Da die Internetverbindung hier im Rheintal, sagen wir mal freundlich, bescheiden ist, kommen viele Beiträge etwas zeitversetzt.
Hier in real time mein Beitrag zum heutigen Reformationstag:
Gerade eben kam aber auch schon das erste Halloween-verkleidete Kind, eine kleine Hexe, am Vorzelt vorbei und sprach: „Süßes oder Saures!“ Wie gut, dass wir gestern noch einkaufen waren.
Gerade jetzt läuft die traditionelle Herbstmesse in Basel, ein Ereignis, das seit dem Mittelalter immer stattfindet, es sei denn, die Pest, die Cholera, die Spanische Grippe oder Covid-19 lässt sie ausfallen. Wir würden für den Teil der Mäss, die diesmal zum 550-Jahr-Jubiläum in der Innenstadt auf sieben Plätzen gleichzeitig stattfindet, Jahrmarkt sagen. Es handelt sich um die größte und älteste Vergnügungsveranstaltung in der Schweiz, über 500 Jahre alt.
Hääfelimäärt ist übrigens der Markt, auf dem man Keramiken kaufen kann, Hääfeli ist ein Becher.Am Münster steht traditionell das Riesenrad.
Der Münsterplatz z.B. ist dabei eingezäunt. Hier stehen die Fahrgeschäfte des Jahrmarkts, vor allen das traditionelle Riesenrad, eingezäunt, damit die Kontrolle der Coronabestimmungen leichter durchzuführen ist. Unter Vorlage der Impfbescheiningung holt man sich im Vorwege ein Armband, das zum Zutritt für alle Tage berechtigt. Wenn man nur ein Testzertifikat hat, bekommt man ein Tagesarmband. So funktioniert es auch am Standort Messe, wo die Fahrgeschäfte der Kleinbasler Seite zu finden sind.
An anderer Stelle gibt es eher Kunsthandwerk zu kaufen, in der Mischung so ähnlich wie bei uns auf den Weihnachtsmärkten, nur ohne den Weihnachtskram natürlich, denn auch hier wird es später noch einen Weihnachtsmarkt geben.
Die Buden mit den Naschereien stehen ebenfalls konzentriert an einer Stelle. Man kann interessante Dinge kaufen: Mässmogge, Biberfladen, Birnenweggen. Wir wählten die gebrannten Mandeln, sicher ist sicher.
Ein bisschen Recherche (wenn der Hotspot denn auf eine stabile Funkwelle trifft) ergibt später folgende Erkenntnis: Mässmogge sind Bonbons, daumennagelgroß und mit Haselnusscreme gefüllt; Biberfladen sind eine Appenzeller Lebkuchenspezialität und Birnenweggen eine Hefeteigroulade gefüllt mit gedörrten Birnen. Da waren die gebrannten Mandeln für uns wirklich bekömmlicher.
Mässmogge
Wem der Sinn eher nach herzhaften Dingen ist, zur Auswahl stehen diese interessanten Speisen:
Einiges lässt sich leichter entschlüsseln. Schùnggegipferli sind mit Schinken gefüllte Hörnchen (Kipferl).
Wir gehen zum Michel-Stand am Petersplatz, laut Moni und Peter gibt es hier die beste Wurst. Neben Kalbsbratwurst gibt es noch Burebratwurst, Rauchwurst, Goldwurst (Klöpfer), Jenzerli (Wienerli) und Merquez. Nachdem der sehr geduldiger Bratwurstbräter die Fleischarten aller Wurstsorten erklärt hat, entscheiden wir uns für die Merquez, Lamm und Rind, schön scharf gewürzt.
Dazu gibt es das Nationalgetränk der Schweiz, Rivella, kohlensäurehaltig, alkoholfrei und mit 35% Milchserum, das nur noch die wasserlöslichen Bestandteile (Lactose, Mineralstoffe, wasserlösliche Vitamine) der Milch enthält. Schmeckt erfrischend, nicht süß und nach keinem bestimmten Aroma.
Rivella Blau, nur 7 kcal, seit 1959 auf dem Markt
Auf dem Rückweg zum Badischen Bahnhof dämmert es schon, und an der Messe sieht es nun aus, als wäre ein Raumschiff gelandet, um die Besucher hochzusaugen.
