The Villages, FL, day 20 (USA 2022)

Wir machen einen Ausflug in einen Ort nebenan, der The Villages heißt. Genau genommen sind es Siedlungen, die keinem Ort angehören, aber bei staatlichen Zählungen als Zähleinheit gelten. Unsere Freunde beschreiben sie als Disney World für Erwachsene, noch wissen wir nicht genau, was das bedeuten soll. Wir fahren zuerst durch die Wohnbebauungen. Es ist alles sehr, sehr ordentlich, gestutzte Hecken, gestaltete Rabatten. Die Häuser sind meistenteils groß und umgeben von Golfplätzen. Wahrscheinlich ist es eher anders herum, die Golfplätze sind von den Häusern umgeben. Hier wohnen ca. 130.000 Menschen und es gibt 55 Golfplätze.

Um hier wohnen zu dürfen, muss man 55 Jahre oder älter sein und noch agil. Denn sie werben damit, dass man sein Leben lang for free Golfen kann. Yeah! The Villages wurde angelegt als eine riesige Rentnerwohnanlage. Und riesig meint riesig, die Landmasse, die hier bebaut wurde, ist größer als die von Manhattan! Alles ist hier angelegt für die Bedürfnisse alter Menschen. Die 17 neighbourhoods sind umgeben von Einkaufszentren, Ärzten und Pflegestationen. Letztere sehen aus wie Hotels, die Geschäfte werden hinter Fassaden versteckt, die sich der übrigen Bebauung anpassen.

Neben den Straßen für Autos gibt es (inklusive Überführungen und Tunnels) extra Fahrspuren für die allgegenwärtigen golfcarts. Sie haben sogar eigene Brücken, um die US Highways zu überqueren.

Und dann sind da insgesamt drei town center, Bereiche, die wie eine Innenstadt einer amerikanischen Kleinstadt aufgemacht sind.

Wir fahren nach Lake Sumter Landing. Hier erinnert die Bebauung an die Südstaaten. Alles ist sauber, ordentlich und irgendwie unwirklich. Die Gebäude sind neu, aber auf alt gemacht.

Der zentrale Platz ist umgeben von Häusern, an denen Plaketten die Geschichte des Gebäudes erzählen. Diese Geschichten sind alle fake, historische Fakten aus der näheren oder weiteren Umgebung verwoben mit ausgedachten Menschen und deren Leben. Inhaltlich ist alles so gestaltet, dass ökonomischer Erfolg immer dominiert, und es handelt sich dabei immer um weiße Menschen. „White washing“ von Geschichte, keine Konflikte, keine Sklaverei, keine Ureinwohner, keine …; nichts davon wird thematisiert. Und das spannende daran ist: Es kümmert niemanden. Wir haben es ausprobiert: Entweder halten die Menschen die Plaketten für die Wahrheit, immerhin steht ja als Autor Lake Sumter Landing Historical Preservation League drunter. Oder sie wissen, dass alles Fake ist und sagen, so what, let‘s have fun.

Selbst der namensgebende See ist gar kein See, sondern eine Art Überlaufbecken für starke Regenfälle bei Tornados oder Hurrikans. Die Boote darauf liegen dort nur zur Deko.

Alles ist dafür angelegt, dass die RenterInnen fun haben, sei es sportlich, sozial oder durch sonstiges entertainment. Nichts soll ihren wohlverdienten (und teuer erkauften) Ruhestand stören. Daher auch die Altersbeschränkung auf 55+.

In wenigen speziellen Familienbereichen dürfen auch Kinder wohnen, das sind dann die Kinder von Angestellten. Menschen unter 19 Jahren dürfen sich nirgendwo aufhalten, es sein denn, es sind die Enkel von Bewohnern. Aber auch die dürfen ihre Großeltern maximal 30 Tage im Jahr besuchen.

Jetzt können wir uns so ungefähr vorstellen, was mit Disney World für Erwachsene gemeint sein könnte. Es kommt uns faszinierend und abstoßend zugleich vor.

Im Toojay‘s Deli haben wir dann auch noch fun bei Kaffee und Kuchen. Letztere heißen Rugalach, man ordert immer drei in verschiedenen Geschmacksrichtungen.

Die Kellnerin „Hi, my name‘s Sonya, I‘m so glad that I can serve you!“ verwechselt dann auch noch die Teller und braucht lange, um den Kaffee nachzufüllen. But yeah, we‘re having fun!

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