wurde, wird sie diesmal nachts vorgestellt. Und es ist ganz egal, wann wir zu Bett gehen, wir sind an den folgenden Tagen morgens immer ganz groggy, auch wenn unser head waiter der Meinung ist, das wäre alles nur im Kopf. Beim Frühstück im Restaurant benötigen wir immer einen extra Becher Kaffee. In der Zwischenzeit wird unsere Kabine aufgeräumt und gesäubert. Wenn wir abends wieder zurückkehren, ist noch einmal aufgeklärt worden und an einigen Tagen sitzt ein aus Handtüchern gefaltetes Tierchen auf unserem Bett.

Die Tage vergehen mit schöner Regelmäßigkeit: schlafen, essen, Unterhaltung und ein bisschen sportliche Betätigung. Bei den angebotenen Sport- und Fitnesskurse machen wir nicht mit. Dafür walken wir nach dem Frühstück unsere Runden auf dem Joggingpfad auf Deck 12. Ich mache in der Kabine Yoga, die ist groß genug dafür. Das ist lustig, wenn das Schiff plötzlich ein bisschen mehr schaukelt. Insgesamt ist der Ozean aber eher glatt, eine sehr angenehme Überfahrt.

Bewegung tut Not, am Abend werden wir mit extra Portionen indischen Essens verwöhnt. Insgesamt ist das Essen überall sehr gut. Einige Menschen planen tatsächlich ihren Tag um die ausgedehnten Mahlzeiten herum, treffen sich dort und essen, essen, essen. Man kann sehen, wo sie das alles lassen. Alkohol kostet relativ viel, ein kleines Glas Wein zum Abendessen schlägt mit fast 13 Dollar zu Buche, genau so viel wie ein Bier und da ist die Größe egal, eine kleine Flasche oder eine Dose mit einem Dreiviertelliter Inhalt.

Das Wetter ist nicht mehr ganz so gut, wie noch an den ersten Tagen der Überquerung, wobei die Einschätzung relativ ist. Es reicht nicht mehr für stundenlanges Abhängen am oder im Pool. So wird das Unterhaltungsprogramm angepasst, es gibt Shows auch schon nachmittags und zusätzliche Kinovorstellungen bereits am Morgen und auch mittags.

Nur die täglichen Bingo-Sessions an den Seetagen finden nicht mehr in dieser Regelmäßigkeit statt. Ich gehe noch einmal hin und bin diesmal rechtzeitig da, um einen Platz an einem Tisch zu bekommen. Doch die Beteiligung ist so gering, dass lange nicht sicher ist, ob überhaupt gespielt wird. Langsam wird es voller. Am Ende findet ein einziges Spiel statt, diesmal bekommt jeder Papierkarten und digitale Karten auf dem Tablet, damit die Verteilung des Zufalls größer ist. Trotzdem gewinne ich die 500 Dollar Preisgeld (wieder) nicht. Ich hatte mich schon ein wenig auf den Handtaschen-Sale gefreut. Pech gehabt!

Am Tag bevor wir Madeira und damit offiziell Europa erreichen gibt es am Nachmittag eine Atlantic Crossing Celebration Party. Die erfolgreiche und sichere Überquerung soll gefeiert werden. Alle (1120 Passagiere) sind eingeladen, viele sind in Abendgarderobe, da gleichzeitig auch formal night angesagt ist. Wir feiern von Deck 8 aus. Die Party-Band spielt, es gibt ein Glas Sekt (und wenn man die Kellner noch einmal trifft, dann noch ein Glas), der Kapitän und die anderen Offiziere (the Stripes) halten jeweils ein Grußwort auf der Showtreppe und dann geht der Countdown los. Bei null werden die Ballons heruntergelassen, Cracker mit buntem Flitter werden geknallt, alle stoßen auf die Ankunft in Europa an. Auf der Tanzfläche startet ein Kindergeburtstag, die älteren Herrschaften treten mit Wonne auf die Luftballons, um sie platzen zu lassen. Den Rest erledigt anschließend das Putzgeschwader mit Besen, Feger und Staubsauger. Nach einer halben Stunde ist von dem Fest nichts mehr zu sehen, alle widmen sich dem Abendessen.

