… und immer wieder Mottisfont, Hampshire

Auf nach Dorset im Südwesten gelegen, aber davor noch ein Stopp in Hampshire! Wenn man dafür in Essex aufbricht, hat man zur Auswahl: auf der M25 (The Orbital) vier- bis fünfspurig oben herum um London oder vier- bis fünfspurig unten herum um London zu fahren. Wir entschieden uns für oben herum, mit uns noch viele andere. Um den Flughafen Heathrow herum verdichtete sich der Verkehr, aber das war bald wieder vorbei. Die M3 brachte uns weiter ins Land hinein, bis unser Navigationsgerät wieder seine ungeahnten Fähigkeiten ausspielte: seine schnellsten Strecken führten mal wieder über B-Straßen mit vier Ziffern, kleinere Straßen gibt es auf den Straßenkarten nicht. Der Unterschied zu den schottischen single roads besteht nur darin, dass die Engländer auf die entsprechenden Hinweisschilder verzichten. Aber das Navi behielt Recht: nahezu kein Gegenverkehr, also schnellste Route. 

Wir statteten einem unserer Lieblingsherrensitze des National Trust, Mottisfont Abbey, einen Besuch ab. Berühmt für seinen Rosengarten, kamen wir auch diesmal nicht in den Genuss der vollen Blüte, nach Herbst und Frühjahr erwischten wir diesmal den Spätsommer. Aber das war nicht schlimm, es ist dort zu jeder Jahreszeit wunderschön. 


Uns interessierte vor allem die Kunstausstellung, diesmal waren Entwürfe und Illustrationen von Axel Scheffler zu sehen, ein Paradies für Kinder!

Hier seht ihr warum:

Shakespeare’s Twelfth Night oder Was Ihr wollt

Eine der lustigsten Komödien, die Shakespeare geschrieben hat, erwartete uns. Und dann war es auch noch die letzte Vorstellung des Stücks in dieser Saison! Zweieiige Zwillinge stranden getrennt voneinander in fremden Gefilden, jeweils voneinander denkend, der andere wäre ertrunken. Mädchen verkleidet sich zur Sicherheit als Mann, wird Liebesbote, verliebt sich in Auftraggeber, wird wiederum geliebt von angebeteter Dame des Auftraggebers. Als der Zwilling dann in die Stadt kommt, ist das Chaos perfect. Nebenbei treiben die notorischen Diener, versoffenen Verwandten und anderes Personal miteinander groben Unfug.

Die Vorstellung war (wieder einmal/ wie immer) ein absolutes Vergnügen. Trotz des für uns stellenweise schwierig zu verstehenden Textes halfen die schauspielerischen Qualitäten aller DarstellerInnen über solche Hürden hinweg.  Immer wieder ein ganz besonderes Ereignis! Wie schön, dass wir es in dieser Summer of Love benannten Saison noch zweimal mehr genießen werden können.

London for free

London ist bekanntlich eine extrem teure Stadt für Urlauber, auch wenn das britische Pfund derzeit einen sehr tiefen Stand erreicht hat (gut für uns). Trotzdem bleiben die Eintrittspreise für die Touristenattraktionen gesalzen. Aber wenn man sich weg vom Zentrum bewegt, gibt es auch interessante Dinge, die man sich for free ansehen kann, z.B. Kenwood House in Hampstead. Das werden wir uns ein andern mal ansehen, es ist riesig.

Wir sind diesmal ins East End nach Hoxton (Borough of Hackney) gefahren, um uns dort das Geffrye Museum of the Home anzusehen,  Es zeigt in 11  showrooms die Entwicklung des Wohnraums von 1630 bis in die Neuzeit am Beispiel der langsam entstehenden Mittelschicht, bei uns das Bürgertum, auf englisch als middling sort bezeichnet. Man wusste halt zunächst nicht, was das werden sollte, diese Menschen, die weder zum Adel gehörten noch zu den Arbeitern.

Ursprünglich war die Anlage eines von vielen Armenhäusern an einer der Haupteinfallstrassen nach London, gestiftet von einen vermögenden Mann, Vorsitzender einer Handwerkergilde. Damals unterhielten viele Gilden Armenhäuser für ihre pensionierten Arbeiter, damit die sich ein Dächlein über dem Kopf leisten konnten. Sie bekamen dazu eine kleine Pension, um Essen zu kaufen, ein paar Sack Kohle zum Heizen und jedes Jahr ein neues Hemd oder Kleid, je nach Geschlecht. Mit 56 Jahren wurde man pensioniert und konnte dann, wenn man viel Glück hatte, in ein Zimmer in diesen Gebäuden ziehen, ohne Klo oder Küche (gekocht wurfe im Raum über dem offenen Feuer). Mit weniger Glück wohnte man im Slum oder landete gleich im Arbeitshaus.

Mam musste allerdings etliche Regeln beachten, unter anderem die Sperrstunde (19 Uhr im Winter, 21 Uhr im Sommer), im vorderen Garten keine Wäsche auslegen und jeden Tag zweimal in der hauseigenen Kapelle den Gottesdienst besuchen.

