Ende September ist die Campingsaison auf dem Platz beendet. Alle (okay, fast alle, es gibt wohl Ausnahmen für Alteingesessene) Vorzelte werden abgebaut und die Wohnwagen auf dem Platz winterfest gemacht oder in die Winterlager verholt. An den letzten Wochenenden machte sich Aufbruchstimmung (oder sollte man eher von Abbruch sprechen?) breit. Überall hämmerte es (die Vorzelte der Dauercamper haben einen festen Holzfussboden) und die mit Tischen, Stühlen, Kühlschränken und sonstigen Dingen beladenen Anhänger pendelten quasi im Dauertakt zwischen Campingplatz und Lager. Auch die Boote in der Bucht wurden an Land gebracht, einige überwintern auf einem Wohnwagenstellplatz. Der Dünenstreifen und die Steilküste müssen komplett geleert werden, wir vermuten, aus Gründen des Naturschutzes.
Unter der Plane befindet sich der Holzboden. Einige werden aber auch abgebaut und eingelagert.
So nach und nach wurde es immer weniger, die Dauercamper verabschiedeten sich voneinander ‚bis zum nächsten Jahr‘. Ein bisschen überkam uns auch die Wehmut, da dieser Platz einfach bezaubernd ist. Aber für uns geht es ja noch weiter. Nach einem kurzen Ausrüstungsstop zuhause fahren wir in den Süden Deutschlands und nach Österreich, so ist zumindest der Plan. Wie immer, werden wir es etwas vom Thermometer abhängig machen, wo wir uns in den nächsten Monaten aufhalten werden.
Abschiedsfoto Diernæsbucht: „Vi ses igen!“
Unsere Pläne passen sich ja stets neu an. Seit kurzem wissen wir, dass wir wieder in die USA einreisen dürfen. Yeah! Die ersten Ideen für das Überwintern dort sind uns schon in den Sinn gekommen. Das Jahr bleibt spannend, die Berichte hier auch. Stay tuned!
Die meisten von Koldings Top-Attraktionen, fast alle liegen nicht im Innenstadtbereich, haben wir bereits gesehen. Aber noch nicht die Innenstadt, nur einmal haben wir uns in ihr verfahren, als wir auf der Durchfahrt waren. Diesmal also hinein, ausgerüstet mit einer Liste von Genbrugs-Läden. Die meisten liegen zwar auch nicht in der Innenstadt, aber mit irgendeinem Anhaltspunkt muss man ja arbeiten.
So gegen 11 Uhr kamen wir los. Wir hätten uns noch mehr Zeit lassen können, denn die ersten angefahrenen Läden öffneten erst um 13 Uhr. Danach verfranste sich das Navi in der kürzlich erfolgten Umgestaltung der Straßenverläufe und das recht gründlich. Danach beschlossen wir, lieber der Parkplatzausschilderung in die Innen-Innenstadt zu folgen. Das funktioniert erfahrungsgemäß gut.
Wir landeten auf einem Platz mitten in der Altstadt, quasi der Hinterhof des umliegenden Karrees. Das Parken war kostenpflichtig und das Erlangen einer Erlaubnis spannend. An dem Gerät musste zuerst angegeben werden, ob man das Parken beginnen oder beenden möchte. Dann sollte das Nummernschild eingetippt werden. Bei einem dänischen Kennzeichen wird anschließend die Marke und der Typ zum Abgleich angezeigt. Unser Nummernschild war dementsprechend falsch, man konnte aber versichern, dass man korrekt getippt hatte. Ein Abgleich mit der Datenbank der zentralen Zulassungsstelle ergab natürlich, dass unser Wagen nicht dort registriert war. Wir durften trotzdem parken und als nächsten Schritt die Kreditkarte einführen. Die wurde angenommen und uns bestätigt, dass wir kein Papierticket benötigen würden. Der Erkundigung der Innenstadt stand nichts mehr im Wege.
Kolding besitzt eine sehr kleinteilige Innenstadt mit einigen schön erhaltenen Gebäuden aus der Renaissance.
Borchs Hof, 1595 als Apotheke und Wohnhaus gebaut, gilt als eines der großartigsten Stadthäusern der Renaissance in Dänemark. Nach deutschem Vorbild erbaut, wurde das Giebelhaus reich mit Schnitzereien verziert.
