Die Paulskirche – Wie geht eigentlich Demokratie?

Das wollten unsere Vorväter Mitte des 19. Jahrhunderts gern herausfinden, als 1848 die Wahlen zum ersten gesamtdeutschen Parlament stattfanden. Alle Einzelstaaten wurden aufgerufen, Abgeordnete zu einer konstituierenden Nationalversammlung wählen zu lassen.

Die Paulskirche bot sich als Tagungsort an, da sie den größten und modernsten Saal in Frankfurt besaß. Die Kirche war erst 15 Jahre zuvor als evangelisch-lutherische Hauptkirche der freien Stadt geweiht worden. Die Nationalversammlung, bestehend aus knapp 600 Abgeordneten, die große Mehrzahl akademisch gebildet und im Staatsdienst, erließ in ihrem kurzen Bestehen von gut einem Jahr die erste demokratische Verfassung für Deutschland und auch Reichsgesetze. Jeder deutsche Bürger durfte Anträge und Petitionen direkt einreichen, die nach und nach von der Versammlung abgearbeitet wurden, ca. 8000 schafften sie in dem Jahr. Die Verfassung wurde allerdings nicht von den großen Einzelstaaten Bayern, Hannover und Österreich anerkannt und schon gar nicht vom preußischen König. Damit war die Macht der Bürger sehr schnell wieder vorbei.

1948 wurde die im Krieg komplett zerstörte Paulskirche nach dem Neuaufbau anlässlich der Hundertjahrfeier der Nationalversammlung wieder eingeweiht. Dabei waren Staffelläufer aus Turn- und Sportvereinen aus den Westzonen und dem westlichen Sektor Berlins, die sternförmig nach Frankfurt gelaufen worden waren, um ihrer Hoffnung auf demokratische Freiheit und nationale Eintracht Ausdruck zu verleihen. Die demokratische Vereinsbewegung der Turner war bereits Hundert Jahre zuvor Teil der Revolution gewesen. Seit 1948 dient die Kirche ausschließlich als Ort der Erinnerung an den Beginn der deutschen Demokratie.

Seit 1950 hängt über dem Haupteingang zur Wandelhalle ein Tympanon, dargestellt wird der Erzengel Michael, der Schutzpatron der Deutschen. Das ist er bereits seit dem Jahre 955, seit der Schlacht auf dem Lechfeld, die als Geburtstunde der deutschen Nation gilt. Nichts von wegen ‚deutscher Michel‘. Wer mehr wissen möchte, guckt einfach bei allen Stichwörtern bei Wikipedia nach.

Der Versammlungssaal im Obergeschoss ist geschmückt mit gewebten Bannern der Bundesländer. Hier finden die Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels statt, Max Tau war 1950 der erste Preisträger, Margaret Atwood 2017 die bisher letzte.

Im Zuge der letzten großen Renovierung von 1988 bis 1991 wurde ein Wettbewerb zur Ausschmückung des Untergeschosses ausgeschrieben, den Johannes Grützke gewann. Er schuf ein kolossales Wandgemälde (32×3 Meter) mit dem Titel „Der Zug der Volksvertreter zur Paulskirche“. Unter anderem nimmt er auch Bezug darauf, dass so viele Beamte Teil der Nationalversammlung waren. Die unteren Schichten waren unterrepräsentiert, es gab vier Handwerker, drei Bauern, aber keine Arbeiter unter den Volksvertretern. Diese fallen durch ihre farbige Gestaltung auf in dem langen Zug der schwarz gekleideten Herren, die sie entweder nicht beachten oder sich gestört fühlen. Der Schmied verkörpert das Handwerk innerhalb des Themas Volk. Die Mutter und das Kind stehen als Sinnbild der Familie, die im Parlament gar nicht vertreten ist.

An der Außenfassade der Paulskirche sind viele Gedenktafeln angebracht, u.a. zwei zum 50. Jahrestag der Nationalversammlung. Um die Erinnerung daran noch stärker wachzuhalten, sollte zusätzlich ein Einheitsdenkmal errichtet werden.

Auf der Spitze des Obelisken steht Clio, die Muse der Geschichte, die die Worte „Seid einig“ in ihrem Schild trägt. Eines der drei Reliefs, die die Säulenbasis zieren, heißt „Bereit zum Kampfe“, darunter stehen die ersten Zeilen des Schleswig-Holstein-Liedes. Wir wundern uns ein bisschen. Jenes Lied wurde nach dem Schleswiger Sängerfest 1844 sehr schnell populär und auch zum Kampflied für Freiheit und Unabhängigkeit. 1898 gab es die Provinz Schleswig-Holstein erst 32 Jahre innerhalb des Staates Preußen. Das Denkmal soll auch die Erinnerung an die Vorkämpfer der deutschen Freiheit und Einheit wachhalten. Ach, so war das gemeint; nun wundern wir uns nicht mehr.

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