Wir sind im Pestana Hotel Berlin Tiergarten abgestiegen. Von unserem langen Aufenthalt auf Madeira im letzten Jahr hatten wir genügend Treuepunkte gesammelt, um den Preis des Hotelzimmers etwas zu senken.
Nun wohnen wir im Botschaftsviertel am südlichen Rand des Tiergartens und nutzen die Zeit nach dem Einchecken noch für einen kleinen Spaziergang, bevor es zum Abendessen geht.
In kurzer Zeit kommen wir hier fast um die ganze Welt. Kleinere Länder mieten sich eher in Bürohäusern ein, wie hier in dem linken Gebäude, in dem sich die Botschaften des Königreichs Bahrain, von Malta und Luxemburg befinden.
Als Berlin wieder Hauptstadt geworden war, kehrten andere Länder an die Standorte zurück, an denen sich ihre Botschaft schon seit dem Kaiserreich befunden hatte. Den Zweiten Weltkrieg haben dabei nur wenige Villen unbeschadet überstanden. Viele Gebäude wurden auf den alten Grundstücken neu gebaut.
Andere wie zum Beispiel Italien hier mit ihrem Palazzo rekonstruierten die alten Bauten oder knüpften daran an. Hier folgt eine kleine Auswahl weiterer Botschaften:
Österreich IndienVereinigte Arabische EmirateNordische LänderTürkeiGriechenlandÄgypten MexikoSaudi-Arabien
Hier im Viertel befinden sich jedoch nicht nur Botschaften und Hotelgebäude. Die Bundesländer Nordrhein-Westfalen und Baden-Württembergisch haben dazwischen sehr repräsentative Landesvertretungen errichtet.
Im Gebäudekomplex, das heute dem Bundesverteidigungsministerium gehört, findet sich auch die Gedenkstätte Deutscher Widerstand. Im Innenhof des früher auch „Bendlerblock“ genannten Gebäudes erinnert ein Mahnmal an den Widerstand gegen den Nationalsozialismus.
Das Bronzedenkmal eines jungen Mannes mit gefesselten Händen stand vor der Umgestaltung 1980 noch auf einem Sockel. Geschaffen wurde es 1952 vom Bildhauer Richard Scheibe, wie auch immer dieser damals zu diesem Auftrag gekommen ist.
Denn er war während der Nazi-Zeit ein sehr beliebter Künstler, wurde in die „Gottbegnadeten-Liste“ des Reichspropagandaministeriums aufgenommen und befürwortete noch im April 1945 die Fortsetzung des Krieges. Unfassbar!!
Die Gedenktafel erinnert an die Offiziere rund um Graf von Stauffenberg, die nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler noch in der Nacht vom 20. Juli 1944 hier im Innenhof hingerichtet wurden.
Da fehlt doch der letzte Eintrag zu unserem Kunst- und Kulturausflug nach Berlin. Am Abreisetag können wir das Auto noch etwas länger in der Hotelgarage parken lassen, um der Neuen Nationalgalerie einen Besuch im Innern des Gebäudes abzustatten. Wir gehen wieder am Tiergarten entlang zum Museumsquartier. Diesmal gibt es auch Eintrittskarten für uns. Die kauft man im Untergeschoss. Die ebenfalls dort untergebrachte ständige Sammlung ist wegen Umbaus geschlossen (nicht, dass sie deshalb den Eintrittspreis vielleicht etwas gesenkt hätten, nein).
Aber im Untergeschoss sind zwei weitere Ausstellungen zu sehen. Wir sehen uns zunächst Gerhard Richters 100 Werke für Berlin an, die er der Neuen Nationalgalerie dauerhaft zur Verfügung stellt. Es finden sich Bilder aus allen Schaffensperioden:
„Das zentrale Werk der Ausstellung ist der aus vier großformatigen, abstrakten Bildern bestehende Zyklus „Birkenau“ (2014). Er ist das Ergebnis einer langen und tiefen Auseinandersetzung von Gerhard Richter mit dem Holocaust und dessen Darstellbarkeit. Grundlage der Werke sind vier Fotografien aus dem KZ Auschwitz-Birkenau, die der Künstler mit Kohle und Ölfarbe auf vier Leinwände übertragen hat, um sie dann nach und nach abstrakt zu übermalen. Mit jeder Farbschicht verschwand die gemalte Vorlage etwas mehr, bis sie schließlich nicht mehr sichtbar war. Zu dem Werk gehört auch ein großer, vierteiliger Spiegel, der gegenüber den vier Birkenau-Bildern platziert ist und so eine weitere Ebene der Reflexion erzeugt.“ (aus der Beschreibung auf der Webseite).
