Spaziergang zur anderen Seite der Bucht

Blick von der Steilküste (auch hier gibt es Stellplätze) über den Platz

Auch die andere Seite der Bucht ist sehr schön. Die Nachbarn auf dem Campingplatz erzählten uns, dass dort das Geld wohnt. Die Sommerhäuser dort am Strand bestätigten es, zum Teil sehr mondän (oder was der einzelne darunter versteht).

unverbaubarer Blick über die Bucht

Wir sind immer am Strand entlang spaziert. Das darf man, obwohl die Strandabschnitte in Privatbesitz sind. Manchmal war es etwas komisch, genau zwischen schickem neuen Holzdeck am Haus und den Loungeliegen direkt am Wasser (natürlich mit den Besitzern drauf) hindurchzugehen. Die Bewohner ignorierten uns nach Kräften. Dort trauten wir uns nicht einmal mehr zu einem lauten „Moin/Mojn“ als Begrüßung. Der Duft des Geldes betäubte den Drang.

Hier kommen ein paar Impressionen:

An diesen Ort kommen wir ganz sicher wieder hin. Die paar Schnuppertage waren äußerst entspannend und verlangen nach mehr!

Spis Sønderballe (Süderballig essen)

2015/16 haben Anwohner begonnen, zusätzlich zu den schon existierenden wilden Beeren- und Fruchtbüschen bzw. Bäumen, an verschiedenen Punkten, vornehmlich an Aussichtspunkten, Obstgehölze zu pflanzen („zu unserer Freude und der der Besucher“). Dazu gibt es drei unterschiedlich lange Spazierrouten, die mit farbigen Äpfeln gekennzeichnet sind. Wir entscheiden uns für den gelben Rundweg, der über unseren Campingplatz führt.

Vier Kilometer, zuerst am Wasser unterhalb der Steilküste entlang, dann auf Teer- und Schotterstraßen durch die Felder zurück zum Platz bei schönstem Sommerwetter.

Immer dem Apfel-Schild folgen.
Die ersten Brombeeren haben wir gleich an der Steilküste gefunden und gegessen. Später gab es noch mehr.
Eine Esskastanie an der Steilküste, der dazugehörige Garten ist wohl schon vor längerer Zeit abgerutscht.

Die verschiedenen Apfel- und Birnensorten trugen noch keine Früchte, die Bäumchen waren zu jung. Dafür sahen wir Haselnüsse und Schlehen, beides noch unreif.

Die wilden Sorten am Ackerrand trugen dagegen viele kleine Äpfelchen, leider auch noch unreif und sehr, sehr sauer!
Dies sind essbaren Heidedorn ‚Bellan‘. Die haben wir nicht probiert.
Am Rand eines Feldes mit Futtererbsen wächst Mohn und Schafgarbe, schön in den dänischen Nationalfarben.

Vikær Strand Camping

Für den Rest des Urlaubs sind wir an die Ostseeküste gefahren, südlich von Haderslev, durch Wiesen und Getreidefelder (endlich kein Mais mehr), am Ende single roads entlang. Wir fühlten uns sofort an unsere Tour durch England erinnert. Nach einigen Spitzkehren und Hügelchen kamen wir auf dem Campingplatz an (Dundelum 29, was für eine schöne Adresse).

Wir hatten „unseren“ Stellplatz direkt am Strand bereits über deren Website gebucht. Aber wie toll der Platz tatsächlich liegt, das übertraf alle unsere Erwartungen.

Wir sitzen mit den Campingstühlen direkt am Strand, zwischen uns und dem Wasser liegt ein schmaler Streifen Dünengras. Der Blick über die Diernæs Bugt erinnert uns an Rosemarkie auf der Black Isle in Schottland. Das Wetter ist traumhaft: leichter Wind und Sonnenschein, warm.

Das Vorzelt ließ sich trotz der gelegentlichen Windböen recht gut aufbauen, wir hatten ja nun einen Plan. Es hält auch auf dem Sandboden gut, wir haben einfach in wirklich jede mögliche Befestigungsschlaufe einen ‚Hering‘ gesetzt. Erstaunlicherweise ist die Grundfläche des Zeltinnenraums um etliches größer geworden als in Medelby, der Teppich reicht plötzlich nicht mehr überall hin.