Für uns heißt es „Uff Widerluege bis zem näggschte Mool, dangscheen!“
Bisher hatten wir es noch nicht geschafft, mit Frankreich auch das dritte Land des Dreiländerecks zu erkunden. Es gab so gefühlt ein paar Hindernisse: unsere ÖPNV-Karte gilt dort nicht, das Auto war inzwischen unter einem Blätterhaufen verschwunden; der Rhein als Grenze hat hier wenig Brücken, die dann z.T. auch noch gesperrt sind; die Sprachkenntnisse reichen auch nicht wirklich.
Aber alles Quatsch! Im Elsass sprechen so viele Menschen auch Deutsch, und mal wieder bequem ins Auto zu steigen, ist auch schön. Eguisheim war ein Geheimtipp von der Rezeption, soll nicht so touristisch und überfüllt wie Colmar sein. Und – stimmt!!
Der Grundriss des Ortes sah schon auf GoogleMaps interessant aus, relativ kreisrund, stadttypologisch bekannt als „Zwiebelstadt“, sagt Wikipedia. Foto vom Prospekt.
In der Mitte befindet sich eine achteckige Burganlage (11. Jh.), geschützt von einer Stadtmauer aus dem 12. Jahrhundert. Im 14. Jahrhundert hat man dann eine weitere Stadtmauer drumherum gebaut. Dies geschah rein aus wirtschaftlichen Gründen. Im Innern lagen viele reiche Zehnthöfe.
Die gehörten den reichen Klöstern und Abteien in der weiteren Umgebung. Hier wurde der Handel mit Wein, Getreide und Holz getrieben. Aus Angst vor Plünderungen lagen sie gut geschützt im Innern der Stadtmauern. Zur Blütezeit im 17. Jahrhundert gab es 20 dieser Höfe, die machten die Stadt sehr wohlhabend.
Im 16. Jahrhundert wurden an die Innenseiten der zwei Stadtmauern Wohnhäuser angebaut, im Zwischenraum entstanden Ställe und Scheunen. So entstanden zwei Verkehrswege innerhalb des Mauerringes. So präsentiert es sich heute:
Wohnhäuser links, ehemalige Scheunen rechtsDer Taubenschlag, das meistfotografierte Motiv des Elsasses, diente als Hühnerstall und zur Aufzucht von Tauben für den Verzehr.Der erste Stock ragt hervor, schafft mehr Platz, ohne die Fuhrwerke auf der Straße zu behindern.Der ganze Ort ist farbenfroh, und es ist nicht laut hier! Mitten hindurch führt die Grand Rue (elsässisch Hauptstross). Eguisheim gehört zu den schönsten Orten Frankreichs.
Bis zum 19.Jh. gab es zwei (eigentlich ja vier, wegen der Doppelmauer) Stadttore. Eines führte zu den Weinbergen, die den Reichtum der Stadt begründeten. Das andere führte in die Ebene, in Richtung der großen Handelswege, um den Wein gut zu verkaufen und den Reichtum zu mehren.
Hier stand bis 1845 das Obertor.Am Markt: die Burg links, rechts davon die St.-Leo-Kapelle, ganz rechts auf dem Brunnen eine Statue von Papst Leo IX.
Auf dem Hügel stand schon seit der Römerzeit eine Burg. Die jetzige achteckige Burg entstand 1000, erbaut durch Graf Hugo IV von Eguisheim. Der hatte zwar schon drei oben in den Weinbergen, aber eine Burg mehr wird damals wohl auch nicht geschadet haben. Hugo und Helwige bekamen einen Sohn, Bruno von Eguisheim, der 1049 zum Papst Leo IX geweiht wurde. Die Kapelle zu seinen Ehren wurde im 19. Jh. auf den Fundamenten des Bergfrieds errichtet. Im Innern wird das Leben des Papstes in farbenfrohen Bildern dargestellt:
Eine kleine Auswahl: In der Mitte als Papst beim Vorsitz des Konzils von Reims 1049; links unten wird der kranke Bruno vom Hl. Benedikt geheilt; rechts unten wäscht er als Bischof von Toul den Armen die Füße.
Die Pfarrkirche St. Peter und Paul steht in der Nähe der Burg. Der Kirchturm ist der einzige erhaltene Teil der romanischen Kirche von 1220, der Rest stürzte 1807 ein. Danach wurde ein neues Kirchenschiff neben dem alten Standort erbaut.
Farbenspiel in der KircheKirchenfenster von 1954 aus dem Atelier von Tristan Ruhlmann„Die sich öffnende Jungfrau“ (Ende 13.Jh.)