Und wenn nur wenig Wolken da sind, sind die Sonnenuntergänge auf dem Atlantik spektakulär, das Foto gibt den Wow!-Faktor nur unzureichend wieder.

Auf dem Atlantik… und plötzlich Bermudas, cruise day 8-10 (Jewel of the Seas, 2022)

Vor uns liegen jetzt sieben Tage nur auf dem Atlantik, und es wird einfach nie langweilig. Notfalls könnte man ja immer noch mal zwischendurch schlafen, denn insgesamt fünf Nächte sind jeweils eine Stunde kürzer, damit wir die europäischen Zeitzonen rechtzeitig erreichen. Außer Schlafen und Essen (egal, wann, was und wo man isst, es ist immer sehr, sehr gut) gibt es jede Menge Programm.

Vormittags kann man sich unter anderem künstlerisch betätigen. Ich besuche in der Schooner Bar eine jewelry making class. Der Anleiter (ja, ein Mann, hilft nicht wirklich) bringt jede Menge Material mit, wobei nicht alle Päckchen das vollständige Material beinhalten. Das Austeilen dauert sehr lange, da sehr viele Frauen teilnehmen möchten. Das anschließende Erklären, was und wie man etwas machen soll, gestaltet sich auch schwierig, da der Instrukteur mit einem starken spanisch gefärbten Akzent spricht und nicht über das notwendige Fachvokabular im Englischen verfügt – klassische Fehlbesetzung. Die Frauen helfen sich gegenseitig, ich fädele mir ein Armband auf, das geht auch ohne Anleitung und macht Spaß.

Den ganzen Tag über gibt es viele Quizshows, Ratespiele, Live Musik und vieles mehr. Und dann gibt es manchmal private functions, bei denen nur ausgewählte Teilnehmerinnen und Teilnehmer hinein dürfen. Wer möchte da nicht gerne hinein? Wir gehören dazu, da wir sozusagen eine Bonuskarte der Reederei haben. Inzwischen sind wir in eine Stufe aufgestiegen, die uns den Zutritt verschafft, aber auch andere kleine Vergünstigungen. Bei den fünf Freigetränken pro Tag sind wir allerdings noch nicht angekommen. Wir bekommen auf dieser Veranstaltung ein Glas Sekt und erhalten eine Privatvorstellung des argentinischen Tangotanzpaares, das in einer Show am Abend auftritt.

Noch ist das Wetter so schön, dass der Poolbereich gut besucht ist. Allerdings ist es nicht mehr so übervölkert wie auf der Karibik-Fahrt. Wir finden eigentlich immer einen Platz auf den Liegen und lesen, bis das musikverstärkte Animationsprogramm auf der Außenbühne einsetzt. Das ist ein guter Zeitpunkt, sich mit mehr Getränken oder gar Essen zu versorgen.

Abends gucken wir uns das Showprogramm an. Bisher haben wir schon einen polnisch-amerikanischen Multiinstrumentalisten, der vorzüglich elektronisches Vibraphon spielt und dazu eine Kalimba und ein Theramin, gesehen. Die „Barricade Boys“ erfreuen uns bei vierstimmigem Satzgesang und Orchesterbegleitung mit Musicalsongs. Auch die schiffseigne Produktion mit Orchester, Sängern und Tänzern in tollen Kostümen ist ganz gut. Oder wir gehen ins Kino.

Und dann werden wir eines Morgens sehr unsanft durch eine Durchsage vom Kapitän geweckt. Aufgrund eines medizinischen Notfalls müssen wir die Bermudas anlaufen. Auf der Karte ist ein sehr abrupter Kurswechsel zu sehen. Irgendwann in der Nacht drehte das Schiff um 90 Grad von Ost nach Nord.

Um acht Uhr ankern wir vor der Küste Hamiltons. Der Patient muss mit einem Boot übergesetzt werden. Das Ganze dauert länger als gedacht, erst nach drei Stunden fahren wir wieder los. Natürlich spekuliert man, was wohl passiert ist. Aber dazu gibt es keine weiteren Durchsagen, nur, dass alles gut geklappt hat und wir Madeira in der geplanten Zeit erreichen werden. Bei den vielen alten Menschen an Bord muss man wohl mit solchen Zwischenfällen rechnen.