Das älteste Stadthaus Koldings steht nicht weit entfernt. Es wurde 1589 als Werkstatt und Wohnhaus für einen Schuhmacher gebaut und blieb bis 1915 im Eigentum der Familie. Auch dies ein Giebelhaus nach norddeutschem Vorbild, allerdings finden sich nur einzelne Schnitzereien zwischen den Fenstern.
Hinter dem Haus befindet sich heute ein kleiner öffentlicher Bürgergarten. So konnten wir auch die Kanonenkugel im Giebel entdecken (vierte Gefachreihe, zwischen den beiden Fenstern). Die stammt aus dem Kampf um Kolding im April 1849 und wurde dort eingemauert.
Die Süderbrücke über die Kolding Au war ursprünglich aus Holz und diente als Zollstelle zwischen dem dänischen Königreich und dem Herzogtum Schleswig. Um dem steigenden Verkehrsaufkommen Rechnung zu tragen, der Hauptverkehrweg zwischen Deutschland und Dänemark lief bis 1942 hier drüber, wurde die Holzbrücke 1808 durch eine Granitbrücke ersetzt.
Kolding wurde bereits 1231 das erste Mal urkundlich erwähnt und liegt erst seit der Grenzziehung 1920 nicht mehr am direkten Rand des Königreichs. Kolding Hus wurde im 13. Jahrhundert als Verteidigungsburg gegen die Herzogtümer aus dem Süden angelegt, wurde aber im 16. Jahrhundert zu einem der bevorzugten Wohnschlösser der Königsfamilie umgebaut, bis es 1808 in einem Feuer zerstört wurde. Nachdem das Schloss als Ruine zu verfallen drohte, wurde es umfassend renoviert und beherbergt heutzutage Teile der königlichen Kunstsammlung.
Der Burgsee im Hintergrund wurde im 16. Jahrhundert angelegt. Die Nutzung war ausschließlich dem jeweiligen König vorbehalten. Allerdings lag immer ein Ruderboot bereit, falls einem der königlichen Gäste nach einer kleinen Bootsfahrt zumute war. Auf den vier Ecken des ebenfalls Ende des 16. Jahrhunderts errichteten Turms standen früher vier Statuen aus der griechischen und römischen Mythologie, Hannibal, Scipio, Hektor und Herkules. Jeder hielt ein Wappen eines der wichtigen Länder im Besitz des Königs. Heutzutage steht nur noch Herkules mit dem schwedischen Wappen oben auf dem Turm und blickt in die Welt.
Nach einer Umrundung des Gebäudes trieb der Hunger uns zurück zu unserem Auto und dem bereits oben erwähnten Parkautomaten. Diesmal wurde auf ‚Parken beenden‘ gedrückt, das Autokennzeichen eingegeben und nach Aufforderung die Kreditkarte eingeschoben. Schwupps, verparkten Betrag abgebucht, Kreditkarte wieder raus, und wir konnten ab ins Auto und zurück zum Campingplatz fahren. Easy!!
Seitdem wir Vikær Strand Camping kennen, warten wir auf das perfekte Wetter (Sonnenschein und relative Windstille), um den nahen Slivsø (ein See) mit dem Fahrrad zu umrunden.
Nun, am Ende des Sommers, war es endlich soweit. Es konnte losgehen. Es gibt zwei Wander- bzw. Fahrradrouten, die, wenn man sie verknüpft, eine Rundtour von ca. 9 km ergeben (plus der An- und Abfahrt vom Platz). Kurz nachdem wir den Campingplatz verlassen hatten, wies ein Hinweisschild uns auf den Fahrradweg hin. Wir fuhren auf einem kleinen Deich durch das Sommerhausgebiet von Diernæs und erreichten schließlich die Teerstraße, die uns nach einer kurzen bergauf-Fahrt nach rechts abbiegend zu einem der Info-Punkte am See führte.
Von dort wollten wir den See gegen den Uhrzeigersinn umrunden. Der Anfang war prima, der Weg war gut zu fahren. Nach recht kurzer Zeit waren wir am ehemaligen Pumpwerk, das nun als Aussichtsplattform dient.