Abendessen am Strand
Abendstimmung

Büchsenmacher Tims Bisonherde

Wie im letzten Blogeintrag erwähnt, kamen wir auf dem Rückweg zum Campingplatz an diesem unscheinbaren Schild vorbei:

Bisonfleisch haben wir noch nie gegessen, das wäre doch die Gelegenheit, das nachzuholen. Also hin und geklingelt. Frau Nissen war sehr auskunftsfreudig (und ich neugierig). Ihr Sohn Tim baut die Bisonherde auf und betreut sie mit Hilfe der gesamten Familie. Dann und wann schießt er mal ein Tier mit dem sogenannten Weideschuss (stresslos für das Tier) aus der Herde, seine Frau vermarktet die Produkte online, die Mutter macht den Hausverkauf und verschickt das tiefgekühlte Fleisch per Post (kommt garantiert innerhalb von 24 Stunden immer noch tiefgefroren an, Dank spezieller Behälter und Kühlpacks). Hat sie mir alles erklärt und gezeigt. Ich durfte auch den Bisonkopf im Wohnzimmer sehen und streicheln.

Dies ist ein Foto aus dem Prospekt, ich hatte kein Handy zum Fotografieren des Kopfes an der Wand neben dem Kamin dabei.

Der Kopf kommt sonst auch mit auf Messen. Das Fell fühlte sich überraschend an. Am Hals (der hellerer Teil) war es so weich, wie ich es mir vorstellte. Vorne an der Stirn war das dunkle Haar sehr drahtig und so dicht und tief, Dreiviertel meiner Hand verschwand darin bis zum Haaransatz. Es stellte sich am Ende des Gesprächs heraus (als Frau Nissen erzählte, dass ihr Sohn gelernter Büchsenmacher ist), dass ich über die Entstehungsgeschichte der Herde (die einzige im Norden Deutschland, die nächste Herde ist 300km entfernt) schon Bescheid wusste, da ich im letzten Jahr eine Reportage auf N3 gesehen hatte (die ist immer noch in der Mediathek des NDR abrufbar). Der NDR war nun wieder da und die Fortsetzung der Geschichte kommt Anfang September im Fernsehen. Das werde ich mir wieder ansehen, ich bin schon gespannt.

Wir verließen Frau Nissen übrigens mit zwei Beefsteaks (gibts zu Kays Geburtstag), Zubereitungstipps und einer Bisonsalami.

Schon aufgetaut; gut, dass unser Kühlschrank auch über ein Tiefkühlfach verfügt.

Die echten Bisons haben wir nicht mehr besuchen können, die stehen auf unterschiedlichen Weiden rund um Medelby. Wir aber fuhren am nächsten Tag weiter nach Dänemark.

… und so funktioniert die Zubereitung auf dem Grill: die Grillkohle komplett durchglühen lassen und die Steaks von jeder Seite nur zwei Minuten grillen, dann in Alufolie eingewickelt noch weitere 15 Minuten an der Seite des Grills nachgaren lassen. Bisonfleisch benötigt nur die Hälfte der Garzeit von Rindfleisch. Wir trauten den Angaben nicht ganz und ließen das Fleisch ein bisschen länger liegen, sie hätten aber genau gestimmt.

Dennoch war das Steak wirklich besonders lecker, ein ganz würziger Geschmack, wesentlich mehr Proteine, Nährstoffe, Eisen und gesunde Fettsäuren als Rindfleisch und sehr wenig Cholesterin. Das Fleisch werden wir uns zu besonderen Gelegenheiten mal wieder gönnen.

Und was ist mit Medelby?

Unser Campingplatz Mitte liegt am westlichen Ende des Dorfes auf dem Sonnenhügel, gegenüber der Grundschule und nahe der dänischen Schule. Aber wir haben auch einen Spaziergang durchs Dorf gemacht, zumindest bis zur Dorfmitte, da wir einkaufen wollten.