Im Innern der Marienfigur ist die Dreieinigkeit abgebildet. Auf dem Konzil von Trient 1545 waren die Kirchenmänner überzeugt, dass die Jungfrau keine Dreieinigkeit geboren haben konnte und verboten solche Darstellungen. Die meisten wurden zerstört, es gibt jetzt nur noch knapp 60 auf der ganzen Welt.
Zum Abschluss des sehr informativen Rundgangs gab es noch Kaffee und Kuchen am Markt. Wir saßen draußen in der Sonne (Ende Oktober!).
Beim kleinsten der 32 Winzer am Ort kauften wir dann noch elsässischen Wein, ökologisch angebaut.
Unser Campingplatz liegt in einem Ortsteil von Bad Bellingen; der Bahnhof, zu dem wir immer gehen, liegt in einem anderen Ortsteil. Was liegt also näher, als auch mal nach Bad Bellingen selbst zu wandern. Der Weg durch die Weinberge ist sehr angenehm, nur sehr wenige Steigungen. Aber will man überhaupt nach Bad Bellingen?
Der Ort hat seinen ganz eigenen Charme, die Bauten aus den 1970ern und 1980ern überwiegen. Der lokale Heimatverein hat überall Dinge aufgestellt und mit Hinweisschildern versehen, deren Aufschrift durchgängig in Frakturschrift versehen ist. Ein Lift bringt die Menschen vom Kurpark nach oben, zur Straße mit einigen mehr oder weniger interessanten Geschäften. Es gibt auch eine Treppe, aber die ist lang. Die Züge donnern auf einem Viadukt durch das Oberdorf. Wobei der Bahnhof gut ist, denn dort halten auch die EC-Züge. Man kommt von Bad Bellingen einfach noch schneller irgendwohin. Und das Südbadische hier ist einfach eine schöne sonnenverwöhnte Gegend, das möchte man erkunden.
„Rhynase“ von 2005 auf dem Weg zwischen Weingärten und OrtEisenbahnviadukt (rechts), fertiggestellt 1848, 1907 erweitertUnter den Bögen des Viadukts fand der Heimatverein die perfekten Abstellplätze für altes landwirtschaftliches Gerät.KircheEin Zimmer buchen, hier …… oder doch hier?Lift oder Treppe?„Blumen sind das Lächeln der Erde“
Der Bäcker beim Rewe macht sehr gute Tortenstücke. Aber sonst bleiben wir lieber auf dem Campingplatz oder nehmen die Bahn irgendwohin. Das Bad bleibt besser für sich.
Beim zweiten Treffen mit Moni und Peter zeigten sie uns Basels Altstadt, die zu den intaktesten Europas gehört, keine Schäden aus den beiden Weltkriegen. Basel ist über 2100 Jahre alt, schon die Kelten aus der Bronzezeit siedelten hier am Rhein. Die Römer machten Basel zu einem bedeutenden Handelsplatz, bevor dann mit dem Bau der Mittleren Brücke 1226 über den Rhein der Fernhandel eröffnet wurde.
Die Mittlere Brücke über den Rhein vom Münster aus gesehen, einer der ältesten Rheinübergänge überhaupt. Diese wurde 1905 neu erbaut.
Gleich unterhalb des Münsterhügels legt einer der insgesamt vier Personenfähren über den Rhein an. Sie bewegt sich an einem Seil befestigt (rechts oben im Foto) nur durch die Kraft der Strömung hin und her. Der Fährmann legt je nach Richtung einen Hebel um, und die Fähre setzt sich lautlos in Bewegung. Am Anleger bleibt das Boot mit Muskelkraft, der Fährmann hält sich an einem Pfosten fest. Die Fähren verbinden das Gross- mit dem Kleinbasel.
Das Münster ist das Wahrzeichen der Stadt. Wir waren zwar nicht drin, gingen aber durch den Kreuzgang mit den Grabplatten berühmter Personen der Stadtgeschichte hindurch, um auf den Rhein blicken zu können.
Das Basler Münster von der Seite.
Im 16. Jahrhundert gab es ein bedeutendes Druckereigewerbe, das viele humanistische Gelehrte anzog, die in Basel ihre Schriften in guter Qualität und großen Mengen drucken lassen konnten. Einer von ihnen war Erasmus von Rotterdam, 1536 im Basler Münster bestattet.