Hier sind die Bilder und deren Betrachter im erwähnten Spiegel zu sehen. Der graue Spiegel von 2019 (und auch die anderen Spiegel in der Ausstellung) ist so auf Hochglanz poliert, dass viele Besucherinnen und Besucher ihn gar nicht als Kunstwerk wahrnehmen.
Der ungarisch-französischen Künstlerin Judit Reigl (1923-2020) ist anlässlich ihres 100. Geburtstags (und der Schenkung von dreien ihrer Hauptwerke) auch eine kleine Ausstellung gewidmet. Nie bisher von ihr gehört, ist es auch tatsächlich die allererste Einzelausstellung ihrer Werke in einem deutschen Museum. Laut Beschreibung gehört sie zu den wichtigsten Malerinnen ihrer Generation – wieder was dazu gelernt!
„Ausbruch/ Outburst“, 1958„Mensch/ Man“-Serie, 1966-1972 entstanden
Danach benötigen wir erst einmal eine Kaffeepause im „Erfrischungsraum“, das steht tatsächlich an der Tür! Ist aber ganz hübsch hier. Und zum Kaffee gibt es ein Glas Wasser dazu.
Dann geht es wieder nach oben in den Teil des Gebäudes, in den wir eigentlich wollten. Diese Ikone der Klassischen Moderne von Ludwig Mies van der Rohe schloss 2015 wegen Renovierungsarbeiten. Nach sechs Jahren öffneten sich die Türe wieder. Nun kann man wunderbar durch die Fenster hinein und herausschauen, so wie zur Eröffnung 1968. Es ist toll, lichtdurchflutet, immer noch sehr modern wirkend, ein schönes Gebäude. Wir finden, die 140 Millionen Euro sind gut angelegt worden.
Allein die Fensterscheiben der 1500 Quadratmeter Fassadenfläche auszutauschen! Die oberen mussten in China angefertigt werden, weil zu dem Zeitpunkt kein Glaswerk irgendwo sonst diese Maße produzieren konnte.
Im Ausstellungsraum sind insgesamt 75 Werke der deutschen Künstlerin Isa Genzken aufgestellt. Die in Schleswig-Holstein geborene und in Berlin lebende, international erfolgreiche Künstlerin hatte sich schon immer gewünscht, in dem Mies van der Rohe-Bau ausstellen zu dürfen. Anlässlich ihres 75. Geburtstags ehrt die Neue Nationalgalerie sie nun und macht ihr die Ausstellung von 75 ihrer unterschiedlichen Skulpturen zum Geburtstagsgeschenk. Das Werk ist sehr vielfältig, regt viele zu Diskussionen an und zaubert ein Lächeln auf alle Gesichter.
Wir haben ein paar wunderbare Tage in Berlin verbracht. Leider bereichern wir etwas später auf dem Berliner Ring die Galerie der teuren deutschen Porträtfotos um mein eigenes. Schade!
Wenn man während des Urlaubs in Berlin so schön am Tiergarten wohnt, dann spaziert man unweigerlich immer wieder auf unterschiedlichen Wegen darin herum. Dabei sieht man sehr interessante Dinge. Um einige wenige davon geht es in diesem Blogbeitrag.
Einen Tiergarten als Jagdrevier für Regenten wurde bereits in der Mitte des 16. Jahrhunderts angelegt und dann nach und nach durch Landzukäufe erweitert. König Friedrich II. (auch „der Große“ genannt) hatte dann gar nichts mit der Jagd am Hut.
Ab Mitte des 18. Jahrhunderts wurde der Park zu einem „Lustgarten“ umgewandelt und auch für die Untertanen geöffnet. In der Folge wurden im Park eine Vielzahl von Denkmälern aufgestellt.
1980 hatte die Luftverschmutzung und der saure Regen dem meistens verwendeten Mamor so zugesetzt, dass die meisten Denkmäler abmontiert, in Innenräumen gelagert und durch Betonkopien im Tiergarten ersetzt wurden. Inzwischen ist die Luft so viel sauberer geworden, dass die Originale wieder im Park zu sehen sind, wie hier das Standbild der Königin Luise, der Preußen liebste Königin.
Dieses steht auf der Luiseninsel, ein Wassergraben trennt den Bereich vom übrigen Parkgelände ab. Zusätzlich immer geschlossen zu haltende Tore für die Fußgänger schützen die Blumenbeete vor den allgegenwärtigen Kaninchen und ihrem Hunger.