Medelby liegt auf der schleswigschen Geest, irgendwie im Nirgendwo, zwar nur ungefähr 20 km westlich von Flensburg, zwischen B199 und der Grenze, gerade noch im Kreis Schleswig-Flensburg, aber es reicht, um das Gefühl zu erzeugen, man befindet sich im Niemandland. Aber sie haben es schlau angestellt. Zusammen mit den umliegenden Dörfern Holt, Weesby, Böxlund, Jardelund und Osterby haben sie das Kirchspiel Medelby gebildet. So waren sie (und sind vielleicht immer noch) in der Lage, eine Menge Fördergelder des Landes bzw. der EU zu erhalten und gleichzeitig mit einer geringen Gewerbesteuer sehr viele Gewerbe anzusiedeln (z.B. den Campingplatz, immerhin fünf Sterne, mit einem kleinen Hallenbad und auch Freibad, beides Einrichtungen, die die Dorfbewohner gern mit nutzen dürfen. Das eigene Freibad musste aufgegeben werden.)

romanische Feldsteinkirche St. Matthäus aus dem 12. Jahrhundert

Die Fördergelder haben auch die Anlage des Kirchspielparks unterhalb der St. Matthäus-Kirche ermöglicht, komplett mit neugestaltetem Ehrenmal für die im Krieg Gefallenen aus den Dörfern, einem Bibelgarten, einer Boulebahn (leider schon lange ungenutzt), einem Infopoint und abschließbaren Fahrradgaragen. Ein Einwohner, mit dem wir uns über sein Haus (unten mehr dazu) unterhielten, erzählte uns, dass die Gemeindevertretung genau wusste, auf welche Punkte es bei der Antragstellung ankommen würde.

Gegenüber des Parks befindet sich das „Versorgungszentrum“: Tankstelle (immer offen dank Kartenlesegerät, sehr praktisch), Versicherungsmakler (brauchten wir nicht) und (ganz wichtig) der EDEKA-Frischemarkt mit einer super guten und reichhaltigen Auswahl, fußläufig vom Campingplatz aus gut zu erreichen (ansonsten sind Aldi/ Lidl und Co. auch nur 6 km entfernt in Schafflund).

Lorenzen‘s Gasthof, in unserem Radwanderführer noch als eine der beiden zentralen Übernachtungsmöglichkeiten für eine Sterntour angegeben, ist inzwischen geschlossen, weil die Nachfolger fehlten. Die Gaststätte soll aber reanimiert werden, irgendwann. Das Gebäude wurde von drei Einheimischen gekauft, die es schafften, auch als Privatpersonen öffentliche Fördergelder (immerhin 200.00€) zu erhalten (wegen irgendwas mit Stärkung des dörflichen Lebens im Kirchspiel). Es waren auch schon Renovierungsarbeiten zu erkennen, als wir die Baustelle besuchten, ruhte allerdings die Arbeit komplett.

Schräg gegenüber stand die Meierei, die erst kürzlich abgerissen worden sein muss, der Bauzaun sah noch neu aus. Hoffentlich kommt da nicht so ein geschmackloses Häuserensemble hin wie im Hintergrund des Fotos zu sehen ist.

Woher wissen wir nun all dieses Insiderwissen? Na, von dem schon erwähnten netten Mann, den wir ansprachen, weil uns sein Haus so gut gefiel und wir wissen wollten, wer früher in so einem repräsentativen Gebäude gewohnt hat.

Das Haus heißt ganz einfach „Die Villa“. Der größte und erfolgreichste Bauer am Ort, der neben der Landwirtschaft auch den Gasthof nebenan (heute ist das ganze Gebäude zu viele Wohnungen umgebaut) und weitere erfolgsversprechende Gewerbe betrieb, ließ die Villa für seine zwei unverheirateten Schwestern bauen. Dazu beauftragte er einen Baumeister aus der großen Stadt (Flensburg) und ließ alles, was es damals an modernster Technik gab, einbauen. Er wollte den Dorfbewohnern ein für alle Mal zeigen, wo der Hammer hängt, so die Aussage des jetzigen Eigentümers. Die Heizkörper, das Parkett und anderen Inneneinrichtungen sind auch heute noch intakt und in Betrieb, 100 Jahre alt, eben damals schon vom Feinsten. Der Landwirt, dessen Namen wir leider vergessen haben, lebte selbst bis 1950 in der Villa. Während der Nachkriegszeit diente das Gebäude als Offizierskasino der Briten. Kein Wunder, es ist einfach das repräsentabelste Gebäude an der Hauptstraße. Die unteren Ränge wurden im Gasthof nebenan einquartiert.

Auf dem Rückweg zum Campingplatz kamen wir an diesem unscheinbaren Schild vorbei:

Die Geschichte wird im nächsten Blogeintrag erzählt.