Der Slievsø war ganz früher ein kleiner Fjord mit einer Verbindung zur Ostsee. Die Strömung schwemmte immer mehr Sand davor, bis eine Art Deich entstand. Gleichzeitig führte die Hoptrup Au immer mehr Pflanzenreste mit sich, so dass der Fjord stetig flacher und flacher wurde und sich zu einem Süßwassersee wandelte.
Nach dem Zweiten Weltkrieg war der Bedarf an Lebensmitteln in Dänemark so hoch, dass es wirtschaftlich erschien, jede mögliche Ackerfläche zu nutzen. So wurde der See in den 1950ern mit Hilfe von Kanälen und Pumpstationen trockengelegt, um die fruchtbare Erde als Äcker zu nutzen. Ein verstärkter landwirtschaftlicher Anbau ging allerdings einher mit einem Anstieg im Stickstoffdüngerverbrauch, der wiederum die Wasserqualität in der Diernæsbucht beeinträchtigte. 2003 war dann Schluss mit der Ackerei und ein Jahr später begannen die Renaturierungsarbeiten, die auch dazu führten, dass in die Diernæsbucht und den Kleinen Belt jährlich 90 Tonnen weniger Stickstoff eingetragen werden. Nun ist der Slievsø der drittgrößte See im Süden Jütlands mit einer beeindruckenden Vogelwelt (ungefähr 190 Arten). Mit einer entsprechenden Erlaubnis, die man beim Kaufmann in Hoptrup kaufen kann, darf man auch am See angeln.
Die Wege sind auf der Karte gut zu erkennen, allerdings sollten wir das Kartenlesen noch wieder üben. Wir begannen auf der rechten Seeseite. Wenn man die Karte genauer betrachtet, ist schon ein grafischer Unterschied zwischen beiden Wegen zu erkennen. Der fiel uns jedoch nicht wirklich auf. Den Unterschied sollten wir aber noch sehr stark spüren.
Doch zunächst wurden wir am Ende des ersten Teils (oder an seinem Anfang, je nachdem, von wo aus man startet) in Hoptrup von einer schön gestalteten Freizeitanlage empfangen, komplett mit Info-Tafeln, Toiletten, Grillplatz, Shelter zum Übernachten, Spiel- und Grillmöglichkeiten.
Uns zog es aber zum Kaufmann und dort zum integrierten Bäcker, um leckeres Gebäck für das Kaffee- und Kuchengelage am Ende der Tour zu kaufen. „Leider“ passte der Kuchen nicht in voller Länge in die Packtasche, sodass wir einen Teil gleich am Parkplatz verzehren konnten. Schmeckte auch mit Wasser gut!
Auf zum zweiten Teil, der kürzeren Teilstrecke. Fast hätten wir die Einfahrt verpasst.
So bequem ging der Weg leider nicht weiter. Nachdem uns zwischen Feldrand und Hecke Brennnesseln und Brombeeren den Platz streitig machten, ging es anschließend durch mannshohen Schilf. Gefahren waren wir da schon länger nicht, auch das Schieben des Rades wurde schwieriger.
Mannshoch ist nicht übertrieben, wie man an Kay erkennen kann.
Wo Schilf wächst, muss es feucht sein. An den Stellen, an denen es nicht nur feucht, sondern wirklich nass wurde, waren vor langer Zeit einmal Holzgitterplatten ausgelegt worden. Wenn man Glück hatte, konnte man sie rechtzeitig unter dem überwachsenden Grünzeug sehen. Dann musste nur noch entschieden werden, ob die Schuhe oder das Fahrrad einen etwas leichteren Weg hatten. Für beide reichte es nicht. Der Schilf und die Brennnesseln, ebenfalls reichlich hoch gewachsen, wickelten sich zusätzlich um Pedale und in Speichen. Schön war das alles nicht! Dafür schweißtreibend, denn die Sonne meinte es sehr gut mit uns.
