Auf unseren Fahrten von Dover nach London und zurück fuhren wir immer an den Hinweisschildern nach Canterbury vorbei. Diesmal planten wir einen Besuch fest ein mit einer Übernachtung in einer StudentinnenWG in einem (ehemaligen?) council flat, durchaus etwas anderes als bei den just retired Hausbesitzern, bei denen wir sonst übernachtet haben. Es war ein bisschen so, als hätten die Mädels halbwegs überraschend Besuch von ihren Eltern erhalten: schnell aufgeräumt und etwas sauber gemacht und sich ansonsten lieber verzogen. Nein, so war es nicht ganz, die Mädels müssen in ihren Semesterferien jobben.
Die Innenstadt ist zu Fuß gut zu erreichen und auch am Sonntag haben die meisten Geschäfte geöffnet. Dementsprechend geschäftig ging es in den mittelalterlich geprägten Gassen zu.
Alle, die jemals in ihrem Leben zumindest ein bisschen Englisch studiert haben, haben auch von den berühmten Canterbury Tales gehört oder sie sogar gelesen. Die Statue des Verfassers, dem Londoner Geoffrey Chaucer, lief uns fast als erstes über den Weg, umgeben von Gebäuden, die sich im Namen alle irgendwie auf die pilgrims bezogen. Kurzer Exkurs als Erinnerungsauffrischung: Eine Gruppe Pilger aus London (Chaucer stammt aus London) macht sich auf den Weg nach Canterbury zum Grab des Heiligen Thomas (Becket, dem Schatzkanzler König Heinrichs des Zweiten, der sich, nachdem er gegen seinen Willen vom König zum Erzbischof von Canterbury ernannt wurde, gegen den König stellte, später von königlichen Soldaten in der Kathedrale ermordet und drei Jahre später (!) vom Papst heilig gesprochen wurde). Die Reisenden erzählen sich gegenseitig Geschichten (tales), um sich die Zeit zu vertreiben, die beste davon soll prämiert werden. Auch Chaucer hatte diese Pilgerreise zum Schrein Beckets gemacht. Dieser ist während der Reformation zerstört, die Gebeine verbrannt und die Asche verstreut worden. Durch auch heute noch kommen Pilger aus aller Welt in die Kathedrale (heute waren welche aus Rochester, Amerika da).
Der Dramatiker Christopher Marlowe, ein Zeitgenosse Shakespeares, hat es nicht so nett getroffen. Natürlich ist das örtliche Theater nach ihm benannt worden, aber auch eine recht neue Shopping Arcade! Das geschieht wohl, wenn man die Stadt bereits als 17jähriger zum Studieren verlässt und in London berühmt wird. Orlando Bloom machte es genau so, bereits als 16jähriger – und: keine Spur von ihm in der Stadt entdeckt.
Die berühmte Kathedrale bestimmt nicht nur die Stadtsilhouette, sondern auch den Stadtkern, denn ein riesiges Areal ist in Besitz der Kirche, inklusive etlicher Geschäfte.

Die Domfreiheit betraten wir durch das Christ Church Gate, ein architektonisches Meisterstück aus dem Jahr 1517. Leider ist die Kathedrale außen (und innen) eingerüstet, sodass sich kein schönes Fotomotiv bot. Aber nach 600 Jahren Bauzeit ab ca. 1200 fallen ein paar wenige Jahre mit Gerüsten nicht wirklich ins Gewicht.

Wir wollten die Kathedrale sowieso nicht ausgiebig von innen besichtigen, sondern zum Abendgottesdienst, dem Evensong, gehen, dieser besonderen Form mit den liturgischen Chorgesängen. Anglikanisch (naja, nicht weit weg von katholisch), aber sehr schön, man sitzt oder steht nach Anweisung im Programm (grobe Richtlinie für geübte Besucher von evangelischen Gottesdiensten: immer, wenn man dort sitzt, muss man hier stehen und umgekehrt). Netterweise gibt es für die vielen Besucher ausführliche Ablaufbeschreibungen mit allen Texten; und diesmal auch ein Gesangbuch, ein Lied durften wir mit dem Chor zusammen singen (währenddessen lief die Kollekte). Wir kamen gerade noch rechtzeitig, uns wurden die letzten Plätze vorne auf den Bänken zugewiesen, direkt am Chor.

Nach so viel Kultur (und shopping, um ehrlich zu sein), hatten wir Hunger, American Style in good old England:


