Durch den Tüllinger Tunnel zur Burg Rötteln (Lörrach)

Wir fuhren nach Weil am Rhein und stiegen um in die Bahn nach Lörrach. Beide Städte liegen sehr nah beieinander, getrennt durch den Tüllinger Berg (daher die Fahrt durch den Tunnel) und dem Fluss Wiese. Oberhalb von Lörrach liegt die Burg Rötteln, dahin sollte unser Ausflug gehen. Vom Bahnhof aus konnten wir die Fußgängerzone schon sehen, irgendwo dort würde es wohl auch die Touristinformation geben. Sie war sogar gut ausgeschildert, doch die Nebensaison machte auch vor ihr nicht Halt: Mittagspause von 13-14 Uhr! Das ist uns bisher auf keiner Reise passiert. Egal, gute Gelegenheit, selbst eine Mittagspause einzulegen. Wir fanden einen guten italienischen Imbiss am Marktplatz mit leckerer Tagespasta.

Frisch gestärkt erhielten wir die Information im Touristbüro, besser mit dem Bus der Linie 16 nach Röttelnweiler zu fahren, der Weg wäre sehr lang und nicht wirklich spannend. Um zur nächsten Bushaltestelle zu kommen, sollten wir zweimal links abbiegen und dann rechts. Leider waren wir zu früh dran mit zweimal links. Da war dann rechts keine Haltestelle. Im Stadtplan waren sie auch nicht eingezeichnet. So liefen wir dann mit Plan etwas planlos in der Gegend herum, bis wir mehr zufällig eine Haltestelle der Linie 16 fanden. Der Bus war laut Aushang vor einer Minute abgefahren. Tja, dann eben bis zur nächsten, dann zur übernächsten Haltestelle zu Fuß, um die Zeit bis zum nächsten Bus zu überbrücken. Wir mussten jedoch nicht lange warten, der aktuelle Bus hatte Verspätung und sammelte uns an der nächsten Haltestelle ein.

In Röttelnweiler stiegen wir unterhalb der Autobahn A98 aus und hatten „nur“ einen Fußweg von 600 Metern vor uns, allerdings waren ca. 100 Höhenmeter zu bewältigen. Anstrengend! Es war ziemlich warm an dem Tag.

Mit dem Auto wäre es leichter gewesen.

Schließlich erreichten wir die Außenwerke der Burg.

Es handelt sich um eine ausgedehnte Abschnittsburg (neues Wort gelernt), 300 Meter lang, mit Unter- und Oberburg aus dem 13. Jahrhundert und schon seit fast 450 Jahren eine Ruine, aber ein wichtiges Zeugnis markgräflicher Vergangenheit. Wir befinden uns ja schließlich im Markgräflerland.

Der freie Platz vor dem Eingang zum Untertor wurde Kapf genannt.

Hier tagte das Landgericht, das Berufungsgericht der Dorfgerichte unter dem Vorsitz des Landvogts. Kam es zum Todesurteil, wurde es umgehend auf dem Kapf vollstreckt.

Die Unterburg bestand und besteht überwiegend aus Wirtschaftsgebäuden. Leider hat das Café „Fräulein Burg“ montags Ruhetag. Wir gingen daher recht zügig zur Oberburg, die früher durch mehrere Zugbrücken gesichert war. Heute führt eine Holzbrücke über den Graben.

Der schmale rechteckige Durchlass rechts neben dem Tor ist das „Mannloch“, das Einzelpersonen einließ, damals auch gesichert durch eine weitere Zugbrücke. Die Menschen müssen früher sehr dünn gewesen sein.

Schöne Ausblicke ins Land (Schwarzwald), es sollte noch besser kommen.

Wir bestiegen den Torturm, den sogenannten Giller. Außer zur Bewachung der Oberburg wurde er auch zeitweise als Gefängnis genutzt. Von dort aus war der Blick noch besser.

Blick Richtung Süden
Reste der Außenmauer der Oberburg mit dem Giller

Danach erklommen wir den Bergfried, der sich an der höchstgelegenen Stelle der Anlage erhebt. Er diente ebenfalls als Wachturm und Gefängnis, außerdem als Rückzugsort im Verteidigungsfall. Und von dort schauten wir bis ins Schweizer Juragebirge!!

Im Hintergrund zu sehen: Eiger 3975m, Joch 4104m und Jungfrau 4167m (Richtung Funkmast)

Da hat sich der Aufstieg doch gelohnt. Bergab ging es sehr schnell, in 10 Minuten waren wir an der Bushaltestelle. Da die Linie 16 bis nach Weil fuhr, blieben wir einfach sitzen und kamen so noch zu einem Mini-Ausflug in die Schweiz, denn die Streckenführung geht über Schweizer Staatsgebiet. Ganz ohne Kontrollen, es gab auch reguläre Haltestellen. Von Weil aus ging es dann ziemlich müde zurück zum Campingplatz.

Essen und Trinken im Badener Land

Das sonnenverwöhnte Klima, 2000 Sonnenstunden im Jahr, bringt die schönsten Leckereien auf den Tisch. Rund um unseren Campingplatz stehen vor den Häusern kleine Verkaufsstände mit frischen Äpfeln, Weintrauben, Birnen, Tomaten etc. Walnüssen sammeln wir immer mal wieder vom Weg auf, wenn wir welche sehen und trocknen sie in der Sonne.