Für Luises Mann, König Friedrich Wilhelm III., gibt es dort natürlich auch ein Denkmal. Das steht aber nicht so prominent sichtbar. Sie war einfach die weitaus beliebtere in der Bevölkerung.
Ganz frisch gereinigt und vergoldet erstrahlt das Denkmal für die drei Komponisten Beethoven, Mozart und Haydn (auf der nicht sichtbaren Seite). Wir wollten es zuerst gar nicht angucken, da wir dafür die mehrspurige B96 hätten überqueren müssen. Doch inzwischen verläuft diese unterirdisch im sogenannten Tiergartentunnel, wir können einfach nur über den Rasen laufen zum „Musikerofen“ (die Berliner haben ein Faible für Spitznamen).
Direkt an der Tiergartenstraße, an der etliche Botschaften vertreten sind, steht das Denkmal für Richard Wagner. Ihm zu Füßen sind Hauptfiguren aus seinen Opern platziert. Dieses Denkmal wird immer noch von einem Dach vor Wettereinflüssen geschützt. Es war (und ist) damals einfach viel zu groß zum Einlagern und für eine Nachbildung aus Beton gewesen.
In der Nähe unseres Hotels, im Schatten von Bäumen und Büschen, finden wir das Denkmal für das Volkslied!
Eine sehr neue Gedenkstätte im östlichen Teil des Tiergartens stellt das „Global Stone Project“ des Künstlers Kraker von Schwarzenfeld dar. Das als Friedensprojekt gedachte Kunstwerk wollte auf jedem Kontinent zwei besondere Steine bzw. Steingruppen finden. Eines sollte dort an einem besonderen Ort verbleiben, das andere nach Berlin kommen. Die geschliffenen Steinoberflächen sollten so ausgerichtet werden, dass zur Sommersonnenwende zwischen allen Steinen auf allen Kontinenten durch Sonnenstrahlen eine Verbindung entsteht.
Der Künstler hat den Steinen Namen gegeben: Erwachen, Hoffnung, Vergebung, Liebe und Frieden. Wir sehen Hoffung und Vergebung, im Hintergrund Erwachen und Frieden. Das sind nur vier Stein (-gruppen), dazu eine leere sandige Fläche. Dort lag der Stein der Liebe. Er kam 1999 aus Venezuela und ist seit 2020 auch wieder dort, in einem Naturreservat eines indigenen Volkes. Der Stein ist für sie ein heiliger Stein und wurde damals ohne ihre Zustimmung abtransportiert. Der Streit darum zog sich bis in Regierungskreise hinein.
hinten links Vergebung, in der Mitte Hoffnung, hinten rechts Friedenhinten links Erwachen, im Hintergrund Hoffnung, im Vordergrund Vergebunghinten Vergebung, vorne die nicht mehr vorhandene Liebe
Montags sind die Museen geschlossen, und Shopping ist keiner Alternative für uns. Daher wollen wir in das umstrittene Humboldt-Forum gehen und spazieren dafür von ex-West nach ex-Ost, immer am Tiergarten und anschließend die Französische Straße entlang.
Wir kommen am Denkmal für die ermordeten Juden Europas vorbei. Dahinter, in dem hellen Gebäude links, befindet sich die amerikanische Botschaft.
Alle Botschaften der vier Siegermächte finden sich rund um den Pariser Platz hinter dem Brandenburger Tor. Zum Fotografieren stehen wir hier übrigens an der schleswig-holsteinischen Landesvertretung.
Wir passieren mehrere Bundesämter und -ministerien, die in den Ende des 19. Jahrhunderts errichteten Gebäuden residieren. Die sehen nach den Renovierungen der letzten Jahrzehnte alle sehr schön aus.
In Höhe des Gendarmenmarkts sehen wir den Französischen Dom von hinten. Die Kuppel heißt auf Französisch dôme, daher der Name des Kuppelturms, der 1780-1785 an die Französische Friedrichstadtkirche angebaut wurde.
Das gleiche passierte mit der lutherischen Kirche, heute Deutscher Dom genannt, auf der anderen Seite des Platzes. Und alles nur, um der königlichen Prachtentfaltung und der städtebaulichen Wirkung ein passendes Bild zu geben. König Friedrich II. (der Große) hat‘s bezahlt.
