Christiansfeld – UNESCO-Weltkulturerbe und Stadt der Honigkuchen

Jedesmal, wenn wir auf der Autobahn in Dänemark Richtung Norden unterwegs sind, kommen wir an dem braunen Hinweisschild vorbei, das uns auf das UNESCO-Weltkulturerbe Christiansfeld aufmerksam macht. Diesmal sind wir tatsächlich abgebogen und folgen den Schildern. Wir werden zunächst einmal komplett um das kleine, ruhige Städtchen südlich von Kolding herumgeführt, bis wir zu einem etwas überdimensioniert wirkenden Parkplatz gelangen, auf dem Ende August nur drei Autos und keine Reisebusse parken (Was muss hier sonst für ein Trubel herrschen?).

Vom Parkplatz aus sind es nur wenige Schritte bis in den Innenstadtkern, der seit 2015 UNESCO-Weltkulturerbe (eines von insgesamt sieben in Dänemark, plus drei auf Grönland) ist, weltweit die am besten erhaltene Stadt der Brüdergemeinde.

Christiansfeld geht auf die Gründung durch die Herrnhuter Brüdergemeinde zurück, die sich 1457 als Glaubensgemeinschaft zusammenfand, um den Idealen Glaube, Gemeinschaft und Freiheit gemäß den Gedanken des böhmischen Reformators Jan Hus zu folgen. 1722 musste eine Gruppe Asyl in Sachsen suchen; gemeinsam mit dem dortigen Grafen von Zinzendorf, der ihre Grundsätze teilte, gründeten sie die Stadt Herrnhut, von der die Brüdergemeinde dann auch ihren Namen erhielt. Nach und nach wurden auf der ganzen Welt Städte nach diesem Vorbild gegründet und die Herrnhuter wurden bekannt durch ihre qualitativ hochwertige Handwerksarbeit.

Der dänische König Christian der 7. hörte davon. Er wollte den wirtschaftlichen Wachstum im Süden Jütlands ankurbeln und lud die Brüdergemeinde dorthin ein, um eine Stadt zu gründen. Er verkaufte ihnen 1722 sein königliches Gut Tyrstrupgård, sie benannten dafür die 1788 fertiggestellte Stadt nach ihm. Diese wurde nach zu der Zeit sehr modernen Gesichtspunkten geplant, mit einen Kirchplatz als zentralen Punkt, begrenzt durch die zwei wichtigsten Straßen, der Lindenstraße und der Norderstraße, die wiederum gesäumt waren durch die ersten zwanzig, in gelbem Ziegelstein errichteten Gebäude.

Außer der Landwirtschaft betrieb die Gemeinde unter anderem eine Brauerei, eine Tabakswarenfabrik, eine Schneiderei und eine Färberei, eine Druckerei und eine Buchbinderei, sie siedeten Seife, zogen Kerzen, bauten Klaviere und Kachelöfen und vieles mehr. Die Qualität ihrer Produkte machte sie in ganz Dänemark bekannt.

Vielen ist der Name Herrnhuter heutzutage sicherlich durch den gleichnamigen Stern mit 25 Stacheln bekannt, der bei uns in der Weihnachtszeit leuchtet. Hier in Christiansfeld findet man ihn an jeder Ecke und Kante in der Innenstadt in den Fenstern und größer außen an den Gebäuden und zu jeder Jahreszeit. Nach dem zweiten Weltkrieg bis 1989 wurden die Sterne für Dänemark hier in Christiansfeld in Lizenz hergestellt. Heutzutage wird er ausschließlich in Herrnhut hergestellt, immer noch in Handarbeit.

Am zentralen Kirchplatz steht der Kirchensaal (anstelle einer traditionellen Kirche), der größte ohne tragende Säulen in Dänemark, ganz in weiß gehalten und sehr schlicht.

Dem Kirchengebäude angeschlossen lag die Schule für die Jungen in der Lindenstraße, ebenso wie das Pfarrhaus gegenüber und das Brüderhaus für die unverheirateten Männer.

In den Hinterhäusern des Brüderhauses waren auch viele der Werkstätten und Kleingewerbe wie Gerberei, Tischlerei und Bäckerei untergebracht. Schräg gegenüber wurde das Gästehaus der Gemeinde errichtet. In diesem Hotel wurde übrigens der Waffenstillstand 1864 nach dem dänisch-preußischen Krieg unterschieben.

Das Pfarrhaus, 1773 für einen der Stadtgründer und erstem Vorsteher der Gemeinde gebaut.

Auf der anderen Seite des Kirchplatzes, entlang der Norderstraße, war das Reich der Frauen. Gegenüber des Kirchsaales fanden die Witwen und unverheirateten älteren Schwestern ihr Zuhause. Betreut wurden sie von den unverheirateten Frauen und größeren Mädchen, die im benachbarten Schwesternhaus lebten (heute ist hier das Museum, das Kulturhaus der Stadt und ein schöner Shop untergebracht). Die Schule der Mädchen befand sich ein Haus weiter. Hinter dem Schwesternhaus befindet sich der dazu gehörige Garten, der 2020 nach alten Zeichnungen renoviert wurde.

Zum Abschluss des Besuches kehren wir im Honningkagehuset ein, um die berühmten Honig- bzw. Lebkuchen von Christiansfeld zu probieren. Aus der ganzen Auswahl entscheiden wir uns für einen mit Schokoladenmousse gefüllten, der absolut überwältigend schmeckt.

Es ist kein Wunder, dass man Christiansfeld in Dänemark auch die Honigkuchenstadt bzw. Stadt der (Lebkuchen-)Herzen nennt, die ihre Backwaren ins ganze Königreich liefert. Lebkuchen werden hier seit mehr als 200 Jahren hergestellt, allerdings zuerst nicht so erfolgreich wie heute. 1783 wurde die erste Bäckerei eingerichtet, die Produktion von Honigkuchen wurde aber schwierig, als es nur wenig Honig gab. Ein paar Jahre später übernahm ein Perückenmacher aus einer anderen Brüdergemeinde das Geschäftsgebäude, doch auch sein Geschäft florierte nicht, da das Tragen von Perücken aus der Mode kam. Glücklicherweise war der Perückenmacher durch seinen Onkel mit dem Bäckerhandwerk vertraut. Dazu war seine Frau im Besitz eines hervorragenden Familienrezepts für Lebkuchen. Der Perückenmacher begann 1799 mit der Produktion, übernahm nach dem Tode des ursprünglichen Gründers dessen Bäckerei und vertrieb die Honigkuchen nicht nur in der Stadt, sondern bald auch über Südjütland hinaus nach ganz Dänemark.

Heute gibt es in Christiansfeld einige Geschäfte, die nach eigenen Rezepturen Honigkuchen herstellen. Es bleibt einem nichts anderes übrig, als selbst zu kommen und sich durchzuprobieren. Sie sind wahrscheinlich alle sehr wohlschmeckend.

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