Bei einem Spaziergang kamen wir an einem kleinen Weinbaubetrieb vorbei, Kallmann, an dessen Rebhängen wir schon auf dem Weg von oder nach Bad Bellingen vorbeigekommen sind. Sie kamen grad von der Lese und reinigten die Geräte, da fragt man doch gleich mal nach dem, was man da so sieht als Tourist.

Inzwischen kommen auch hier in Baden, dem drittgrößten Weinbaugebiet Deutschlands, immer häufiger sogenannte Vollernter zum Einsatz:

Die fahren an den Rebstöcken entlang, nehmen immer eine Reihe in die Mitte und ernten die Trauben mittels Druckluft. Kallmann betreibt noch ausschließlich Handlese, Trauben mit der Hand abschneiden, jede einzelne Beere per Hand abpulen und dann pressen. Sie verzichten auf Herbizide, arbeiten ressourcenschonend und machen sich insgesamt viele Gedanken. Das schmeckt man!

Spätburgunder Rotwein, mit Wachs versiegelter Korken und rechts ein Blanc de Noir, ein Weißwein aus roten Trauben, vor der Gärung werden die Schalen entfernt.

Obwohl wir nicht angemeldet, sondern nur neugierig waren, die Öffnungszeiten waren auch schon längs vorbei, bekamen wir ein paar Proben zu trinken und zogen dann glücklich mit den zwei Flaschen wieder zum Campingplatz. Da wir mit dem Weißwein starten wollten, bekamen wir die Flasche direkt aus der Kühlung mit. Gute Idee.

Leckeres Bier brauen sie hier auch. Die Rothaus-Brauerei liegt in der Nähe des Schluchsees, aber da kommt man mit dem ÖPNV nur sehr langwierig hin. Deshalb probieren wir hier das naturtrübe Bier aus der Freiburger Brauerei Ganter.

In Freiburg aßen wir auch sehr lecker, in der Sichelschmiede.

Oben Badisches Schäufele mit Brägele und Salat; unten Schwäbische Maultaschen mit Speck-Zwiebelschmelze und Salat.

Autofahren im Dreiländereck – Wir wollen mal schnell ins Kino

Im letzten Sabbatjahr sahen wir den damals neuesten James-Bond-Film „Spectre“ kurz nach der Premiere in Southampton im Original. Durch Corona wurde die Premiere des neuesten Films „No time to die“ ja auf diesen Herbst verschoben. Nun sind wir wieder im Sabbatjahr, was liegt näher, als auch diesmal den Film im Original anzusehen. Wir sind ja grad in einer sehr international geprägten Ecke Deutschlands, in Weils Kinocenter läuft der Film jeden Tag auf Englisch. Die Überlänge des Films und die Lage des Kinos machten es notwendig, mit dem Auto dorthin zu fahren. Und das war unerwartet spannend.

Auf der dreispurigen Autobahn sollten wir uns ganz links einordnen, obwohl das Navi die Ausfahrt in weniger als 1000 Meter ankündigte. Auf den anderen beiden Spuren wurde vor LKW-Stau gewarnt. Kein Stau in Sicht, für die rechte Spur entschieden, bis wir hinter drei LKW, die an einer roten Ampel warteten (auf der Autobahn!?), anhalten mussten. Okay, neue Erfahrung für uns, die warteten auf die Zollabfertigung; stimmt ja, die Schweiz gehört nicht zur EU.

Dann eben auf die mittlere Spur und nach der Ampel gleich wieder rechts einscheren und abfahren. Im Dunkeln war das noch etwas befremdlicher als sowieso schon.

Das Navi fand dann das Kinocenter sehr schnell, das Parken war netterweise für drei Stunden gratis. Das Kino befindet sich ganz oben im Shoppingcenter, dessen Geschäfte natürlich schon längs geschlossen und die Rollgitter heruntergelassen hatten. Es war menschenleer, die Rolltreppe bereits abgeschaltet, und wir waren nur zu sechs im Kinosaal. Das Popcorn war frisch und lecker, der Film klasse.

Auf dem Rückweg zum Auto war es noch leerer, auf dem Hinweg waren zumindest noch Stimmen von oben zu hören gewesen. Die Ausfahrt war zwar nah, aber nicht so einfach zu erreichen. Wir mussten ein bisschen entgegen der Fahrtrichtung rangieren und uns wurde klar, warum alle anderen Fahrzeuge rückwärts eingeparkt waren. Vor der Ausfahrt mussten wir uns für die Fahrtrichtungen D/F oder CH entscheiden. Wir nahmen natürlich D/F und fanden uns vor einem heruntergelassenen Rolltor wieder. Hmm, dann eben Richtung Schweiz, die einzige Möglichkeit, das Parkhaus zu verlassen. Gleich darauf über eine durchgezogene weiße Linie wieder zurück auf die richtige Fahrspur (alle Autos hinter uns machten es genauso) und ab auf die Autobahn.

Was war nun spannender, der Film oder die Realität?