Kurz darauf passieren wir am Werderschen Markt das Auswärtige Amt und sind dann auf der Museumsinsel, die in der Spree liegt. Da prangt auch schon unser Ziel für heute: das Berliner Schloss.
Seit 1443 steht an dieser Stelle die Residenz des Hauses Hohenzollern, die erst Könige in Preußen, dann Könige von Preußen und schließlich deutsche Kaiser waren. 1698–1713 wurde es umgebaut und galt seitdem als Hauptwerk des norddeutschen Barock. Es war damals das größte Gebäude Berlins.
Es sieht ja eigentlich ganz prächtig aus, ist jedoch ein Fake. Im Zweiten Weltkrieg beschädigt, aber durchaus mit erhaltenswerten Teilen, wurde es 1950 im Auftrag der SED gesprengt (auch das schon eine sehr umstrittene Entscheidung, die Akten blieben jahrzehntelang unter Verschluss).
In der Folge wurde an der Stelle ein zentraler Kundgebungsplatz (Marx-Engels-Platz) und später dann der Palast der Republik gebaut. Der wurde nach erfolgter Astbestsanierung dann doch 2006-2008 abgerissen, nachdem der Deutsche Bundestag 2002 beschlossen hatte, das Berliner Schloss wieder aufzubauen. Man hätte ja auch den Palast der Republik durch entsprechende Anbauten umwandeln können. Aber nein, sichtbar sollte für die Zukunft lieber die monarchische Vergangenheit seit. Da kann man durchaus unterschiedliche Auffassungen dazu haben.
Man entschloss sich, die Barockfassaden an drei Außenseiten und den Innenhöfen zu rekonstruieren. Dafür spendeten Menschen aus der ganzen Welt 105 Millionen Euro. Es wird immer noch vom Förderverein gesammelt, z.B. für die Portaldurchfahrten.
Die Ostseite sieht dann so aus, wie es sich auch innen präsentiert. Vielleicht sollte diese Seite an die neuere Architektur im Osten anknüpfen? Wir wissen es nicht.
Von innen strömen Foyer und Treppenhaus den Charme eines langweiligen Flughafens aus. Wir haben tatsächlich keine Fotos davon gemacht (wen‘s interessiert, klickt die links an).
Im insgesamt 667 Millionen Euro teuren Neubau (wir haben’s bezahlt) befindet sich das Humboldt-Forum, in dem neben Restaurants, Cafés und Museumsshops Sammlungen unterschiedlicher Museen Berlins zu sehen sind.
Wir schauen uns eine nett gemachte Videoinstallation zu den 800 Jahren Schlossgeschichte und einen kleinen Teil der Ethnologischen Sammlung an. Dort wird zumindest versucht, etwas kritischer an die Herkunft und Ausstellung der Artefakte heranzugehen.
Im Kellergeschoss werden, medial gut aufbereitet, Ausgrabungsreste gezeigt und erklärt, wie es früher an Ort und Stelle ausgesehen hat und welche Bedeutung die Orte für das herrschaftliche Leben in den Obergeschossen hatte. Auch hier endet die Präsentation mit der Sprengung des Schlosses.
Ein paar der Gründungspfähle aus Kiefer, die vor 300 Jahren zu tausenden zehn Meter tief in den Boden gerammt werden mussten, damit das Schloss überhaupt gebaut werden konnte, sind im Treppenhaus zum Keller zu sehen. Keller und Neubau stehen jetzt auf 40 Meter langen Betonpfählen.
Dann wird es für uns auch wieder Zeit zu gehen. Das schöne, sonnige Wetter lockt nach draußen. Wir gehen Unter den Linden entlang, durch das Brandenburger Tor und den Tiergarten hindurch zurück zum Hotel.
Berliner Schloss von der Schlossinsel ausBerliner Dom (wirklich ein Dom) und Berliner Fernsehturm auf dem Alexanderplatz Reiterstandbild Friedrich II., des Großen, im Hintergrund Staatsbibliothek zu BerlinBrandenburger Tor mit der Quadriga, beides vom Nachfolger Friedrich des Großen, seinem Neffen Friedrich Wilhelm II, in Auftrag gegeben
Wir sind in Städten sehr oft und sehr gern zu Fuß unterwegs. Man entdeckt viel ungeplantes auf den Wegen von A nach B. Auf unserem Weg zum Hamburger Bahnhof kommen wir an interessanten Plätzen und Gebäuden vorbei.