Miami, Florida, cruise day 7 (Jewel of the Seas, 2022)

Als consecutive cruiser, die, die eine Reise nahtlos an die andere hängen, haben wir eine Reihe von Vorteilen. Schon vor einigen Tagen bekamen wir für das Abendessen das Angebot vom Oberkellner, bei der Transatlantik-Überquerung einen Tisch am Fenster zu bekommen. Das haben wir natürlich gern angenommen. Unser Gepäck wird von heute von der alten in die neue Kabine transportiert. Dabei können alle Hemden, Anzüge und Kleider auf den Bügeln hängen bleiben, sehr praktisch. Da wir vor Reisebeginn zum Einchecken wieder einen negativen Covid-Test vorweisen müssen, organisiert das Schiff den Test, der für uns kostenlos ist. Wir haben uns über einen QR-Code registriert und werden einen Tag vorher morgens zum Test gebeten, das Ergebnis erhalten wir abends ausgedruckt (da wir hier kein Internet haben) beim Guest Service.

Am Aus- bzw. erneuten Eincheck-Tag verzögert sich der gesamte Prozess (natürlich, muss man leider sagen). Wir 75 Personen, die „back-to-back“ fahren, warten im oberen Bereich des Restaurants und erhalten Getränke und pastries. Allerdings müssen wir warten, bis alle anderen mehr als anderthalb Tausend Passagiere von Bord gegangen sind, und das dauert. Wir amüsieren uns trotzdem. Vor bereits mehr als zwei Wochen erhielten wir eine Email, in der wir aufgefordert wurden, uns über die unterschiedlichen Einreisebestimmungen der europäischen Häfen zu erkundigen und ggf. die entsprechenden Formulare online auszufüllen. Solche Emails scheinen keinerlei Eindruck auf Amerikaner zu machen, oder aber sie verstehen inhaltlich nicht, was von ihnen erwartet wird. Nun stellt sich heraus, dass Belgien ein ausgefülltes Formular mit einer anschließenden Bestätigung inklusive eines QR-Codes vor Antritt der Kreuzfahrt erwartet. Die Aufregung hier bei den zumeist alten Menschen steigt, auch die Panik, und die sonst so reserviert auftretenden Menschen in den teuren Kabinen beginnen zu schreien.

Nach anderthalb Stunden warten wir immer noch, weil die immigration officers so zügig arbeiten wie sie hier halt arbeiten. Zügiges Arbeiten hat in Amerika eine komplett andere Bedeutung als in Deutschland; die Übersetzungen, die das Wörterbuch anbietet, haben wir in Arbeitszusammenhängen noch nie gehört. „We‘re working hard.“ ist mit „schwer arbeiten“ übrigens komplett falsch übersetzt! Wir warten darauf, dass es keine Warteschlangen mehr gibt, bevor wir hinunter eskortiert werden. Einige Passagiere werden so nervös, dass sie allein losziehen. Wir finden es viel besser, hier in bequemen Sesseln bei Verpflegung auszuharren, als mit Hunderten stehend in einer Halle zu warten.

Dann geht es ganz plötzlich doch los, von Personal eskortiert, im Gänsemarsch, langsam, da die fußlahmen Personen, die nicht im Rollstuhl geschoben werden, das Tempo bestimmen. Und dann wird es komplett surreal!! Unsere lange Schlange läuft irgendwann links an einer geöffneten Tür vorbei, um in die nächste geöffnete Tür hineinzugehen. Dann kommt die Schlange aus der ersten Tür wieder heraus, um denselben Gang weiterzugehen. Da sich an der Kreuzung der zwei Schlangenenden alles komplett mischt, und kurz bevor orientierungslose Menschen den Ablauf komplett durcheinander bringen, wird die restliche Schlange gestoppt (wir), um den ersten Teil durchzulassen, der dann an unserer rechten Seite weiterläuft. Was passiert nun genau hinter den beiden Türen? Die Menschen kommen viel zu schnell wieder heraus. Immerhin haben wir Reisepass, Impfnachweis, negativen Testnachweis, neue Bordkarte und eine kleine Karte in der Hand, die besagt, dass wir in transit sind. Die Auflösung: Dort steht ein Officer, dem wir den geöffneten Reisepass vor das Gesicht halten, zwei Sekunden maximal! Und dann gehen wir wieder aufs Schiff. Das ist lächerlich! Sie lassen 75 Menschen anderthalb Stunden warten, um sie dann innerhalb einer halben Stunde von Bord, ins Gebäude und gleich wieder an Bord zu führen. Der eine Officer hätte auch auf das Schiff kommen können, und wir wären dort an ihm vorbei defiliert. Was für ein unorganisiertes und umständliches Land!