Wie auf der Karte (s.o.) zu sehen ist, führte der Pfad (wenn man ihn denn so nennen kann) um einen Bauernhof herum. Einfacher wäre natürlich der Weg über deren Grund und Boden gewesen, der war aber durch eine Kette abgesperrt. Der nächste Abschnitt sollte anders schweißtreibend werden, es ging am Feldrand entlang, wir konnten etwas fahren. Dann aber führte der Weg ziemlich steil hügelaufwärts, die Räder mussten erneut mehr getragen als geschoben werden.
Ein kleiner Lohn für die Mühen waren Brombeeren und der tolle Ausblick auf den See.
Dann folgten viele Treppenstufen hinab in das tief eingeschnittene Autal, über eine Brücke quer drüber und dann wieder treppauf. Natürlich mussten die Räder getragen werden, beide von Kay, ich konnte einfach nicht mehr.
Nach einer wohlverdienten und notwendigen Pause war der restliche Weg ein Kinderspiel, trotz Feldrand durchgängig befahrbar, weil gemäht. Hier scheint ein anderer Landwirt die Verantwortung für den Erhalt des Wanderwegs zu haben.
Als wir rechtschaffen müde und hungrig auf dem Campingplatz waren, ließen wir uns den mitgereisten Kuchen schmecken. Wir hatten erfolgreich den See umrundet, den Radweg genutzt und den Wanderweg erfolgreich mit schwerem Gepäck gemeistert. Nur das genauere Kartenlesen sollten wir beim nächsten Mal beherzigen.
Eine weitere braune Hinweistafel an der Autobahn lockte uns zu Brundlund Slot, das das Kunstmuseum der Stadt Apenrade beherbergt. Es werden wechselnde Künstler und Künstlerinnen der letzten 300 Jahre aus Südjütland ausgestellt, zur Zeit liegt der Fokus auf einer Werkschau von Franciska Clausen („Franciska und das ewige Experiment“), aufgewachsen in Apenrade, ausgebildet und geschätzt in München und Paris, später verkannt in Kopenhagen und sich wieder zurückgezogen nach Apenrade. Wer 1899 als Mädchen geboren wurde und wohl schon früh einen sehr eigenen Kopf hatte, hatte es sicherlich schwer, sich in der damals extrem männerdominierten Kunstwelt auf Dauer durchzusetzen. Und dann noch als ausgesprochene Vertreterin des Surrealismus, zu der sie sich in ihren Jahren in Paris entwickelte. In Apenrade verdiente sie später als Kunstlehrerin ihr Geld und versuchte (nicht so erfolgreich), auch Werbeplakate an die Produktinhaber zu verkaufen. Nach ihrem Tod im Jahr 1986 hinterließ sie 2500 Werke, die im Brundlund Slot archiviert sind.
Die Geschichte des Schlosses reicht bis ins 15. Jahrhundert zurück, als es der Königin Margarete I. gelang, Apenrade in ihr Reich einzugliedern. Nun musste ein Sitz für den Amtmann her und man errichtete das Gebäude als Wasserburg. Noch heute kann man im Keller die riesigen Feldsteine sehen, auf denen die Mauern errichtet wurden. Der Keller diente als Kerker. Das Schloss war als Verwaltungsgebäude konzipiert mit kleinen Zimmern in den Türmen und vielen weiteren Räumen. Ein Baumallee führt durch das Torhaus zum Hauptgebäude. Das ganze Gelände ist von Wasser umgeben und lässt das Ensemble aus Torhaus, Schloss und ehemaligem Stall- und Gärtnergebäude (beherbergt heute eine Kunstschule für Kinder und Jugendliche) wie auf einer Insel in einem See liegend wirken.
Die in der Kunstschule entstandenen Arbeiten werden im Erdgeschoss des Schlosses ausgestellt. Diesmal waren es Interpretationen des Bildes „Der Fisch“ von Franciska Clausen.
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Aber auch Museumsbesucher dürfen sich in der Werkstatt in einem der Turmzimmer mit der Formsprache Clausens auseinandersetzen, wie das nächste Foto zeigt und das Ergebnis ausstellen oder mit nach Hause nehmen.