In diesem Haus wohnte er bei seinem letzten Aufenthalt in Basel als Gast des Buchdruckers Froben.Das Rathaus am Marktplatz verliert trotz der Einrüstung nicht viel von seiner Farbigkeit.
Unter der Altstadt, auch unter dem Marktplatz, fließt der Fluß Birsig Richtung Rhein. Wenn man weiß, wie und wo, dann kann man dort hinabsteigen und bis zum Rhein laufen. Auf dem Foto sieht man den Beginn der Verrohung, die es erst seit gut 100 Jahren gibt. Davor wurde das Flusswasser von den dort ansässigen Handwerkern genutzt.
Die Baselstäbe, links der Stab für die Stadt Basel (oder auch für die beiden Basel), rechts der Stab für Basel-Land.Der Fasnachtsbrunnen von Jean Tinguely auf dem Theaterplatz, alle sagen kurz Tinguely-Brunnen dazu.
Es gibt noch drei erhaltene Stadttore aus dem Mittelalter. Dies ist das Spalentor, eines der schönsten Stadttore der Schweiz. Erbaut wurde es anlässlich der dritten Stadterweiterung im 14. Jahrhundert, bald darauf mit einem Vortor versehen, da man Auseinandersetzungen mit dem Burgund befürchtete.
Spalentor von der Stadtseite aus gesehenSpalentor von der damaligen Umlandseite aus gesehen
In der Nähe befindet sich mit dem Spalenhof ein Sitz reicher Kaufleute, 1247 urkundlich erwähnt mit Gebäudeteilen noch aus romanischer Zeit. Die Wandmalerei der Justitia stammt aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Im Keller befindet sich heute eine von vielen kleinen und großen Bühnen. Basel gilt als Kulturhauptstadt der Schweiz.
Rund um den Altstadtkern erheben sich im Gegensatz zu den vielen mittelalterlichen Bauten Glanzstücke der modernen Architektur. Nirgends finden sich so viele Bauten von Pritzker-Preisträgern wie in Basel. Dazu werden wir noch mal einen gesonderten Spaziergang machen. Hier nur noch ein Schnappschuss im Vorbeifahren vom Neubau des Universitäts-Kinderspitals beider Basel (UKBB) mit seiner tollen Aluminiumfassade, die je nach Standpunkt die Farbe wechselt:
Was ist das bloß? Männlins Straußi zog uns magisch an, weil es so lustig klingt. Das Internet erzählte uns, dass es sich bei einer Straußwirtschaft um eine Gaststätte handelt, die nur für vier Monate im Jahr öffnen darf, zwei Monate im Frühling, zwei Monate im Herbst. Die Betreiber vermarkten ihre eigenen Produkte, Familie Männlin Spargel bzw. Wein, und dürfen einfache Gerichte servieren.
Und immer wollten wir dahin, und immer kam irgendetwas dazwischen. Diesmal gingen wir also von Basel kommend direkt dorthin. Wir waren müde und hungrig und niemand hatte Lust zu kochen. Essen gehen in Basel war indiskutabel, die Schweiz ist soooo teuer. Wir hatten Glück, und zwar in mehrfacher Hinsicht. Es war voll und wie sich herausstellte, auch der letzte Abend der Herbstöffnungsperiode. Alle Tische waren besetzt, doch der Wirt gestikulierte vom Tresen hinten im Raum, dass vorne in der Ecke noch Platz wäre, großer Tisch, nur von zwei Leuten belegt. Dieses zufällige Treffen stellte sich als überaus anregend und bereichernd da. Moni und Peter, ein Basler Ehepaar, das nach Weil übersiedelt war, Stammgäste im Männlins Straußi, waren sehr kommunikativ, besonders, als sich herausstellte, dass sie ‚Fischköppe‘ getroffen hatten, Moni ist gebürtig aus Kiel, beide lieben Sylt über alles. Wir verlebten einen sehr vergnüglichen Abend mit Fassweinen in rot und weiß, Bauernwurst mit Kartoffelsalat bzw. Schweinesteak mit Bauernbrot, die Beilagen selbst hergestellt und Pfannkuchen mit Guzi zum Nachtisch (einfach noch, weil der Name so gut klang, Guzi ist Konfitüre). Beschwingt liefen wir über den Weinberg zum Campingplatz zurück, in der Tasche eine Einladung zu einem weiteren Treffen.
Finde den Unterschied zu dem Foto oben!