Wir erholen uns beim Lunch, extra für uns 75 Reisende, sitzen dann noch in der Sonne, bis unsere Kabine fertig ist. Wir sind jetzt auf Deck 8, die Kabine ist ein ordentliches Stück größer. Nun kann das relaxte Leben an Bord weitergehen.

Nassau, Bahamas, cruise day 6 (Jewel of the Seas, 2022)

Es ist heiß hier auf den Bahamas, aber nicht feucht wie im mexikanischen Dschungel. Unser Schiff liegt zwischen zwei größeren Kreuzfahrtschiffen. Es sieht aus, als wenn wir auf einem Parkplatz stehen würden.

Wir gehen die lange Pier entlang zum Ausgang und machen dann eine Erkundungstour zu Fuß durch Downtown. Eigentlich hatten wir eine walking tour mit einem local guide gebucht. Die wurde zuerst von vormittags auf nachmittags verschoben und dann ein paar Tage später komplett abgesagt. Jede Straße in sehr fußläufiger Entfernung zum Hafenausgang besteht aus Geschäften, vor denen Angestellte versuchen, uns durch unglaublich günstige Angebote oder Gratisaktionen hineinzulocken. Im Angebot sind Schmuck, am liebsten in Form von Diamanten, hochpreisige Uhren, Zigarren und Kunsthandwerk, dazu kommen alle Arten von Souvenir-Artikel (made in China) und das Angebot, die Haare in kleine Zöpfe zu flechten. Man muss auf dem Fußweg vorbeigehen, auf den engen Straßen herrscht ein unglaublicher Autoverkehr.

Damit die Polizei überhaupt durchkommen kann, fahren sie auf Motorrollern. Und jede Menge Verkehrspolizisten regeln den Verkehr, bzw. setzen Halteverbote durch.

Die zwei im Kartenausschnitt des Shopping-Stadtplans als berühmte Fotospots bezeichneten Gebäude sind schnell erreicht.

Dann gehen wir nach Gefühl weiter und finden ein paar Querstraßen weiter die Christ Church Cathedral, die Cathedral of the Anglican/ Episcopal Diocese of The Bahamas and The Turk & Caicos Islands, established 1670, was für ein Name!Durch die Gitterstäbe können wir einen Blick nach innen erhaschen, sie ist wirklich sehr schön. Doch, wie sollte es auf unserer diesjährigen Fahrt anders sein, sie ist wegen Instandsetzung leider geschlossen.

Wir wollen den Landgang auch für ein bisschen Internetzugang nutzen und suchen nach einer entsprechenden Lokalität. Der Starbucks befindet sich in einer kleinen Mall mit ausschließlich hochpreisigen Konsumgütern. Wir sind nicht entsprechend gekleidet, um dort lange genug mit einem Kaffee herumzustehen. Dunkin‘ Donuts hat keine Sitzplätze, McDonald‘s schon.

Nachdem wir unseren Kaffee haben, darf man trotzdem nicht Platz nehmen, Covid-Maßnahmen (hier in Nassau muss man in den Gebäuden auch Maske tragen). Also gehen wir um die Ecke, da ist eine kleine Bank und das Wifi sehr schnell. Um uns herum stauen sich währenddessen ohne Unterlass die Autos um den Drive in herum. Alle fahren oder werden gefahren, niemand geht zu Fuß.