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Im Schlosspark werden Skulpturen gezeigt, die entweder von Nordschleswigern geschaffen wurden oder speziell für die Stadt Apenrade. Auch die Hecken werden künstlerisch bearbeitet, eine im Stil von Franciska Clausens Werk „Die Schraube“:
Auch das Café ist in einem der Turmzimmer untergebracht. Es gibt ein Kombiangebot aus Museumseintritt plus Kaffee und Kuchen, was wir gern in Anspruch genommen haben. Die Dame an der Kasse plante mit uns genau den Cafébesuch: vor oder nach dem Gang durch die Ausstellung; Kaffee oder Tee; Beerentorte oder Nougateisbömbchen (die heutige Auswahl). Wenn nicht viel los ist im Museum ist sie es nämlich auch, die alles vorbereitet und serviert (EinFrauBetrieb).
Das Ergebnis genossen wir in vollen Zügen, bevor wir in den Skulpturenpark besichtigten.
Zwischendurch bekamen wir Besuch vom Enkelkind. Das fand den Wohnwagen schon auf seinem Abstellplatz zuhause toll. Nun also ohne Eltern das erste Mal Mini-Ferien auf dem Campingplatz mit Oma und Opa. Bisher waren wir immer nur zu zweit und eingespielt. Doch auch der Besuch wurde ohne Probleme integriert. Wenn der Platz im Wohnwagen und im Vorzelt zum Autos spielen nicht mehr ausreicht, bietet der Campingplatz vielfältige Möglichkeiten, egal wie das Wetter ist (nur um es noch einmal zu erwähnen, wir befinden uns im Hochsommer). Ganz nach der Devise: Schlechtes Wetter gibt es nicht, nur schlechte Kleidung!
Jedesmal, wenn wir auf der Autobahn in Dänemark Richtung Norden unterwegs sind, kommen wir an dem braunen Hinweisschild vorbei, das uns auf das UNESCO-Weltkulturerbe Christiansfeld aufmerksam macht. Diesmal sind wir tatsächlich abgebogen und folgen den Schildern. Wir werden zunächst einmal komplett um das kleine, ruhige Städtchen südlich von Kolding herumgeführt, bis wir zu einem etwas überdimensioniert wirkenden Parkplatz gelangen, auf dem Ende August nur drei Autos und keine Reisebusse parken (Was muss hier sonst für ein Trubel herrschen?).
Vom Parkplatz aus sind es nur wenige Schritte bis in den Innenstadtkern, der seit 2015 UNESCO-Weltkulturerbe (eines von insgesamt sieben in Dänemark, plus drei auf Grönland) ist, weltweit die am besten erhaltene Stadt der Brüdergemeinde.
Christiansfeld geht auf die Gründung durch die Herrnhuter Brüdergemeinde zurück, die sich 1457 als Glaubensgemeinschaft zusammenfand, um den Idealen Glaube, Gemeinschaft und Freiheit gemäß den Gedanken des böhmischen Reformators Jan Hus zu folgen. 1722 musste eine Gruppe Asyl in Sachsen suchen; gemeinsam mit dem dortigen Grafen von Zinzendorf, der ihre Grundsätze teilte, gründeten sie die Stadt Herrnhut, von der die Brüdergemeinde dann auch ihren Namen erhielt. Nach und nach wurden auf der ganzen Welt Städte nach diesem Vorbild gegründet und die Herrnhuter wurden bekannt durch ihre qualitativ hochwertige Handwerksarbeit.
Der dänische König Christian der 7. hörte davon. Er wollte den wirtschaftlichen Wachstum im Süden Jütlands ankurbeln und lud die Brüdergemeinde dorthin ein, um eine Stadt zu gründen. Er verkaufte ihnen 1722 sein königliches Gut Tyrstrupgård, sie benannten dafür die 1788 fertiggestellte Stadt nach ihm. Diese wurde nach zu der Zeit sehr modernen Gesichtspunkten geplant, mit einen Kirchplatz als zentralen Punkt, begrenzt durch die zwei wichtigsten Straßen, der Lindenstraße und der Norderstraße, die wiederum gesäumt waren durch die ersten zwanzig, in gelbem Ziegelstein errichteten Gebäude.
Außer der Landwirtschaft betrieb die Gemeinde unter anderem eine Brauerei, eine Tabakswarenfabrik, eine Schneiderei und eine Färberei, eine Druckerei und eine Buchbinderei, sie siedeten Seife, zogen Kerzen, bauten Klaviere und Kachelöfen und vieles mehr. Die Qualität ihrer Produkte machte sie in ganz Dänemark bekannt.