Auflösung: Der Reisigbesen fehlt beim zweiten Foto. Der signalisiert, dass die Strauß- (sie heißt mancherorts auch Besen-) -wirtschaft geöffnet hat.
Ein Sonntag ist ein guter Tag, um ins Museum zu gehen. Wir fuhren mit dem Zug nach Basel (CH) bis zum Badischen Bahnhof und liefen das kurze Stück zum Museum Tinguely zu Fuß, immer parallel zur vierspurigen Schnellstraße, deren Verkehr irgendwo links, meist oberhalb von uns, entlang donnerte (Wie laut wird es wohl an Wochentagen sein?). Der Fußweg war sehr gut ausgeschildert, nach einer Viertelstunde waren wir an unserem Ziel.
Das Museum feiert in diesem Jahr sein 25jähriges Bestehen mit einer großen Ausstellung, die Jean Tinguelys (1925-1991) Karriere reflektiert und mit vielen Beispielen dokumentiert. Er war mit Niki de Saint Phalle verheiratet, nach seinem Tod schenkte sie dem neu gebauten und vom Pharmariesen Hofmann-LaRoche finanzierten Museum vieler seiner kinetischen Kunstwerke.
Grosse-Meta-Maxi-Maxi-Utopia, 1987
Die Kunstwerke sind mit einem Fußschalter ausgestattet, den die BesucherInnen betätigen können, was zu einer fast ununterbrochen Nutzung führte. Die Abnutzung wurde zu groß, heute sind die Fußschalter mit Zeitschaltuhren gekoppelt. Wenn die Utopia läuft, dann sieht es so aus:
Wir nahmen an einer Führung durch die Ausstellung teil, die das Inklusionsprojekt machTheater! aus Zürich veranstaltete. Die SchauspielerInnen, allesamt mit kognitiven Beeinträchtigungen, hatten zu ausgewählten Exponaten kleine „Miniatures“ entwickelt, die jeweils vor dem Kunstwerk aufgeführt wurden, sehr unterhaltsam!
Die Klangskulptur „Méta-Harmonie II“ (1979) musste aufgrund der starken Abnutzung sogar komplett abgestellt und im Schaulager umfassend und aufwendig repariert werden. Beispielsweise war die Entenfigur hinten auf dem Klavier komplett hinüber. Man besorgte eine zweite Originalfigur aus den 1970ern und präparierte sie gründlich für ihren neuen Einsatz. Anderes Beispiel: die Klebstoffreste auf den alten Textilbändern wurden vorsichtig entfernt, die Bänder geglättet, mit einem modernen Klebstoff beschichtet und wieder eingesetzt. Die Restaurierung dauerte zwei Jahre, und nun läuft die Skulptur nur noch zur vollen Stunde.
Die Sonderausstellung „BIO – Burned Instruments Orchestra“ fügt sich gut ein. Die beiden brasilianischen Komponisten, Musiker und Klangkünstler Livio Tragtenberg und Marco Scarassatti thematisieren die Zerstörung des Amazonas-Regenwalds, indem sie abgebrannte Holzstücke sammeln und daraus Instrumente bauen, die wieder Ausgangspunkt für neue musikalische Kreationen sind. Diese Musik lief im Hintergrund. Aufgebaut waren Musikinstrumente aus Holzstücken, die sie in den Engadiner Bergwäldern gesammelt haben. Man durfte und sollte sie in der Ausstellung bespielen.
Eine Kaffeepause zwischendurch in dem schönen Café mit Zwetschgen- bzw. Aprikosenwaie durfte nicht fehlen, bevor es am Rheinufer bei schönstem Sonnenschein wieder auf den Rückweg zum Bahnhof ging.
Sobald die Sonne untergegangen ist, wird es inzwischen empfindlich kalt. Gut, dass wir warme Decken, einen Heizlüfter und unsere Federbetten an Bord haben. Aber zuverlässig scheint die Sonne jeden Tag wieder ohne dass Wolken sie verdecken. Und so können wir immer wieder auf den Café-Terrassen der Umgebung sitzen und es uns gut gehen lassen. Gestern einmal mehr im Café des VitraHauses (Herzog &de Meuron, 2010). Doch vorher ging es in die Ausstellungen. Diese Idee hatten wir nicht allein. Eine Exkursion angehender französischer ArchitektInnen bevölkerten Skizzen anfertigend die engen Ausstellungsräume im Design Museum. Eine große Gruppe RadfahrerInnen aus Basel war kurz vor uns im Restaurant des Schaudepots gewesen (die Studierenden waren noch da, als wir kamen) und hatte so ziemlich alles, was wir uns von der Karte aussuchten, weggegessen. Dafür fanden wir später die beste und am längsten sonnenbeschienene Ecke auf der Café-Terrasse für uns, plus leckerer Schwarzwälder Kirschtorte und heißer Schokolade (hier heißt sie Schocki, ist kein Schreibfehler) mit Sahne.
