Wir wollen nach Frankfurt/ Main und nehmen zur Flugabwechslung mal die Deutsche Bahn. Man muss den eigenen ökologischen Fußabdruck ja nicht noch mehr vergrößern.
Unser schönes nördlichstes Bundesland ist ja ein klein wenig abgeschnitten von der großen Verkehrswelt. Daher geht es zuerst mit dem Regionalexpress nach Hamburg, um von dort einen ICE zu nehmen. Das Vorhaben lässt sich gut an, der Zug fährt pünktlich ab, das Abteil der ersten Klasse ist leise, die Aussicht über die blühenden Rapsfelder wunderbar, weil wir im Doppelstockwagen oben sitzen.
Da bereits kurz vor Hamburg deutlich wird, dass wir mit wenigen Minuten Verspätung im Hauptbahnhof einlaufen werden, beschließen wir, den RegionalExpress bereits in Hamburg-Dammtor zu verlassen. Hier können wir vom selben Bahnsteig einsteigen, im Hauptbahnhof hätten wir einige Gleise überbrücken müssen, sehr ambitioniert angesichts des Zeitplans. Also raus aus dem komfortablen Zug hinein auf den sehr zugigen Bahnhof. Wir kommen im Abschnitt A an und fahren unsere Koffer bis zum Abschnitt E-F spazieren, da dort die Wagen der ersten Klasse halten sollen. Auf dem Weg dorthin erfahren wir, dass der ICE 15 Minuten Verspätung haben wird, wir müssen also noch ein bisschen weiter frieren. Mit der Verspätung hätten wir auch bis zum Hauptbahnhof durchfahren können.
Als nächstes kommt die Ansage, dass der ICE gar nicht über Dammtor fahren wird, sondern erst am Hauptbahnhof eingesetzt wird! Na toll, wir hätten wirklich gleich durchfahren sollen! Wir entern den nächst besten IC, der hält. Das gibt uns auch die Chance, während der kurzen Fahrt noch schnell die Toilette zu besuchen. Am Hauptbahnhof an Gleis 11 angekommen, fragen wir den Zugbegleiter, von wo der ICE abfährt. „Gleich von gegenüber!“ heißt es, stimmt aber leider nicht. Der ICE fährt von Gleis 14 ab. Also zur Rolltreppe, hochfahren, sich in den Menschenstrom einfädeln, nächste Rolltreppe wieder runter. Der Wagenstandsanzeiger gibt Auskunft, wo sich die Wagen der ersten Klasse befinden: in den Abschnitten A-B, wir befinden uns im Abschnitt D. Unsere Rollkoffer folgen uns brav auf dem Fuße. Kaum im Zielabschnitt angekommen, inzwischen wird eine Verspätung von 20 Minuten angezeigt, kommt die Durchsage, dass sich durch die Verspätung die Wagenreihenfolge komplett ändert. Unsere ersehnten Wagen werden in den Abschnitten E-F halten! Inzwischen kennen die Koffer den Weg und übernehmen die Führung durch die sich langsam aufbauenden Menschenmassen, wir haben bereits 30 Minuten Verspätung.
Mit uns warten inzwischen viele Menschen. Etliche überlegen, in den nächsten IC zu steigen, der auch in Frankfurt halten wird, damit sie überhaupt weg kommen. Manche tun es wohl auch. Andere versuchen, ihrer DB Navigator App nützliche Informationen zu entlocken, da es keinerlei Durchsagen gibt. Die elektronische Anzeigetafel verwirrt mehr als sie informiert, denn zwischenzeitlich verschwindet unser ICE ganz von der Anzeige, was zu einer kleinen Panik bei allen führt – und zu ersten Verschwörungstheorien und Wahnvorstellungen (der Zug fällt ganz aus, ich komm hier nie wieder weg!!!). Wir halten aber geduldig aus, die App spricht von 40 Minuten Verspätung, die Anzeigetafel sagt lieber gar nichts mehr dazu.
Plötzlich erschallt eine ungewöhnlich laute Durchsage – leider, leider wird der Zug von Gleis 11 abfahren! Ein kollektiver Aufschrei entlädt sich über Gleis 14, verbunden mit panikartigem Ansturm auf alle zur Verfügung stehenden Treppen, Rolltreppen, Fahrstühle. Angekommen auf Gleis 11 überkommt uns ein kleines Deja Vu, denn genau dort sind wir doch vorhin angekommen! Egal, Hauptsache, der ICE kommt bald mal. Immerhin taucht er wieder auf der Anzeigetafel auf, mehr passiert aber trotzdem erst einmal nicht. Als er dann wirklich einläuft, sind sich nicht alle Mitreisenden sicher, ob sie nun wirklich in diesen Zug einsteigen sollen.
Wir tun das, suchen uns einen nicht reservierten Platz im Abteil und schauen uns die nächste Stufe des Chaos im Sitzen an: Es wurde ein komplett anderes Zugmodell eingesetzt, da der ursprüngliche Zug anscheinend kaputt gegangen ist. Man fragt sich, wie das so plötzlich auf der kurzen Strecke zwischen Hamburg-Altona und Hamburg-Dammtor, wo er ja nie angekommen ist, geschehen konnte. Jedenfalls stimmen die Sitzplatzreservierungen (wir haben keine) nicht mit der veränderten Wirklichkeit überein. Die überwiegend älteren Menschen sind sehr verwirrt, suchen trotz besseren Wissens ‚ihren‘ Platz, damit alles seine Ordnung hat, hilft aber nicht. Zur Abfahrt des Zuges sitzt jeder irgendwo und wir haben 45 Minuten Verspätung!
Die bringen natürlich jeden Fahrplan durcheinander. Wir kommen bis nach Hannover, dort muss unser Zug erst einmal außerhalb des Bahnhofs warten, da das Einfahrtgleis noch von einem anderen Zug belegt ist. Inzwischen ist nur noch ein leises Aufstöhnen der Mitfahrer zu hören. Die Zugestiegenen diskutieren, ob sie wohl den richtigen Zug bestiegen haben, denn genau eine Stunde nach uns fährt der nächste ICE in dieselbe Richtung. Wir haben inzwischen 59 Minuten Verspätung, und es fehlen 200 Sitzplätze, da wir ja nicht in dem ursprünglich geplanten Zugmodell sitzen. Man fragt sich, wie die Bahn die nicht ganz billigen Fahrpreise gerechtfertigt.
Immerhin funktioniert das Wifi-Netz sehr gut, zumindest in der ersten Klasse. Ab Göttingen wird nicht mehr viel über das Chaos gesprochen; es gibt nur sehr wenige, die denken, dass sie im Zug nach Zürich sitzen und früher ankommen. Doch der nachfolgende ICE hat natürlich auch Verspätung, da wir ja immer auf den Haltestellen das Gleis blockieren. Kurz vor Frankfurt kommt dann doch noch eine Bahnmitarbeiterin und verteilt Gummibärchen. Die nehmen wir noch mit und steigen dann am Frankfurter Hauptbahnhof aus.

Unser Hotel liegt direkt gegenüber des Nordausgangs, wie praktisch. Das Fleming‘s war mal das InterCity Hotel, nun aber lifestylish aufgeprömmelt:


Zum Zimmer gehört auch noch ein ÖPNV-Ticket für die Dauer unseres Aufenthalts. Dann kann es ja losgehen mit der Erkundung!