Versuch einer kurzen Fahrradtour durch das Jardelunder Moor

Das Wetter ist inzwischen sehr hochsommerlich. Als es uns auf dem Campingplatz sogar im Schatten zu brütig heiß wurde, wollten wir uns auf einem kurzen Ausflug ins nahegelegenen Moor vom Fahrwind abkühlen lassen. Wir hatten zwar wieder die Fahrradkarte dabei, aber haben uns an den entscheidenden Stellen auf unseren Spürsinn verlassen. Das ist nicht immer die beste Idee! Bis Jardelund kamen wir noch ohne Probleme. Mit Hilfe der dort aufgestellten Infotafel und maps.me fuhren wir dann weiter und landeten erst einmal im Wald. Wir bogen ab und etwas später überquerten wir mal wieder die Grenzstraße (immer noch viel Verkehr) und fuhren gerade aus in einen Weg, der uns sehr vielversprechend erschien.

Auf dem Foto sieht der Weg noch ganz malerisch aus. Kurze Zeit später wuchsen Gräser, Brennnesseln und Brombeerranken bereits kniehoch. Als die Treckerspur auf ein Feld führte, wäre der Weg nur noch zu Fuß, mit langen Hosen und einer Machete in der Hand machbar gewesen. Also umdrehen und wieder ein Stück auf der Grenzstraße radeln, bis wir schließlich zu einem schön kurz gemähten Weg kamen.

Und schwups, da war sie, die gesuchte Infohütte.

Das grenzüberschreitende Frøslev-Jardelunder Moor steht schon seit 1985 unter Naturschutz.

Wir folgten dem Weg durch das Hochmoor und kamen an ein paar Infotafeln vorbei. Im Reiseführer war von einem 2,5 km langen Erlebnispfad durch das Moor die Rede. Den haben wir wohl nur gestreift (ich sag ja, Kartenlesen ist eine Kunst).

Dafür haben wir die versprochenen Kraniche gesehen! Sehr elegante Flieger. Nach der nächsten Abzweigung waren wir dann auch schon wieder raus aus dem Moor (letztendlich haben wir nur das nördlichste Zipfelchen durchfahren) und beschlossen, den nahen Grenzübergang in Fehle/Sofiedal anzugucken. Vielleicht würden wir dort ja über die Grenze kommen können.

Tja, es wäre gegangen, mit dem Fahrrad an den Sandsäcken vorbei, die Einheimischen machten es auch. Aber dann schreckte uns die Zeit, der Rückweg, der nahende Hunger und wohl auch die vielen Überwachungskameras auf der dänischen Seite davon ab, den verlockenden Wunsch in die Tat umzusetzen.

Ohne Corona scheint das Leben auf der Ecke ganz nett zu sein. Es gibt keine Grenzanlagen, die Bebauung geht ineinander über. Wir unterhielten uns mit einem Dänen, der auf der deutschen Seite wohnt. Sein Auto hat ein deutsches Kennzeichen, es parkt aber zur Zeit hinter den Betonpollern auf dänischer Seite. Zwischen seinem Haus und dem Auto steht dieser schöne Stein:

So kann man einen ausgedienten Gülletank auch verschönern. Der steht an der (ansonsten unsichtbaren) Grenze an der Y-Kreuzung, damit man weiß, wo man hinfährt.

Wir machten uns auf den Rückweg, immer geradeaus, eigentlich langweilig. Aber auf unserem Weg lag noch folgendes:

ein Resthof, in dem ein neuvermähltes Paar wohnt, die Haustür schmückten zudem zwei Puppen, eine mit Zylinder, eine mit Schleier
Überreste der Torfgewinnung, im Sonnenschein sehr idyllisch anzuschauen (der Torf wurde damals übrigens nach Flensburg zum Heizen verkauft)

Und dann natürlich wieder Jardelund, das alte Dorf liegt komplett auf einem Hügel (man merkte es beim Radfahren). Früher haben sie, wenn alle Männer auf den Feldern arbeiteten, das Dorf ganz schnell an vier Toren gegen Viehdrift abriegeln können.

Nach gut 20 km waren wir wieder zurück auf dem Platz, und es war genauso brütig-heiß wie zuvor.

Preisfrage: dänisches oder deutsches Feld?

Fahrradtour hin und her über die Grenze

Durch Medelby laufen sowohl der Nord-Ostsee-Radweg als auch die Grenzroute. Für beide gibt es einen schönen Deutsch-dänischen Radwanderführer, der schon lange unbenutzt im Regal lag. Eine gute Gelegenheit, eine der kürzeren Rundtouren auszuprobieren, von Medelby und Weesby über die Grenze nach Lille Jyndevad und Rens, dann wieder nach Deutschland und über Bramstedtlund und Holt zurück nach Medelby, gute 30 Kilometer lang.

