Oben auf einem Berg in ca. 1000 Meter Höhe mit nichts als Natur um sich herum schläft man außerordentlich gut. Auf dieser Bergkuppe hat man schon Tabak angebaut und Heu gemacht. Als hier vor etwas mehr als zehn Jahren ein trailer park entstehen sollte, kaufte der Nachbar, der seine Ruhe erhalten wollte, kurzerhand die Bergkuppe mit allem Gelände drumherum, knapp 67 Hektar.

Er richtete den kleinen Campingplatz extra anders ein als alle anderen rundherum, mit viel Platz, einfachem Angebot und sehr vielen hiking trails, die in die Wälder rundherum führen. Wir fahren die Schotterpiste wieder herunter und realisieren dann erst, wie hoch wir auf den Berg „gekrabbelt“ sind.
Bald darauf geht es wieder auf den Blue Ridge Parkway (milepost 276). Wir können etwas zügiger fahren als auf den anderen Abschnitten. Es ist nicht mehr so kurvig. Stattdessen sehen wir landwirtschaftlich genutzte Flächen und auch Bebauung (in tausend Meter Höhe).




Der Parkway ist gesäumt von hohen Rhododendrenbüschen, man könnte sogar von Bäumen sprechen. Im Mai/ Juni muss es hier wundervoll aussehen, wenn alles blüht.

Beim milepost 238 halten wir an Brinegar Cabin an. Es ist das einzige Häuschen, das 1916 nach sturzflutartigen Regenfällen und anschließenden Schlammlawinen vom Dorf Basin Cove (zwanzig Familien, Laden, Kirche, Schule) übrig blieb. Auf der Karte kann man das Unglück ermessen.

Martin Brinegar kaufte das Land 1876 mit 19 Jahren und baute eine Ein-Raum-Hütte darauf. Zwei Jahre später zog er frisch verheiratet mit seiner 16jährigen Ehefrau Caroline ein.

Als die Familie mit zwei Erwachsenen und drei Kindern zu groß wurde, begann Martin 1886 dieses Haus zu bauen, ein Raum und ein Schlafboden. Da er alles selbst aus Materialien seines Landes machte (Steine, Holz, Lehm), dauerte der Bau drei Jahre. Später kam noch der kleine Anbau dazu (Schlafzimmer und Küche, daher der zweite Schornstein).

Das Gebäude hinten links war für die Vorräte. Es gab keinen Kühlschrank. Auf dem Boden unter dem Dach lagerte das Getreide, Kräuter wurden getrocknet. Darunter wurde das gepökelte Fleisch nach dem Schlachten der Schweine aufbewahrt. Ganz unten im gemauerten Teil lagerten Früchte, Gemüse und Eingemachtes.
Die Familie lebte als Selbstversorger. Ein wenig zusätzliches Einkommen kam noch dazu. Martin machte Schuhe, nicht nur für die Familie, sondern auch für die Nachbarn. Caroline sammelte und trocknete Heilkräuter, die sie verkaufte.

Neben der Farmarbeit nähte Caroline auch die Kleidung für die Familie. Diese wurde aus einem Leinen-Wollgemisch hergestellt. Für den Leinenfaden bauten sie Flachs an, für den Wollfaden hielten sie Schafe. Beides wurde auf dem Webstuhl zu Tuch gewebt. Der Webstuhl nimmt einen großen Teil der Hausfläche ein.
Während das restliche Amerika in die Neuzeit des 20. Jahrhunderts rutschte, blieben etliche Bewohner in den Appalachen noch bis in die erste Hälfte des Jahrhunderts hinein ohne moderne Annehmlichkeiten wie fließendes Wasser (in der Nähe gibt es eine Quelle) oder Elektrizität. 1925 starb Martin an Lungenentzündung. Zehn Jahre später kaufte der Staat die Farm, damit sie Teil des Blue Ridge Parkways wurde. Caroline erhielt ein lebenslanges Wohnrecht. Durch den Autoverkehr wurde es ihr jedoch zu laut, sie zog zu ihrer Tochter und starb dort 1945. Bewundernswert, dass sie trotz dieses harten Lebens in den Bergen 82 Jahre alt wurde.

Wir überqueren die stateline zwischen North Carolina und Virginias (milepost 216) und wollen kurz darauf das Blue Ridge Music Center besuchen. Die Enttäuschung ist groß, auch hier ist alles geschlossen. Das ist schon frustrierend.

Wir beschließen, den heutigen Campingplatz schon wesentlich früher anzufahren und uns auszuruhen. Praktischerweise befindet sich der KOA-Platz Fancy Gap direkt am Parkway. Die Zufahrt befindet sich noch auf der Abfahrt vom Parkway. Wir verbringen den Rest des Tages auf unserem „Balkon“, genießen die Ruhe und das zügige Internet (das langsamer wird, je mehr Gäste anreisen).