Die Hitze ist ermüdend, wir beschließen, uns lieber nicht in der prallen Mittagshitze am Strand auszuruhen, sondern auf dem Schiff. Wir wollen nicht zu den sonnenverbrannten Mitreisenden (lobsters) gehören.

Nachmittags gehen wir noch einmal an Land, diesmal gezielt zum Baden. Das Wasser hat eine so unglaubliche türkise Farbe, da müssen wir einfach hinein.

Den ersten Strandabschnitt lassen wir hinter uns, dort ist es uns zu voll.

Wir gehen noch ein bisschen die Promenade entlang und finden den Strand, an dem die Einheimischen baden. Der Sand ist nicht ganz so geharkt, dafür steht auch hier eine security herum. Und das Wasser ist auch hier himmlisch. Das Blau ist unglaublich, der Kalksand weiß und weich, das Wasser recht salzig. Schade, dass man nicht einfach hier bleiben kann.

Auf dem Rückweg zum Schiff hat sich die Stadt merklich geleert, mehrere tausend Touristen sind schon wieder auf den Schiffen, die ersten Geschäfte haben schon geschlossen. Der Fußweg ist leer, wir können uns zwischendurch die Häuserfassaden ansehen.

Hier in Nassau hat es uns gut gefallen, sehr freundliche und hilfsbereite Menschen, kein Müll und kein meilenweiter Marsch bis zum Strand.

Auf See, cruise day 5 (Jewel of the Seas, 2022)

Wir segeln von Yucatan an Miami vorbei Richtung Bahamas und verbringen diesen Tag auf See. Es ist heiß, die Pools und Liegen dort sind reichlich gefüllt. Wir suchen uns drinnen Unterhaltung. An cruising days gibt es immer jede Menge vergünstigte Angebote in den Shops. Ich werde angelockt mit einem silbernen Armband (eher versilbert) für umsonst. Und dann kann man dazu natürlich passende Charms für 10 Dollar kaufen. Die Schlangen sind sehr lang, und es kommt zu interessanten Diskussionen. Einige möchten nur das Armband haben. Dann müsste man aber einen US-Cent zahlen, denn die Ware muss ja verbucht werden. Das Computersystem kennt kein Gratis, die Reederei natürlich auch nicht. So kaufen viele die Charms dazu, nur sehr wenige lassen das Armband liegen. Auf dem Kassenbon steht dann 0,01 Dollars für das Armband und 9,99 für die Charms.

Es gibt auch zwei T-Shirts für zusammen 25 Dollar im Angebot. Sie sehen ganz gut aus, es sind aber nur noch sehr ausgewählte Größen auf dem Kleiderständer vorhanden. Kay findet trotzdem zwei passable, die nicht pink oder türkis sind. Unsere Ausgaben werden mit unserem Guthaben verrechnet. Das haben wir, da unser Landausflug in Nassau wegen mangelnder Beteiligung gecancelt worden. Wir hatten eine walking tour gebucht und bereits bezahlt. Aber wahrscheinlich ist zu Fuß gehen für die vielen Amerikaner an Bord einfach nicht vorstellbar. Die Boots- und Bustouren am nächsten Tag sind ausgebucht.

Den Tag auf See nutzen wir auch, alle Mahlzeiten im Restaurant einzunehmen. Es ist nicht voll dort, sehr angenehm. Drei Gänge, wenn auch kleine Portionen als am Abend, fordern ihren Tribut in Form einer Mittagsstunde. Vom Tribut in Form von zusätzlichen Kalorien sprechen wir an dieser Stelle gar nicht erst.

Am Nachmittag findet an Seetagen immer ein Bingo-Spiel statt, da gehe ich einmal hin. Ich kaufe ein beginner set (drei Spiele für 32 Dollar), damit bin ich ziemlich allein. Alle anderen investieren eher 42, 52 oder gleich 72 Dollar. Dafür bekommt man ein Tablett geliehen, auf dem das Spiel automatisch läuft. Wie langweilig, man möchte doch das Papier mit dem dauber bepunkten.