Bestes Wetter zum Fahrradfahren, kein Wind und keine Steigung entlang der Route, was will man mehr.

bereit zur Abfahrt

Gleich am Anfang sind wir schon falsch abgebogen und haben den direkten Weg nach Weesby genommen. Die Straße ohne Radweg mussten wir uns mit schnellen Autos und großen Landmaschinen teilen. Der Überholabstand konnte wegen der schmalen Straße nicht eingehalten werden.

Dorfteich in Weesby, und überall findet man Infotafeln zu den Routen

Aber danach ging es nur auf Feldwegen weiter, nahezu kein Verkehr. Weesby überraschte uns mit wirklich sehr großen und großzügigen, relativ neuen Häusern. Hier scheint man gut Geld zu verdienen, u.a. wohl mit großen Bürgerwindparks, von denen es einige gibt.

Bald darauf überquerten wir die stark befahrene Grenzstraße, die Höchstgeschwindigkeit von 100 Stundenkilometern wird von vielen (bis den meisten, je nach Tages- oder Nachtzeit) überschritten. Auf der anderen Seite wollten wir bei Bögelhuus die Grenze überqueren. Aber daraus wurde nichts. Die erste Absperrung, noch auf deutschem Staatsgebiet, umfuhren wir beherzt, weil es ging.

Aber der direkte Übergang nur ein paar zehn Meter weiter war dicht; Corona macht unmöglich, was Schengen nur 19 Jahre früher ermöglicht hatte.

Dänemark, so nah und doch so fern
Die Scheidebek tut ihrem Namen alle Ehre: sie scheidet uns voneinander.

Vor dem Schengener Abkommen war dieser kleine Grenzübergang auch schon für die Allgemeinheit gesperrt. Nur Bewohner aus einem Umkreis von fünf Kilometern durften ohne Kontrolle passieren, hatten aber innerhalb von 48 Stunden auf dem gleichen Wege wieder zurückzukehren. Sie bekamen dafür einen Eintrag in ihren Pass. Auch Arbeitspferde erhielten individuelle Pässe, Kühe jedoch nicht.

Dazu eine schöne Geschichte aus den 1950er Jahren. Einem Bauern in Bögelhuus kam damals eine Kuh abhanden, man fand sie schließlich auf dänischer Seite wieder. Der dänische Zöllner führte sie eigenhändig zurück zur Grenze. Der deutsche Zöllner befand jedoch, dass, wenn schon mal so etwas außergewöhnliches geschah, man dieses dem Vorgesetzten melden sollte. Die Kuh blieb also beim dänischen Nachbarn in Quarantäne (gab‘s da auch schon, schien schon damals, zumindest für eine Kuh, eine Reise ins Risikogebieten gewesen zu sein), bis der deutsche Zollkommissar und der dänische Oberzöllner angereist kamen, um die Sache zu klären. Am Ende bekam der Bauer seine Kuh ohne Probleme zurück und der deutsche Zöllner einen Rüffel: so etwas banales bitte nie wieder melden.

So könnte die Situation damals in der Amtsstube ausgesehen haben.

Heutzutage kommen auch ohne Zöllner keine Wildschweine nach Dänemark rein. Wie entlang der gesamten deutsch-dänischen Grenze verläuft auch hier der Wildschweinzaun gegen die Einschleppung der afrikanischen Schweinepest ins Königreich.

Wir waren zwar im Besitz gültiger Ausweisdokumente, die nützten uns aber hier nichts. Wir drehten also ab und fuhren quer durch die Feldmark Richtung Grenzstraße, um den nächstgelegenen Übergang Pepersmark auszuprobieren. Dafür mussten wir leider vier Kilometer gemeinsam mit den Rasern (s.o.), den auch nicht gerade langsam fahrenden Wohnmobilen und den LKW-Gespannen auf der Fahrbahn fahren, kein gutes Gefühl. Zumindest überholten uns die meisten mit großem Abstand.

Da wollen wir hin.
… grad mal kein Verkehr zu sehen.

Dann waren wir plötzlich im Kreis Nordfriesland und am Grenzübergang. Der war offen. Hier kommen zwei Fotos, das erste aus unserem Reiseführer, das zweite von unserem Ausflug, finde die Unterschiede!