Freiburg im Breisgau

Nach Freiburg wollte ich immer schon mal, aber ein Besuch reicht mir jetzt. Ist nicht meine Stadt, obwohl sie über eine ausnehmend schöne Altstadt verfügt, siehe weiter unten. Die engen Gassen mit dem auch sehr schönen Steinpflaster aus hochkant verlegten Kieseln in Verbindung mit vielen Menschen macht es aber auch sehr laut. Die Rollkoffern der Touristen klappern; die wenigen Autos drumherum hupen oder piepsen, je nachdem, welcher Gang eingelegt ist; gefühlt alle kleinen Kinder bewegen sich nur rufend oder schreiend fort. Letztere können nicht anders, bei den Eltern: Yulis, young urban liberals with infants, die ihrer Eltern- und Erziehungsrolle ohne einen blassen Schimmer von Piaget zu haben wenig gerecht wurden. Im Restaurant einen Zweijährigen auf dem Tisch krabbeln zu lassen und ihn lautstark zu bejubeln, wenn er genauso lautstark die Tischnummer aus Metall in den Aschenbecher wirft, da gehört schon eine Menge falsch verstandenes Laisser-faire dazu!

Noch anstrengender allerdings waren die Radfahrer und Radfahrerinnen. Die haben viele Fahrradstraßen, auf denen Autos toleriert werden oder auch extra ausgewiesene Fahrradspuren. Sie dürfen auch entgegen den Einbahnstraßen und in den Fußgängerzonen fahren. Alles prima Regelungen, doch sie fahren überall, wirklich überall, auch auf dem Fußweg und in den engsten, mit Fußgängern vollgestopften Gassen. Sie fahren, sie schieben nie. Und Fußgänger weichen besser aus, denn angehalten wird nie, auch nicht an Zebrastreifen. Das empfand ich als sehr stressig.

Aber die Altstadt bleibt schön und voller toller Fotomotive. Hier kommt eine völlig subjektive Auswahl.

Gleich am Hauptbahnhof, wir reisten mit der Konus-Gästekarte an, steht der Solartower, 240 Solarmodule über 19 Stockwerke verteilt, das höchste Solarkraftwerk in Süddeutschland. Abends war er in den oberen Stockwerken zusätzlich bunt beleuchtet.

Die gesamte Altstadt wird von kleinen Bachläufen durchzogen, den Freiburger Bächle. In Zeiten der Stadtgründung dienten sie als Quelle für Trink-, Brauch- und Löschwasser. Heute ziehen die Kinder („Mama, ich will ein Boot!“) ihre Bächle-Boote in den Rinnen hinter sich her, während die Eltern einen Schaufensterbummel machen.

Wenn Erwachsene zufällig in ein Bächle treten („dappen“), müssen sie eine/n Freiburger/in heiraten. Also Augen auf beim Suchen des perfekten Fotografierwinkels. Das Wasser in den Bächle kommt aus dem Fluss Dreisam, der durch Freiburg fließt.

Das Münster ist das Wahrzeichen Freiburgs und so hoch, dass es nur aus reichlicher Entfernung auf ein Foto passt. Im Zweiten Weltkrieg ist es von Bomben verschont geblieben, nun schon mehr als 800 Jahre alt und immer ist irgendetwas eingerüstet, um es instand zu setzen. Der Turm gilt als der schönste Turm auf Erden, seine Spitze ist die erste in der Geschichte der Gotik, die vollständig durchbrochen gebaut und damit zum Vorbild vieler anderer europäischer Kirchen wurde.

In das Münster hinein durften wir nur für fünf Minuten, da anschließend eine Anbetungsfeier in absoluter Stille stattfinden sollte. Die Zeit reichte, um von den Glasfenstern sehr beeindruckt zu sein.

Vor dem Münster herrschte spätsommerliches Treiben, es wurde Frisbee gespielt und Eis gegessen. Die Attraktion für die Kinder war jedoch der Seifenblasenmann.

In der Alten Münsterbauhütte hinter dem Münsterchor arbeiteten die Baumeister und Steinmetze, damals hochangesehene Berufe, insgesamt 300 Jahre an der Fertigstellung der Kathedrale. Erstaunlich, dass sie hierbei nie den Überblick verloren. Es ist das einzige erhaltene Stilfachwerkhaus des späten Mittelalters.

Steinmetzarbeiten an der Kirche

Gegenüber der Bauhütte steht das Erzbischöfliche Ordinariat, ein weiterer Prachtbau, 80 Meter lang (auf dem Foto ist die Schmalseite zu sehen) und aus buntem Sandstein. 1906 nach dreijähriger Bauzeit fertiggestellt, wurde gestalterisch alles gegeben, was der Historismus so hergab.

Im Mittelalter waren die Stadttore die einzige Möglichkeit, um in die Stadt zu kommen. Sie waren Teile der Wehranlage zum Schutz der Stadtbewohner, z.B. vor den Schwaben, wie eine Legende erzählt, nach der das Schwabentor wie folgt zu seinem Namen kam.

Ein Salzkaufmann aus Schwaben verliebte sich auf seinen Geschäftsreisen so sehr in die Stadt Freiburg, dass er sie mit mehreren Fässern Geld käuflich erwerben wollte. Seine Frau war nicht begeistert von seiner Idee und hatte im Vorwege das Geld in den Fässern gegen Sand und Steine ausgetauscht. So sorgte nicht nur das Ansinnen für Spott und Gelächter unter den Freiburger Bürgern, sondern auch der Kaufmann, als er voller Überschwang seine Fässer mit „Geld“ öffnete. Im 17. Jahrhundert wurde dieser mit seinem Fuhrwerk auf der Innenseite des Tores verewigt (Malerei unter dem grünen Vordach).