Das war aber bereits am Ende unseres Besuches auf dem Vitra-Campus. Wir begannen mit der aktuellen Auswahl an Stühlen aus der Sammlung im Schaudepot (Herzog&de Meuron, 2016), mehr als 400 von ca. 7000 werden ausgestellt, um einen umfassenden Überblick über die Geschichte des Sitzmöbels von 1800 an bis heute.
Im Vordergrund Beispiele vom Anfang des 20. JahrhundertsBeispiele vom Ende des 20. Jahrhundert
Und mittendrin der Tisch Mesa Golden Lime, entworfen von Zaha Hadid und Patrick Schumacher, das teuerste Objekt aus der Vitra Edition 2007. Gefertigt als Faserverbundwerkstoffen, mit einer Silbernitratbeschichtung verspiegelt und dann farbig lackiert. Damit die Beschichtung fugenlos blieb, wurde der Tisch in einer eigens gebauten Vorrichtung am Stück beschichtet.
Im Vitra Design Museum (Frank Gehry, 1989) besuchten wir die Ausstellung „Here we are! Frauen im Design 1900 – heute“. Wie in allen Bereichen wurden und werden die Frauen und ihre Werke vernachlässigt, negiert oder schlicht nicht erwähnt.
Wir sahen einiges bekanntes und viel Neues:
Glasgeschirr Bölgeblick von Aino Marsio-Aalto, 1932 entworfen, wird noch heute produziert und lieferte sicherlich die Vorlage für eine ganz ähnliche Glasreihe bei IKEA.Stuhl von Grete Jalk aus den frühen 1960ern, Untergestell und Sitzschale aus Schichtholz, nur zwei Teile! Wird seit einigen Jahren wieder hergestellt, kostet ca. 2500€.Designs von Marimekko, das Hemd in der Mitte wurde 1956 entworfen und ist immer noch beliebt bei Männern und Frauen gleichermaßen.Dinge aus Flachs, auch der Stuhl, von Christien Meindertsma. Der Stuhl besteht aus mehreren Lagen Flachs, die mit einem milchsäurebasierten Bio-Kunststoff zusammengehalten werden.Sessel von Inga Sempé, 2010 von Ligne Roset produziert. Das wäre der perfekte Sessel für mich zum Lesen, leider etwas über meinem Budget, gute 5000€.
In der Vitra Design Museum Gallery (Frank Gehry, 2003), dort waren wir ganz allein, lief „Memphis, 40 Jahre Kitsch und Eleganz“. Memphis war eine Gruppe italienischer Designer, die in den 1980ern bestand und das Banale und Alltägliche feierte, dabei die Tabus des guten Geschmacks brechend. Nette Pointe: Karl Lagerfeld richtete seine Wohnung in Monte Carlo 1982 mit Memphis-Möbeln ein, u.a. mit denen, die auf den Foto zu sehen sind. Über Geschmack lässt sich bekanntlich vortrefflich streiten.
Da kam die Kaffeepause (s.o.) gerade recht. Im Garten waren die Eames-Elefanten schon in ihrem Gehege und durften nicht gefüttert werden. So einen hätte ich auch gern, kosten 90€ das Stück. Ich habe mir stattdessen einen Bastelbogen für 3€ mitgenommen und baue mir meinen Mini-Elefanten für den Schreibtisch selbst.
Und noch einmal der Slide Tower im Gegenlicht, weil es so schön ist.
In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag brauste das Sturmtief Ignatz über‘s Land. Für das Südbadische waren schwere Sturmböen für Lagen ab 1000 Meter angesagt. So machten wir uns keine Gedanken, wir stehen auf 285 Meter Höhe. Abends war es auf dem Campingplatz fast windstill und sehr warm, wie an einem sommerlichen Abend bei uns zuhause im Norden. Doch die Nacht wurde extrem unruhig. An Schlaf war wenig zu denken, das Isabella-Vorzelt wackelte und flatterte im Wind. Die Geräusche rundum wurden durch die Dunkelheit noch lauter und unheimlicher als bei Tageslicht.