Die Amerikaner gehen bei den lustigen Animationen ordentlich mit, die Stimmung ist gut. Keiner der drei Geldpreise geht an mich, man kann nicht jedes Mal gewinnen. Alle Spielshows, Ratespiele und sonstigen Bespaßungen mit Publikumsbeteiligung laufen hier auf dem Schiff sehr gut. Für uns ist das meiste nichts, wir genießen lieber die Ruhe auf ausgewählten Decks. Das Kinoprogramm, ob im kleinen Kino oder draußen am Pool, ist abwechslungsreich, genauso wie das abendliche Showprogramm im Theater. Tage auf dem Wasser sind toll, wir freuen uns schon auf die vielen Tage auf dem Atlantik.

Costa Maya, Mexico, cruise day 4 (Jewel of the Seas, 2022)

In der Nacht setzt das Schiff über an die Festlandsseite. Wir haben einen Ausflug gebucht, um Mayaruinen anzusehen. Costa Maya ist kein wirklicher Ort; hier siedeln Menschen erst, seitdem eine Pier ins Meer gebaut wurde, damit Kreuzfahrtschiffe anlegen können. Und das ist erst zwanzig Jahre her.

Seitdem bringen die Schiffe während der Saison nicht nur jeden Tag tausende von Besuchern auf diesen Teil der Yucatan-Halbinsel, sondern auch tausende von Dollars und damit ein gutes Einkommen für viele Menschen. Es sei denn, ein Hurrikan zerstört die Pier oder eine Pandemie lässt alles ausfallen. All diese Informationen erhalten wir von unserem Guide Luis, der uns auf unserer Fahrt zu den Chacchoben Maya-Ruinen begleitet. Wir fahren im klimatisierten Bus eine knappe Stunde in den Dschungel kurz vor der Grenze zu Belize.

Das Areal von Chacchoben, auf deutsch „Der Platz des roten Mais“, ist heute die Touristenattraktion, die am zweitmeisten Geld für den mexikanischen Staat einbringt. Von dem vielen Geld fließt aber wenig zurück. So sind seit dem 1990ern nur einige Tempel freigelegt worden. Das, was wir auf unserer Tour als grüne Hügel erkennen, sind immer noch überwucherte Tempelruinen, die wahrscheinlich nie restauriert werden.

Luis führt uns zunächst zum Tempel 24. Das gesamte Land hier besteht aus Kalkstein, alle Tempel wurden nur mit manpower errichtet, es gab keine Lastentiere zum Schleppen der Steine. Auch der Zement zum Zusammenfügen wurde aus Kalkstein gebrannt. Der ursprüngliche Tempel wurde mehrmals überbaut und vergrößert, immer wenn ein neuer Herrscher kam oder ein Krieg gewonnen wurde. Die Treppenstufen außen und innen konnten von den Archäologen auf verschiedene Epochen datiert werden.

Die Tempel waren in großen Teilen mit Mörtel verkleidet, der rot bemalt wurde. Im Laufe der Jahrtausende, dieser Ort war bereits um 1.000 vor Christus besiedelt, wurden die aufgegebenen Orte sehr schnell vom Dschungel überwuchert. Luis zeigt uns auf einer Zeichnung, wie die Siedlung damals ausgesehen haben könnte.

Vor dem Tempel befand sich ein großer Platz, umgeben von weiteren Gebäuden (heute mit Bäumen bewachsene Hügel). In der Mitte, der Punkt wurde anhand der Tempelpositionen errechnet, wurde vor einigen Jahren ein neuer „Lebensbaum“ gepflanzt. Dieser war heilig für die Maya. Auf Englisch heißt er Silk Cotton Tree, ein passender Name. Die Früchte sehen aus wie große Baumwollbälle, sie fühlen sich aber weich wie Seide an.

Vom Dorf (Las Vasijas) nebenan ist nichts außer den Fundamenten erhalten. Die Häuser wurden wahrscheinlich aus Holz gebaut, mit einem Dach aus Palmwedeln. In Cozumel haben wir Dachdecker bei der Arbeit gesehen. Wenn es kein Baumaterial in erreichbarer Nähe mehr gab und der Ackerboden ausgelaugt war, wurden die Siedlungen verlassen und die Maya zogen weiter, um woanders erneut zu bauen. Das gesamte ehemalige Siedlungsgebiet der Maya, das sich über mehrere Staaten erstreckt, ist mit überwachsenen Kalksteinhügeln überzogen. Ansonsten ist das Land flach.