Die geschäftstüchtigeren Kaufleute mussten ab dem 14. Jahrhundert, als der Handel in Freiburg stark zunahm, sehr sehr lange an den Toren warten, um ihre Waren kontrollieren und verzollen zu lassen. Das ursprüngliche Haus der städtischen Marktverwaltung wurde schnell zu klein. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts wurde das „Historische Kaufhaus“ erbaut, mit der Lage am Münsterplatz und der Fassade zeigte die Kaufmannschaft deutlich, wer sie war (erbaut wurde das Haus von dem damaligen Münster-Baumeister Lienhardt). Im mehr als 300 Quadratmeter großen Innenhof wurden die Waren gelagert.

Zum Schluss diesen kleinen bebilderten Rundgangs kommen wir zum Europaplatz mit dem Siegerdenkmal. Völlig berauscht vom Sieg über die Franzosen und dem Gewinn des Elsass 1871 sammelten die Badener von Karlsruhe bis Lörrach Geld ein, um sich, den Heeren und überhaupt ein Denkmal zu setzen. Immerhin weigerten sich die Freiburger später, dieses Denkmal Adolf Hitler zum Geburtstag zu schenken.

Was wir dann am Abend noch in der Stadt erlebten, steht im vorherigen Blogeintrag.

How does it feel? – schwer zu sagen

Bei der Recherche nach Kunstausstellungen in Freiburg stieß ich auf eine Abendveranstaltung im Kunstverein Freiburg, perfekt geeignet für Kay: ein Bob-Dylan-Abend mit Klaus Theweleit (Wow!!). Nachmittags spazierten wir also zunächst zum Fluss Dreisam, um Tickets für den Abend zu besorgen.

Doch der Kunstverein stellte nur die Räumlichkeiten zur Verfügung. Das Carl-Schurz-Haus, das Deutsch-Amerikanische Institut in Freiburg, war Veranstalter, und man musste sich im Vorwege online anmelden, die Corona-Inzidenz ist hier immer noch hoch. Das kennen wir von zuhause ja gar nicht mehr. Also vor dem Kunstverein beide den QR-Code gescannt, uns mit allen Daten angemeldet, gefreut, als die Mail kam und dann wieder ab in die Stadt. Hätten wir die automatisch generierte Mail man wirklich gründlich und bis zum Ende durchgelesen!

Abends waren wir die ersten vor Ort mit freier Platzauswahl; doch, allein, wir standen nicht auf der ausgedruckten Gästeliste. Ein kurzes, aber informatives Gespräch an der Kasse machte deutlich, dass erstens die Veranstaltung ausgebucht war (stand schon in der Mail), zweitens die Warteliste mit 40 Personen so lang war wie das gesamte Platzangebot (stand so nicht in der Mail, aber der Hinweis, dass wir, wenn wir auf die Warteliste gekommen wären, eine persönliche Mail erhalten hätten, hatten wir nicht) und drittens, dass wir es kurz vor Veranstaltungsbeginn noch einmal an der Tür versuchen sollten, mit etwas Glück würden ja nicht alle kommen.

Ja, nun. Meistens haben wir ja Glück. Warten wollten wir dort nicht, zu laut, zu dunkel, zu kühl, also gingen wir noch einmal in die Altstadt Richtung Münster, das hübsch an- und ausgeleuchtet sein sollte. Da war aber alles dunkel und abgesperrt, dafür standen dort hunderte von Menschen in mehreren Schlangen an (von Abstand keine Spur).

Das Münster ist links, im Dunkeln, hinter dem Bauzaun.

Die wollten auch das Lichterspektakel am Münster sehen und hatten sich alle vorher online registriert. Hunderte! Etwas frustriert liefen wir an den Absperrungen entlang und um die Massen herum, bis wir an der Absperrung mit dem Fluchtweg strandeten. Glücklicherweise ließen sie uns dort raus.

Dann hatten wir doch noch Glück. Wir wurden im Kunstverein eingelassen; da mussten eine Menge Menschen nicht gekommen sein. Egal, wir freuten uns auf einen schönen Abend. Es sollte ein Gespräch zwischen dem Musikjournalisten Gerrit Terstiege und Klaus Theweleit „über Dylans wandelnde künstlerische Positionen und Imagestrategien“ werden, so die Ankündigung. Das hörte sich spannend an, besonders weil Theweleit und Dylan gleich alt sind und interessante Bezüge zwischen USA und Westdeutschland zu erwarten waren.

Theweleit liest aus seinem Dylan-Buch.

Well, ich sach‘ ma‘ so: der Journalist kam seiner Moderationsaufgabe nur teilweise nach, etliche lange Song-Beispiele wurden komplett ausgespielt, bei zwei Zeitstunden ein fragliches Unterfangen, und die Nachfragen blieben mehr als an der Oberfläche. Das, was die beiden sich vorgenommen hatten, schafften sie zeitlich nicht. Der Abend endete mit dem lapidaren Verweis, dass man wohl irgendwann noch mal den Rest in einer Folgeveranstaltung abarbeiten könnte, die Zuschauer waren schnell verschwunden. Die Tonqualität war miserabel (der Ort ist ein ehemaliges Schwimmbad) und der Moderator nicht medienkompetent („Jemand müsste mal den Beamer ausschalten.“).

Alles in allem entsprach es nicht unseren Erwartungen. Dass der Zug danach Verspätung hatte und wir beim vorletzten Halt den Waggon wechseln mussten (und dem Schaffner zurufen, dass wir bitte noch wieder mitwollten), das führe ich hier jetzt mal nicht weiter aus.