Vielen ist der Name Herrnhuter heutzutage sicherlich durch den gleichnamigen Stern mit 25 Stacheln bekannt, der bei uns in der Weihnachtszeit leuchtet. Hier in Christiansfeld findet man ihn an jeder Ecke und Kante in der Innenstadt in den Fenstern und größer außen an den Gebäuden und zu jeder Jahreszeit. Nach dem zweiten Weltkrieg bis 1989 wurden die Sterne für Dänemark hier in Christiansfeld in Lizenz hergestellt. Heutzutage wird er ausschließlich in Herrnhut hergestellt, immer noch in Handarbeit.
Am zentralen Kirchplatz steht der Kirchensaal (anstelle einer traditionellen Kirche), der größte ohne tragende Säulen in Dänemark, ganz in weiß gehalten und sehr schlicht.
Dem Kirchengebäude angeschlossen lag die Schule für die Jungen in der Lindenstraße, ebenso wie das Pfarrhaus gegenüber und das Brüderhaus für die unverheirateten Männer.
In den Hinterhäusern des Brüderhauses waren auch viele der Werkstätten und Kleingewerbe wie Gerberei, Tischlerei und Bäckerei untergebracht. Schräg gegenüber wurde das Gästehaus der Gemeinde errichtet. In diesem Hotel wurde übrigens der Waffenstillstand 1864 nach dem dänisch-preußischen Krieg unterschieben.
Das Pfarrhaus, 1773 für einen der Stadtgründer und erstem Vorsteher der Gemeinde gebaut.
Auf der anderen Seite des Kirchplatzes, entlang der Norderstraße, war das Reich der Frauen. Gegenüber des Kirchsaales fanden die Witwen und unverheirateten älteren Schwestern ihr Zuhause. Betreut wurden sie von den unverheirateten Frauen und größeren Mädchen, die im benachbarten Schwesternhaus lebten (heute ist hier das Museum, das Kulturhaus der Stadt und ein schöner Shop untergebracht). Die Schule der Mädchen befand sich ein Haus weiter. Hinter dem Schwesternhaus befindet sich der dazu gehörige Garten, der 2020 nach alten Zeichnungen renoviert wurde.
Zum Abschluss des Besuches kehren wir im Honningkagehuset ein, um die berühmten Honig- bzw. Lebkuchen von Christiansfeld zu probieren. Aus der ganzen Auswahl entscheiden wir uns für einen mit Schokoladenmousse gefüllten, der absolut überwältigend schmeckt.
Es ist kein Wunder, dass man Christiansfeld in Dänemark auch die Honigkuchenstadt bzw. Stadt der (Lebkuchen-)Herzen nennt, die ihre Backwaren ins ganze Königreich liefert. Lebkuchen werden hier seit mehr als 200 Jahren hergestellt, allerdings zuerst nicht so erfolgreich wie heute. 1783 wurde die erste Bäckerei eingerichtet, die Produktion von Honigkuchen wurde aber schwierig, als es nur wenig Honig gab. Ein paar Jahre später übernahm ein Perückenmacher aus einer anderen Brüdergemeinde das Geschäftsgebäude, doch auch sein Geschäft florierte nicht, da das Tragen von Perücken aus der Mode kam. Glücklicherweise war der Perückenmacher durch seinen Onkel mit dem Bäckerhandwerk vertraut. Dazu war seine Frau im Besitz eines hervorragenden Familienrezepts für Lebkuchen. Der Perückenmacher begann 1799 mit der Produktion, übernahm nach dem Tode des ursprünglichen Gründers dessen Bäckerei und vertrieb die Honigkuchen nicht nur in der Stadt, sondern bald auch über Südjütland hinaus nach ganz Dänemark.
Heute gibt es in Christiansfeld einige Geschäfte, die nach eigenen Rezepturen Honigkuchen herstellen. Es bleibt einem nichts anderes übrig, als selbst zu kommen und sich durchzuprobieren. Sie sind wahrscheinlich alle sehr wohlschmeckend.