Wir gehen weiter und erklimmen Gran Basamento, 31 unebene Stufen hoch und auf der anderen Seite wieder herunter, für einige Mitreisende eine (zu große) Herausforderung.

Oben auf dem großen Fundament steht der Tempel 1, auf einer Linie ausgerichtet mit anderen Tempeln. Die Sonne steht jeweils im März und September genau zwischen den oberen Steinen. Ist sie links davon zu sehen, wird es wärmer; steht sie rechts, wird es kälter im Jahr.

Es ist ganz beeindruckend, die Überreste einer hoch entwickelten Kultur zu sehen, die schon sehr, sehr lange vor uns ein Zahlensystem entwickelte, das eine Null beinhaltet und in der Anlage war, etwas wie ein Buch zu haben, wo andere frühe Kulturen nur einzelne Blätter beschriftet haben. Die spanischen Eroberer verstanden die Errungenschaften nicht, sie waren auf das Gold, Silber und Kupfer der Maya aus. Es dauerte nicht lang, und sie hatten siebzig Prozent der Bevölkerung mit Waffen und Hunden getötet.

Angefüllt mit Informationen und erschöpft vom feucht-heißen Dschungelklima sind wir ganz froh, nach zwei Stunden wieder in den klimatisierten Reisebus steigen und in die Annehmlichkeiten des Schiffes zurückkehren zu dürfen.

Cozumel, Mexico, cruise day 3 (Jewel of the Seas, 2022)

Wir gehen in Mexiko an Land. Am Montag läuft unser Schiff früh in Cozumel ein, bzw. legt dort an, denn Cozumel ist eine kleine Insel für der Halbinsel von Yucatan. Wir haben keinen Ausflug gebucht (fast alle Ausflüge haben mit Tauchen und Schnorcheln zu tun), sondern wollen auf eigene Faust los und im Meer baden gehen. Wir holen uns noch Badetücher, cremen uns gut ein (es sind 30 Grad) und laufen los.

Zuerst muss man natürlich durch die Shopping Zone, auch die Einheimischen wollen schließlich Geld mit uns verdienen. Ich brauche dringend einen Sonnenschutz für meinen Kopf. Bei unserem Koffer-Marsch in Miami habe ich einen Sonnenbrand auf dem Scheitel bekommen. Im Hutgeschäft bekomme ich schöne Damenhüte angeboten, leider alle zu klein für meinen Dickkopf. Ein Panamahut für den Herrn soll es dann werden. Der Verkäufer muss hinten im Lager lange nach einem passenden Exemplar suchen, wird aber fündig. Bargeld wechselt den Besitzer, Steuern und Gebühren werden gespart.

Dann geht es gut geschützt auf Strandsuche, immer an der Straße entlang. Wir haben zwar eine Art Karte dabei, aber die ist nicht wirklich genau genug. Wir gehen immer am Wasser entlang, aber der „Strand“ besteht nur aus Steinen. Irgendwann erreichen wir Downtown, und die weitere Beschilderung lässt vermuten, dass der ersehnte Sandstrand noch einige Meilen entfernt ist.

Wir drehen um und gehen zurück zu einem winzigen sandigen Meerzugang, an dem auch Einheimische kurz die Abkühlung genießen. Wir sind durchgeschwitzt und fußlahm, das warme Wasser ist wunderbar! Wir schwimmen beide abwechselnd ein bisschen herum und lassen uns dann von der noch wärmeren Luft trocknen, bevor wir wieder zum Schiff zurückkehren.

Wir sind insgesamt sieben Meilen gelaufen, allerdings ohne die passenden Stiefel dazu, sondern in Sandalen bzw. Flipflops. Unsere Füße freuen sich, dass sie den weiteren Nachmittag im Schatten am Pool verbringen dürfen.