Dafür haben wir den großen Klaus Theweleit noch einmal live erlebt. Das war schon was!

Vitra. zum ersten – Architektur

Die Beine waren etwas schwer am Morgen nach den Wanderungen. Daher kam nun die Konus-Gästekarte zum Zuge, wir fuhren nach Weil am Rhein. Zum Bahnhof nach Rheinweiler ging es zu Fuß immer bergab, bevor uns an Schule und Kindergarten eine kurze, aber heftige Steigung kurzzeitig aus dem Tritt brachte. Die Züge in Richtung Basel fuhren von Gleis 2, zu erreichen durch die Unterführung, kein Fußweg, nur enge Straße. Der Zugang zu Gleis 2 war dann wegen Bauarbeiten gesperrt, alle Züge nutzten Gleis 1. Witzig! Gut, dass wir rechtzeitig da waren. Wieder zurück durch die Unterführung und hoch zu Gleis 1. Zwanzig Minuten später waren wir in Weil.

Unser Ziel war das Vitra Design Museum und der Campus mit den Gebäuden preisgekrönter Architekten(büros). Der Weg dahin war gleich ausgeschildert. Wir wollen aber auch die Innenstadt anschauen (lohnt nicht wirklich) und wählten den längeren Weg (den langen, den immer länger und länger werdenden durch ein Neubaugebiet und um den halben Campus herum). Dabei trafen wir auf diesen kleinen Gesellen, der wie wir auch dabei war, seinen Weg zu finden.

Als wir dann endlich, endlich an einem Zugang auch für Fußgänger angekommen waren, gingen wir schnurstracks zum Café im VitraHaus, „Lunchtime!“, um wieder zu Kräften zu kommen.

Der Airstream-Kiosk im Park hat nur im Sommer auf. Auf der Terrasse in der Sonne war es sehr schön.

Das VitraHaus selbst (2010, Herzog & de Meuron) ist eine Art riesiger showcase für die Produkte der Firma und ihnen verbundener Designer.

VitraHaus von der Gartenseite

Man könnte auch von oben bis unten durchgehen, eine Liste mit den gewünschten Möbeln und Accessoires anfertigen und sie anschließend ordern oder noch im Atelier nach den eigenen Wünschen konfigurieren lassen.

Interior Studio mit Farb-, Stoff- und Holzproben

Neben dem nötigen Geld fehlen uns einfach auch die geeigneten Räumlichkeiten („Ich brauche ein Schloss!“), um all die schönen Dinge aufzubauen. Daher begnügten wir uns mit der Besichtigung der Ausstellungen und machten Fotos. Hier kommt eine kleine Auswahl.

Loft im obersten Stock, wird jedes Jahr von bekannten Interior-Designern für fiktive Bewohner gestaltet
Nachbau des Coworking-Space im komplett mit Vitra-Produkten eingerichteten Hauptsitz des größten koreanischen Kosmetikunternehmens Amorepacific in Seoul. Das Sofasystem heißt Soft Work.
Modellbeispiele des Eames Shell Chairs, nebenan im Show-Montagebereich kann man die Endfertigung des Möbelklassikers des 20. Jahrhunderts beobachten.

Da das Wetter geradezu unglaublich schön war, immerhin ist es Mitte Oktober, schlenderten wir als nächstes durch den Oudolf Garten (2020, Piet Oudolf). Auch in seinem Herbstflor war er sehr schön anzusehen.

von der Terrasse des Lofts aus fotografiert

Selbst die Bienen wohnen hier auf dem Campus in schönen Bienenstöcken, sechs Völker, rund 100.000 Bienen, werden in der kombinierten Wildbaumethode gehalten und von zwei auch als Imker ausgebildeten Mitarbeitern betreut.

Wir beschlossen, an diesem sonnigen Tag den Rundgang durch das Außengelände weiterzuführen. In das Museum gehen wir an einem anderen Tag.

Blockhaus (2018, Tobias Schütte), Unterstand und Wasserzapfstelle für Touristen
Vitra Slide Tower (2014, Carsten Höller)

Die Skulptur, Uhr, Aussichtsplattform und Rutsche in einem, zog uns magisch an. Bei unserem letzen Besuch in Bonn sind wir bereits vom Dach der Bundeskunsthalle auf einer Rutsche von Höller heruntergesaust. Diese hier war eindeutig viel höher! Also mit Rutschunterlage hoch, oben schwankte der Turm etwas. Bevor die Angst überhand nahm (dann doch keine Fotos), lieber schnell in die Röhre und mit einem Affenzahn nach unten. Das ging so rasant schnell, schneller, als davon zu schreiben!

Noch etwas benommen spazierten wir zur ehemaligen Feuerwache.

Fire Station (1993, Zaha Hadid)

Nach einem großen Brand auf dem Werksgelände sollte eine eigene Werksfeuerwehr her. Die wurde nach einigen Jahren, weil zu klein, wieder abgeschafft, nun hat man ein großes Ausstellungsgebäude mehr. Hinein und aufs Dach wären wir aber nur mit einer geführten Tour gekommen.

Im Depot Deli, am Ende des Rundgangs, war dann wieder eine Pause angesagt, bevor es auf dem kurzen Weg zum Bahnhof zurück ging.