Außer den showrooms gab es jede Menge Erläuterungen (z.B. über the mystery and science of huswiferie), ein schönes Café und einen Garten, im dem die einzelnen ‚Parzellen‘ ebenfalls in den unterschiedlichen Stilen der Jahrhunderte angelegt waren. Insgesamt ein sehr lohnenswerter Aufenthaltsort, vor allem auch, weil zwischendurch ein ordentliches Gewitter herunter kam.

Hampstead Walk

Heute ging es „in die Berge“ – nach Hampstead, dem höchsten Punkt in London. Im 18. Jahrhundert wurde der kleine verschlafene Ort zu einem populären Kurort, um der sehr schlechten Luft der eng bebauten Stadt zu entfliehen. Wir haben uns mithilfe des Reiseführers ‚London‘s Hidden Walks’ auf die Spuren von vergangenem Wellnessresort, Architektur und heutigem Reichtum begeben. Der Ort selbst hat sich innerhalb von 300 Jahren von einem kleinen Dorf mit gerade mal 600 Einwohnern weitab der Stadt zu einem der teuersten Stadtteile Londons gemausert.
Die Fahrt dorthinein der U-Bahn stellt immer noch eine kleine Weltreise dar, zuerst vom östlichen Stadtrand in die Innenstadt, um dann wieder an den nördlichen Stadtrand zu fahren, insgesamt eine gute Stunde für eine Fahrt. Im Bahnhof von Hampstead angekommen, durften wir die Treppe hoch an die Oberfläche nur im Notfall benutzen, im Normalfall sind die geräumigen Aufzüge das zu wählende Transportmittel. Gut, dass es keinen Notfall gab, denn die enge Wendeltreppe hatte 320 Stufen!!

Der Spaziergang, knapp 8 km lang, führte uns zunächst durch den alten Ortskern mit schönen Stadthäusern, in denen schon immer viele Intellektuelle, Maler, Dichter für einige Zeit wohnten, um ihre Gesundheit in der guten Luft oder mithilfe des eisenhaltigen Wassers aus den Quellen aufzupäppeln. Auch Karl Marx entfloh der Enge seiner Behausung in Soho (eine Wohnung direkt in Hampstead konnte er sich nicht leisten) und machte mit seiner Familie fast jeden Sonntag einen Ausflug nach Hampstead Heath und grillte schon mal eine Kalbskeule zum Picknick auf der Heide. Auch Architekten zog die Gegend an, man kann eine Menge Häuser bewundern. Einige sind skurril, wie das, dessen Dach wie ein Segelschiff geformt ist, damals von einem Marineoffizier bewohnt, der zum Geburtstag des Königs und anlässlich glorreich geschlagener Seeschlachten von seinen Dachterrassen aus Kanonen abfeuerte. Das Haus samt Bewohner diente dem Autor der Mary-Poppins-Bücher als Vorlage für Admiral Boom. Wir sahen moderne Neubauten, die sich sehr gut in das Gesamtgefüge der Straßenzüge einfügten und riesige alte Villen, von denen eine zur Zeit dem Regisseur Ripley Scott gehört. Oder aber das Familienhaus des ungarisch-stämmigen Architekten Ernö Goldfinger, der schon 1936 ein Haus plante und baute, das immer noch sehr modern wirkt und vor allem innen durch eine sehr durchdachte Aufteilung überzeugt. 


Auch hier war das Fotografieren verboten, da etliche Kunstwerke immer noch dem Copyright unterliegen (die Goldfingers sammelten zeitgenössische Kunst, die dort im Haus immer noch zu sehen ist). Wer trotzdem etwas sehen möchte, klicke hier: Goldfinger’s House

Wem der Name bekannt vorkommt: es wird gesagt, dass Mr. Goldfinger, der Architekt, Ian Fleming, dem Autoren, als Vorlage diente für seinen Goldfinger im gleichnamigen James-Bond-Roman.

Aber auch Relikte aus früheren Jahrhunderten gab es noch zu sehen, wie z.B. die Zelle der Gemeinde, in der bis 1829 noch Übeltäter eingesperrt wurden, bevor dann die erste Polizeiwache gebaut wurde. Inzwischen ebenfalls Teil einer Wohnung, aber von außen hübsch gemacht, sodass Martina diesmal hinter Gittern zu sehen ist.

Oder aber die alte Viehtränke, von denen etwas 800 in London aufgestellt waren. Diese hier konnte pro Tag 1200 Pferde mit Wasser versorgen (und die Anwohner gleich mit).

Friendly people

Was uns auch ausnehmend gut gefällt in den anglo-amerikanischen Ländern, und was wir in Deutschland wirklich sehr vermissen, wie wir jetzt wieder bemerken, ist die Freundlichkeit der Menschen im Kontakt mit anderen und ihre ausgeprägte Fähigkeit zum smalltalk. Überall, ob es an der Kasse im Supermarkt ist, oder in den Geschäften, wo wir unseren Kaffee holen, oder in den Museen, überall haben die Menschen Zeit, sich mit uns zu unterhalten. Und die kleine Unterhaltung geht stets über „How are you“ und „Enjoy your day“ hinaus und hilft dabei auch, die soziale Distanz zwischen den Gesprächspartnern zu überbrücken. Wir verlassen die Geschäfte mit einem Lächeln auf den Lippen, fühlen uns gut und haben wirklich einen schönen Tag! 