Eine Pop-up-Grenzanlage bestehend aus einem Schlagbaum (Autos können abends/nachts nicht passieren, dann wird abgeschlossen), einem Zelt (heute gegen Sonne, sonst wahrscheinlich eher gegen Wind und Wetter), ein paar Baken zum Absperren und zwei dänischen Grenzern (sehr freundlich), die wirklich jeden Ausweis kontrollierten. Den leistungsstarken Generator dahinter kann man auf dem Foto nicht sehen.

Wir kamen am Gut Pebersmark vorbei und freuten uns schon auf ein Eis in dem kleinen Örtchen Rens. Da gab es aber nicht viel, eine Schule, ein Frisör, ein Museum, weit und breit kein Kaufmann. Standen deshalb ausschließlich dänische Wagen auf dem Parkplatz des Grenzhandels in Neupepersmark auf deutscher Seite (z.Zt. ist sicherlich auch der Mehrwertsteuerunterschied von 9% ein weiterer Anziehungspunkt)?

Museum, Café und Archiv im ehemaligen Spar-Supermarkt

Wir beschlossen, im Museum nachzufragen, wo wir denn unser Eis kaufen könnten, bevor wir weiter durch den Ort irren würden. Zu unserer großen Überraschung gab es aber kein Eis (obwohl wir das auch hätten bekommen könnten), sondern das Angebot, Kaffee und Kuchen zu erhalten. Denn bevor man in die eigentliche Ausstellung kommen konnte, betrat man zuerst das Café des Museums. Dem Angebot konnten wir nicht widerstehen, es war bereits beste Kaffeezeit am Nachmittag. „Dagens hjemmebag“ war diesmal eine Biskuitrolle gefüllt mit Sahne, Melone, roten Johannisbeeren und karamellisierten Pekannüssen und Sonnenblumenkernen, sehr lecker!!

Dann haben wir uns noch die kleine Ausstellung angesehen zur Geschichte der Landschaft zwischen der Königsau im Norden und der Eider im Süden. Über die verschiedenen Kriege und die Volksabstimmung 1920 wussten wir schon viel. Genauer hat uns diesmal die Geschichte der Kolonisten beschäftigt, die der dänische König Frederik V im 18. Jahrhundert mit dem Versprechen eines besseren Lebens aus Baden-Württemberg, der Pfalz und Schwaben in den Norden gelockt hatte. Für sehr viele Kolonisten wurde dieses Versprechen nie eingelöst, es kamen zu viele zu schnell in eine noch nicht vorbereitete Umgebung. Die Arbeit war hart, zu Essen gab es zu wenig. Viele verhungerten oder zogen weiter nach Russland (die Versprechen der Zarin Katharina waren noch verheißungsvoller, im Wolgagebiet angekommen war das Leben dann ungleich härter, aber von dort kam man nicht mehr so leicht weg).

Die zukünftigen Kolonisten mit ihrer Habe, mehr als 800 km zu Fuß bis in den Norden

Dinge aus der lokalen Geschichte werden auch ausgestellt, hier kommt eine kleine Auswahl:

Ein alter Spritzenwagen von 1907 aus der preußischen Zeit, die Gemeinde hatte damals als einzige eine freiwillige Feuerwehr.
Das Gerät hinter den beiden Leuchten war eine „Waschmaschine“, mit der man die Wäsche im Bottich stampfen konnte, gleichzeitig schäumte sie das Wasser auf.
Die beiden kleinen Behälter aus Blei wurden einer Kuh über die Hörner gestülpt. Mit den Lederriemen konnte man die Wuchsrichtung der Hörner „korrigieren“ (erinnerte mich an Zahnspangen aus meiner Kindheit).

Zwischendurch führten wir immer mal wieder informative Gespräche mit den ehrenamtlichen Mitarbeitern in einem schönen Gemisch aus dänisch und deutsch. Anschließend ging es ohne Ausweiskontrolle auf dem gleichen Weg zurück nach Deutschland und dann vorbei an alten Kiesgruben und Maisfeldern, an einzelnen Gehöften, einige noch betrieben, viele zu Wohnungen umgewandelt, über Bramstedtlund zurück nach Medelby (den Schlenker über Holt ersparten wir uns, wir waren müde und hungrig). Ein sehr schöner Ausflug mit unerwarteten Erlebnissen.