Den überaus leckeren Kichererbsensalat darunter kann man nur erahnen.

In Rheinweiler fanden wir am Rande der Bahngleise das Auto von Dornröschen. Wenn sie wieder aufwacht, wird sie es sicherlich abholen.

Das Wandern ist des Menschens Lust …

… wir sind ja keine Müller und heißen auch nicht so.

Das Wetter meint es so gut mit uns, dass wir gleich zwei Wanderungen an einem Tag durchführten. Vor dem Mittagessen und so zum Warmwerden mit der Landschaft ging es auf einen vier Kilometer langen Rundweg über den Stationenweg oberhalb von Bamlach und Rheinweiler. Von der Kirche St. Peter und Paul in Bamlach ging es über Wirtschaftswege zum 1,5 km langen Stationenweg mit 14 Bildstöcken aus bunten Glasmosaiken, die den Leidensweg Christi darstellen.

Kirche St. Peter und Paul
„Beim 1. Wegkreuz biegen Sie rechts ab.“ Wir Flachland-Protestanten hätten uns fast schon zu Beginn verlaufen, weil wir das Wort Wegkreuz mit dem Wort Wegkreuzung verwechselten.
III. Station: Jesus fällt zum ersten Mal unter dem Kreuz.
IIX. Station: Jesus begegnet den weinenden Frauen.
An den Bäumen der Streuobstwiesen hingen noch ein paar Äpfel.

Weiter ging es auf Feldwegen, noch schnell ein paar Walnüsse aufgesammelt, bis wir wieder auf die Teerstraße stießen und der Rhein in Sichtweite war.

Der Rhein ist das Gewässer rechts im Bild und hier nicht schiffbar. Die Schiffe fahren links auf dem Grand Canal d‘Alsace.

Am Nachmittag hängten wir noch eine Wanderung von gut acht Kilometern dran, diesmal auf einem Rundweg im Rheinvorland. Um zum Rheinuferweg zu kommen, mussten wir zuerst Eisenbahnschienen und Autobahn unterqueren. Der Weg führte oberhalb des Flusses entlang. Es gab aber immer mal eine Gelegenheit, bis zur Uferkante zu kommen.

Blick Richtung Norden
Kanueinsatzstelle

Der Wasserstand des Alt-Rheins hier ist sehr niedrig, da viel Wasser für die Wasserkraftwerke auf französischer Seite gebraucht wird. Frankreich erhielt durch den Versailler Vertrag das Recht zum Bau des Rheinseitenkanals mit fünf Wasser-Kraftwerken. Der Kanal, auf französisch Grand Canal d‘Alsace, ging in den 1950ern in Betrieb. Seitdem sank der Wasserspiegel des Rheins entlang des Elsass.

Auch eine weitere Folge des Ersten Weltkrieges ist hier am Rheinufer dokumentiert:

Auf diesen Betonfundamenten stand der Drahtseilständer der „fliegenden Fähre“ über den Rhein zwischen Bellingen und Klein-Landau im Elsass. Die Fähre wurde 1885 in Betrieb genommen, damit die Bellinger Bauern mit ihren Fuhrwerken zu ihren linksrheinischen Feldern kommen konnten. Diese fielen nach dem verlorenen Weltkrieg wieder an Frankreich, und die Fähre musste 1922 gemäß des Versailler Vertrages abgebaut werden.

Ansonsten war der Weg recht langweilig (immer gerade aus, breit befestigt, Bäume und Büsche rechts und links), bis wir zum Sportplatz und der Sportgaststätte in italienischer Konzession kamen, die mit großen Schildern für Eis warb. Die Vorfreude war groß und währte kurz; nichts mehr drin in der Eistheke, die Saison ist vorbei.

Wenige Meter weiter kamen wir allerdings zum Lieferantenzugang der Autobahnraststätte Bad Bellingen West, und zu Fuß waren die Absperrungen kein Hindernis. Deren Eistruhe war gut gefüllt, den Autobahnaufpreis waren wir mehr als bereit zu zahlen.

Frisch gestärkt kürzten wir den vorgeschlagenen Weg ab, um noch mehr Langweiligkeit (Rheinauenweg durchs Wasserschutzgebiet) zu entgehen und gingen gleich Richtung Kurpark.

Leider war dann der Verbindungsweg zwischen Kurpark und Abzweigung nach Bamlach gesperrt. Dort wird ein Regenrückhaltebecken gebaut. Da keine Bauarbeiter mehr zu sehen waren (die hatten schon lange Feierabend), umgingen wir die Absperrung und waren kurz darauf auf der anderen Seite.

Den restlichen langweiligen und steilen Weg die Straße entlang nach Bamlach hoch nahmen wir auch nicht mehr. Wir schlugen uns in die Weinberge. Der Weg führte entlang kleiner Nutzgartenabschnitte und Obstbaumwiesen, wir sammelten noch ein paar Walnüsse und Äpfel auf. Die Eisenbahnschienen unterquerten wir in diesem Tunnel:

Er war ziemlich eng, aber mit Bewegungsmeldern ausgestattet. Danach folgten viele Treppenstufen bergauf (20 Höhenmeter auf kürzester Strecke), bis wir schließlich am Rande der Weinstöcke wieder in Bamlach ankamen.