Tate Modern, London

Unser anderes normales Leben enthält viel Kunst und Kultur und vor allem Zeit dafür. Heute ging es den ganzen Tag in unser Lieblingsmuseum in London, in die Tate Modern, am Südufer der Themse gelegen. 

London ist extra-voll mit Touristen, da auch die Engländer im Moment Sommerferien haben. Damit keine weiteren Terrorattacken, wie zuletzt auf der Westminster Bridge, der London Bridge und Borough Market geschehen können, gibt es inzwischen überall an den Eingängen Taschenkontrollen. Auch einige der vielen Zugänge zu den Gebäuden sind gesperrt. Das verzögert natürlich den Zugang zu Museen und Veranstaltungsorten. Die Fußgänger-Zugänge zu den Brücken sind mit Panzersperren aus Beton für Fahrzeuge gesperrt. Ob das das Sicherheitsgefühl des einzelnen wirklich erhöht, können wir nicht sagen. Uns schränken die Vorsichtsmaßnahmen eher in unserer Bewegungsfreiheit ein.

Nun aber das Positive: die Tate Modern zeigt zur Zeit eine große Sonderausstellung mit Werken aus allen Perioden von Alberto Giacometti. Kurze Zusammenfassung – großartig!! Leider war dort das Fotografieren nicht erlaubt. Wer also ein bisschen sehen möchten, klicke bitte hier Giacometti on display in the Tate. Ansonsten ist ja allein schon das Gebäude sehenswert. Inzwischen sind auch die alten unterirdischen Tanks (The Tanks) zu Ausstellungshallen umgebaut und etabliert.


Die Tubinenhalle sieht leer aus (bevölkert von vielen Besuchern zum relaxen), wird aber bespielt mit akustischen Werken von Bruce Nauman. Während man die Treppe hinauf- oder hinabläuft, hört man eine Männerstimme sehr eindringlich stets nur das eine Wort sprechen: „Think!“ 

Und dann noch die interessanten Sachen auf dem Weg:


Ein Mensch namens Danny (our boy) wurde heute in der Southwark Cathedral beerdigt. So sehen die Bestattungswagen hier aus.

Und Geld verdienen kann man auch als armer Poet: 

Back to normal – wieder in London

Nach einer langen Reise durch die Nacht erreichten wir bei Tagesanbruch die Grenze zu Frankreich. Es war eine gute Entscheidung, die Nacht durch zu fahren: keine Staus vor oder in Baustellen, nur zu Beginn noch Reiseverkehr, und die meisten LKW-Fahrer schliefen schon, in Belgien sogar auf den Standstreifen vor und hinter den Raststätten, so viele waren es. 

Die Route über die A1 und dann Richtung Amsterdam weiter, ist zwar ein bisschen länger als die Ursprungsroute, die das Navi errechnet hatte, hat aber den Vorteil, dass sie (zumindest nachts) nicht so stark frequentiert ist. Tagsüber mag es anders sein, vor allem in Holland. Dort hat man in weiten Teilen der Strecke das Gefühl, die Autobahn führt fast ständig durch riesige Vorstädte einer einzigen großen Stadt. Belgien hingegen ist sehr flach in Flandern, aber auch mitten in der Nacht beleuchtet. Die Raststätten sind fast taghell. Macht aber nichts, Kaputze über den Kopf und versuchen, ein bisschen Schlaf zu bekommen.

In Dunkirque (Dünkirchen) erwarteten uns sehr starke Grenzkontrollen: Soldaten mit Maschinengewehren im Anschlag baten freundlich, aber bestimmt jedes Fahrzeug darum, den Kofferraumdeckel zu öffnen. Es hätte ja ein unerwünschter Passagier an Bord sein können. Innerhalb der auch mit Natodraht gesicherten hohen Zäune wurde der Kofferraum zweimal kontrolliert, die Ausweise dreimal, erst dann ging es auf die Wartespur an die Fähre. Wie das wohl erst sein wird, wenn der Brexit vollzogen ist??

Auf der anderen Seite des Ärmelkanals war es dann wie „nach Hause kommen“, das Fahren auf der linken Seite immer noch vertraut, die Ortsnamen bekannt. Und dann setzte das Gefühl ein, unsere große Reise nur kurz unterbrochen zu haben (für das Jahr zuhause im anderen richtigen Leben). Einkaufen auf dem Weg, ankommen in „unserem“ Zimmer bei den Freunden, alles ganz vertraut, starker schwarzer Tee zum Entspannen – und auch der Regen im Sommer fühlte sich üblich an. Allerdings haben wir diesmal schon im Vorwege Gummistiefel, Regenjacken und warme Pullis eingepackt und die Sonnencreme zuhause gelassen. Man wird ja schlauer bei den vielen Reisen.

Und es ist anscheinend möglich, mehrere „normale“ Leben parallel zu führen.