Am nächsten Morgen stand bei uns noch alles, im Gegensatz zu einigen Nachbarcampern, die noch in der Nacht ihre Vorzelte oder Planen abbergen mussten (und bis jetzt auch nicht wieder aufgebaut haben, vielleicht vom Sturm zerrissen). Der Wind hatte trotzdem einen Weg ins Zelt gefunden:
Später befestigten wir auch die Sturmleinen am Zelt mit den extra langen roten Zeltnägeln (war alles im Gesamtpaket dabei). Ob es nötig war? Nach diesem Sturmeinbruch haben wir hier wieder allerschönstes Spätsommerwetter, dank der Vogesen, die eventuell schlechtes Wetter vom Atlantik kommend von uns abhalten.
Endlich in den Schwarzwald hinein, mit der Bahn von Freiburg aus an Kirchzarten und Hinterzarten (dazwischen liegt noch Himmelreich) vorbei bis nach Titisee. Dort stiegen die meisten mit Wanderstöcken und Rucksäcken ausgestatteten anderen Touristen aus und der Zug wurde geteilt, diesmal saßen wir schon im richtigen Teil, denn wir wollten an den Schluchsee.
Titisee
Dann am Titisee und am Feldberg vorbei, immer weiter bergauf, immer etwas langsamer, bis wir im Ort Schluchsee ausstiegen, um bis zum vorherigen Bahnhof in Aha zurückzuwandern. Immerhin erreichten wir hier 932 Meter über Normalnull, der Zug musste von Freiburg aus 650 Höhenmeter überwinden.
Solange wir im Zug saßen, strahlte die Sonne auf uns nieder und es wehte ein leichter Wind. Als wir die Wanderung starteten, bezog es sich ordentlich, der Wind briste auf, und es wurde merklich kühler. Wir waren kleidungstechnisch gewappnet, da sie uns schon an der Campingplatz-Rezeption erzählt hatten, dass es hier oben immer 10 Grad kälter sei, als unten am Rhein.
Der Schluchsee (ausgesprochen mit langem u) war bis zu den 1920 ein ein echter See und ist von 1929 bis 1932 zu einem Stausee umgebaut worden. Er ist nicht nur der größte Stausee im Schwarzwald und der am höchsten gelegene in Deutschland, sondern auch der größte Stromspeicher Deutschlands (das sagt zumindest die Infotafel). Der See sammelt das Wasser aus seinen natürlichen Zuflüssen und das Regen- und Schmelzwasser aus dem Feldberggebiet. Drei Pumpspeicherkraftwerke unterhalb des Schluchsees erzeugen rund 460 Millionen kWh Strom im Jahr.
Wir wanderten auf dem Seeuferweg um eine Landzunge herum, um dann den Seerundweg zu erreichen. Eine Umrundung wäre, wenn die Anfahrt nicht so lange gedauert hätte (1,5 Stunden ab Freiburg, und dorthin mit Warten auf den Anschlusszug nochmal 1,25 Stunden) gut möglich gewesen, es sind nur knappe 18 km. So begnügen wir uns mit dem Probestück von ca. 5 km.
In Aha, genauer im Teil Unteraha in der Straße Vorderaha, gleich hinter dem Gelände des Segelvereins Schluchsee steht der Kiosk-Imbiss. Außer dem normalen Imbiss-Angebot gab es aber auch Kaffee und Kuchen. Die Wahl fiel auf Apfelkuchen und Donauwelle (es gab noch zwei weitere Sorten). Die nette Verkäuferin legte das größere von den letzten zwei Kuchenstücken auf einen Teller und fragte: „Kann ich Ihnen das kleine Stück noch mit auf den Teller tun? Müssen Sie auch nicht bezahlen, nur essen!“
Das war nicht schwierig, alles aufzuessen. Gut gestärkt gingen wir zum Bahnhof und schuckelten anschließend mit quietschender Hydraulik und piepsenden Türen wieder bergab, zurück in die wärmere Ebene. Noch schnell ein paar Einkäufe in Freiburg erledigt, in der Zeit, bis der Anschlusszug Richtung Basel losfuhr. Das war ein schöner Ausflug, trotz der langen und akustisch anstrengenden Fahrten.