
Hierher kamen wir so ganz ohne braunes Hinweisschild an der Autobahn, vielleicht weil wir die nicht genommen haben, um hierher zu kommen. Corvey gehört zur Stadt Höxter, rund zwei Kilometer entfernt vom Stadtzentrum, leicht zu erreichen über den Weser-Radweg (in Teilen gesperrt, s. vorheriger Blog-Eintrag, außerdem hatten wir die Räder grad nicht zur Hand), zu Fuß (och, nööö) oder in der Sommersaison auch einmal täglich mit dem Schiff (einmal täglich!!!, war auch grad kein Sommer mehr). Mit dem Auto im Anschluss an unseren Stadtrundgang ging es auch ganz gut, die baumbestandene Corveyer Allee führte direkt auf den von zwei orientalisch anmutenden Kriegerfiguren bewachten Eingang zu.

Eigentlich hatten wir keine Lust, die Geschichte der ehemaligen Benediktinerabtei und des späteren Schlosses (ca. 1250 Jahre!) anzusehen. Wir wollten gern die Parkanlagen und die Sonne genießen. Allerdings durfte man gleich nach dem Eingang nur mit einem Ticket weiter. Das berechtigt dann aber zum Besuch des gesamten Areals. Da das Westwerk und die Abteikirche wegen einer Hochzeit gesperrt waren, gab es die Eintrittskarten etwas ermäßigt (statt 12€ immerhin noch 9,50€; dafür, wie sich später herausstellte, mit kleinen Einblicken in eine katholische Hochzeit türkischstämmiger Familien).

Das Westwerk als alleiniges Überbleibsel aus dem 9. Jahrhundert konnten wir also nur von außen ansehen. Es war der ehemaligen Klosterkirche als eigenständiges Gebäude vorgelagert. Im unteren Teil unter den Rundbögen, noch original aus karolingischer Zeit, wartete die Braut mit ihrem Vater auf ihren Einzug. Die Gebäudeteile darüber stammen aus dem 12., die Dächer aus dem 16. Jahrhundert.
Wir gelangten zusammen mit den Musikern und dem Catering-Service in das Hauptgebäude und konnten den Rundgang im Kreuzgang hinter der Kirche beginnen. Die Geschichte des Klosters war dann doch gar nicht so uninteressant, denn wir trafen auf einen alten Bekannten aus unseren Urlauben in Dänemark wieder. Als sich das Reich Karl des Großen Richtung Osten ausdehnte, machte er seinen Herrschaftsanspruch deutlich, indem die neuen Untertanen den katholischen Glauben annehmen mussten. Dafür wurden Mönche aus dem französischen Corbie ausgeschickt, ein neues Kloster (Corbeia nova) zu gründen, um von dort die Missionierung der Sachsen (und Friesen, Sorben, etc.) voranzutreiben. Das taten sie im Laufe der Jahrhunderte ziemlich erfolgreich. Und unser alter Bekannter war der heilige Ansgar, der nicht nur bei uns zuhause die Wikinger in Haithabu missionierte, sondern auch immer wieder ausgedehnte Reisen mit derselben Absicht nach Skandinavien führte. So wurden als Ergebnisse seiner Reisen unter anderem die Kirchen in Schleswig (D), Ribe (DK) und Birka (S) erbaut. Es schien ihm gut zu gefallen im Norden, denn später wurde der gute Ansgar Bischof von Hamburg-Bremen.

Auf die Hochzeiten des Klosters folgten wirtschaftliche und religiöse Niedergänge, die berühmte Klosterbibliothek brannte während des Dreißigjährigen Krieges ab. Schließlich wurde die Klosteranlage säkularisiert und Anfang des 19. Jahrhunderts fiel der gesamte Besitz in fürstliche Hand. Die alten Domherren und Kirchendiener behielten ein lebenslanges Wohnrecht, sodass erst Mitte des Jahrhunderts die Familie der Herzöge von Ratibor das ganze Schloss für sich allein hatten.
Der Rundgang führte weiter durch die Repräsentationsräume, die im Stil des Spätklassizismus und des Biedermeiers eingerichtet sind:



Diese repräsentative Bibliothek ist in 15 Sälen untergebracht und wurde von einem sehr prominenten Bibliothekar zusammengestellt, Hofmann von Fallersleben, dem Dichter des Deutschlandliedes. Der fiel ob seiner freiheitlichen Dichtungen und politischen Lieder zuhause in Ungnade und wurde des Landes verwiesen. 1860 stellte der damalige Herzog ihn als Bibliothekar ein, diese Stellung behielt er bis zu seinem Tod im Jahre 1874. Sein Grab mit der überlebensgroßen Porträtbüste konnten wir leider nicht besuchen (und fotografieren), da der Zugang zum Friedhof nur durch die Kirche möglich ist, und da fand ja die Hochzeit statt. Stattdessen kommt hier ein Foto seines Arbeitszimmers, hinter den niedrigen Bücherschränken steht sein Sofa.

Auf dem Weg zum Ausgang kamen wir an dem Hochzeitsbuffet vorbei, sehr beeindruckend groß und im finalen Endaufbau, leider kein Foto, unsere Besuchszeit lief ab und draußen wartete die Hochzeitsgesellschaft darauf, eingelassen zu werden. Glücklicherweise schien die Sonne.

Da müssen wir wohl noch einmal nach Höxter zurückkehren, um auch den Rest zu besichtigen. Es lohnt sich tatsächlich.