Da wir am Tiergarten wohnen, müssen wir uns natürlich die Siegessäule von nahem ansehen. Dieses bedeutende Nationaldenkmal Deutschlands erinnert an die Einigungskriege von 1864 bis 1870, in Folge derer schließlich der erste deutsche Gesamtstaat gegründet wurde. Die „Goldelse“, wie die Viktoria-Figur von den Berlinern genannt wird, ist am Sonntag einmal nicht vom Verkehr auf sechs Fahrspuren umbraust.
Nicht weit entfernt steht das Schloss Bellevue, der Amtssitz des Bundespräsidenten. Die klassizistische dreiflügelige Anlage wurde 1785/86 als Sommerresidenz für den preußischen Prinzen August Ferdinand, dem jüngsten Bruder von König Friedrich dem Großen, gebaut. Da die Standarte auf dem Dach gehisst ist, weilt Frank-Walter Steinmeier grad in Berlin.
Unser Weg zurück vom Museum führt uns durch den Berliner Hauptbahnhof hindurch zum Washingtonplatz, wo gegenüber des Bahnhofs das CubeBerlin steht, ein zehnstöckiges Bürogebäude. In der mehrfach nach innen gefalteten Fassade spiegelt sich die Umgebung wie in einem Kaleidoskop.
Wir überqueren die Spree, die hier einen Bogen macht, über die Moltkebrücke, von der aus wir das Bundeskanzleramt sehen können. Etwas später ist dieses auch von vorne zu sehen. Über die dafür gewählte Architektur kann man immer noch vortrefflich streiten.
Es ist das größte Regierungshauptquartier der Welt, achtmal so groß wie das Weiße Haus in Washington. Und es ist bereits ein Erweiterungsbau geplant, Baubeginn ursprünglich in diesem Jahr, jedoch wegen der Kosten und der diskutierten Notwendigkeit erst einmal gestoppt.
Vor den Eingang steht die Skulptur Berlin des Spanisch-baskischen Bildhauers Eduardo Chillida. Fünfeinhalb Meter hoch, 87,5 Tonnen schwer werden durch die sich beinahe berührenden Stahlarme Teilung, Annäherung, Vereinigung symbolisiert.
Etwas weiter die Straße entlang sehen wir links das Reichstagsgebäude, der Sitz des Bundestages. Heute ziert eine begehbare Glaskuppel des Architekten Norman Foster das Gebäude.
Das Parlamentsgebäude hatte schon vorher eine Kuppel, sehr zum Ärgernis Kaiser Wilhelm II., da er berufsbedingt nicht nur eine Abneigung gegenüber einem gewählten Parlament hatte. Nein, die Kuppel war auch noch höher als die seines Stadtschlosses. Unverschämtheit!
Bald darauf kommen wir an den Gebäuden des Kulturforums an. In der Philharmonie versuchen wir, noch kurzfristig Karten für ein Konzert zu bekommen, kein Glück. Auch in die Neue Nationalgalerie kommen wir nicht mehr hinein, keine Tickets mehr. Dann besuchen wir eben die St. Matthäus-Kirche gleich nebenan.
Diese wurde nach Plänen von Friedrich August Stüler (nun wissen wir, warum die Straße so heißt, an der unser Hotel liegt) inmitten eines gutbürgerlichen Wohngebiets erbaut und 1848 eingeweiht. Dietrich Bonhoeffer wurde hier 1931 zum Pastor ordiniert. Bald darauf stand das ganze Gebiet den Nazis für den Bau ihrer „Welthauptstadt Germania“ im Wege, und sie begannen, viele Wohnhäuser abzureißen. Die Bombenangriffe der Alliierten legten die Reste des Wohngebiets in Schutt und Asche. Die Kirche wurde stark beschädigt und nach dem Krieg nur von außen rekonstruiert.
Das Innere ist sehr schlicht und hell gestaltet und bietet Raum nicht nur für Gottesdienste, sondern auch für Konzerte und Kunstausstellungen.
Hier hängen gerade Bilder von Jakob Mattner unter dem Titel Deep Time – Der ferne Klang, in denen er sich mit der Entstehung der Erde auseinandersetzt.
Die Künstler werden stets eingeladen, auch ein Altarbild für die Zeit der Ausstellung anzufertigen. Das Bild von Mattner suggeriert einen Blick in das Universum. Er verwendete unter anderem sedimentierten Kupferstaub für das Bild.
Wir steigen dann noch die 100 Stufen in den Turm hinauf. Von dort aus hat man einen schönen Rundumblick, bevor es wieder ins Hotel geht.