Im südwestlichen Zipfel Deutschlands

Vom Lipperland in NRW sind wir inzwischen im Markgräflerland (BW) angekommen und haben den kleinen Campingplatz-to-be gegen einen großen Fünf-Sterne-Platz mit Schwimmbad und einem Sanitärgebäude, das keinen Vergleich mit einem Fünf-Sterne-Hotel scheuen muss, eingetauscht.

Einen Zwischenstopp legten wir bei Verwandten in Ingelheim bei Mainz ein. Der Wohnwagen parkte auf dem noch nicht bebauten Grundstück nebenan, und wir wurden im warmen Haus lecker versorgt. Vielen Dank an Eva und Uwe!

Bei einem Spaziergang durch die abgeernteten Weinberge fanden wir zusätzlich noch ein bisschen Wegzehrung.

… und sehr süß!

Am nächsten Tag ging die Fahrt weiter, ab Karlsruhe durch das Rheintal, links den Schwarzwald immer im Blick, gemütlich ohne viel Verkehr und Steigungen. Während der Rast kamen wir noch an diesen beiden Porsches vorbei, die auf einer Testfahrt waren:

Jetzt stehen wir auf dem Platz ‚Lug ins Land‘ und wir lugen ins Frankenland hinüber, die südlichen Vogesen in Sichtweite, den Schwarzwald im Rücken. Den werden wir in den nächsten Tagen näher erkunden, in der Rezeption gab es viele Wander- und Radtourenvorschläge.

Und etwas, was wir ziemlich großartig finden: wir bekamen für die Dauer unseres Aufenthaltes die KONUS-Gästekarte ausgehändigt, mit der man den gesamten ÖPNV im Schwarzwald kostenlos nutzen kann! Das Auto wird also überwiegend am Wohnwagen stehen bleiben, der nächste Bahnhof ist 1,5 km entfernt, die nächste Bushaltestelle gleich im Ort.

Alle lila und gelben Strecken dürfen wir nutzen, also alle hier!

UNESCO-Welterbe Corvey

Hierher kamen wir so ganz ohne braunes Hinweisschild an der Autobahn, vielleicht weil wir die nicht genommen haben, um hierher zu kommen. Corvey gehört zur Stadt Höxter, rund zwei Kilometer entfernt vom Stadtzentrum, leicht zu erreichen über den Weser-Radweg (in Teilen gesperrt, s. vorheriger Blog-Eintrag, außerdem hatten wir die Räder grad nicht zur Hand), zu Fuß (och, nööö) oder in der Sommersaison auch einmal täglich mit dem Schiff (einmal täglich!!!, war auch grad kein Sommer mehr). Mit dem Auto im Anschluss an unseren Stadtrundgang ging es auch ganz gut, die baumbestandene Corveyer Allee führte direkt auf den von zwei orientalisch anmutenden Kriegerfiguren bewachten Eingang zu.

Eigentlich hatten wir keine Lust, die Geschichte der ehemaligen Benediktinerabtei und des späteren Schlosses (ca. 1250 Jahre!) anzusehen. Wir wollten gern die Parkanlagen und die Sonne genießen. Allerdings durfte man gleich nach dem Eingang nur mit einem Ticket weiter. Das berechtigt dann aber zum Besuch des gesamten Areals. Da das Westwerk und die Abteikirche wegen einer Hochzeit gesperrt waren, gab es die Eintrittskarten etwas ermäßigt (statt 12€ immerhin noch 9,50€; dafür, wie sich später herausstellte, mit kleinen Einblicken in eine katholische Hochzeit türkischstämmiger Familien).

Entweder kommen die Turmspitzen aufs Foto oder die Braut…

Das Westwerk als alleiniges Überbleibsel aus dem 9. Jahrhundert konnten wir also nur von außen ansehen. Es war der ehemaligen Klosterkirche als eigenständiges Gebäude vorgelagert. Im unteren Teil unter den Rundbögen, noch original aus karolingischer Zeit, wartete die Braut mit ihrem Vater auf ihren Einzug. Die Gebäudeteile darüber stammen aus dem 12., die Dächer aus dem 16. Jahrhundert.

Wir gelangten zusammen mit den Musikern und dem Catering-Service in das Hauptgebäude und konnten den Rundgang im Kreuzgang hinter der Kirche beginnen. Die Geschichte des Klosters war dann doch gar nicht so uninteressant, denn wir trafen auf einen alten Bekannten aus unseren Urlauben in Dänemark wieder. Als sich das Reich Karl des Großen Richtung Osten ausdehnte, machte er seinen Herrschaftsanspruch deutlich, indem die neuen Untertanen den katholischen Glauben annehmen mussten. Dafür wurden Mönche aus dem französischen Corbie ausgeschickt, ein neues Kloster (Corbeia nova) zu gründen, um von dort die Missionierung der Sachsen (und Friesen, Sorben, etc.) voranzutreiben. Das taten sie im Laufe der Jahrhunderte ziemlich erfolgreich. Und unser alter Bekannter war der heilige Ansgar, der nicht nur bei uns zuhause die Wikinger in Haithabu missionierte, sondern auch immer wieder ausgedehnte Reisen mit derselben Absicht nach Skandinavien führte. So wurden als Ergebnisse seiner Reisen unter anderem die Kirchen in Schleswig (D), Ribe (DK) und Birka (S) erbaut. Es schien ihm gut zu gefallen im Norden, denn später wurde der gute Ansgar Bischof von Hamburg-Bremen.

