Georgia Day Parade

Gestern wurde Georgias „Geburtstag“ gefeiert. Am 12. Februar 1733 wurde die Kolonie Georgia von James Edward Oglethorpe gegründet. Anlässlich dieses Ereignisses findet Anfang des Jahres das Georgia History Festival mit mehreren Veranstaltungen statt, das von der Georgia Historical Society veranstaltet wird. Das Festival ist das Bildungsprogramm der Society für Schulen vom Kindergarten bis zur zwölften Klasse, um ihnen die Geschichte Georgias nahe zu bringen. Es gibt mehrere Veranstaltungen, Aktionen in den Schulen, Materialien für Lehrkräfte und als Höhepunkt eben diese Parade. Sie begann um 10:30 Uhr am Forsyth Park und führte über die Bull St zur City Hall, wo das Ganze mit einem kleinen Programm auf einer Bühne endete. Was wir erlebten, könnt ihr jetzt in zwei Fassungen lesen.

Wir stellten uns in der Nähe des Parkes auf und waren gespannt, was an uns vorbei marschieren würde. Als erstes kamen natürlich die Flaggen, getragen von Soldaten, gefolgt von einer Militärkapelle, die man schon von weitem hörte. Leider machten sie gerade an unserer Ecke eine Musizierpause. Schade, denn sie waren wirklich gut.

 Dann folgten einige Jugendliche und Erwachsene in Kostümen, die den Gründungsvater Oglethorpe und weitere wichtige Personen aus der Vergangenheit darstellten, z.B. Juliette Gordon Low, die 1912 die Girl Scouts gegründet hat. Anschließend kamen kleinere Schulkinder, überwiegend Zweitklässler, da diese sich laut Lehrplan in dem Schuljahr besonders mit Georgias Geschichte beschäftigen.

  
 Jede teilnehmende Schule aus dem County trug ein Banner ihrer Schule voran, dann kamen die kostümierten Kinder, lauter kleine Siedler und Indianer, natürlich auch jeweils die weiblichen Formen davon. Auch die meisten der erwachsenen Begleitpersonen und Lehrkräfte waren kostümiert. „Happy Georgia Day“-Rufe und winkende Kinder, die das grazile Winken aus dem Handgelenk vorher mehr oder weniger erfolgreich im Unterricht geübt hatten, insgesamt nahmen 3500 Kinder an dem Umzug teil.

  
Zwischendurch kamen noch zwei Bands, die u.a. natürlich Georgia on my mind spielten.

 Am Ende der Route wurden die Kinder von Offiziellen begrüßt, u.a. von der veranstaltenden Geschichtsgesellschaft, vom Bürgermeister, von Schulbehörde und Schulaufsicht, und ihre Teilnahme wertgeschätzt. Die Jugendlichen, die die historischen Persönlichkeiten darstellten, durften auch mit auf die Bühne. Georgias bester Lehrer, der in diesem Jahr aus Savannah kommt, wurde ebenfalls vorgestellt. Nach Treueschwur auf Flagge und Staat und Singen der Nationalhymne wurden die besten drei Schulbanner prämiert, denn man konnte sie vorher zu einem Wettbewerb einreichen.

 Dann machten sich die Schulen geordnet auf den Weg zu den wartenden gelben Schulbussen. Nach ungefähr einer Stunde war alles vorbei und auch das lokale Fernsehen, das die Veranstaltung live gestreamt hat, packte seine Sachen ein.

Nun die zweite Version:

