Goethe, Schiller, Beethoven und die schwierige Frage der Nationalität (Sommer 2022)

Unser heutiger Spaziergang führt uns durch das Kurgebiet, immer flußaufwärts an der Teplá entlang. Dabei passieren wir weitere Drehorte des Films „Casino Royale“, das Grandhotel Pupp und das Kaiserbad. Letzteres wird jetzt anscheinend umfassend renoviert und ist von fast allen Seiten komplett eingerüstet. Gedreht wurde übrigens nur in den Innenräumen.

Das Kaiserbad heißt eigentlich Bad l, alle sechs öffentlichen Bäder in Karlsbad sind mit römischen Zahlen durchnummeriert, die meisten haben zusätzlich einen Namen. Das Kaiserbad bekam seinen, da sich innen ein Luxusappartement befindet, das damals ausschließlich Kaiser Franz Joseph, Kaiser von Österreich-Ungarn und König von Böhmen, benutzen durfte.

Wir gehen auf dem Goethe-Weg weiter am Fluss entlang, die Bäume spenden angenehmen Schatten. Den Vormittag über regnete es Bindfäden bei nur 16 Grad, doch am Nachmittag ist es wieder sehr schön sonnig und warm. Der Schatten ist willkommen. Der Weg ist gesäumt von Gedenktafeln, auf denen frühere Kurgäste ihren Dank für die gute Gesundheit nach den Kuraufenthalten zum Ausdruck bringen. Auch der Geheime Rat Goethe ist mehrmals in Karlsbad (und auch in Marienbad und Franzensbad, er reiste sowieso gern durch Böhmen) zur Kur gewesen.

Ihm zu Ehren wurde 1883 ein Denkmal (eine Büste auf einem mit einem Relief und seinen Namen verzierten Sockel) in einer Parkanlage vor dem Grandhotel Pupp aufgestellt, bezahlt von der Stadt Karlsbad. 1946 wurde das Denkmal im Rahmen der „nationalen Säuberung“ (Alle ‚Deutschen’ wurden ausgewiesen, alle deutschen Spuren mussten weg.) entfernt. Die Büste kam immerhin noch ins Museum, der Mamorsockel wurde in einer Baugrube entsorgt und war damit verschwunden.

Nur sechs Jahre später wurde die Büste wieder aufgestellt, diesmal auf einem neuen, niedrigeren und etwas schlichter gestalteten Sockel und dorthin, wo Tagesgäste selten bis gar nicht hinkommen. Damals hieß der Weg auch noch Puschkin-Weg.

Tagesgäste sind auch heute nicht in Sicht, wir können in sehr viel Ruhe spazieren gehen. Den ursprünglichen Sockel aus Mamor baggerte man 2014 bei Bauarbeiten zufällig wieder aus. Diesmal wurde er nicht ein zweites Mal entsorgt, sondern unrestauriert in der Nähe der Büste wieder aufgestellt.

Unser Spaziergang geht weiter zum Jugendstil-Denkmal für Schiller, der Karlsbad nur einmal besuchte. Wir sind immerhin schon das vierte Mal hier. Schiller liebte lange Eselsritte durch die Kurwälder. Heutzutage lassen sich die Touristen gern mit der Pferdekutsche durch das Kurgebiet fahren. Wir gehen lieber zu Fuß.

Das eigentliche Ziel unseres Spaziergangs ist aber Beethoven. Kay als großer Fan besucht Beethoven-Denkmäler wo immer sie stehen. Der Meister besuchte Karlsbad während seiner Reise durch Böhmen 1812. Das Denkmal wurde 1929 enthüllt. Rechts und links sind allegorische Reliefs angebracht. Die gesamte Anlage wurde vom Karlsbader Bildhauer Hugo Uher angefertigt.

Uher wurde 1882 geboren, Böhmen gehörte zu der Zeit zum österreich-ungarischen Kaiserreich. Gestorben ist er 1945, zu der Zeit gehörte Böhmen zum Dritten Reich. Im Zuge der „nationalen Säuberung“ 1946 galt Uher daher als Deutscher, die beiden Reliefs wurden abmontiert und entsorgt. An Beethoven selbst traute man sich wohl nicht heran. Anlässlich des 200. Jubiläums des Beethoven-Aufenthaltes in Karlsbad wurden 2012 Repliken enthüllt, die nach alten Fotos aus Kunststoff hergestellt worden. Die Farbigkeit imitiert die ursprüngliche Ausführung aus gegossenem Metall.

Friedrich Smetana dagegen, der große tschechische Komponist, ist nie in Karlsbad gewesen. Sein Denkmal steht nicht weit entfernt von Beethoven und wurde 1949 aufgestellt. Smetanas tschechisches Nationalgefühl entwickelte sich erst im Erwachsenenalter. Er erlernte Tschechisch und änderte seinen Vornamen in die tschechische Schreibweise Bedřich. Sein berühmtes Werk „Die Moldau“ wird in den tschechischen Flugzeugen beim Rollen zum Terminal des Prager Flughafens gespielt.

Aufgestellt wurde das Denkmal für ihn, um „die Verbundenheit der Kurstadt mit der tschechischen Musiktradition [zu] erinnern“, so unser kleiner Stadtführer von 2003. Jede Zeit bildet seine Nationalheiligen aus; nicht jede Aktion, die daraus resultiert, ist in der Nachschau verständlich.

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