Auf die Hochzeiten des Klosters folgten wirtschaftliche und religiöse Niedergänge, die berühmte Klosterbibliothek brannte während des Dreißigjährigen Krieges ab. Schließlich wurde die Klosteranlage säkularisiert und Anfang des 19. Jahrhunderts fiel der gesamte Besitz in fürstliche Hand. Die alten Domherren und Kirchendiener behielten ein lebenslanges Wohnrecht, sodass erst Mitte des Jahrhunderts die Familie der Herzöge von Ratibor das ganze Schloss für sich allein hatten.

Der Rundgang führte weiter durch die Repräsentationsräume, die im Stil des Spätklassizismus und des Biedermeiers eingerichtet sind:

der blaue Salon mit den französischen Originaltapeten aus dem frühen 19. Jahrhundert, kostbaren Stoffen nachempfunden, aber aus Papier
der Kaisersaal, früher der Repräsentationsraum der Äbte, heute Konzertraum oder für andere kulturelle Veranstaltungen genutzt, hier festlich dekoriert für die Hochzeitsfeier
einige der 200 Bücherschränke für die ca. 74.000 Bücher der fürstlichen Bibliothek

Diese repräsentative Bibliothek ist in 15 Sälen untergebracht und wurde von einem sehr prominenten Bibliothekar zusammengestellt, Hofmann von Fallersleben, dem Dichter des Deutschlandliedes. Der fiel ob seiner freiheitlichen Dichtungen und politischen Lieder zuhause in Ungnade und wurde des Landes verwiesen. 1860 stellte der damalige Herzog ihn als Bibliothekar ein, diese Stellung behielt er bis zu seinem Tod im Jahre 1874. Sein Grab mit der überlebensgroßen Porträtbüste konnten wir leider nicht besuchen (und fotografieren), da der Zugang zum Friedhof nur durch die Kirche möglich ist, und da fand ja die Hochzeit statt. Stattdessen kommt hier ein Foto seines Arbeitszimmers, hinter den niedrigen Bücherschränken steht sein Sofa.

Auf dem Weg zum Ausgang kamen wir an dem Hochzeitsbuffet vorbei, sehr beeindruckend groß und im finalen Endaufbau, leider kein Foto, unsere Besuchszeit lief ab und draußen wartete die Hochzeitsgesellschaft darauf, eingelassen zu werden. Glücklicherweise schien die Sonne.

Da müssen wir wohl noch einmal nach Höxter zurückkehren, um auch den Rest zu besichtigen. Es lohnt sich tatsächlich.

Kennen Sie eigentlich Höxter?

Mit dieser Frage begann vor vielen Jahren ein kleines Gespräch mit einem älteren Mann, der sein Belohnungsbier in der Sonne vor der Jugendherberge in Hann. Münden trank, in der wir, aber nicht er, übernachteten. Er bewegte sich weserabwärts mit seinem Wohnmobil auf der Straße und seinem Kajak auf dem Wasser Stück für Stück Richtung Heimatstadt, Wohnmobil voran, mit dem Bus oder Taxi zum Kajak zurück, auf dem Wasser wieder zum Wohnmobil.

„Kennen Sie eigentlich Höxter?“ fragte er in dem nicht wirklich lang währenden Gespräch mehrmals. Seitdem sahen wir überall, wo wir unterwegs waren, Autos mit dem Kennzeichen HX. Überall und in einer solchen Menge, dass wir schon überlegten, ob wohl alle aus dem Kreis Höxter lieber woanders sind als zuhause.

Nun ist Höxter nur eine Autostunde vom Campingplatz entfernt. Was liegt näher, als Huxaria, das Zentrum des Weserberglandes endlich einmal kennenzulernen. Der Weg führte uns bei blauem Himmel und Sonnenschein bergauf/ bergab durch schon beginnende Herbstfärbung bis ins Zentrum von Höxter. Netterweise hat der Bürgermeister verfügt, dass man dort an Samstagen kostenfrei parken kann. Das war doch schon mal ein guter Einstieg. Der zweite gute Einstieg war das Bäckereicafé kurz vor Beginn der Fußgängerzone, wo wir uns noch einmal für den Ausflug stärken könnten:

„Hundeknochen“ zum Nachtisch (vorne links)

Und endlich, endlich, nach weiteren Hinweisen auf die Straße der Weserrenaissance am Wegesrand lüftete sich auch deren Geheimnis.

So sehen die Häuser dann aus:

Historisches Rathaus
Dechanei
Schäferhaus

Mehr oder weniger erfolgreich haben Architektenbüros im vergangenen Jahrhundert versucht, Stilelemente der noch erhaltenen alten Häuser aufzunehmen und in die Moderne zu integrieren:

Am Markt, ein Turm der St. Kiliani-Kirche im Hintergrund

Die St. Nikolaikirche am Markt feierte ihr 250 jähriges Kirchweihjubiläum mit einer interessanten Ausstellung in der Kirche.

Dafür, dass die halbe Fußgängerzone gerade aufgerissen war, kann Höxter ja nichts.

Wir trafen sogar noch die Hexe, die versucht, Hänsel und Gretel in ihr Knusperhäuschen zu locken.

Am Weserufer spazierten wir, soweit es die Baustellen dort zuließen, zurück zum Auto. 2023 findet in Höxter die Landesgartenschau statt, die baulichen Vorbereitungen für die dann längste Bank Nordrhein-Westfalens laufen bereits.