Der Aufmarsch der teilnehmenden Schulklassen mit ihren selbstgestalteten Bannern wurde nicht nur durch die Musikkapellen unterbrochen, sondern auch von kostümierten Erwachsenen, die immer mal zwischendurch eingeschoben waren und das Banner einer der Sponsorenfirmen trugen. Das fiel uns zunächst gar nicht auf, eigentlich erst im Nachhinein, als wir die Fotos, die wir gemacht hatten, sichteten. Wir sind uns sicher, dass es den amerikanischen Teilnehmern und Zuschauern gar nicht auffiel. Die Kinder hatten wirklich viel Spaß am Winken und Rufen. Zwischendurch mussten sie mit Windböen kämpfen, die zumindest den Jungen die Kopfbedeckungen herunter wehten. Das Abschlussevent war eigentlich kurz genug, um die Kinder nicht zu sehr zu langweilen. Zunächst einmal wurde dem teilnehmenden Regiment gedankt und gemeinsam der Treueschwur gesprochen. Das war für uns schon beeindruckend, dass quasi wie ein Pawlowscher Reflex alle die rechte Hand auf das Herz legten und unisono den Pledge of Allegiance sprachen. Beim anschließenden Singen der  Nationalhymne nahm die lautstarke Beteiligung merklich ab. Glücklicherweise übernahm  die Militärkapelle den größeren Part. Dann folgten die Danksagungen. Es wurde allerdings nicht den teilnehmenden Schulklassen gedankt, sondern den Sponsoren aus der Wirtschaft, die die Parade möglich gemacht haben. Ab diesem Zeitpunkt wurde eigentlich schon klar, dass die Kinder bloße Staffage waren und zu Werbezwecken missbraucht wurden. In allen kurzen Ansprachen wurde den Kindern gesagt, dass sie einen good job mit der Teilnahme geleistet hatten. Gleich darauf wurde immer sofort auf die Wirtschaft abgehoben, wie wichtig die Sponsoren seien. Besonders schön kam es vom Bürgermeister, der hervorhob, dass Savannah dank der Wirtschaft so ein guter Platz zum Leben sei und die Kinder, die heute mitmarschiert sind, die Kunden von morgen sind und Savannah zu immer weiterem Aufschwung verhelfen würden. Die Prämierung des Banner-Gestaltungswettbewerbs brachte es dann ans Licht: so wie die Firmen ihre tollen Produkte bewerben und uns verkaufen, so sollten die Schulklassen ihre Schule bewerben und mit dem Banner gut verkaufen. O-Ton aus der Ausschreibung: die Lehrkräfte sollen die zukünftigen Werbefachleute ermuntern, ein Banner zu entwickeln, dass ihre Schule der Allgemeinheit gut ‚verkauft‘. Dafür wurden online-Unterrichtsmaterialien bereitgestellt, um das diesjährige Festivalthema, „From Waffle Fries to Global Skies: How Georgia Business Created the Modern World.“ kindgemäß aufzubereiten. Hierbei ging es um Werbeplakate aus dem Zeitraum 1945-1991, die im Unterricht „analysiert“ werden sollten. Dazu gab es auch passende Fragen, alle nach dem Motto: was siehst du, was wird dir verkauft, gefällt es dir? Abgesehen davon, dass Zweitklässler unkritisch darangehen, wird damit auch kein reflexives Denken und ein kritischer Umgang als Konsument gefördert. Soll es auch gar nicht, denn die weiteren Unterrichtsmaterielien beschäftigen sich mit Werbetechniken. Die drei besten Banner wurden zur Prämierung auf die Bühne gebracht, die Klasse bzw. Schule erhielt einen kleinen Pokal für die Vitrine und die Schule aus dem Stadtteil, in dem der frisch gewählte Bürgermeister wohnt, erreichte den ersten Platz! Ein Schuft, der Böses dabei denkt. Dann war es auch schon fast vorbei, die Kinder hatten schon lange vorher aufgehört, zuzuhören. Glücklicherweise sprengte der beste Lehrer Georgias dann noch kurz das festgelegte Programm und sang mit allen Kindern zusammen Happy Birthday für Georgia. Das war der einzige Moment, und dann noch ungeplant, an dem die Kinder wirklich im Mittelpunkt standen. Und dabei hieß es in den Materialien für die Lehrkräfte, warum eine Teilnahme an der Parade doch gut sei (und das lassen wir mal auf Englisch, es ist aus unserer Sicht einfach zu abstrus, weil davon einfach nichts eingelöst wurde): The main focus of the Georgia Day Parade is the students, their costumes, their banners, and their love of learning. Participating students get to be the stars for the day and the schools participating receive a lot of positive attention from the community. In addition, the parade and banner competition offer students a chance to learn about Georgia’s past and and express what they have learned in creative ways. Making a homemade costume based of what they have learned about everyday life in the colony of Georgia or working as a group to create a prize-winning banner offers your students a unique and engaging learning experience that is difficult to replicate inside the school building. Eine schöne Veranstaltung, um die Wirtschaft, die Erwachsenen in den Mittelpunkt zu stellen, die niedlichen, hübsch anzusehenden Kinderscharen verkommen zur Staffage, in der es nur um Masse geht. Der Bürgermeister sprach von ‚fünfunddreißig Hundert‘ Kindern, hört sich ja auch nach mehr an als ‚drei Tausend‘, 35 ein Vielfaches von drei. Und am Ende wurde auch er vom Fernsehen interviewt, die Kinder durften vorher bloß in die Kamera winken und rufen. Die ganze Veranstaltung hinterließ ein schales Gefühl und beim späteren Nachdenken darüber eher Wut im Bauch.

Wer mit dem Lesen bis hierher gekommen ist, wird nun mit einer kleinen Filmaufnahme der Parade belohnt!

Video Georgia Day Parade 2016

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