Neue Nationalgalerie Kulturforum Philharmonie und Potsdamer Platz Staatsbibliothek und Baugrube für das Museum des 20. Jahrhunderts
Ein Besuch in Berlin ohne einen Besuch im Hamburger Bahnhof, das geht nicht so richtig. In der ehemaligen Empfangshalle des Bahnhofs gibt es eigentlich zu jeder Zeit sehenswerte Ausstellungen zu sehen.
Diesmal beginnt unser Besuch von Anfang an erfreulich, denn wir müssen gar keinen Eintritt zahlen. Am ersten Sonntag jeden Monats ist der Eintritt in die staatlichen Museen frei! Bis zu dem Zeitpunkt war uns gar nicht klar, dass wir an einem Sonntag unterwegs sind.
Die Empfangshalle wird zurzeit von den biomorphen Skulpturen der Spanierin Eva Fabèrgas „bevölkert“. Sie winden sich nicht nur wie Reisende in einer Bahnhofshalle über den Boden, sondern erobern auch die gusseisernen Träger des Gebäudes. Auf den ersten Blick scheinen die „Devouring Lovers“ nur stoffliche Objekte zu sein, doch bei genauerem Beobachten beginnen die „verschlingenden Liebenden“ sich leicht zu bewegen, zu vibrieren, um dann unvermittelt wieder still zu sein. Die insgesamt siebzig Skulpturen wurden speziell für diese Halle angefertigt. In der Ausstellung haben die Kinder großen Spaß am Nachbauen der Skulpturen aus Luftballons und Nylonstrumpfhosen.
Eine für uns weitaus beeindruckendere Ausstellung ist jedoch die Einzelausstellung „Seeing without Light“ der Berlinerin Nadia Kaabi-Linke. Sie erforscht mit künstlerischen Mitteln die verborgenen Spuren von Gewalt, die unbemerkt unsere Geschichte und unsere Gegenwart prägen. Und das gelingt der Künstlerin mit ukrainisch-tunesischen Wurzeln beeindruckend gut!
In den Arbeiten zu „Blindstrom for Kazimir“ sehen wir immer Paare gleich großer weißer und schwarzer Rechtecke, die an Gemälde von Kasimir Malewitsch erinnern. Alle, die sich mit Kunst und Kunstgeschichte halbwegs gut auskennen, haben sicherlich (so wie wir auch) in Schule oder Studium gelernt, dass Malewitsch ein russischer Maler war.
War er nicht! Er stammte aus der Ukraine. In den 1920er und 1930er Jahren zensierten die Sowjets viele ukrainische Kunstschaffende, indem sie ihre Werke zerkratzten oder übermalten.
Die Abriebspuren dieser Gemälde hat Nadia Kaabi-Linke auf die schwarzen Tasttafeln übertragen. Man darf und soll sie berühren. Die weißen Rechtecke symbolisieren die abwesenden eigentlichen Gemälde.
Für „Fatima“ gestaltete sie fünf ähnlich große Hände aus Stahl (Nadeln und Nadelstiche), Blut, Horn (Fingernägel) und Haar, rahmte sie in fünf identische Kästen und beleuchtet sie mit Lampen, die Überwachungskameras ähneln.
Die Hand steht für die Weiblichkeit in der arabischen Welt. Die Installation setzt sich mit der Rolle der Frauen auseinander, von denen erwartet wurde (und wird), dass sie sich in (von Männern bestimmte) starre gesellschaftliche Zwänge einfügen.
Eine andere Arbeit thematisiert die Fähigkeit der Menschen zur Zerstörung beim gleichzeitigen Fortschritt der Wissenschaft. Das Triptychon ist ein Transferdruck von Einschusslöchern aus dem Zweiten Weltkrieg in einer Mauer am Hegelplatz (so auch der Titel) in Berlin. Hegel war ein bedeutender deutscher Philosoph und Rektor der Humboldt-Universität, gegenüber der sich die Wand befindet.
Im anderen Flügel des Gebäudes ist die Sammlung für das 21. Jahrhundert zu sehen. Unsere Aufnahmekapazität erschöpft sich zusehends, obwohl auch dort wunderbare Arbeiten hängen.
Robert Rauschenberg, German Stroll, 1990Anselm Kiefer, Leviathan, 1989Ayse Erkmen, Hochstapler, 2022 (im Hintergrund etwas Beuys)
Wir schauen uns nicht mehr ganz so intensiv um, bevor es dann auf der Terrasse am Wasser Eiskaffee bzw. Eisschokolade bei schönstem Sommerwetter (wir haben Herbst) gibt.